MOH (146): 17. Oscars 1945 - "Als du Abschied nahmst"
In unserer Serie "Matthias' Oscar History" (MOH) bespricht Matthias in jeder Folge jeweils einen der zwischen den Jahren 1929 und 2000 nominierten Oscar-Beiträge aus der Kategorie "Bester Film".
In unserer letzten Folge war ja das traute Eigenheim der bedrückende Ort eines Psycho-Krieges, heute drücken dort die Auswirkungen eines echten Krieges ebenfalls gehörig auf die Stimmung.
Als du Abschied nahmst
Ab und zu kam es in dieser Reihe ja vor, dass eine starke Eröffnungsszene von mir als exemplarisches Beispiel für die generelle Qualität des entsprechenden Films genutzt wurde. Nun, das geht natürlich auch umgekehrt. Gleich in den ersten Minuten beschleicht einen bei "Als du Abschied nahmst" nämlich das ungute Gefühl, dass dies hier ganz schön lange 177 Minuten werden könnten. Mal wieder als Kriegspropaganda dienend kommt dieses Drama unglaublich uninspiriert und unsubtil daher – und ausgerechnet die für die damalige Zeit namhafte Besetzungsliste entpuppt sich als eine der größeren Schwächen.
Dabei scheint der Beginn des Films im ersten Moment eigentlich ganz clever und subtil daherzukommen. Dass Familienvater Tim Hilton seine Liebsten für den Militärdienst verlässt, was der Auslöser für die Haupthandlung des Films ist, bekommen wir nämlich gar nicht gezeigt. Stattdessen will man alleine durch den direkten Nachhall dieses Ereignisses dessen emotionale Wucht und Wirkung auf den Rest der Familie verdeutlichen. So hinterlässt Tims Abreise eine am Boden zerstörte Ehefrau Anne (Claudette Colbert, "Es geschah in einer Nacht", "Imitation of Life"), deren beiden Töchtern Jane (Jennifer Jones, "Das Lied von Bernadette") und Bridget (Shirley Temple) es auch nicht viel besser geht. Doch Tims Weggang ist nicht nur emotional ein harter Schlag – auch finanziell reißt dieser ein großes Loch und man kann sich in der Folge nicht einmal mehr die Dienste der treuen Haushälterin Fidelia (Hattie McDaniel, "Vom Winde verweht") leisten.
Etwas finanzielle Linderung verspricht man sich durch die Aufnahme eines Untermieters: Colonel Smollett (Monty Woolley, "The Pied Piper"), ein alter, grimmiger Militär, der sich im Alltag als äußerst schwieriger Zeitgenosse erweist. Entspannter gibt sich dagegen der charmante Lieutenant Tony Willett (Joseph Cotten, "Citizen Kane", "Der Glanz des Hauses Amberson"), ein langjähriger Freund der Familie, dessen Besuche besonders bei Tochter Jane für akutes Herzklopfen sorgen. Doch hat nicht auch der etwas unbeholfene Bill (Robert Walker, "Madame Curie"), der Sohn des Colonels, ein Auge auf Jane geworfen? Es ist also einiges los im Hause Hilton – doch über allem liegt wie ein großer Schatten natürlich die Sorge um Tims Einsatz an der Front des Zweiten Weltkriegs.
"This is a story of the Unconquerable Fortress: the American Home...1943". Mit diesen Worten startet "Als du Abschied nahmst" in seine Geschichte und macht aus seiner patriotische Mission von Anfang an keinen Hehl. Wiedereinmal will man angesichts des zweiten Weltkrieges an die Pflichten und zu ertragenden Opfer der eigenen Zivilbevölkerung erinnern. Starproduzent David O. Selznick ("Vom Winde verweht", "Rebecca"), der sehr gerne möglichst prestigeträchtige Filme produzieren wollte, hat dafür mal wieder eine ziemlich namhafte Cast versammelt. Claudette Colbert war damals eine der größten und bestbezahlten weiblichen Stars Hollywoods und Joseph Cotten ebenfalls auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Mit Jennifer Jones, die im Jahr zuvor den Oscar für ihre Leistung in "Das Lied von Bernadette" gewonnen hatte, und Robert Walker hatte man dann auch noch zwei aufstrebende Jungstars an Bord –und obendrauf noch die als Kinderstar berühmt gewordenen Shirley Temple mit an Bord. Flankiert wird das von einigen bekannten Nebendarstellern, die alle irgendwie in den letzten Jahren die Gunst des Publikums gewonnen hatten (wie Hattie McDaniel in "Vom Winde verweht").
Für jeden was dabei, könnte man also sagen. Aus allem was dabei wiederum, wenn wir über die Handlung sprechen, denn die fühlt sich wie ein Mischmasch aus erfolgreichen Filmen der Jahre zuvor an. Was man gut am Beispiel unseres Colonel Smollett sieht, bei dem Schauspieler Monty Woolley im Wesentlichen seine Rolle aus "The Pied Piper" wiederholt. Dazu packt man noch ein paar Elemente aus "Immer mehr, immer fröhlicher", bei dem ja auch ein schwieriger älterer Untermieter eine Frau zur Verzweiflung trieb – wobei man gefühlt ein paar der Konflikte aus diesem Film einfach 1:1 hier kopiert. Die hatten aber schon damals bei mir nicht so richtig funktioniert, wirken hier aber nun noch ein Stück uninspirierter. Was sich sinnbildlich auf den ganzen Film übertragen lässt, wofür wir nun endlich „Beweisstück A“ auspacken und uns der bereits angesprochenen ersten Szene des Films widmen.
Die fühlt sich ein wenig wie inhaltliches Malen nach Zahlen an, denn wie man hier das Setting etabliert, könnte hölzerner nicht ausfallen. Da fährt die Kamera erst langsam über einen Kalender mit aktuellem Datum, dann auf den Einberufungsbefehl (mit genau diesem Datum), dann auf ein Hochzeitssouvenir und schließlich auf ein Foto der glücklichen Familie, bevor dann Anne schluchzend von der Verabschiedung ihres Mannes am Bahnhof kommend das Haus betritt. Elegant ist das nicht gerade gelöst, doch jetzt könnte eine so tolle Schauspielerin wie Colbert dem ja entgegentreten, indem sie alleine über ihre Mimik ihren inneren Schmerz auf die Leinwand bringt. Tut sie eigentlich in den ersten Sekunden auch, bevor dann ein absolut gruseliges Voice-over einsetzt, in dem ihre Figur noch einmal haarklein und vollkommen unnötigerweise erklärt, wie sie sich denn nun fühlt.
Wäre dies nur der Beginn, man könnte es unter Anlaufschwierigkeiten verbuchen. Soetwas passiert im Film aber leider immer wieder und wird in Kombination mit der altbackenen Inszenierung von John Cromwell nur noch schlimmer. Wenn Anne weinend in einem alten Bilderalbum blättert, steht auf dem nicht nur „Unser gemeinsames Album“ drauf (was sollte es bitte sonst sein), nein, die Kamera zeigt diesen Titel auch noch mal extra in Großaufnahme. "Als du Abschied nahmst" ist voll von solchen unnötigen Erklärungen und bleiernen Inszenierungen, was hier so gut wie nie einen wirklichen Flow aufkommen lässt. Man möchte einfach möglichst keinerlei Grauzonen oder Interpretationsspielraum aufkommen lassen, stattdessen uns mit simplem Melodrama und klischeehaften Beziehungskonflikten langweilen. Was es dann auch für so unglaublich charismatische Darsteller wie Colbert und Cotten extrem schwierig macht, auch angesichts der nicht gerade vor Kreativität sprühenden Dialoge, hier große Tiefe bei ihren Figuren zu generieren. Cotten gelingt es zumindest noch, sein Charisma ordentlich auszuspielen, Colbert wiederum schafft es aber eigentlich kaum, mehr als eine Hausfrau zu sein, die ihren Mann vermisst.
Sowohl Colbert als auch Cotten mögen zwar spürbar unterfordert sein, das ist aber kein Vergleich zu der Eintönigkeit und teils schauspielerischen Überforderung mancher Nebenrollen. Dass Shirley Temple bei ihrem Übergang von niedlichen zu etwas erwachseneren Kinderrollen so ihre Mühe hat und manchmal etwas zu theatralisch daherkommt, sei da noch verziehen. Das kann man nicht vom schauspielerischen Totalausfall von Jennifer Jones behaupten. Die macht hier das Gleiche wie in "Das Lied von Bernadette“, nämlich mit großen, naiven Kulleraugen in die Gegend zu schauen. Dort hatte sie aber noch die Ausrede, von der Vision der Jungfrau Maria ergriffen zu sein, wo dieser „Schauspielstil“ noch ausgereicht hat. Hier hat sie es aber mit komplexeren Gefühlen zu tun und scheitert dabei, diese irgendwie auszudrücken aber mal auf kompletter Linie. Vielleicht war sie aber ja auch schlicht überfordert von den Anweisungen von David O. Selznick. Mit dem hatte sie damals nämlich eine Affäre, und Selznick sah sich persönlich verpflichtet, über Jones’ Leistung am Set zu wachen. Er entschied dann auch eigenhändig darüber, wann eine Szene mit ihr final im Kasten war.
Diese Liebesbeziehung dürfte auch noch einen anderen Schauspieler am Set belastet haben, denn eigentlich war Jones mit Robert Walker verheiratet – der hier ausgerechnet den sich in Jane verliebenden einfachen Soldaten Bill gibt. Eine weitere flache Rolle, denn dessen anfangs noch ganz niedliche Tollpatschigkeit entpuppt sich als scheinbar einzige Charaktereigenschaft des jungen Mannes. Womit wir dann eine vollkommen charmefreie Liebesbeziehung über uns ergehen lassen müssen, die im weiteren Verlauf des Films auch noch immer mehr Zeit einnimmt. So richtig Mühe scheint sich dann selbst der gute alte Max Steiner nicht zu geben, denn dessen Soundtrack wirkt für die jeweilige Situation stets zu bemüht und klischeehaft. Einzig in Sachen Kameraarbeit und Ausstattung gibt es hier zumindest für das Auge immer wieder etwas Schönes zu bewundern. Das alleine kann aber eben nur schwer die mit 177 Minuten überlange inhaltliche Leere der Handlung übertünchen.
Am Ende kommt dann natürlich auch die zentrale Botschaft mit dem Holzhammer daher, wenn Colberts Charakter gefühlt aus dem Nichts sich selbst mangelnden Patriotismus vorwirft und dann natürlich vorbildlich entscheidet, endlich auch etwas für die Kriegsmaschinerie zu tun. Noch bezeichnender für die mangelnde Subtilität, mit der man hier das amerikanische Volk erziehen will, ist aber eine kleine Szene, in der ein Soldat, direkt von der Front kommend, freudestrahlend seinen ganzen Lohn der Staatskriegskasse spendet. All das macht "Als du Abschied nahmst" zu einer unglaublich zähen und langweiligen Angelegenheit, bei der das einzige Prestigeträchtige der Look des Filmes ist. Es gab trotzdem gleich neun Oscar-Nominierungen, auch wenn am Ende nur Max Steiner für seine Musik mit dem Goldjungen ausgezeichnet wurde. Zu gerne würde ich aber wissen, wie denn damals das Publikum in den USA wirklich über den Film gedacht hat. Der war zwar an der Kinokasse ein Erfolg, aber die Banalität des ganzen Geschehens auf der Leinwand kann doch auch damals keinem entgangen sein.
Wer zumindest noch ein bisschen Spaß bei dem Film haben will, darf mal auf das Framing von Claudette Colbert achten, denn die hatte in ihrem Vertrag festgelegt, dass nur ihre linke Gesichtshälfte prominent gezeigt werden sollte. Wodurch man zumindest ein wenig Freude hat, mitzuraten, wie die Inszenierung immer wieder diese Vorgabe löst. Oder man recherchiert nebenher ein wenig zu dem jungen Schauspieler Guy Madison, der hier einen kleinen, aber durchaus markanten Auftritt als GI hat. Mit dem Ergebnis, dass dieser später im Karl-May-Vehikel "Old Shatterhand" einen Auftritt als Bösewicht hatte und er einem vermutlich deshalb irgendwie vertraut vorkam. Man sieht aber: Wenn man dafür Zeit hat, kann es mit dem Entertainmentfaktor des Filmes jetzt nicht weit gekommen sein. So ist das halt – wenn man nach Perlen taucht, landet man halt manchmal im Morast der Langeweile. Aber dann kann man zumindest andere warnen. Bitte, gern geschehen.
"Als du Abschied nahmst" ist aktuell als Blu-ray und DVD-Import auf Amazon in Deutschland verfügbar. Alternativ ist der Film auch auf der Webseite des Internet Archive kostenlos abrufbar.
Trailer des Films.
Interview: Shirley Temple spricht über ein traumatisches Erlebnis in ihrer Zeit als Kinderdarstellerin beim Studio MGM Anfang der 1940er. Und wer nicht genug hat, in anderen Videos auf Youtube berichtet sie, wie Kinder am Set zum "Abkühlen" in dunkle Boxen gesperrt wurden. "Gute alte Zeit" wird danach wohl keiner mehr sagen.
Ausblick
In unserer nächsten Folge heißt es mal wieder Klassiker-Alarm, wenn wir auf einen der berühmtesten Vertreter des Film-Noir-Genres stoßen.
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