MOH (148): 17. Oscars 1945 - "Wilson"
In unserer Serie "Matthias' Oscar History" (MOH) bespricht Matthias in jeder Folge jeweils einen der zwischen den Jahren 1929 und 2000 nominierten Oscar-Beiträge aus der Kategorie "Bester Film".
In unserer letzten Folge war es um die Moral und die großen Ideale unserer Hauptfiguren nicht wirklich gut bestellt, heute dagegen hegt unser zentraler Protagonist den ehrbaren Traum des Weltfriedens.
Wilson
Es reicht jetzt langsam. Zum wiederholten Mal in den letzten Wochen startet ein Oscar-Beitrag aus dieser Reihe mit der amerikanischen Nationalhymne, und zum wiederholten Mal folgt dem ein eher durchwachsen-unterhaltsamer mehrstündiger Versuch, das amerikanische Volk angesichts des Zweiten Weltkrieges an die eigenen Werte und Ideale zu erinnern. Diesmal verpackt in einer leider viel zu ereignislosen Biografie des US-Präsidenten Woodrow Wilson, die zwar durch ihre opulente Ausstattung beeindruckt, inhaltlich aber gefühlt im Schritttempo und eher lieblos einfach nur dessen wichtigste beruflichen Stationen abhakt. Und die gerade dann, wenn es thematisch wirklich interessant wird, auf einmal keine Zeit mehr übrig hat.
Um das amerikanische Publikum während des Zweiten Weltkriegs nicht zu auffällig zu "erziehen", blickte Hollywood in den 1940er Jahren für moralische Vorbilder sehr gerne in die Vergangenheit zurück. Für "Wilson" hat man sich dabei den 28. Präsidenten der Vereinigten Staaten ausgesucht und fokussiert sich dabei vor allem auf dessen politische Laufbahn. Dessen Präsidentschaft an der Elite-Universität Princeton weckt im Jahr 1910 das Interesse einiger Geschäftsleute in New Jersey, die dem reformfreudigen Akademiker einerseits gute Chancen bei der Gouverneurswahl des Bundesstaats einräumen, gleichzeitig den guten Mann aber auch für leicht kontrollierbar halten. Einmal gewählt, zeigt Woodrow Wilson (Alexander Knox) aber schnell, dass er seine Ideale nicht vom lokalen Klüngel verwässern lässt. Seine Entschlossenheit und Integrität bringt Wilson bald in eine aussichtsreiche Position für das höchste Amt im Land. Ein Ziel, das er dank der Dienste einiger treuer Begleiter, wie dem befreundeten Henry Holmes (Charles Coburn, "Immer mehr, immer fröhlicher", "Ein himmlischer Sünder") und dem Anwalt Joseph Tumulty (Thomas Mitchell, "Der lange Weg nach Cardiff", "Ringo"), schließlich auch erreicht. Doch in seiner Amtszeit als Präsident sorgt nicht nur der Ausbruch des Ersten Weltkrieges für große Herausforderungen, auch ein privater Schicksalsschlag raubt dem sonst so nüchtern agierenden Wilson einiges an Kraft.
"Wilson" ist eine der großen Prestigeproduktionen, die im Jahr 1944 in die amerikanischen Kinos kam. Treibende Kraft hinter der Produktion war der legendäre Filmproduzent und Mitgründer von 20th Century Fox Darryl F. Zanuck, der für diesen Film ordentlich den Geldbeutel des Studios öffnete. Und das sieht man auf der Leinwand, denn hier wird visuell auf Spektakel gesetzt, mit großen Sets und Massen an Statisten – und das alles in "glorious technicolor". Gerade die bis auf den letzten Platz gefüllte riesige Halle, in der die demokratische Partei ihre Nominierung beschließt, ist ein beeindruckender Anblick. Ein absolutes Chaos, bei dem jeder Bundesstaat einen farbenfrohen Trupp schickt und eine wilde Oktoberfest-Atmosphäre herrscht. Später liefert der Film dazu auch noch beeindruckende Sets des Weißen Hauses und sogar einen aufwendigen Nachbau des Palasts von Versailles – der gefühlt nur für wenige Minuten überhaupt zu sehen ist.
An Geld hat es hier also nicht gemangelt, eingespielt hat der Film dieses aber nicht. "Wilson“ entpuppte sich als veritabler Flop an der Kinokasse, was an Zanuck, der ein großer Verehrer des 28. Präsidenten war, noch Jahre später nagte. Die von Wilson im Film proklamierte Idee eines weltumspannenden Friedens sei wohl damals einfach nicht erwünscht gewesen, versuchte Zanuck später in einem Interview zu erklären. Vermutlich liegt die Antwort aber eher darin, dass die Figur des Wilson damals beim Volk nur mäßig populär und der Film zu offensichtlich politisch angehaucht war – für die Sehnsucht nach Eskapismus in Kriegszeiten ist das nun eher ungeeignet. Eine noch überzeugendere Antwort ist aber wohl, dass der Film auch einfach nicht wirklich gut ist und abgesehen von seiner visuellen Opulenz kaum etwas zu bieten hat.
Schön zeigen kann man diese inhaltliche Leere an eben genau jenen Szenen im Convention Center. Gefühlt minutenlang sieht man hier die Delegationen durch die Halle ziehen, was trotz optischem Spektakel auf Dauer einfach ermüdend ist. Wenn dann die Politiker die Bühne betreten, besteht das eigentlich nur aus deren kurzer Vorstellung und wenigen belanglosen Sätzen. Gefühlt ist das hier reines Namedropping – mit dem Problem, dass dies vielleicht für das damalige Publikum zumindest einen Wiedererkennungsmoment bedeutete, heute aber angesichts von Unwissen über diese Zeit nur ein Schulterzucken auslöst. Tatsächliche Handlung sucht man hier vergebens, stattdessen setzt der Film lediglich auf oberflächliche Nostalgie und die Wucht des Spektakels. Ähnlich verhält es sich, wenn unser Präsident in seiner Freizeit eine Vaudeville-Vorstellung besucht. Aus heutiger Sicht wirkt diese ganze Sequenz banal und zäh. Das damalige Publikum dürfte aber wohl registriert haben, dass hier der damals bekannte Eddie Foy Jr. seinen noch legendäreren Vater Eddie Foy Sr. spielt (was er übrigens schon wenige Jahre zuvor im ebenfalls Oscar-nominierten "Yankee Doodle Dandy" getan hatte).
„Guck mal, kennst du das nicht von früher?“ – sich rein auf diese Taktik zu verlassen ist schon für damalige Verhältnisse dünn, sorgt aber eben heute erst recht für ein Gähnen. Diese „Faulheit“ des Drehbuchs erreicht später noch einen unrühmlichen Höhepunkt, wenn einfach lange Passagen aus alten US-Wochenschauen gezeigt werden, um wichtige politische Entwicklungen zu demonstrieren. Mal abgesehen davon, dass man auch immer wieder einfach eine Zeitung ins Bild hebt, um auf Meilensteine der Geschichte hinzuweisen – anstatt deren Kommunikation eleganter den Figuren in den Mund zu legen. So gelingt es Regisseur Henry King ("Chicago", "Jahrmarktsrummel") auch mit der Inszenierung viel zu selten, in "Wilson" irgendwie Emotionen zu generieren. Was alles zusammen zu einem Ergebnis führt, das schon bei Veröffentlichung des Filmes ein Kritiker perfekt in Worte fasste: „The effect of the movie is similar to the one produced by the sterile post-card albums you buy in railroad stations“.
Dass der Film emotional so unterkühlt daherkommt, liegt aber auch an einer Hauptfigur, die lange Zeit keinen wirklichen inneren Konflikten ausgesetzt ist. Der gute Wilson ist einfach zu gut – er agiert stets moralisch integer und trifft nur selten auf wirklich große Widerstände. Die etwas dunkleren Seiten der Figur, Wilson führte in den Bundesbehörden zum Beispiel die Rassentrennung wieder ein, werden natürlich komplett ausgeblendet. Dazu erhält man kaum interessante private Eindrücke und der einzige richtig große persönliche Schicksalsschlag scheint von Wilson innerhalb von wenigen Minuten verarbeitet. Einen wirklichen Vorwurf kann man Hauptdarsteller Alexander Knox dabei nicht machen, denn dessen Darstellung als faktenorientierter Akademiker fällt durchaus überzeugend aus – und ist wohl auch sehr dicht dran am echten Woodrow Wilson. Knox schafft es durchaus, eine Grundsympathie für die Figur zu generieren, bekommt aber halt einfach zu wenig Interessantes zu tun.
Hätte man wenigstens ein paar schillernde Nebenfiguren, wäre das ja vielleicht noch besser verschmerzbar. Aber die haben auch keine Ecken und Kanten. Charles Coburn darf als Henry Holmes immer nur ein paar lakonische Sprüche raushauen und der eigentlich von mir sehr geliebte Thomas Mitchell in seiner Funktion als Anwalt stets nur übereifrig ins Bild rennen, um Neuigkeiten zu verkünden. Immerhin geht "Wilson" mit seiner patriotischen Botschaft lange Zeit nicht zu offensichtlich hausieren. Erst gegen Ende, wenn Wilson zum Beispiel einen deutschen Botschafter belehrt, wird deutlich, dass man hier vor allem ein Statement zum Zweiten Weltkrieg abgeben will.
So plätschert der Film lange Zeit relativ banal und unemotional dahin, bis ganz am Schluss auf einmal Leben in die Bude kommt. Da macht Wilson die Idee eines Völkerbundes, der den Weltfrieden garantieren soll, zu seiner persönlichen Mission. Jetzt gibt es auf einmal echte Leidenschaft, richtigen Widerstand und einen klaren Gegenspieler. Nun steht wirklich etwas auf dem Spiel, da Wilson für seine Überzeugung sogar die eigene Gesundheit riskiert. Leider bindet der Film diesen interessanten Abschnitt aber viel zu schnell ab, sodass sich dieser Teil eher wie ein kleines Anhängsel anfühlt, das nie so richtig Wucht entfalten kann.
Immerhin endet "Wilson“ damit aber auf einer leicht positiven Note. Dass man aber gleich zehn Oscar-Nominierungen und davon fünf Siege (bestes Originaldrehbuch, bester Schnitt, bester Ton, beste Kamera für einen Farbfilm und bestes Szenenbild für einen Farbfilm) einheimsen konnte, erscheint trotzdem nicht gerechtfertigt. Aber der Academy dürfte wohl schon damals klar gewesen sein, dass man das große Prestigeprojekt eines der mächtigsten Hollywood-Produzenten besser nicht ignoriert. Der Geschichte sah das anders und heute ist "Wilson“ ziemlich in Vergessenheit geraten – nicht mal einen Filmtrailer konnte ich im Netz entdecken. In wirklich guter Qualität ist der Film auch nicht auffindbar, was angesichts des tollen Setdesigns und der Bilder ein wenig schade ist. Am Ende gibt einem "Wilson“ aber einfach zu wenig Gründe, um dieser Tatsache wirklich lange nachzutrauern.
"Wilson" ist aktuell als DVD auf Amazon in Deutschland verfügbar.
Szene: President in love
Interview: Produzent Darryl F. Zanuck über seine Enttäuschung, dass der Film an der Kinokasse nicht ankam
Premiere: Aufnahmen von der Premiere des Films
Doku: Kleine Doku zu Woodrow Wilson (entstanden als Begleitmaterial zur "Indiana Jones"-Serie)
Radio-Ansprache: Der Präsident im O-Ton
Ausblick
In unserer nächsten Folge treffen wir mal wieder auf einen meiner Lieblingsregisseure – der sich am Ende sowohl die Gold-Statue für den Film als auch seine Inszenierung sichern konnte.
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