MOH (147): 17. Oscars 1945- "Frau ohne Gewissen"
In unserer Serie "Matthias' Oscar History" (MOH) bespricht Matthias in jeder Folge jeweils einen der zwischen den Jahren 1929 und 2000 nominierten Oscar-Beiträge aus der Kategorie "Bester Film".
In unserer letzten Folge hatte Hollywood sich ganz dem Zusammenhalt einer Familie während Kriegszeiten gewidmet. Der heutige Film setzt dagegen auf eine deutliche toxischere Beziehung zwischen seinen Hauptfiguren.
Frau ohne Gewissen (MOH)
Als wir in dieser Reihe vor Kurzem "Die Spur des Falken" als mögliche Geburtsstunde des Film Noir betitelt haben, hatten wir darauf hingewiesen, dass so ein Filmgenre ja nicht über Nacht entsteht. Viele der genretypischen Elemente ploppen meist vorher hier und da schon auf, und irgendjemand bringt diese irgendwann zum ersten Mal sinnvoll zusammen. In "Die Spur des Falken" kam das noch etwas roh daher, wirklich perfektioniert wurde es aber schließlich in einem anderen Werk. Billy Wilders "Frau ohne Gewissen" bringt die für den Film Noir so typischen Merkmale und Stilmittel so vollendet auf die Leinwand, dass ab dem Jahr 1944 ein neuer Goldstandard gesetzt war (wohlgemerkt in Retrospektive, da das Genre erst ein paar Jahre später als solches von einem französischen Filmkritiker "identifiziert" wurde). Die größte Kunst von "Frau ohne Gewissen" ist es dabei aber, dem für das Genre so typischen Fatalismus hier ausgerechnet durch das Hinzufügen einer von viel Respekt und schon fast Zuneigung geprägten Männerbeziehung eine enorme emotionale Wucht zu verleihen.
So gar nicht glücklich mit ihrer Beziehung ist im Film auf jeden Fall die attraktive Phyllis Dietrichson (Barbara Stanwyck). Sie kann der Ehe mit ihrem reichen Mann (Tom Powers) so gar nichts Positives abgewinnen. Naja, höchstens finanziell. Als eines Tages nämlich der von seinem Beruf etwas frustrierte Versicherungsvertreter Walter Neff (Fred MacMurray, "Alice Adams") vorbeischaut, erkundigt sich Phyllis etwas zu offensichtlich nach den Vorteilen einer Lebensversicherung für ihren Liebsten. Walter ahnt die wahren Motive dahinter, ist aber nicht nur von der Chance auf Reichtum, sondern auch den Reizen der Dame sehr angetan. Schnell soll ein gemeinsamer Plan für ein verfrühtes Ableben von Phyllis’ Ehemann gestrickt werden, den Walter aber ganz besonders wasserdicht gestalten will – schließlich ist sein Chef Barton Keyes (Edward G. Robinson, "Spätausgabe") für sein besonders feines Näschen in Sachen Versicherungsbetrug bekannt.
Was "Frau ohne Gewissen" in seinen 107 Minuten abliefert, ist eine Art Best-of von all dem, was man heutzutage mit dem Genre des Film Noir verbindet. Da wäre natürlich der für das Genre so typische Fatalismus, aus dem der Film von Anfang an keinen Hehl macht. Dazu bedient er sich zweier Stilmittel, die zukünftige Genre-Vertreter ebenfalls nur zu gerne aufgegriffen haben: eine Story, die als große Rückblende erzählt wird, und eine Hauptfigur, die aus dem Off von Anfang an mit einer lakonischen "hätte ich doch besser wissen müssen"-Haltung die fatalistische Grundstimmung setzt. Was dann auch gleich zu Beginn in einem der schönsten Zitate der Filmgeschichte mündet, das wir auch schon in unserer Gold-Kritik auf dieser Seite gefeiert haben: "I did it for the money. I did it for a woman. I didn't get the money. And I didn't get the woman." Selten haben Worte einen Film und eigentlich auch ein ganzes Genre so perfekt auf den Punkt gebracht wie diese erste Feststellung von Walter, wenn er das Geschehen schon zu Beginn Revue passieren lässt.
Die Grundstimmung ist also gesetzt, fehlt natürlich noch eine eiskalte und hochmanipulative femme fatale. Interessanterweise ist deren Rolle hier aber weniger als cleveres Mastermind ausgelegt, sondern kommt mehr verrucht und eher auf simple Weise durchtrieben daher. Weder ihr Aussehen (Grüße gehen an eine billig wirkende Perücke) noch ihre Wortwahl lässt auf eine Walter intellektuell überlegene Gegenspielerin schließen, doch gerade das macht das Zusammenspiel und die Manipulation von Walter so faszinierend. Mit ihrer Leistung gelang Barbara Stanwyck dann auch die Blaupause für die typische femme fatale, die ohne Skrupel und unter Einsatz all ihrer Reize ihren Plan durchzieht. Ihr Gegenüber ist natürlich der diesen Reizen nicht widerstehen könnende männliche Protagonist. Der ist hier zwar kein für das Genre typischer Privatdetektiv, steuert am Ende aber wie alle seine Kollegen mehr oder weniger sehenden Auges in den eigenen Untergang. Hier beweist "Frau ohne Gewissen", nicht zum einzigen Mal, ein cleveres Händchen in Sachen Casting und wählt mit Fred MacMurray einen Darsteller, der sowohl von seinem Aussehen als auch seinen bisherigen Rollen eher als braver Durchschnittsbürger durchging.
So ertappt man sich leicht dabei, eine kleine Grundsympathie für Walter zu entwickeln – die angesichts dessen Verhaltens eigentlich überhaupt nicht zu rechtfertigen ist. Das sorgt aber für eine gewisse Identifikation mit der Figur und ein interessantes Spannungsfeld, wobei es eine besondere Freude ist, Walter und Phyllis bei ihrem gegenseitigen "Manipulations-Tanz" zu beobachten. Dass beide sich auch noch für deutlich cleverer halten, als sie eigentlich sind, macht deren verhängnisvolle Partnerschaft für Außenstehende nur noch unterhaltsamer. Zwei Figuren, die von Anfang an auf die falsche Spur abbiegen und von deren Scheitern wir einfach nicht die Blicke lassen können. Was natürlich auch daran liegt, dass deren Reise mit einem Haufen großartiger Dialoge gepfeffert und das sich vor uns entfaltende Drama durch manch nettes Augenzwinkern wundervoll aufgelockert wird.
Gerade in der zweiten Hälfte gelingt dem Film dazu noch ein immer intensiver werdender Spannungsaufbau, da sich die beiden Hauptfiguren nun immer häufiger gerade noch so aus schwierigen Situationen befreien können – nur um dann direkt festzustellen, dass sie immer noch Gefangene des eigenen und nicht mehr rückgängig zu machenden Lügengebildes sind. Das wird auch visuell wundervoll aufgegriffen, denn das tolle Spiel aus Licht und Schatten packt Figuren und Szenen in bester Noir-Manier auch immer wieder optisch "hinter Gitter". Doch so gelungen die konsequente Inszenierung von Billy Wilder auch ist, das eigentliche Meisterstück ist hier das Drehbuch – denn dem gelingt so etwas wie die Quadratur des Kreises.
Wir erinnern uns, der sogenannte Production Code gab zur damaligen Zeit nur Drehbücher frei, die moralisch nicht zu verwerflich daherkamen. Verbrechen durfte sich nicht lohnen, Mord nicht verherrlicht werden, Ehebruch war verpönt und Sex durfte natürlich sowieso keine Rolle spielen. Schon Mitte der 1930er Jahre hatte sich das Studio MGM die Buchvorlage des Films gesichert, war aber bei der Stoffentwicklung bei dem den Production Code überwachenden Hays Office verständlicherweise auf Granit gestoßen. Bis sich schließlich Billy Wilder des Stoffes annahm, aber erst mal auch nicht vorankam – sein bisher verlässlicher Schreibpartner Charles Brackett warf schon bald frustriert das Handtuch. Was dann wohl zur besten Entscheidung der ganzen Produktion führte, denn Wilders Wahl für einen Kompagnon fiel auf den durch die Hardboiled-Kriminalromane mit Philip Marlowe bekannt gewordenen Autor Raymond Chandler. Der fand gemeinsam mit Wilder clevere Wege, um den Production Code auszutricksen, und lieferte dazu noch jede Menge mit Zynismus getränkte und richtig starke Dialogzeilen. Ein kleiner Cameo im Film war sogar auch drin, wirklich angenehm war die Zusammenarbeit mit Wilder aber wohl nicht, da Chandler es vielen seiner Figuren gleichmachte und während des Schreibprozesses dem Alkohol verfiel.
Offensichtlich scheinen ein paar Getränke mehr oder weniger ihn aber nicht davon abgehalten zu haben, ein tolles Drehbuch abzuliefern, das die moralischen Grenzüberschreitungen der Geschichte oft lediglich über subtile Andeutungen kommuniziert. Das war ja schon seit jeher ein bewährtes Mittel, um den Production Code auszumanövrieren, und überhaupt ist es ja oft interessanter, wenn Dinge nicht offen ausgesprochen, sondern der Fantasie des Publikums überlassen werden. Sex ist halt meist geheimnisvoller, wenn er in der Luft liegt und nicht offen gezeigt wird, und wenn "Frau ohne Gewissen" hier bei einem Mord wegblendet und stattdessen die kühle Reaktion von Phyllis darauf zeigt, hinterlässt das am Ende einen viel intensiveren Eindruck. So braust das Drehbuch ohne jegliches Gramm Fett durch das Szenario, sorgt immer wieder für spannende neue Dynamiken zwischen den Figuren und garniert das mit treffsicheren Dialogen und einer bedrückenden Atmosphäre. Gerade in der zweiten Hälfte zieht dabei die Spannungskurve noch mal richtig an, wenn Walters Boss seinem Schützling immer näher auf die Pelle rückt.
Genau für diese Figur darf sich das Autorenduo Wilder und Chandler am Ende das größte Lob abholen, denn der Barton Keyes im Film ist deutlich anders angelegt als der aus der Buchvorlage und avanciert im Film nun zu dessen größter Stärke. Man bastelt sich hier nämlich eine Art Mentor-Schüler-Beziehung, die schon bald zum eigentlichen Herz des Filmes wird. Der Versicherungsbetrug fühlt sich fast wie ein Spiel zwischen Walter und Barton an, bei dem ersterer eine gehörige Portion Respekt für seinen Ziehvater mitbringt. So viel, dass man zwischendurch fast das Gefühl hat, Walter macht das alles nur, um sich vor Barton beweisen zu können – während dieser lange Zeit nicht ahnt, dass der wahre Gegner in den eigenen Reihen lauert. Mit Schauspielveteran Edward G. Robinson gelingt dem Film dabei ein perfektes Casting, bei dem jeder Auftritt des alten Recken eine wahre Freude ist. Diese nehmen im Verlauf des Filmes immer weiter zu, was ein Segen für den Film ist. Dass genau diese Beziehung am Ende für ein wundervolles, ja fast poetisches Schlussbild sorgt, ist dann noch die Kirsche auf der Torte. Wie das in der Filmgeschichte oft so ist, war es eigentlich anders geplant und die eigentliche Schlussszene auch schon gedreht. Doch Wilder, und das zeichnet eben große Regisseure aus, vertraute seinem Instinkt und erkannte, wo hier das eigentliche emotionale Herz des Filmes liegt.
Eine von vielen richtigen Entscheidungen von Wilder, der am Ende das vollendet, was Filme wie "Die Spur des Falken" begonnen hatten – den perfekten Film Noir zu erschaffen. Wobei perfekt natürlich immer ein dehnbarer Begriff ist, denn ein paar kleinere Schwächen verstecken sich doch auch hier – wie zum Beispiel ein schauspielerisch etwas überforderter Richard Gaines als Bartons Vorgesetzter, der aber glücklicherweise nur kurz zu sehen ist. Am Ende hinterlässt "Frau ohne Gewissen" aber einen unglaublich runden und vor allem unterhaltsamen Eindruck. Dafür regnete es gleich sieben Oscar-Nominierungen, darunter "Beste Regie", "Bestes adaptiertes Drehbuch" und "Beste Hauptdarstellerin". Der Film ging am Ende aber komplett leer aus, was aber zumindest zum Genre und seinen Hauptfiguren ja wieder ganz gut passt. Und Billy Wilder sollte sich nicht lange grämen, sein erster großer Oscar-Triumph sollte, wie wir in dieser Reihe bald sehen werden, nur noch ein Jahr entfernt sein.
"Frau ohne Gewissen" ist aktuell als Blu-ray und DVD auf Amazon in Deutschland verfügbar. Alternativ ist der Film auch auf der Webseite des Internet Archive kostenlos abrufbar.
Trailer des Films.
Szene: Barton bringt Walter in Bedrängnis.
Interview: Billy Wilder spricht über das eigentlich geplante Ende des Films
Radio-Version: Auch hier gab es eine Lux-Radio-Version des Films – in Bestbesetzung.
Ausblick
In unserer nächsten Folge geht es wieder deutlich anständiger zu, wenn ein US-Präsident den Weltfrieden sichern möchte.
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