Das Haus der Lady Alquist

MOH (145): 17. Oscars 1945 - "Das Haus der Lady Alquist"

In unserer Serie "Matthias' Oscar History" (MOH) bespricht Matthias in jeder Folge jeweils einen der zwischen den Jahren 1929 und 2000 nominierten Oscar-Beiträge aus der Kategorie "Bester Film".

von Matthias Kastl / 3. März 2026

Die 17. Academy Awards wurden am 15. März 1945 verliehen – nur wenige Monate vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Stimmung war aufgrund des absehbaren Sieges diesmal zum Glück etwas weniger gedämpft. Da die Veranstaltung zum ersten Mal in voller Länge live im Radio übertragen wurde, konnte man sich davon auch außerhalb des Grauman's Chinese Theatre überzeugen – wobei die Länge des Events von 70 Minuten im Vergleich zu heutigen Verleihungen schon fast niedlich wirkt. Wichtig, vor allem für diese Oscar-Reihe, ist aber vor allem eine strukturelle Änderung, die noch sehr lange nachhallen würde. Man reduzierte nämlich nun die Anzahl der Nominierungen in der Königskategorie "Bester Film" von zehn auf fünf (was bis 2009 Bestand haben sollte), um ein Gleichgewicht mit anderen wichtigen Kategorien herzustellen – die Schauspieler- und Regiekategorien waren ja schon länger auf nur fünf Nominierte festgelegt.

 


Die Radioaufzeichnung der 17. Academy Awards

Ein klein wenig betrauere ich die Entscheidung, wird der Spalt, durch den ich in dieser Reihe in die Filmgeschichte schaue, so doch deutlich schmaler. Aber die Academy war eben auf Ordnung erpicht und benannte im gleichen Atemzug dann auch die Kategorie neu: Statt "Outstanding Motion Picture" (erst wenige Jahre zuvor eingeführt) hieß diese ab sofort "Best Motion Picture". Erst 1962 sollte dann die letzte Umbenennung in "Best Picture" erfolgen. Trotz aller Optimierung hatte man aber eine kleine Lücke im System übersehen – und das rächte sich in diesem Jahr. Theoretisch war es nämlich möglich, eine Person für mehrere Kategorien anzumelden. Genau das hatte Paramount in diesem Jahr im Fall von Barry Fitzgerald getan, der für seine Rolle im späteren Gewinner "Der Weg zum Glück" sowohl für den besten Haupt- als auch Nebendarsteller eingereicht worden war. Und tatsächlich erhielt er in beiden Kategorien genug Stimmen, um dort jeweils unter die fünf Nominierten zu kommen – ein einmaliger Vorgang in der Geschichte der Academy, die natürlich direkt reagierte und dem für das nächste Jahr einen Riegel vorschob.

Für die 17. Academy Awards kam das aber zu spät, und so kam auch das am Radio versammelte amerikanische Volk in den Genuss dieser seltsamen Konstellation – am Ende gewann Fitzgerald allerdings "nur" die Auszeichnung als "Bester Hauptdarsteller". Das Radio wiederum wird nun bei uns ein Thema sein, wenn wir uns in unserem heutigen Hintergrundbeitrag ein wenig dessen Rolle in Hollywood widmen – bevor wir dann mit "Das Haus der Lady Alquist" in die 17. Academy Awards starten.


Hintergrund: Listen to the radio

Heute blicken wir mal auf ein kleines Randphänomen, über das wir in dieser Reihe schon ein paar Mal gestolpert sind, das es aber durchaus wert ist, mal einen genaueren Blick darauf zu werfen. Immer mal wieder habe ich bei Filmen der Oscar-Reihe ja darauf hingewiesen, dass diese auch als Radioversionen produziert wurden – oft sogar mit der jeweiligen Hauptbesetzung. Das waren Beispiele einer interessanten Symbiose der damals wohl erfolgreichsten Massenmedien, denn genau wie das Kino hatte auch das Radio in den 1930ern und 1940ern seine sogenannten "Goldenen Jahre". Und das lag nicht nur an dessen Rolle als Informationsmedium (besonders im Zweiten Weltkrieg), sondern auch an seiner Funktion als Unterhaltungslieferant. Mit den starbesetzten Radioversionen erfolgreicher Hollywoodstreifen erlebten wir, zumindest in den USA, in diesen Jahren die perfekte Verschmelzung dieser beiden Medien mit dem Star-System Hollywoods – und damit eine Frühform des heute so populären Celebrity-Endorsements.

Auf den ersten Blick schien Radio ja eigentlich damals eher ein Konkurrent für das Kino zu sein. Im Gegensatz zu den großen Leinwänden war Radio schließlich überall und vor allem kostenlos konsumierbar, weswegen die großen Hollywoodstudios es lediglich für klassische Filmwerbung oder die typischen Promi-Interviews nützlich erachteten. Dass hier aber noch deutlich mehr Synergien möglich waren, wurde vielen erst richtig durch eine ziemlich illustre Dame bewusst. In den 1930ern feierte nämlich die Hollywood-Klatsch-Journalistin Louella Parsons einen großen Erfolg mit ihrer Radioshow "Hollywood Hotel". Die kam zwar aus einem Studio, gab aber vor, in einem noblen Hotel zu spielen, in dem sich die Stars die Hand gaben. Genau diese Stars traten dort für Interviews und Gesang auf, um häufig auch ihre neuesten Filme zu promoten. Der Clou war aber, dass Parsons für ein ganz besonderes Segment gleich mehrere Schauspielerinnen und Schauspieler aus einem neuen Film auftreten ließ, die dann 20 Minuten lang Szenen daraus nachspielten. Das Format war schon bald so populär, dass ein Auftritt bei Parsons oft für einen richtigen Boost an der Kinokasse sorgen konnte.
 


Das Lux Radio Theatre präsentiert den Sieger der 15. Academy Awards "Mrs. Miniver" - inklusive der wichtigsten Stars
 

Das im Hinterkopf behaltend, wenden wir uns nun der Geburtsgeschichte der später erfolgreichsten Kollaboration zwischen Film und Radio in Hollywood zu: dem Lux Radio Theatre. Das hatte man 1934 in New York aus dem Boden gestampft, um eigentlich Radioversionen von Broadway-Plays aufzuführen – gesponsert von der Seifenmarke Lux des Unilever-Konzerns. Als im zweiten Jahr die Ratings sanken, suchte man fieberhaft nach Lösungen und kam, auch inspiriert von dem Erfolg von Parsons, auf eine clevere Idee. Warum nicht nach Hollywood umziehen und von dessen Boom profitieren? Und überhaupt, hatte nicht Lux schon seit den 1920er Jahren gerne Hollywood-Testimonials für die Werbung eingesetzt?

Gesagt, getan. Einmal in Hollywood angekommen, setzte man nun jede Woche eine 60-minütige Radioversion eines aktuellen Films oder älteren Klassikers um. Und das in einem Theater vor knapp 1000 Leuten, schließlich wollte man eine große Show liefern. Das bedeutete aber auch, dass man idealerweise die Hauptbesetzung der jeweiligen Filme und damit die größten Stars der Traumfabrik für sich gewinnen musste. Das gelang, schließlich hatten beide Seiten etwas davon. Die Studios bekamen Werbung für ihre aktuellen Filme oder deren Wiederaufführungen und konnten das Image ihrer Stars weiter aufpolieren (und neue Stars testen). Umgekehrt konnte sich wiederum unsere gute Lux-Seife ganz in deren Promi-Glanz sonnen. 
 


Auch "Casablanca" bekam eine Radio-Version mit allen wichtigen Stars des Films (Bogart, Bergman, Henreid) – allerdings produziert vom Screen Guild Theatre. 
 

Damit diese Promi-Werbung aber möglichst elegant und würdevoll ausfallen konnte, traf man eine clevere Entscheidung: man engagierte den berühmten Hollywood-Regisseur Cecil B. DeMille ("Die zehn Gebote", "Cleopatra") als Gastgeber der Show. Der stand wie kaum ein anderer für episches Kino und entpuppte sich so als perfekte Wahl, um dem Ganzen sowohl Glanz als auch Seriosität zu verleihen. Als Moderator stellte er die jeweiligen Darsteller zu Beginn vor und schmuggelte dabei schon mal eine kleine Werbebotschaft unter, um nach der Aufführung dann die Stars zum Smalltalk zu bitten. Einem Gespräch, in dem natürlich auch dafür Zeit war, die Bedeutsamkeit ordentlicher Hautpflege als Thema einzuflechten.

Abgesehen von der Hilfe, diesen Drahtseilakt zwischen Entertainment und Product Placement zu meistern, fungierte DeMille aber auch als wichtiger Kontextgeber. Um die Handlungen der Filme in 60 Minuten zu pressen, wurden nämlich schon mal Figuren komplett weggelassen und Ereignisse extrem komprimiert dargestellt – da waren ein paar erläuternde Worte zwischendrin durchaus notwendig. Schnell wurde Lux Radio Theatre zu einer der beliebtesten Radiosendungen des Landes, was natürlich vor allem an den vielen Stars lag. Und die kamen in Scharen. Bei DeMilles Startfolge schauten mal eben Clark Gable und Marlene Dietrich gemeinsam vorbei, und ähnlich spektakulär ging es dann weiter: Orson Welles, Katharine Hepburn, John Wayne, Spencer Tracy, Judy Garland, James Stewart, Cary Grant, Bette Davis, Henry Fonda – es war das Who’s Who Hollywoods, das man sich hier jede Woche bequem per Radio ins Haus holen konnte. Sehr oft spielten diese Stars dann auch ihre Originalrollen. Errol Flynn und Olivia de Havilland konnte man so noch einmal in "Unter Piratenflagge" erleben, Clark Gable und Claudette Colbert in "Es geschah in einer Nacht", Cary Grant und Katharine Hepburn in "Die Nacht vor der Hochzeit" oder Gary Cooper und Ingrid Bergman in "Wem die Stunde schlägt". 


Dem Lux Video Theatre war leider kein ähnlich großer Erfolg vergönnt.
 

Vereinzelt waren Werke sogar vor ihrem eigentlichen Kinorelease zu hören, wie im Fall von "Schlagende Wetter" oder "Opfer einer großen Liebe". Leider sind heute nicht mehr alle Folgen des Lux Radio Theatre erhalten, für ein paar schlaflose Nächte auf YouTube reicht es aber trotzdem. Natürlich zog der Erfolg des Formats schon bald etliche Kopien nach sich, wie zum Beispiel das ebenfalls mit vielen Stars aufwartende "Screen Guild Theater". Warner Brothers versuchte 1938 sogar, mit "Warner Brothers Academy Theatre" ein eigenes Marketing-Standbein zu schaffen – doch an den Erfolg des Lux Radio Theatre konnte niemand heranreichen. Mit dem Aufkommen des Fernsehens ging Mitte der 1950er-Jahre aber auch dessen Stern zu Neige. Der Versuch, mit dem Lux Video Theatre die Idee ins TV zu übersetzen, war leider nicht wirklich von Erfolg gekrönt. Und was war eigentlich mit Deutschland? Dort hat es leider nie ein ähnliches Format gegeben, was viel mit der damaligen Struktur der Massenmedien zu tun hatte. Mit Werbung hatte man es damals generell nicht so beim Radio, ein wirkliches Starsystem gab es im Kino sowieso nicht, und noch dazu waren die Radio- und Filmindustrie deutlich stärker voneinander getrennte Machtbereiche. Erst recht nach der Machtergreifung der Nazis, die das Radio vor allem als politisches Propagandamedium betrachteten.

So ist dieses Phänomen vor allem ein amerikanisches in dessen Genuss auch unser heutiger Oscar-Beitrag gekommen ist. So starten wir dann jetzt in die 17. Academy Awards des Jahres 1945 und freuen uns auf unsere (nur noch) fünf Nominierten: "Wilson", "Als du Abschied nahmst", "Frau ohne Gewissen", "Das Haus der Lady Alquist" und den Sieger "Der Weg zum Glück". Los geht es mit "Das Haus der Lady Alquist" – das Video zur Version des Lux Radio Theatre folgt dann am Ende der Kritik.

 

Das Haus der Lady Alquist

Originaltitel
Gaslight
Land
Jahr
1944
Laufzeit
114 min
Regie
Release Date
Oscar
Nominiert "Best Motion Picture"
Bewertung
9
9/10

Vor kurzem habe ich ja hier noch davon geschwärmt, wie wundervoll Ingrid Bergman zu ihrer Rolle in "Casablanca" gepasst hat – an die man sich bei ihr heute noch am meisten erinnert. Schauspielerisch deutlich stärker gefordert wurde sie aber ein Jahr später im Psychothriller "Das Haus der Lady Alquist", in dem ihre Figur Opfer gezielter psychischer Manipulation wird. Trotz kleinerer Schwächen ist der Film über weite Strecken so gut geschrieben und vor allem von Bergman so überzeugend gespielt, dass er Bergman nicht nur ihren ersten Oscar-Gewinn sondern dem Film insgesamt gleich sieben Oscar-Nominierungen (unter anderem auch "Bestes Drehbuch" und "Beste Kamera") einbrachte. Wie perfide hier manipuliert wird hat sogar soviel Eindruck hinterlassen, dass für dieses konkrete psychologische Phänomen sich über die Jahre der englische Originaltitel des Filmes ("Gaslight") im Sprachgebrauch als Bezeichnung durchgesetzt hat – nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland.

Jetzt sind wir aber erst mal in England. Im viktorianischen London kehrt die junge Paula (Ingrid Bergman, "Casablanca", "Wem die Stunde schlägt") in das große Stadthaus zurück, das sie von ihrer dort einst ermordeten Tante geerbt hat. An ihrer Seite ist ihr charmanter neuer Ehemann Gregory (Charles Boyer, "Das goldene Tor", "Hölle, wo ist dein Sieg"), den Paula erst vor Kurzem kennengelernt hat. Die schlechte Aura des Hauses möchten beide eigentlich schnell vergessen machen, was sich aber als ziemlich schwierig erweist. Paula scheint unter einer seltsamen Vergesslichkeit zu leiden, und dazu geschehen immer wieder unerklärliche Dinge im Haus, die Paula an ihrem eigenen Verstand zweifeln lassen. Kaum Glauben schenkt ihr aber der eigene Ehemann, und weder die Köchin Miss Thwaites (May Whitty, "Mrs. Miniver", "Verdacht") noch die junge Dienstmagd Nancy (Angela Lansbury) scheinen ähnliche Phänomene beobachten zu können. Ohne es zu wissen, verfügt Paula aber doch noch über einen Verbündeten. Ein alter Freund der Familie, dem bei Scotland Yard arbeitenden Ermittler Brian (Joseph Cotten, "Citizen Kane"), kommt nämlich irgendetwas an dieser Angelegenheit sehr seltsam vor. Er sollte sich aber mit seinen Nachforschungen beeilen, denn Paula droht langsam tatsächlich den Verstand zu verlieren.
 


Einer, der auf jeden Fall auch ordentlich verzweifelt gewesen sein dürfte, ist der britische Regisseur Thorold Dickinson. Der hatte nämlich im Jahr 1940 in England das zwei Jahre zuvor veröffentlichte Theaterstück "Gas Light“ auf die Leinwand gebracht – und dabei einiges an Kritikerlob eingeheimst. Die Freude sollte ihm aber schon bald vergehen, denn sowohl der Erfolg des Theaterstücks als auch der des Films hatte das Studio Metro-Goldwyn-Mayer auf den Plan gerufen. Die wollten auch etwas von dem Kuchen haben, sicherten sich die Rechte an dem Stück und ließen dann noch eine kleine Klausel einbauen: Alle Kopien der britischen Verfilmung sollten doch bitte vernichtet werden. Sogar auf die Vernichtung des originalen Film-Negativs hatte man es nachher abgesehen. Ein Vorgehen, das wir in dieser Reihe ja schon einmal ausführlicher beschrieben haben und das heute geradezu grotesk klingt.

Glücklicherweise war MGM aber nur teilweise erfolgreich, denn auch wenn der Film in Großbritannien lange Zeit erst mal aus dem Verkehr gezogen war, gelang es Thornton zumindest heimlich eine Kopie anzufertigen und den Film so für die Nachwelt zu retten. Was nichts daran änderte, dass Thornton damit erst mal nicht hausieren gehen konnte und es schließlich auch nie nach Hollywood schaffen würde. Angesichts dieser Geschichte sträube ich mich schon fast zu berichten, dass die Hollywood-Version deutlich besser ausfällt. Während die gerade einmal 88 Minuten lange britische Version viel zu schnell in die Geschichte einsteigt, nimmt sich die 1944er-Version deutlich mehr Zeit, die Figuren einzuführen und schafft es viel besser, deren Motivationen herauszuarbeiten. Das Drehbuch wirkt hier deutlich geschliffener und durchdachter, und nicht ganz überraschend ist auch das Level der Darstellerleistungen in der Version der Traumfabrik ein deutliches Niveau höher angesiedelt. Immerhin aber ist Thorntons Inszenierung durchaus kreativ, sodass man sich doch fragen kann, wie er wohl in Hollywood abgeschnitten hätte.
 


Stattdessen darf in der amerikanischen Version nun der bewährte George Cukor ("Vier Schwestern“, "David Copperfield“) als Regisseur ran und der beweist ein ganz gutes Händchen für die Umsetzung des Stoffes. Der Großteil der Handlung spielt sich dabei in der alten Stadtvilla ab, und es gelingt Cukor erfolgreich, dort die entsprechende bedrückende Atmosphäre zu schaffen. In der Kategorie "Bestes Szenenbild für einen Schwarzweißfilm“ konnte "Gaslight" dann auch seinen zweiten Oscar erringen, auch wenn man es mit der düsteren Aura jetzt auch nicht übertreibt und das hier jetzt nicht den extremen Gothic-Vibe eines "Rebecca" versprüht. Man setzt dann doch stärker auf den Inhalt des Psychoduells zwischen Paula und Gregory. Dass Letzterer hier seine Ehefrau absichtlich in den Wahnsinn treiben möchte ist dabei kein Spoiler, denn das wird einem schon nach relativ kurzer Zeit klar.

So ist "Gaslight" weniger Mystery als vielmehr Psycho-Drama, das seine Stärke vor allem daraus zieht, dass das perfide Spiel von Gregory angenehm subtil und glaubwürdig umgesetzt wird. Unnötige Theatralik und Melodrama gibt es eher selten, stattdessen entfaltet sich die Wirkung von Gregorys psychischem Missbrauch hier auf elegante Weise sehr graduell. Immer wieder gönnt er Paula geschickt einen Moment Freude, nur um diese danach ziemlich grausam wieder ins Gegenteil zu verkehren. Es ist so, als ob einer jemandem immer wieder eine Rettungsleine zuwirft, nur um diese dann schnell wieder wegzuziehen, während er gleichzeitig überzeugend weismacht, dass die Schuld daran ganz alleine bei einem selbst liegt. Gerade in der letzten halben Stunde ist das genauso grausam wie faszinierend anzuschauen, und man muss hier den Autoren wirklich ein großes Kompliment machen, dass sie nicht der Versuchung nachgegeben haben, durch extreme Melodramatik das alles unnötig zu überdrehen.
 


Dasselbe Kompliment darf man ebenfalls an die beiden Hauptdarsteller weitergeben. Mit Charles Boyer habe ich in der Rolle des romantischen Liebhabers ja in dieser Reihe schon öfter gefremdelt, da dessen französischer Akzent oft etwas klischeehaft eingesetzt wird und so zu glatt wirkt. Für die Rolle als durchtriebener romantischer Manipulator passt das aber natürlich perfekt, und gerade wenn Gregory seiner Paula wieder kurz eine Rettungsleine zuwirft, ist dessen charmantes Fake-Grinsen eine echte Augenweide. Den Film tragen tut aber Bergman, die gefühlt mit jeder Minute die Mischung aus jung, verletzlich und naiv, aber gleichzeitig doch auch irgendwie zäh und analytisch richtig gut hinbekommt. So leidet man auf der einen Seite mit ihr, doch da sie kein „wehrloses Opfer“ ist, bleibt die Figur auch noch richtig spannend und interessant. Und die letzte halbe Stunde, wenn ihre Figur zwischen Wahn und Wahrheit hin- und hergeschleudert wird, ist ein echter schauspielerischer Kraftakt mit einem absolut grandiosen Finish.

Zugegeben, in ein paar wenigen Momenten fallen Bergmans Gesten auch mal etwas theatralischer aus, als man das heute gewohnt ist, was ihre Leistung aber nicht wirklich schmälert. Ein wenig schade dagegen ist, dass der Plot rund um die Ermittlungen von Brian eher simpel daherkommt, was dem sehr charismatischen Joseph Cotten nur wenig Möglichkeiten gibt, so richtig zu glänzen. Dafür kommen wir in den Genuss des Leinwanddebüts einer blutjungen Angela Lansbury, die hier noch genau 40 Jahre von ihrer berühmten Rolle in der Serie "Mord ist ihr Hobby" entfernt war – und mit einer naiv-burschikosen Art erfrischend anders daherkommt (als Belohnung gab es gleich eine Oscar-Nominierung). Wie überhaupt das Ganze hier im Kontext der damaligen Zeit – oder zumindest dem, was ich davon bisher in dieser Reihe gesehen habe – eine gewisse Frische mitbringt: Psychothriller waren bei den Oscars bis dato ja eher selten gefragt. Und das ist dann doch mal ein richtig schöner Start in ein neues Oscar-Jahr.

"Das Haus der Lady Alquist" ist aktuell als DVD und via Prime Video auf Amazon in Deutschland verfügbar. 
 


Trailer zum Film
 


Ingrid Bergman erhält Ihren Oscar
 


Interview: Angela Lansbury gibt ein paar interessante Einblicke zum damaligen Studiosystem
 


Und da sind sie wieder: Ingrid Bergman und Charley Boyer in der Radio Lux Version von "Das Haus der Lady Alquist"

 


Ausblick
In unserer nächsten Folge darf Joseph Cotton schon wieder ran – und wir werden noch einmal daran erinnert, dass gerade noch der Zweite Weltkrieg tobt.

Bilder: Copyright

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