Watch on the Rhine

MOH (143): 16. Oscars 1944 - "Watch on the Rhine"

In unserer Serie "Matthias' Oscar History" (MOH) bespricht Matthias in jeder Folge jeweils einen der zwischen den Jahren 1929 und 2000 nominierten Oscar-Beiträge aus der Kategorie "Bester Film".

von Matthias Kastl / 3. Februar 2026

In unserer letzten Folge hatte man durchwachsene Kriegspropaganda noch mit charismatischen Darstellerleistungen ausgeglichen, in "Watch on the Rhine" funktioniert das leider so gut wie gar nicht mehr.

Watch on the Rhine

Land
Jahr
1943
Laufzeit
114 min
Genre
Release Date
Oscar
Nominiert "Outstanding Motion Picture"
Bewertung
5
5/10

Es gibt so Filme, da fügt sich ein Puzzlestück in das nächste – wie wir in der kommenden Folge unserer Oscar-Reihe anhand von "Casablanca" sehen werden. Und dann gibt es diese Filme, bei denen scheinbar nichts so richtig passen will. Welche Ironie, dass "Watch on the Rhine" dabei ausgerechnet einen "Casablanca" gar nicht unähnlichen Plot rund um einen Widerstandskämpfer auf der Flucht präsentiert. Doch wenn selbst eine Bette Davis nicht mal ansatzweise ihre Form abrufen kann, dann ist da was gehörig schiefgegangen. Angesichts vieler weiterer Schwächen, von einer überforderten Regie bis hin zu einigen der nervigsten Kindern der Filmgeschichte, ist es leider nur ein schwacher Trost, dass wenigstens einer der zentralen Protagonisten hier in Bestform ist.

Wer bei "Watch on the Rhine" an einen Kriegsthriller an der Front denkt, darf sich schon gleich auf die erste Enttäuschung einstellen. Der Film ist im Jahr 1940, also noch vor dem Kriegseintritt der USA, angesiedelt und spielt fast ausschließlich in eben genau diesem Land. Der deutschstämmige Ingenieur Kurt Müller (Paul Lukas, "Zeit der Liebe, Zeit des Abschieds", "Vier Schwestern") kehrt aus Europa mit seiner amerikanischen Ehefrau Sara (Bette Davis, "Das Geheimnis von Malampur", "Hölle, wo ist dein Sieg?") und ihren drei Kindern in die Vereinigten Staaten zurück, um Saras Familie in Washington D. C. zu besuchen. Die Familien-Reunion steht aber unter einem besonderen Stern, denn Kurt ist als von den Nazis gejagter Widerstandskämpfer auf der Suche nach finanzieller Unterstützung für die gute Sache. Bei Saras Mutter Fanny (Lucile Watson) und Saras Bruder David (Donald Woods, "Flucht aus Paris", "Louis Pasteur") stoßen seine politischen Ansichten durchaus auf fruchtbaren Boden, doch sicherheitshalber verheimlicht Kurt vor seinen Gastgebern seine wahre Identität. Wohl auch besser so, denn der rumänische Graf Teck de Brancovis (George Coulouris), der mit seiner in David verliebten Schwester Marthe (Geraldine Fitzgerald, "Sturmhöhe", "Opfer einer großen Liebe") ebenfalls im Haus residiert, scheint auffällig neugierig bezüglich des deutschen Gastes zu sein.
 


Man merkt schon an der Inhaltsbeschreibung, dass im Film überraschenderweise der Fokus nicht auf der Rolle des größten Stars zu liegen scheint. Dass Bette Davis diese eher bedeutungslose Rolle mitten in ihrer größten Glanzzeit annahm, hat einen durchaus noblen Grund, denn die Schauspielerin wollte mit ihrem Namen dem für sie als wichtig erachteten Filmprojekt die Finanzierung sichern. Das erklärt dann auch die prominente Platzierung ihres Namens auf dem Filmplakat, die den Einfluss ihrer Figur auf die Geschichte nicht wirklich widerspiegelt. Der entscheidende Konflikt des Films spielt sich nämlich zwischen Kurt und dem Grafen ab, bei dem sich letzterer schon bald als äußerst schmieriger Zeitgenosse entpuppt, der für einen guten Deal wohl selbst die eigene Verwandtschaft ans Messer liefern würde. Wobei das Messer in diesem Fall ein Haufen Nazi-Schergen sind, mit denen unser Graf regelmäßig in der deutschen Botschaft Poker spielt.

Klingt ja eigentlich nach einem vielversprechenden Katz-und-Maus-Spiel. Leider fällt der Plot dieses Strangs aber relativ dünn aus und kommt eigentlich erst ganz am Ende so richtig in Fahrt. Stellt sich die Frage, was zum Teufel dann sonst hier so passiert. Ehrlich gesagt ziemlich wenig. Nachdem man die sehr lautstarke und kontrollierende Fanny kennengelernt hat, die leider keinerlei weiteren spannenden Facetten mitbringt, stellt man sich schon auf eine Menge Konflikte zwischen ihr und der kinderreichen Familie ihrer Tochter ein. Die gibt es aber nicht, denn irgendwie haben sich alle schnell gern, ohne dass der Film aber irgendwelche charmante und herzlichen Momente generieren würde, die das erklären könnten. Nebenher gibt es noch eine lieblos eingeflochtene Romanze, der auch jegliche Emotionalität fehlt. 
 


Das größte Ärgernis ist aber hier gar nicht mal das uninspirierte Vorgehen des Drehbuchs, sondern vor allem manche der Schauspielleistungen. Gerade die beiden männlichen Kinderrollen sind mit das Schrecklichste, was ich seit Langem in einem Film ertragen musste. Scheinbar wollte man deren deutsche Nationalität dadurch ausdrücken, dass diese möglichst steif und hochnäsig agieren und sich gefühlt vor jedem Satz erst einmal aufplustern. Was im besten Fall einfach nur irritierend ist, meistens aber unglaublich nervig. Gerade der kleine Bodo ist kaum erträglich, und hätten es die Nazis auf ihn abgesehen, hätte ich hier wohl eher diesen die Daumen gedrückt. Frustrierender macht das Ganze aber die Tatsache, dass alle anderen im Haus diese Kinder auch noch unglaublich süß finden – was einen ernsthaft an deren Verstand zweifeln lässt. Und das ist sicher keine gute Basis für eine ordentliche Charakteridentifikation.

Noch schmerzlicher ist aber, dass auch Bette Davis irgendwie von der Rolle ist. Ihr vollkommen übertriebenes, melancholisches Spiel ist so offensichtlich schlecht, dass laut Quellen damals sogar der Produzent des Films den Regisseur Herman Shumlin bat, dieses doch bitte etwas zurückzufahren. Ohne Erfolg, was wohl auch daran gelegen haben dürfte, dass Shumlin am Set etwas überfordert gewesen sein soll. Shumlin kam eigentlich vom Broadway und hatte dort die erfolgreiche Theatervorlage des Films inszeniert, findet aber offensichtlich keinen Draht zum Medium Film. Einige Szenen wirken teils sehr abgehackt, es kommt nie echte Spannung auf, und von einer dichten Atmosphäre sind wir hier meilenweit entfernt. Dazu kommt eben auch noch die schlechte Schauspielführung, die dem Großteil des Ensembles die übertriebene Theatralik durchgehen lässt.
 


Angesichts der spröden und uninspirierten Inszenierung bin ich mir nicht sicher, wie viel Schuld für das langweilige Endergebnis wirklich dem Drehbuch anzulasten ist. Vermutlich nur ein bisschen, was angesichts der beiden Personen hinter der Geschichte auch zu vermuten wäre. Das Broadway-Stück stammt von Lillian Hellman, die ja bereits die Vorlage für das großartige "Die kleinen Füchse“ lieferte. Und das Drehbuch schrieb kein Geringerer als Dashiell Hammett, der für den Film-Noir-Klassiker "Die Spur des Falken“ verantwortlich war. Selbst die beste Dialogzeile klingt aber in den Händen von schlechten Schauspielern eben leider lächerlich, und der ebenfalls zu melodramatische Soundtrack, der vor allem bei Szenen mit Bette Davis immer wieder einsetzt, macht das teils nur noch schlimmer.

Das klingt nun alles unglaublich frustrierend und ist es auch, bis kurz vor Schluss dann zumindest für ein paar Minuten endlich Leben in die Bude kommt. Das große Finale zwischen Kurt und dem Grafen ist tatsächlich packend, was vor allem an einem Beteiligten liegt, der als Einziger hier die ganze Zeit sein wahres Leistungsvermögen abruft. Paul Lukas gibt wirklich überzeugend den Widerstandskämpfer, mit einer interessanten Mischung aus Nachdenklichkeit und Entschlossenheit, die mich ein bisschen an Liam Neesons Porträt von Oskar Schindler in "Schindlers Liste" erinnerte. Lukas ist dann auch der einzige Grund, warum der Film schon vorher nicht komplett in sich zusammenfällt. Und ganz am Ende bekommt Lukas dann einen richtig langen und gut geschriebenen Monolog serviert, den er wirklich packend rüberbringt. Das fühlt sich endlich wie mitreißendes Kino an, auch wenn es viel zu spät kommt.
 


Vermutlich dürfte dieser Monolog auch der Grund gewesen sein, warum Lukas schließlich den Oscar für die beste Hauptrolle in dem Jahr gewann. Angesichts von Bogart in "Casablanca" mag das wie Frevel wirken, ist aber jetzt auch nicht übertrieben unverdient. Zwischen den beiden Filmen liegen aber dafür Welten, und ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass "Watch on the Rhine" in dieser Oscar-Reihe der bisher schwächste Film der 1940er ist. Was angesichts einer eigentlich ja interessanten Thematik rund um die Rolle von Widerstandskämpfern im Dritten Reich echt schade ist. Aber glücklicherweise müssen wir ja nur eine Folge warten, bis dieses Thema mal so richtig stark umgesetzt wird.

"Watch on the Rhine" ist aktuell als DVD und auf Prime Video auf Amazon in Deutschland verfügbar. 

 


Trailer des Films.
 


Interview: Bette Davis spricht über den Film
 


Ausblick
In unserer nächsten Folge erwartet uns endlich wieder ganz großes Kino – und ich glaube, auch der Beginn einer wundervollen Freundschaft.

Bilder: Copyright

Neuen Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Klartext

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Website- und E-Mail-Adressen werden automatisch in Links umgewandelt.
CAPTCHA
Diese Aufgabe prüft, ob du menschlich bist um Bots zu verhindern.