Ein Butler in Amerika

MOH (57): 8. Oscars 1936 - "Ein Butler in Amerika"

In unserer Serie "Matthias' Oscar History" (MOH) bespricht Matthias in jeder Folge jeweils einen der zwischen den Jahren 1929 und 2000 nominierten Oscar-Beiträge aus der Kategorie "Bester Film".

von Matthias Kastl / 28. Mai 2024

Schon in der letzten Folge hatten wir uns im Abenteuerfilm “Bengali“ darüber gefreut, wie souverän und charmant Charakterinteraktionen auf die große Leinwand gezaubert wurden. Und trotzdem verblasst das alles im Vergleich zu unserem heutigen Beitrag, in dem dank exzellentem Timing und toller Improvisationskünste ein ganzes Schauspielensemble einen absolut perfekten Auftritt hinlegt.

Ein Butler in Amerika

Originaltitel
Ruggles of Red Gap
Land
Jahr
1935
Laufzeit
90 min
Genre
Regie
Release Date
Oscar
Nominiert "Outstanding Production"
Bewertung
10
10/10

Einer der angenehmen Nebeneffekte dieser kleinen Reihe ist es, dass ich mich sehr oft auf ein für die heutige Zeit eher seltenes jungfräuliches Filmerlebnis einlasse. Es hat schon einfach Charme, wenn man mangels jeglichen Vorwissens vor dem Start oft nicht einmal das Genre, das Ausgangsszenario oder auch die Besetzung des anstehenden Filmes kennt. Das lässt dann auch Überraschungen wie die heutige umso wuchtiger ausfallen, denn das mir hier mit “Ein Butler in Amerika“ ein kleines Meisterwerk vor die Füße fällt kam nun wirklich gänzlich unerwartet. Der Titel klingt irgendwie nach einer einfachen leichten Komödie und auch wenn der Film letztendlich genau das ist, ist er dann doch auch wieder so viel mehr. Vor allem großartig gespielte, herrlich geschriebene und einfach unglaublich locker und entspannt anmutende 90 Komödienminuten, die eigentlich Pflichtprogramm für alle Filmemacherinnen und Filmemacher sein sollten, die in diesem Genre Fuss fassen wollen.   

Seinen Pflichten mehr als ordentlich kommt zu Beginn auf jeden Fall die Hauptfigur unseres Filmes nach, der britische Butler Ruggles (Charles Laughton, “The Barretts of Wimpole Street“, “Das Privatleben Heinrichs VIII“). Er dient seit Jahren gewissenhaft seinem Herrn in Paris, dem Earl of Burnstead (Roland Young, “David Copperfield“). Leider hat dieser aber ein kleines Spielproblem und verliert den guten Ruggles in einer Pokernacht ausgerechnet an den vulgär auftretenden amerikanischen Millionär Egbert Floud (Charles Ruggles, “Der lächelnde Leutnant“, “Eine Stunde mit Dir“). Dessen sehr dominante Frau Effie (Mary Boland) sieht das als große Chance, um mit der Hilfe von Ruggles ihrem Mann endlich die nötigen Manieren der High Society beizubringen. Eine Mission, der unser Butler allerdings sehr naserümpfend entgegenblickt, wollen die beiden mit ihm doch ausgerechnet zurück in ihren deutlich weniger kultivierten amerikanischen Heimatort Red Gap ziehen.
 


Das klingt jetzt natürlich nach einer klassischen “Fish out of Water“-Geschichte und man hat schon schnell einen Verdacht, welche Art von humorvoll ausgeschmückten Konflikten uns wohl mit der Ankunft des steifen Ruggles im hemdsärmligen Amerika erwarten werden. Ein Teil des Charmes dieses Filmes besteht nun darin, dass er auf der einen Seite diese Erwartungen zwar bedient, aber gleichzeitig auch wieder unterwandert. Wenn zu Beginn des Filmes sich die Wege von Ruggles und seinem neuen amerikanischen Herrn kreuzen, dann nutzt man die kulturellen Unterschiede für ein paar wirkliche nette aber eben auch naheliegende Gags. Doch noch bevor unser vornehmer Butler nach Paris aufbricht zeigen sich (auch dank einer ordentlichen Portion Alkohol) überraschend schnell erste Risse in dessen ganz auf Etikette ausgelegtem Auftreten.

Nun wäre es übertrieben unseren guten Butler gleich als verkappte Partykanone zu bezeichnen, aber es wird schon sehr schnell offensichtlich, dass Ruggles ganz im Inneren ein klein wenig Spaß wohl nicht abgeneigt ist – Berufsethos hin oder her. Anstatt sich nun also auf dem Grundszenario auszuruhen und lediglich Witze über die Eingliederungsprobleme unseres Briten im wilden Amerika zu reißen, bringt man so sehr schnell eine neue Konfliktebene ins Spiel, da die auf Etikette bedachte Effie bald panisch bemerkt, hier mit Ruggles sozusagen die Katze im Sack gekauft zu haben. Und mit dieser Katze werden die Zuschauer jetzt noch verdammt viel Spaß haben.
 


Man weiß gar nicht, was man bei diesem Film als erstes feiern soll. Da wäre natürlich der wundervoll aufspielende Charles Laughton, einer der wohl vielseitigsten Schauspieler seiner Generation (wie auch unsere Oscar-Reihe schon hier und hier gezeigt hat und auch noch zeigen wird). Laughton hat soviel Spaß mit seiner Rolle, dass man gar nicht anders kann als sich von der guten Laune unseres trinkfreudigen Butlers anstecken zu lassen. Es überrascht dann auch nicht wirklich, dass Laughton trotz seiner beeindruckenden Filmografie (es folgten unter anderem noch “Meuterei auf der Bounty“ und “Zeugin der Anklage“) genau diese Figur stets als seine Lieblingsrolle bezeichnete und sie noch Jahre später in Hörspielen im Radio wiederaufleben ließ.

Nun steht Laughton hier aber nur an der Spitze eines wirklich durch die Bank weg fantastischen Ensembles. Hier stimmt einfach alles, denn selbst die kleinste Nebenrolle ist in ansteckender Spiellaune. Wenn man schon jemanden herausstellen muss, dann wären das Mary Boland als Effie und Roland Young als Earl. Beide erschaffen mit viel Herzblut Figuren, die trotz ihrer Schwächen und Macken einem direkt ans Herz wachsen. Wie Boland im weiteren Verlauf des Filmes immer mehr an Ruggles verzweifelt, mit ihrem Charme diesen Frust aber in wundervolle komödiantische Momente ummünzt, ist phantastisch. Young wiederum sorgt dafür, dass sein Earl nur wenige Szenen braucht, um mit seiner entspannten Mischung aus nachdenklichem Playboy und schelmischen Kindskopf zu begeistern.   
 


Alle Darstellerinnen und Darsteller eint aber eine Sache, nämlich ein stets perfektes Timing. Wie hier Dialogduelle ausgefochten und dabei dramaturgisch Pausen eingelegt werden, nur um sich dann wieder im perfekten Moment gegenseitig ins Wort zu fallen, ist ganz großes Kino – egal ob sich nun nur zwei oder sechs Figuren im Raum befinden. Selbst wenn eine davon nur im Hintergrund sitzt und nur eine einzige Dialogzeile bekommt, kann man sich hier darauf verlassen, dass diese perfekt temperiert serviert wird. So entsteht ein unglaublich toller Flow und werden sich die Bälle gegenseitig mit soviel Tempo und Gefühl hin und her gespielt, dass man sich schon an ein hochklassiges Wimbledon-Finale erinnert fühlt.

Kombiniert wird das mit tollen Dialogen, bei denen man nie auf billige Weise über sondern meist auf clevere Art mit den Figuren lacht. Das alles ist dabei so wundervoll locker und schnippisch, dass es eine wahre Freude ist. Und es wirkt gerade im Vergleich zu den meisten bisherigen Filmen unserer Oscar-Reihe auch so unglaublich modern, ist aber ehrlich gesagt auch leichtfüßiger und frischer als jede Komödie, die so im letzten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts erschienen ist. Das hier die komplette Atmosphäre aber so angenehm gechillt wirkt liegt auch daran, dass man hier und da einfach ein wenig abdriftet und auch mal ein paar Nebenfiguren miteinander quatschen lässt - Hauptsache alle haben Spaß. Sehr oft wirken diese Momente, wie ein wundervoller Flirt von unserem Earl mit einer Dame am Klavier, auf charmante und leichtfüßige Art komplett improvisiert. Womit wir dann auch gleich zur nächsten großen Lobeshymne kommen.
 


Regisseur Leo McCarey war in den 1920ern einst als Autor und Regisseur in den für ihre Komödien bekannten Roach-Studios groß geworden. Für diese hatte er, unter anderem, die nicht ganz so schlechte Idee gehabt, dass man doch mal probieren könnte einen gewissen Stan Laurel mit einem gewissen Oliver Hardy zu paaren. Mit der Ankunft des Tonfilms fokussierte sich McCarey später dann eher auf Spielfilme und inszenierte unter anderem die berühmten Marx Brothers in “Die Marx Brothers ziehen in den Krieg“. Berüchtigt war McCarey dabei vor allem für seine Vorliebe zur Improvisation, für die er sich bei seinen Dreharbeiten gerne entspannt ans Klavier setzte, um gemeinsam mit der Crew einfach mal zu brainstormen (Schauspieler Bing Crosby meinte einmal, dass 75% aller Dialoge bei McCarey erst direkt am Drehtag entstanden). Und genau so fühlt sich die Stimmung in “Ein Butler in Amerika“ (im positiven Sinne) auch an – einfach unglaublich relaxt und natürlich.

Bei allem Lob für McCareys Improvisationskünste darf aber nicht zu kurz kommen, dass viele Szenen dramaturgisch einfach auch unglaublich durchdacht aufgebaut sind. Eine Passage, in der ausgerechnet unsere britische Hauptfigur den Amerikanern ihre eigene Geschichte näherbringt, bietet viele Gelegenheiten für kitschige Fehltritte, die aber alle dadurch vermieden werden, dass man durch kleine Gags an den genau richtigen Stellen sehr patriotisch angehauchte Szenen immer wieder abfedert. Und das ist nur eine von so vielen Szenen in diesem Werk, die noch heute als Lehrbeispiel für die Einbettung von Humor in Filmen herhalten können. Und so stellt sich am Ende eigentlich nur die Frage, warum “Ein Butler in Amerika“ heute auf viel zu wenigen Listen der besten Komödienklassiker auftaucht. Eine Ungerechtigkeit, die wir alle gemeinsam bekämpfen sollten. Also, liebe Leserinnen und Leser, wie wäre es, wenn ihr diesen britischen Butler einfach mal selbst auf den eigenen Bildschirm einladet? Ich bin mir sicher, er wird seine Dienste zu eurer vollen Zufriedenheit erledigen.

"Ein Butler in Amerika" ist aktuell als DVD auf Amazon in Deutschland verfügbar.


Regisseur Peter Bogdanovich über "Ein Butler in Amerika"


Charles Laughton und Charles Rugglesin wiederholen ihre Rollen in einer Radioversion von "Ein Butler in Amerika" im Jahr 1939


Ausblick
In unserer nächsten Folge werden die Stimmbänder strapaziert, wenn eine echte Prinzessin und der Kommandant einer Soldatentruppe ihr Herz füreinander entdecken.

Bilder: Copyright

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