MOH (149): 17. Oscars 1945 - "Der Weg zum Glück"
In unserer Serie "Matthias' Oscar History" (MOH) bespricht Matthias in jeder Folge jeweils einen der zwischen den Jahren 1929 und 2000 nominierten Oscar-Beiträge aus der Kategorie "Bester Film".
In unserer letzten Folge hatte man das kriegsmüde Volk noch versucht mit seriöser Politik zu begeistern – erfolgreicher war dagegen im Jahr 1944 der warmherzigere Ansatz des späteren Oscar-Gewinners "Der Weg zum Glück".
Der Weg zum Glück
Es gibt eine schöne kleine Anekdote zur 17. Oscar-Verleihung im März 1945. Als Leo McCarey auf die Bühne gerufen wurde, um die Auszeichnung als bester Regisseur für seine Inszenierung von "Der Weg zum Glück" entgegenzunehmen, musste er an Billy Wilder vorbei. Der hatte sich in dem Jahr für seine atmosphärische Inszenierung von "Frau ohne Gewissen" eigentlich gute Chancen auf den Goldjungen ausgerechnet und war nun so frustriert, dass er dem guten McCarey versuchte ein Bein zu stellen. Die Aktion schlug (glücklicherweise) fehl, McCarey kam unbeschadet zur Bühne und Wilder verharmloste seinen "Fehltritt" später ironisch als kleine Racheaktion. Sein damaliger Ärger ist aber zum Teil verständlich, denn die Entscheidung der Academy ist (bei all meiner Liebe für McCarey) nicht wirklich nachvollziehbar. Auch wenn McCareys feines Händchen für Schauspielführung auch hier wieder zu spüren ist, ist "Der Weg zum Glück" zwar nettes aber recht simples Gute-Laune-Kino, dessen damaliger großer Erfolg beim Publikum wohl mehr der Stimmung im Land als der Qualität des Filmes geschuldet sein dürfte.
Mit jeder Menge guter Laune kommt auf jeden Fall auch der junge katholische Pfarrer Chuck O’Malley (Bing Crosby) nach New York. Er soll die etwas prekäre finanzielle Situation der dortigen St. Dominic's Catholic Church lösen und eigentlich deren mürrischen alten Pfarrer Fitzgibbon (Barry Fitzgerald, "Der lange Weg nach Cardiff") beerben. Das erzählt er diesem aber nicht, setzt stattdessen erstmal auf Zusammenarbeit und bringt mit seiner Lockerheit schnell frischen Wind in die Gemeinde. Und eine ordentliche Portion Musik, denn nur zu gerne setzt sich Chuck ans Klavier und spielt ein paar seiner selbstkomponierten Stücke, mit denen er früher einmal von einer Musikkarriere geträumt hatte. Diesen Traum hat sich inzwischen seine Jugendfreundin Genevieve Linden (Risë Stevens), die Chuck nach langer Zeit überraschend trifft, als Sängerin an der berühmten Metropolitan Opera erfüllt. Chuck scheint aber erst einmal deutlich kleinere musikalische Brötchen backen zu wollen und plant mit Hilfe eines Chorprojektes einer lokalen Jugendbande die Flausen auszutreiben.
Es dauert knapp 29 Minuten, bis sich in "Der Weg zum Glück" Chuck an ein altes Klavier in seiner Pfarrei setzt. Es wird nicht das einzige Klavier sein, das in diesem Film auftauchen wird – was ein untrügliches Indiz dafür ist, dass hinter der Kamera vermutlich ein gewisser Leo McCarey ("Ein Butler in Amerika", "Die schreckliche Wahrheit") seine Strippen zieht. Dessen Laissez-faire Regiestil habe ich in dieser Reihe ja schon mehrmals gefeiert, setzte er sich doch stets während seiner Dreharbeiten immer wieder gerne spontan ans Klavier (was deren häufiges Auftauchen in seinen Filmen erklärt), um Inspiration für die nächste meist sehr improvisierte Szene zu erhalten. In "Der Weg zum Glück" lässt sich dieser "Klavier-Überschuss" aber natürlich besonders gut verkaufen, schließlich hatte man mit Bing Crosby den erfolgreichsten Musiker seiner Generation als Hauptdarsteller an Bord. Was dazu führt, dass dieser hier immer mal wieder zwischendrin ein kleines Lied zum Besten gibt.
In Deutschland ist Crosbys Name ja vielen nur bedingt geläufig und tritt meist nur an Weihnachten in Erscheinung, wenn sein Stück "White Christmas" im Radio hoch und runter läuft. Dass er einer der erfolgreichsten Musiker des letzten Jahrhunderts war, geht dabei oft unter. Was vor allem daran liegt, dass sein Erfolg zum Großteil in den USA verankert ist und seinen Höhepunkt in den 1930er- und 1940er-Jahren fand, in denen Deutschland nicht gerade für seine Kulturoffenheit bekannt war. In den USA war Crosby dagegen in dieser Zeit die "Stimme des Landes" und so etwas wie der erste Multimediastar. Mit seinen ruhigen, sehr intimen und oft warmherzigen Songs verkaufte er Millionen von Platten, war mit eigenen Shows im Radio erfolgreich und avancierte in einer mehrteiligen Filmreihe (im Gespann mit seinem Kollegen Bob Hope) auch noch auf der großen Leinwand zu einem der beliebtesten Komiker des Landes. Diesem Mann gelang einfach alles. Und weil das so war, wurde natürlich auch "Der Weg zum Glück" nicht nur zum erfolgreichsten Film des Jahres an der Kinokasse, sondern brachte Crosby auch direkt den Oscar für den besten Hauptdarsteller ein.
Es war nicht der einzige Oscar für den Film, der bei zehn Nominierungen gleich sieben Mal siegreich war (neben "Bester Film", "Beste Regie" und "Bester Hauptdarsteller" auch noch in den Kategorien "Bester Nebendarsteller", "Beste Originalgeschichte", "Bestes Drehbuch" und "Bester Song"). Dass der Film wiederum beim Publikum so gut ankam, hat aber wohl weniger mit seiner künstlerischen Qualität zu tun, als vielmehr mit seinem wohligen Kaminfeuer-Flair. Das von dem Schrecken des Krieges zermürbte Volk sehnte sich nach etwas Optimismus und da kam die Geschichte eines doch schon arg romantisierten Pfarrers gerade recht. Chuck gibt hier eine Art perfekten Schwiegersohn mit moralisch exakt ausgerichtetem Kompass, der aber auch nicht zu zugeknöpft daherkommt. Da wird so schon mal Verständnis für Jugendliche aufgebracht, die beim Baseballspielen aus Versehen ein Fenster zerstören, und überhaupt kommen Chucks friedfertige Botschaften stets mit einer kleinen Dosis Lausbubencharme und Lockerheit daher.
Mit einer wirklich fokussierten Handlung kommt der Film wiederum nicht daher. Dass auf der Kirche eine große Hypothek lastet, die dringend abbezahlt werden müsste, scheint Chuck schon nach ein paar Minuten nicht mehr zu kümmern. Stattdessen kümmert er sich lieber um verschiedene kleine Sorgen in seiner neuen Gemeinde – deren Lösung stets schön in ein wenig charakterliche Zuckerwatte verpackt wird. Das sorgt zwar immer wieder für ganz nette Momente, eine richtige Dynamik oder Tiefe entwickelt sich aber nie. Da wird ein bisschen mit dem Jugendchor geprobt, mal einem von daheim ausgebüchsten jungen Mädel geholfen oder entspannt am Klavier geklimpert. Manche Storybeats sind dazu noch aus früheren Oscar-Beiträgen wie "Vater dirigiert" oder "Teufelskerle" vertraut und obendrauf haut man dann gefühlt noch ein wenig märchenhafte Niedlichkeit à la Frank Capra ("Lady für einen Tag", "Lebenskünstler"). So mäandert die Handlung lange etwas unschlüssig dahin und wird dann auch nicht gerade dadurch dynamischer, dass man immer mal wieder Crosby ans Klavier setzt und ein paar ruhige Songs spielen lässt.
Ein Aspekt der Geschichte funktioniert dann aber doch ziemlich gut und kann hier und da immer mal wieder Emotionen schüren. Zwischen Chuck und dem alten Fitzgibbon entwickelt sich nämlich eine interessante Dynamik, die vor allem daher rührt, dass Fitzgibbon irgendwann realisiert, dass er sozusagen aus seinem Job gedrängt werden soll. Seine Reaktion ist eine Art kindliche Trauer, bei der die Figur komplett verloren wirkt – was in der schönsten Szene des Films mündet, in der sich Fitzgibbon nach seiner Mutter sehnt und Chuck ihm ein beruhigendes Schlaflied summt. Das ist nicht nur großartig von Barry Fitzgerald gespielt, der für den Film ironischerweise sowohl als bester Hauptdarsteller als auch bester Nebendarsteller nominiert war (mehr dazu hier) und für letzteren dann auch gewann. Es ist auch unglaublich liebevoll und relativ kitschfrei inszeniert, womit wir dann auch bei der zweiten größeren Stärke des Films wären.
Denn natürlich ist McCarey einfach ein zu guter Regisseur und Improvisateur, vor allem was die Schauspielführung angeht, um einem hier nicht immer mal wieder ein kleines Lächeln auf die Lippen zu zaubern. Seine hier nun sogar Oscar-prämierte Leistung mag zwar nicht eine seiner stärksten sein, davon abschneiden könnten sich viele andere Regisseure aber immer noch was. Das von ihm mitgestaltete und leider zu unfokussierte Drehbuch ist da schon eher das Problem, das dem durchaus charmanten Bing Crosby auch nie wirklich eine Chance gibt, mehr als nur der nette Pfarrer von nebenan zu sein. So richtig dramatisch und aufregend wird es dann erst am Schluss, wobei dieses Drama nun etwas überhastet abgespult und ein wenig lose an die Haupthandlung angetackert wirkt. Glücklicherweise besinnt man sich ganz am Schluss aber zumindest auf den emotional stärksten Kern des Films und rückt die Figur des alten Fitzgibbon wieder erfolgreich in den Mittelpunkt.
So bleibt am Ende ein Film, der nie richtig Fahrt aufnimmt, aber wenigstens nett genug ist, um einen halbwegs bei guter Laune zu halten. Das damalige Publikum dankte es wie gesagt an der Kinokasse, weswegen man nur ein Jahr später dem Film eine Fortsetzung gönnte – diesmal sogar mit Ingrid Bergman an der Seite von Crosby. Und weil dem ja so gut wie alles gelingt, konnte auch die Fortsetzung wieder eine Oscar-Nominierung für den besten Film einheimsen – wir sehen den guten Pfarrer in dieser Reihe also schon bald wieder. Für die Trophäe sollte es dann aber nicht reichen – ausgerechnet gegen ein Werk von Billy Wilder würde man 1946 den Kürzeren ziehen. Wilder gewann dort dann auch das "Duell" gegen McCarey um die Auszeichnung als "Bester Regisseur". Na also, war das mit Beinstellen doch gar nicht nötig.
"Der Weg zum Glück" ist aktuell als DVD und auf Blu-ray auf Amazon in Deutschland verfügbar.
Trailer des Films.
Ausschnitt: Erste Begegnung der Priester
Ausschnitt: Unser Priester und sein Chor
Oscar-Ehren: Bing Crosby erhält den Oscar für den Besten Hauptdarsteller (offizielle Nachstellung für die Kameras).
Doku: Das Leben von Bing Crosby
Überblick 17. Academy Awards
Alle nominierten Filme der Kategorie “Best Motion Picture“ der 17. Academy Awards 1945 nochmal auf einen Blick – sortiert nach meiner persönlichen Rangliste des Jahres (fettgedruckt = Gewinner „Bester Film“).
- "Frau ohne Gewissen" (10/10)
- "Das Haus der Lady Alquist" (9/10)
- "Der Weg zum Glück" (7/10)
- "Wilson" (6/10)
- "Als du Abschied nahmst" (5/10)
In unserer nächsten Folge wird ebenfalls wieder gesungen, wenn wir in die 18. Academy Awards des Jahres 1946 starten.
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