Das Lied von Bernadette

MOH (141): 16. Oscars 1944 - "Das Lied von Bernadette"

In unserer Serie "Matthias' Oscar History" (MOH) bespricht Matthias in jeder Folge jeweils einen der zwischen den Jahren 1929 und 2000 nominierten Oscar-Beiträge aus der Kategorie "Bester Film".

von Matthias Kastl / 6. Januar 2026

In unserer letzten Folge hatten wir ja bereits angekündigt, dass die Oscar-Reihe aus privaten Gründen (der Autor darf sich bald um Nachwuchs kümmern) vorerst in einen Zwei-Wochen-Rhythmus wechselt. Ebenfalls zwei Wochen lang darf im heutigen Beitrag wiederum die Hauptfigur einer Heiligenerscheinung huldigen – und wird damit nicht nur ihres, sondern auch das Leben vieler anderer Menschen verändern.

Die Oscar-Reihe goes Podcast: Wer die Oscar-Reihe auch mal hören möchte, vor kurzem war ich beim "Muss man sehen"-Podcast als Gast eingeladen und habe dort ein wenig über die Oscar-Reihe, Hollywoods goldenes Zeitalter und einen meiner Lieblingsfilme dieser Reihe geplaudert. Hört doch hier einfach mal rein.  

Das Lied von Bernadette

Originaltitel
The Song of Bernadette
Land
Jahr
1943
Laufzeit
156 min
Regie
Release Date
Oscar
Nominiert "Outstanding Motion Picture"
Bewertung
6
6/10

"Für diejenigen, die an Gott glauben, ist keine Erklärung nötig. Für diejenigen, die nicht an Gott glauben, ist keine Erklärung möglich."

Mit dieser Texttafel beginnt "Das Lied von Bernadette", bevor sich der Film dann zweieinhalb Stunden lang dem Wunder von Lourdes widmet. Eine Texteinblendung, die zu Beginn zumindest bei mir für ein etwas ungutes Gefühl sorgt. Erwartet uns hier nun ein tiefreligiöses Werk, das sich im Vorfeld auf eher billige Art und Weise immun gegen Kritik macht, indem es einfach sagt, dass weniger gläubige Menschen es sowieso nicht verstehen können? Ich kann allerdings (zumindest für Atheisten) Entwarnung geben, denn von tiefer Religiosität ist der gleich für zwölf Oscars nominierte Film nicht komplett durchzogen. Der Versuch, sowohl Skeptiker als auch Gläubige gleichzeitig abzuholen, gelingt aber hier nur mäßig überzeugend, da man zwar ganz niedlich daherkommt, am Ende aber gerade für die lange Laufzeit viel zu wenig Inhalt und Tiefe bietet.

Noch heute pilgern jährlich Millionen von Menschen ins französische Lourdes, wo im Jahre 1858 der jungen Bernadette Soubirous einst die Jungfrau Maria erschienen sein soll. Die in armen Verhältnissen aufgewachsene Bernadette (Jennifer Jones) ist dann auch die zentrale Protagonistin des Films, deren Marienerscheinung in dem kleinen Örtchen für jede Menge Aufregung sorgt. Schon bald pilgern weitere Menschen mit ihr zu der kleinen Stelle am Fluss, auch wenn der örtliche Abt (Charles Bickford, "Von Mäusen und Menschen") und die Ordensschwester Marie Therese (Gladys Cooper, "Rebecca", "Fräulein Kitty") die Sache eher skeptisch sehen. Aktiv diesen "Kult" beenden möchte aber vor allem die "High Society" von Lourdes, denn man hat große Sorge vor einem Imageschaden. Aber egal ob Bürgermeister (Aubrey Mather), Anwalt (Vincent Price), Polizeikommandant (Charles Dingle, "Die kleinen Füchse", "Zeuge der Anklage") oder Arzt (Lee J. Cobb, "Die 12 Geschworenen", "Die Faust im Nacken") – gegen die so unschuldig agierende Bernadette scheint kein Kraut gewachsen. Als diese dann auch noch eine Wasserquelle mit scheinbar heilender Wirkung entdeckt, ist es mit dem beschaulichen Dorfleben endgültig vorbei.
 


Wie so oft in der damaligen Zeit baut man auch hier auf einer Bestseller-Buchvorlage auf, in der sich diesmal der vor den Nazis geflüchtete österreichische Schriftsteller Franz Werfel mit einer Mischung aus Fakten und Mythen dem Wunder von Lourdes widmete. Wunder konnte man im Zweiten Weltkrieg ja gut gebrauchen, und so setzte Twentieth Century Fox große Hoffnungen in die Filmumsetzung, die vom Studio dafür mit dessen teuerstem Budget des Jahres ausgestattet wurde. Das komplette Dorf, inklusive Kirche und der berühmten Grotte, wurde auf dem Studiogelände nachgebaut, und bei dem Aufwand verwundert es nicht, dass man am Ende den Oscar für das beste Szenenbild gewann. Doch um ein realistisches französisches Dorf zu erschaffen, braucht es mehr als nur überzeugende Kulissen, womit wir dann direkt bei einer der vielen Schwächen des Films landen.

So richtig fühlt sich das nämlich hier gerade zu Beginn nicht nach Frankreich an, da man zumindest in der Originalfassung einem echten Akzentchaos begegnet. Im Vergleich zu heute hatte man sich bei so was ja damals generell deutlich weniger Mühe gegeben, in "Das Lied von Bernadette" ist es am Anfang aber schon extrem irritierend. Manche des Darstellerensembles kommen mit härtestem amerikanischen Akzent daher, andere versuchen wiederum vergeblich, französisch zu klingen. Das macht es echt schwer, hier richtig einzutauchen, da sich alles irgendwie fake anfühlt.
 


An diese sprachliche Ungereimtheit gewöhnt man sich aber mit der Zeit, wird aber dafür von der sehr konservativ und nicht gerade viele Überraschungen bereithaltenden Story eher eingeschläfert. Was auch an einer sehr braven Hauptfigur liegt, denn unsere gute Bernadette schwankt stets nur zwischen zwei Emotionszuständen: religiös ergriffen oder unschuldig irritiert. Der Film setzt alles daran, diese Figur so pur und süß wie möglich zu gestalten, was zwar eine gewisse Sympathie hervorruft, auf die Dauer aber halt echt zu wenig ist, um von dieser Figur wirklich fasziniert zu sein. Da hilft es auch nicht, dass Jennifer Jones ihren reduzierten Job wenigstens ganz gut macht. Vor allem aber verwundert es, dass Jones für diese Leistung gar den Oscar für die beste Hauptdarstellerin gewinnen konnte.

Die Inszenierung von Henry King ("Jahrmarktsrummel", "Chicago") fällt dabei genauso konservativ und durchschnittlich wie das Storytelling aus, und so halten einen eher die netten Bilder (dafür gab es Oscar Nummer 3) und der ordentliche Soundtrack (Oscar-Gewinn Nummer 4) wach. So richtig punkten kann der Film eigentlich nur mit einigen seiner Nebenfiguren, bei denen man immerhin ein gutes Händchen in Sachen Darstellerinnen und Darsteller bewies. Das betrifft vor allem unseren Dorfrat, bei dem gleich ein ganzer Haufen wundervoller Charakterdarsteller für etwas Leben in der Bude sorgt. Gerade Vincent Price, der in den 1950er Jahren als Horrordarsteller zu Ruhm kommen würde, verkörpert hier überzeugend einen der vielen Skeptiker. Wie überhaupt der ganze Dorfrat die Geschichte vom Wunder nicht nur belächelt, sondern gleich als brandgefährlich für den Dorffrieden und die wirtschaftlichen Belange des Ortes erachtet.
 


Es ist dabei offensichtlich, dass der Film mit dem Dorfrat eine Art Gegengewicht zu dem dominanten religiösen Aspekt entwickeln will. Damit der Film auch etwas leichter und weniger steif wirkt, entwickelt sich dieser Strang dabei eher in die Richtung einer leichten Komödie, wenn sich zum Beispiel der Jurist und der Polizeikommandant gegenseitig ihre Einschüchterungstaktiken madig machen. Tatsächlich sind diese humorvollen Einschübe durchaus unterhaltsam und lockern den Film spürbar auf. Immer wieder werden dann auch realistische Erklärungen für Ereignisse vorgetragen, damit auch Skeptiker hier inhaltlich am Ball bleiben können.

Doch so richtig funktioniert dieser Mix aus tiefen religiösen Erlebnissen und lockeren irdischen Erklärungen in "Das Lied von Bernadette" nicht. Dafür wird das Geschehen durch die bierernsten, aber leider auch nie wirklich ergreifend inszenierten religiösen Erlebnisse immer wieder ausgebremst, wodurch nie ein wirklicher Flow gelingt. Man vermisst einfach einen klaren roten Faden, und wenn in den letzten 20 Minuten dann doch wieder alles auf die religiöse Karte gesetzt wird, fühlt sich das nicht nur wie ein kleiner Verrat an der Figur von Vincent Price, sondern auch am Zuschauer an. Da hätte ein zweideutigeres Ende deutlich besser zur Vorgeschichte gepasst. Gerade dieser sehr uninspirierte und banale Schlussspurt unterstreicht dann auch, dass "Das Lied von Bernadette" einfach nicht viel Interessantes zu erzählen hat – und dafür definitiv nicht 156 Minuten gebraucht hätte. Mit viel Wohlwollen reicht es dank der Humoreinschübe und unseren guten Charaktermimen in der zweiten Reihe aber immerhin noch zu einem sechsten Wertungsauge. Die insgesamt elf Oscar-Nominierungen sind aber nur sehr schwer nachvollziehbar – aber vielleicht war die Sehnsucht nach einem Wunder damals ja einfach zu groß.

"Das Lied von Bernadette" ist aktuell als DVD und Blu-ray auf Amazon in Deutschland verfügbar. 

 


Trailer des Films.
 


Szene: Die berühmte Quelle wird entdeckt.
 


Ein wenig mehr Hintergrundwissen zum Film.


Ausblick
In unserer nächsten Folge in zwei Wochen steht wieder eine jüngere Person im Fokus – diesmal aber eine uns altbekannte.

Bilder: Copyright

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