MOH (142): 16. Oscars 1944 - "Casablanca"
In unserer Serie "Matthias' Oscar History" (MOH) bespricht Matthias in jeder Folge jeweils einen der zwischen den Jahren 1929 und 2000 nominierten Oscar-Beiträge aus der Kategorie "Bester Film".
In unserer letzten Folge war uns ja schon einmal das Thema Widerstand im Dritten Reich begegnet – wie man daraus einen wahren Filmklassiker kreiert, erfahren wir aber erst heute.
Casablanca (MOH)
Was lässt sich über "Casablanca" sagen, das nicht längst (unter anderem auch auf unserer Seite) schon gesagt wurde? Nennt man die großen Klassiker der goldenen Hollywood-Ära, fällt dieser Name meist zuverlässig zusammen mit "Citizen Kane". Letzterer ist dabei das kühle und eher den Kopf ansprechende Meisterwerk, während "Casablanca" in der Filmgeschichte die Rolle des emotionalen Gegengewichts einnimmt. Wenn ein Film so sehr das Herz anspricht, dann hat das ja meist etwas mit großartigen Figuren zu tun. Dass wir davon hier gleich einen ganzen Haufen bekommen, ausgestattet mit einigen der schönsten Dialogzeilen der Kinogeschichte, ist am Ende wohl die überzeugendste Erklärung für den Kultstatus dieser melodramatischen Kriegsromanze. Einen Status, den sich der Film trotz oder gerade wegen seiner etwas chaotischen Dreharbeiten erarbeitet hat und der das perfekte Beispiel dafür ist, dass Kinomagie sich eben einfach nicht planen lässt. Und schon gar nicht zu 100 Prozent erklären. Probieren werden wir das hier trotzdem und nutzen dafür vor allem eine einzige Sequenz und auch einen kleinen Vorteil, den unsere Oscar-Reihe so mit sich bringt.
„Probieren kann man’s ja mal“ – dieser Satz könnte auch bei der Entstehung von "Casablanca" mehrmals gefallen sein. Zum ersten Mal bei der Wahl des Stoffes, denn dass man sich mit "Everybody Comes to Rick's" die Rechte für ein bisher unveröffentlichtes Theaterstück zweier unbekannter Autoren (Murray Burnett and Joan Alison) sicherte, war damals eher ungewöhnlich. Wie wir aber in den letzten Folgen der Oscar-Reihe gesehen haben, schwebte zu der Zeit ja der staatlich geforderte Auftrag der Kriegspropaganda über Hollywood – und dazu passte wiederum die Geschichte ganz gut. Und hatte nicht die Mischung aus exotischer Location, vielen zwielichtigen Figuren und einer melodramatischen Romanze für Warner Brothers kurz davor bei dem Film "Algier" bereits sehr gut funktioniert? Das könnte also vielleicht klappen, dachte sich Irene Diamond, Redakteurin in der Story-Abteilung bei Warner, die auf das Skript aufmerksam wurde. Sie überzeugte den Erfolgsproduzenten H. B. Wallis ("Robin Hood - König der Vagabunden", "Die Spur des Falken"), sich das Stück zu sichern. Ab damit dann in die Mühlen des Studiosystems, wo gleich mehrere Autoren den Text durch die Mangel nahmen und vieles umwarfen. Allen voran, inspiriert von "Algier", natürlich den Titel: "Casablanca" war geboren.
Das Grundsetting blieb unberührt: Wie das Stück spielt auch "Casablanca" in der gleichnamigen Stadt in Nordafrika, die trotz der deutschen Erfolge im Zweiten Weltkrieg damals noch unter französischer Verwaltung steht. Viele politische Flüchtlinge möchten die Stadt als Sprungbrett in die USA nutzen, was wiederum so manch zwielichtige Gestalt sich zunutze macht. Auf der Suche nach begehrten Transitvisa landen all diese Protagonisten dabei meist in Rick’s Café Americain, dessen gleichnamiger Betreiber (Humphrey Bogart, "Sackgasse", "Opfer einer großen Liebe") das dubiose Treiben in seinem Etablissement genauso achselzuckend wie zynisch zur Kenntnis nimmt. Als dessen ehemalige große Liebe Ilsa Lund (Ingrid Bergman, "Wem die Stunde schlägt") im Café auftaucht, ist es mit Ricks souveräner Gelassenheit aber erst mal vorbei. Vor allem, da Ilsa mit dem berüchtigten Widerstandskämpfer Victor László (Paul Henreid, "Auf Wiedersehen, Mr. Chips") als neuem Partner an der Seite aufkreuzt und ausgerechnet diese beiden nun in Ricks Café auf der Suche nach Transitvisa sind. Das wiederum sehen der korrupte französische Polizeichef Louis Renault (Claude Rains, "Urlaub vom Himmel", "Vater dirigiert") und vor allem der deutsche Nazi-Major Strasser (Conrad Veidt) gar nicht gerne. Zu den emotionalen Spannungen gesellen sich also schon bald politische – und damit verbunden die Frage, ob Rick seine Politik der kompletten Neutralität denn wirklich weiterhin durchziehen kann.
Wie unwahrscheinlich der Erfolg von "Casablanca" war, ist eine Geschichte, die manchmal etwas überstrapaziert wird. Improvisierte Dialoge hin oder her, am Ende hatte man selbst aus der damaligen Sicht sowohl vor als auch hinter der Kamera ordentlich Qualität versammelt. Ingrid Bergman war eine der wohl aufregendsten ausländischen Stars und hatte mit ihrem Hollywood-Debüt in "Intermezzo" wenige Jahre zuvor für einige Aufmerksamkeit gesorgt. Humphrey Bogart wiederum hatte gerade mit "Die Spur des Falken" endlich seinen großen Durchbruch geschafft. Für "Casablanca" holte man dann mit Peter Lorre und Sydney Greenstreet auch noch zwei weitere Schauspieler dieses Kassenschlagers mit an Bord und sicherte sich auch noch die Dienste des großartigen Claude Rains. Man nehme noch die erfahrenen Michael Curtiz ("Unter Piratenflagge", "Yankee Doodle Dandy") und H. B. Wallis auf dem Regie- beziehungsweise Produktionsstuhl, und dann sind wir hier doch von einer kleinen B-Movie-Produktion ziemlich weit entfernt.
Doch "Casablanca" war eben jetzt auch keines der großen Prestigeprojekte im gut gefüllten Produktionskalender von Warner Brothers, sondern nur eines von vielen weiteren Dutzenden Werken in diesem Jahr, die eher als eine Art "nettes Füllmaterial" gedacht waren. Dazu muss man auch wissen, dass im auf Fließbandarbeit ausgerichteten Studiosystem damals für die große kreative und vor allem persönliche Vision eher etwas weniger Platz war als heute. So kam es bei Projekten noch stärker auf das gute Händchen (oder Glück) des Produzenten an, alle Beteiligten so zu wählen, dass diese perfekt miteinander harmonierten. Was damals aber auch etwas einfacher als heute war, schließlich rekrutierte man sein Personal aus dem eigenen Studiopool und wusste somit genau, worauf man sich einließ. Und wer dann als Studio einen Film nach dem anderen raushaut, erhöht natürlich die Chance, irgendwann mal einen Überraschungstreffer zu landen.
Was aber genau im Fall von "Casablanca" nun so gut gepasst hat, bedarf natürlich einer etwas tieferen Analyse, und zum Einstieg nutzen wir dafür mal einen kleinen Heimvorteil unserer Oscar-Reihe. Da wir hier die 142 "Vorläufer" dieses Best-Picture-Kandidaten gesehen haben, stellt sich ja die interessante Frage, was "Casablanca" denn nun von den anderen Filmen aus dieser goldenen Zeit Hollywoods unterscheidet. Die Stärke des Films zeigt sich dabei schön in einer Sequenz, die mit der Kenntnis der damaligen Zeit eigentlich eine kreative Schwäche sein müsste. Wir sprechen von der berühmten "Marseillaise"-Sequenz, in der Victor László das ganze Café dazu anstiftet, mit der Darbietung der französischen Nationalhymne den Gesang deutscher Nazis zu überstimmen. Für viele einer der größten Gänsehaut-Momente des Films. Gefühlt habe ich aber alleine in den letzten 30 Filmen dieser Oscar-Reihe Nationalhymnen in Dauerschleife hören müssen. So gut wie jede Produktion wollte damals ja patriotisch daherkommen und nutzte dafür – manchmal versteckt, aber oft eher offensichtlich – die Soundebene. Und jetzt kommt also auch noch dieses "Casablanca" mit der "Marseillaise" daher, die noch dazu in "Die große Illusion" zu einem ähnlichen Zweck genutzt worden war.
Man sollte also meinen, dass mit dieser Vorerfahrung einen diese Sequenz nicht mehr so emotional packen sollte. Tut sie aber trotzdem. Und es reicht schon fast, nur diese Sequenz zu analysieren, um zu verstehen, was in "Casablanca" alles Klick macht. Da wären allen voran die Figuren, deren Charaktereigenschaften der Film clever mit seinen emotionalen Beats verknüpft. Man achte mal darauf, wie in dieser Sequenz zu Beginn in nur wenigen Sekunden gleich mehrere unserer Protagonisten miteinbezogen und zu dem Geschehen positioniert werden: ob Rick, Ilsa, Victor, Louis oder der gute Major. Alle haben einen unterschiedlichen Blick auf das, was jetzt passieren wird, alle Reaktionen dazu werden hier eingefangen – was die ganze Nummer gleich so viel interessanter macht. Bei all dem Tempo ist sogar noch Zeit, mal eben kurz im Vorübergehen, sich einer kleinen Nebenfigur zu widmen: der sich mit Alkohol die Scham wegtrinkenden Französin Yvonne, die kurz davor noch mit einem deutschen Soldaten geflirtet hatte. Wenn dann am Ende der ganze Saal mit in die Marseillaise einstimmt, ist auch sie mit zurückgewonnenem Nationalstolz mit von der Partie. Bei einer der stärksten Szenen des Films hat man hier also mal eben auch noch einen kleinen Story-Arc einer eigentlich völlig unbedeutenden Nebenfigur erzählt – wie geil ist das denn.
Es ist dieser Grundrespekt des Drehbuches für jede einzelne Rolle, egal wie klein sie auch ausfällt, die den Film so lebendig macht. Auch wenn natürlich die größte Stärke immer noch das faszinierende Liebesdreieck Victor-Rick-Ilsa ist. Oft steht die Konkurrenz für den Leading Man in solchen Filmen ja meist von Anfang an auf verlorenem Posten. In "Casablanca" hat Ilsa aber tatsächlich die Qual der Wahl. Und was für eine Wahl das ist. Auf der einen Seite Rick, dessen Maske des Zynikers mit der Zeit immer faszinierendere Risse bekommt. Bei all den tollen Rollen, die Bogart gespielt hat, nie wurde er so perfekt gecastet wie hier. Auf der anderen Seite dann Victor, dem wir dank dem unglaublich selbstsicheren und charismatischen Auftritt von Paul Henreid sofort dessen Figur abnehmen (trotz eines vielleicht etwas zu perfekten Outfits für einen Rebellen). Und so haben wir hier einen echten Konkurrenten auf Augenhöhe und vor allem einen Film, der Ilsa immer wieder überzeugend zwischen ihren beiden Optionen schwanken lässt.
Diesen emotionalen Zwiespalt und die damit verbundene Überforderung macht Ingrid Bergman in jeder Sekunde auf der Leinwand spürbar. In der Marseillaise-Sequenz wird sie von Victors Mut und Tatendrang mitgerissen, und gerade ihre emotionale Reaktion auf dessen Auftritt macht deutlich, dass der Ausgang dieses Dreierkonflikts völlig offen ist. Dass gleichzeitig auch noch unsere beiden männlichen "Gegenspieler" großen Respekt füreinander haben, Rick in der Szene ja sogar die Band noch ermutigt, Victor zu unterstützen, macht all das nur noch vielschichtiger und damit faszinierender.
So weiß man gar nicht, wem man hier eigentlich die Daumen drücken soll, geschweige denn, wie das wohl ausgehen wird – beste Voraussetzungen, um bis zum Ende mitzufiebern. Bekanntermaßen wussten das ja auch die Darsteller nicht, da man sich alle Optionen für das Ende noch offenhalten wollte. Bergman war bei den Dreharbeiten ziemlich frustriert darüber, dass ihr niemand eine klare Antwort auf die Gefühle ihrer Figur geben konnte. Kein Wunder, schließlich wurden beinahe täglich Dialoge umgeschrieben, und meist wussten die Schauspieler gar nicht, was sie am nächsten Tag erwarten würde – was vor allem bei Bogart für ziemlich schlechte Laune am Set sorgte. Doch gerade, was die Dynamik bei unserem Liebesdreieck angeht, entpuppt sich diese Unsicherheit als unglaublicher Vorteil.
Bei aller Improvisation kommt es natürlich auch auf den guten Michael Curtiz als Regisseur an, das alles hier irgendwie vernünftig zusammenzuhalten. Unter diesen Umständen eine so perfekt choreografierte Sequenz hinzulegen, ist dann schon eine Meisterleistung. Die dann auch sinnbildlich dafür steht, wie gut es Curtiz und auch seinem Cutter Owen Marks gelingt, "Casablanca" trotz aller Unwägbarkeiten hinter den Kulissen so leichtfüßig wirken zu lassen. Hier ist so gut wie kein Gramm Fett zu finden, der Film braust in genau der richtigen Geschwindigkeit vollkommen ruckelfrei und mit einer unauffälligen Eleganz durch die Geschichte, dass es eine wahre Freude ist. Wie die Story dabei ständig zwischen leichtem Humor und ernsteren Momenten wechselt, sollte dazu noch in das Lehrbuch für jeden Drehbuchschreiber gehören. Wie eine perfekte Sinuskurve, die mit Leichtigkeit immer wieder unaufgeregt zwischen unglaublich charmanten "Ruhepausen" und intensiveren Spannungsmomenten wechselt und "Casablanca" so in Perfektion dahingleiten lässt.
Mit auf der Reise sind dann auch noch gleich ein ganzer Haufen wundervoller Nebenfiguren, die alle ihre großen Momente spendiert bekommen und (mal abgesehen von Major Strasser) oft in die charmante Kategorie „zwielichtig, aber irgendwie doch nicht ganz unsympathisch“ fallen. Niemand verkörpert das besser als Claude Rains als genauso charmanter wie korrupter Polizeichef. Eine Figur zum Verlieben, was nicht nur an Rains’ unglaublichem Charisma liegt, sondern gleich an einer ganzen Wagenladung großartiger Dialoge, mit denen dessen Figur überschüttet wird. Wenn er am Ende der Marseillaise-Sequenz das Café wegen Glücksspiels schließt, nur um dann direkt seine eigenen Gewinne einzukassieren, ist das nur einer von vielen wundervollen Charaktermomenten dieser Figur. Von diesen wimmelt es in diesem Film an allen Ecken und Enden, was am Ende die Sahne auf dieser unglaublich leckeren Filmtorte ist.
Weil hier einfach so viel passt, ist es dann auch völlig egal, dass die Locations meist ziemlich deutlich nach Set aussehen. Oder dass das kurze Paris-Kapitel des Films dann doch mal hier und da kurz etwas ungelenker wirkt. All das verzeiht man aber schnell wieder – spätestens, wenn man in Ilsas Augen blickt, Ricks Verzweiflung spürt oder einen von Louis’ süffisanten Kommentaren hört. Womit sich dann die alte Filmweisheit bestätigt, dass die Figuren eben das Herz eines jeden Filmes sind. Das hier aber soviel so toll funktioniert, liegt eben gerade daran, dass ein Haufen unglaublich talentierter Personen zur richtigen Zeit am richtigen Ort in der richtigen Position und Rolle war. Und an dem nötigen Glück, das man gerade angesichts eines halbfertigen Drehbuchs dann eben auch einfach braucht.
Das mit dem Glück unterstreicht auch gut die Schlussszene des Films, über deren Ausgang man ja damals bis kurz vor Ende noch unsicher war. Am Set bekamen sich diesbezüglich dann auch Curtiz und Bogart ziemlich in die Haare, Produzent Wallis musste schlichten. Man entschied sich eigentlich dafür, zwei Versionen zu filmen, stoppte dann aber die Filmaufnahmen nach der ersten Version und entschied, bei dieser zu bleiben. Vielleicht ja auch nur, weil man einfach keinen Bock mehr hatte. Egal, was der Grund war, auch das entpuppt sich hier als die richtige Entscheidung. Und als ob man nicht schon genug Glück gehabt hätte, bewies der Film dann auch noch mit seinem Release perfektes Timing. Kurz vor der Premiere landeten amerikanische Truppen für den ersten großen Kampfeinsatz in Nordafrika ausgerechnet in Casablanca. Noch besser: In Casablanca fand wenige Wochen später auch noch eine große Kriegskonferenz zwischen Roosevelt und Churchill statt – perfekte Filmwerbung. Wenn’s läuft, dann läuft’s eben einfach.
So stehen wir am Ende dann also mit 102 Minuten toller Kinomagie da, deren genaues Zustandekommen man sich vielleicht nicht bis ins kleinste Detail erklären kann. Eines ist aber auch noch über 80 Jahre später ziemlich einfach: diese zu genießen.
"Casablanca" ist aktuell als Blu-ray, DVD und auf Prime Video auf Amazon in Deutschland verfügbar.
Trailer des Films
Dokumentation: So entstand Casablanca
Interview: Ingrid Bergman über niedrige Erwartungen und einen gereizten Humphrey Bogart
Szene: We'll always have Paris.
Und zum Abschluss, natürlich, die Marseillaise.
Überblick 16. Academy Awards
Alle nominierten Filme der Kategorie “Outstanding Picture“ der 16. Academy Awards 1944 nochmal auf einen Blick – sortiert nach meiner persönlichen Rangliste des Jahres (fettgedruckt = Gewinner „Bester Film“).
- "Casablanca (10/10)
- "Wem die Stunde schlägt" (8/10)
- "Madame Curie" (8/10)
- "Für was wir dienen" (8/10)
- "Ein himmlischer Sünder" (7/10)
- "Ritt zum Ox-Bow" (7/10)
- "Und das Leben geht weiter" (7/10)
- "Das Lied von Bernadette" (6/10)
- "Immer mehr, immer fröhlicher" (6/10)
- "Watch on the Rhine" (5/10)
In unserer nächsten Folge spitzen wir mit dem Start in die 17. Academy Awards des Jahres 1945 erst einmal die Ohren für einen Ausflug in Hollywoods Radiogeschichte, bevor wir dann einer ganz perfiden Form des Psychoterrors beiwohnen.
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