Ein himmlischer Sünder

MOH (138): 16. Oscars 1944 - "Ein himmlischer Sünder"

In unserer Serie "Matthias' Oscar History" (MOH) bespricht Matthias in jeder Folge jeweils einen der zwischen den Jahren 1929 und 2000 nominierten Oscar-Beiträge aus der Kategorie "Bester Film".

von Matthias Kastl / 16. Dezember 2025

In unserer letzten Folge war unsere Hauptfigur am Ende heldenhaft gestorben, heute ist unser Protagonist schon einen Schritt weiter. Wie heldenhaft dessen Leben aber wirklich war, muss in "Ein himmlischer Sünder" nachträglich erst noch überprüft werden.

Ein himmlischer Sünder

Originaltitel
Heaven Can Wait
Land
Jahr
1943
Laufzeit
112 min
Genre
Release Date
Oscar
Nominiert "Outstanding Motion Picture"
Bewertung
7
7/10

Ernst Lubitsch und der Hays Code – das war immer irgendwie eine Art Tanz. Der deutsche Regisseur, der 1922 nach Hollywood ausgewandert war, hatte in seinen vielen Salonkomödien ja oft ein Faible für frivole Schürzenjäger aus der Oberschicht. Deren sexuelle Absichten durften aber aufgrund der prüden Vorgaben des Hays Codes in den 1930er- und 1940er-Jahren nicht offen ausgesprochen, geschweige denn gezeigt werden, weswegen Lubitsch seine Figuren und Geschichten stets elegant um dessen Grenzen herumschlängeln ließ. Das sorgt in "Ein himmlischer Sünder" auch wieder für einige charmante Momente, bekommt aber schon bald eine interessante Wendung, da Lubitsch seiner Hauptfigur die triebgesteuerten Eskapaden diesmal nicht so leicht verzeihen will. Allerdings wird er auch bei diesem löblichen Unterfangen vom Hays Code ebenfalls wieder etwas ausgebremst.

"Ein himmlischer Sünder" beginnt mit der Ankunft im Jenseits des gerade im Schlaf verstorbenen Henry Van Cleve (Don Ameche, "Chicago", "Alexander's Ragtime Band"). Überzeugt davon, kein anständiges Leben geführt zu haben, begibt sich Henry vor Ort direkt zum Eingang der Hölle. Der Teufel (Laird Cregar) sieht Henrys Eignung für die Unterwelt aber etwas skeptisch und bittet Henry, doch erst mal seine Lebensgeschichte zu erzählen – schließlich hat ja auch die Hölle einen gewissen Qualitätsanspruch. Und so kommt Henry ins Plaudern, erzählt vom Leben mit seinen konservativen Eltern, seinem Verhältnis zum deutlich entspannteren Großvater (Charles Coburn, "Immer mehr, immer fröhlicher") und vor allem seiner Ehefrau Martha (Gene Tierney), die Henry kurz vor dem Traualtar seinem langweiligen Cousin Albert (Allyn Joslyn) ausspannte. Dabei zeigt sich schnell, dass es in Henrys Leben vor allem das andere Geschlecht war, das es dem guten Henry besonders angetan hatte.
 


"Ein himmlischer Sünder“ war einer der letzten Filme von Ernst Lubitsch, der 1947 viel zu früh im Alter von gerade einmal 55 Jahren verstarb. Der Film gilt heute nicht nur als Lubitschs letztes bedeutendes Werk, sondern ist auch noch dessen einziger vollständig in Farbe gedrehter Film. Es sollte zwar noch das Technicolor-Musical "Die Frau im Hermelin" folgen, doch Lubitsch starb bereits nach einer Drehwoche, und so wurde der Film schließlich vom Regiekollegen Otto Preminger vollendet. Es gibt aber noch etwas, das "Ein himmlischer Sünder" von anderen Werken Lubitschs abhebt, und das ist eine in der zweiten Hälfte einsetzende und für dessen Werke eher ungewöhnliche Nachdenklichkeit. Ja, der berühmte lockere Lubitsch-Touch ist, dank pointierter Dialoge und einem gewissen Augenzwinkern bei der Inszenierung, auch hier immer wieder zu spüren – aber so richtig zum Tragen kommt dieser eher zu Beginn des Films.

Dort fühlt man sich dann auch in vertrautem Lubitsch-Terrain. Wieder mal stellt man einen gut betuchten Schürzenjäger in das Zentrum der Geschichte, auch wenn statt Maurice Chevalier ("Liebesparade", "Der lächelnde Leutnant") nun Don Ameche für Lubitsch den Charme spielen lässt. Chevaliers kitschig-niedlicher französischer Akzent scheint Lubitsch dabei aber irgendwie zu vermissen, weswegen der gute Henry in seiner Jugend gleich mal eine Affäre mit einer nicht minder kitschig-niedlich klingenden französischen Haushälterin hat. Und wieder mal spielt Lubitsch gekonnt mit den prüden Regeln des Hays Codes, und so wird diese Affäre nie offen ausgesprochen, aber auf clevere Weise (in diesem Fall dank eines gemeinsamen Schluckaufs) doch sehr offensichtlich kommuniziert.
 


Die erste Hälfte hat wirklich einige charmante Momente, deren Humor vor allem aus den Gegensätzen von Henrys prüder Familie und dessen eher spaßbetonten Lebensvorstellungen entspringt. Die Humorhöhen der ersten halben Stunde von "Liebesparade" werden hier zwar nicht erreicht, da hätte es noch mehr clevere Dialoge und exzentrischere Nebenfiguren gebraucht, unterhaltsam ist das Ganze aber trotzdem. Das wiederum liegt auch an der ordentlich funktionierenden Chemie zwischen Don Ameche und Gene Tierney. Falls jemand das Gesicht von Don Ameche dabei vertraut vorkommen sollte: Knapp 40 Jahre später sollte dessen Karriere noch einmal einen Höhenflug erleben und ihm 1985 einen Oscar als bester Nebendarsteller in Ron Howards "Cocoon" bescheren. Den meisten dürfte er aus dieser Zeit aber wohl vor allem durch seine Rolle als einer der Duke-Brüder in dem Eddie-Murphy–Dan-Aykroyd-Vehikel "Die Glücksritter" im Gedächtnis geblieben sein. Gene Tierneys ikonischster Auftritt sollte wiederum 1944 mit der Hauptrolle in dem Film Noir "Laura" folgen.

Dass Henry es faustdick hinter den Ohren hat und offensichtlich seine Liebe nicht nur für Martha aufhört, wird vom Film dabei immer wieder angedeutet und mit Humor dann schnell wieder weggelächelt. Zumindest in der ersten Hälfte, denn in der zweiten weicht die heitere Stimmung einem für Lubitsch untypischen Gefühl der Wehmut und Ernsthaftigkeit. In seinen späteren Jahren wird Henry nämlich immer wieder, vor allem durch den Tod geliebter Menschen, mit der eigenen Vergänglichkeit konfrontiert. Vor allem aber – und das ist für diese Figur schon fast dramatischer – lässt die Anziehungskraft auf Frauen nach. Was in der stärksten Szene des Films mündet, in der eine fest eingeplante weibliche Eroberung Henrys Bäuchlein belächelt und diesen auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Aus einem charmanten Verführer droht auf einmal eine schon fast bemitleidenswerte und tragische Figur zu werden.
 


So interessant das (gerade für die damalige Zeit) auch klingt, richtig konsequent greift der Film diese dramaturgische Steilvorlage leider nicht auf. Man wartet eigentlich immer auf den großen dramatischen Höhepunkt dieser Entwicklung, doch stattdessen lächeln die Hauptfigur und der Film das alles dann doch wieder weg. Besonders ärgerlich ist dabei, dass Martha all dies nur mit einem Schulterzucken kommentiert, es unterwürfig hinnimmt und schon fast verniedlicht. So sind sie halt, die Männer. Da hätte man sich doch eine etwas feministischere Lösung gewünscht, aber da hat man wohl entweder die Zensurbehörde nicht provozieren wollen oder vielleicht schlichtweg die damals „gesellschaftlich akzeptable“ Meinung widergespiegelt. Vermutlich war es eine Mischung aus beidem. Es schadet auf jeden Fall der Figur von Martha sowie diesem eigentlich so schönen Ansatz, einen Casanova in die wohlverdiente Rente zu schicken. Am Ende wird Henrys Verhalten sogar noch von „ganz oben“ im Wesentlichen abgesegnet, was die Sache jetzt nicht wirklich besser macht. Ohne hier den Moralapostel spielen zu wollen, aber diese Botschaft ist dann doch heute eher schwer zu schlucken.

So beraubt sich "Ein himmlischer Sünder“ am Ende ein wenig selbst einer eigentlich spannenden und für diese Zeit sehr frisch wirkenden Idee. Während viele Hollywood-Filme während des Zweiten Weltkrieges auf anständige Helden setzten, entscheidet man sich hier für einen mit Fehlern behafteten Playboy – spielt aber diesen Trumpf am Ende einfach nicht befriedigend genug aus. Was bleibt, ist ein trotzdem immer noch ganz unterhaltsamer Film, der nicht nur aufgrund seines wundervoll farbenprächtigen Technicolor-Looks durchaus Spaß macht. Für die Kategorie „Beste Kamera (Farbe)“ gab es dann auch eine Oscar-Nominierung, ebenso wie für Lubitschs Regieleistung. Letzteres war die letzte Oscar-Nominierung für Lubitsch, bevor dieser wenige Jahre später den gleichen Weg wie sein Protagonist einschlagen würde. Wenn Gott damals ein wenig Humor gehabt hat, wird er diesem aber sicher ein Plätzchen im Himmel freigehalten haben – ich werde den guten Lubitsch in unserer Reihe auf jeden Fall vermissen.

"Ein himmlischer Sünder" ist aktuell als Import-DVD auf Amazon in Deutschland verfügbar. Alternativ ist der Film auch auf der Webseite des Internet Archive kostenlos abrufbar. 


Trailer des Films.
 


Szene: Nicht jeder landet im Himmel.
 


40 Jahre später: Don Ameche in "Die Glücksritter"
 


Ausblick
In unserer nächsten Folge schwingen wir uns mal wieder aufs Pferd und erkunden den Wilden Westen – diesmal mit Henry Fonda an unserer Seite.

Bilder: Copyright

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