Mit seinem letzten Film “Oppenheimer“ hat Christopher Nolan nicht nur endlich seinen überfälligen Oscar gewonnen, sondern wohl auch die letzten Zweifel daran beseitigt, dass man ihm für nahezu jedes Projekt ein gewaltiges Budget anvertrauen kann. Diese Freiheit nutzt er nun, um sich einen langgehegten Traum zu erfüllen: die Verfilmung von Homers Odyssee, einer der berühmtesten Heldensagen der Welt. Kaum ein Regisseur scheint für ein solches Unterfangen besser geeignet, nachdem der gute Ridley Scott (“Gladiator 2“) in den letzten Jahren ja nicht nur qualitativ, sondern gerade aus Studiosicht vor allem finanziell unzuverlässiger geworden ist. Der starke Start von “Die Odyssee“ an den US-Kinokassen deutet jedenfalls darauf hin, dass das Publikum Nolan auch diesmal wieder folgt – was angesichts des Spektakels auf der Leinwand sehr gut nachzuvollziehen ist. Abseits der wie immer makellosen technischen Brillanz und unglaublichen Intensität treten hier zwar in der ersten Hälfte wieder ein paar typische Nolan-Schwächen hervor. Doch der Vorwurf, dass Nolan nur den Kopf, aber nie das Herz begeistern kann, wird im letzten Drittel mit einer solchen emotionalen Wucht pulverisiert, dass es einen direkt aus dem Sessel reißt.
Aufgerafft vom Sessel – oder besser gesagt: vom Thron – hat sich im Film auch der griechische König Odysseus (Matt Damon, “Promised Land“, “Jason Bourne“). Er lässt seine Frau Penelope (Anne Hathaway, “The Dark Knight Rises“, “Der Teufel trägt Prada 2“) und seinen Sohn Telemachos auf Ithaka zurück, um an Agamemnons Feldzug gegen Troja teilzunehmen. Die Stadt fällt, doch die Heimreise erweist sich als weitaus gefährlicher und vor allem langwieriger als erwartet. Auf ihrer Irrfahrt begegnen Odysseus und seiner Crew gleich mehrfach ebenso mythische wie gefährliche Wesen, und mit der Gunst der Götter scheint man es sich ebenfalls verscherzt zu haben. Währenddessen wächst in Ithaka der Druck auf Odysseus’ Familie, denn nach all den Jahren gilt dieser weithin als tot und der Thron als attraktives Ziel. Zahlreiche Männer werben um Penelopes Hand, allen voran der selbstbewusste Antinoos (Robert Pattinson, “Mickey 17“, “Tenet“). Besonders für Telemachos, der inzwischen zu einem jungen Mann (Tom Holland, “Uncharted“, “Spider-Man: Far from Home“) herangewachsen ist, wird die Lage dadurch immer gefährlicher. Und so startet dieser einen letzten verzweifelten Versuch, endlich mehr über das wahre Schicksal seines Vaters herauszufinden.
Bei Christopher Nolan weiß man inzwischen ja ziemlich genau, was man für sein Geld auf jeden Fall bekommt: eine technisch hochwertige Umsetzung, die meist sehr bild- und tongewaltig, wenn auch oft etwas unterkühlt daherkommt, mit einer Geschichte, die nur ungern stringent ihre Storybeats abfrühstückt. Für knapp zwei der etwa drei Stunden Laufzeit von “Die Odyssee“ trifft dieses bewährte Urteil auch hier wieder zu. Vom großen Budget sieht man jeden Cent auf der Leinwand, wobei Nolan zur Freude jedes Liebhaber des “klassischen Kinoflairs“ auf echte Locations und Stunts setzt. Da fühlt man sich an den Charme alter Epen à la “Ben Hur“ oder “Lawrence von Arabien“ erinnert, die noch ohne Computereffekte, dafür mit viel körperlicher Fleißarbeit historische Settings im Film zum Leben erweckten.
Natürlich kommt auch Nolan angesichts eines ganzes Haufen von Fabelwesen hier nicht ohne CGI aus, setzt dieses aber nie für Effekthascherei, sondern stets im Dienst der Geschichte ein. Optisch ist das dank toller Kameraarbeit und Setdesign also ein Leckerbissen und wirkt vermutlich im nativ gedrehten IMAX-Format (in dem es der Rezensent leider nicht gesehen hat) noch mal eine ganze Schippe intensiver. Dazu läuft der wummernd-dröhnenden Soundtrack von Ludwig Göransson, der ja bereits schon “Tenet“ und “Oppenheimer“ seine Klangfarbe verlieh. Alles also typisch Nolan, möchte man sagen, gilt dann aber leider auch genauso für die Schwächen des Ausnahmeregisseurs.
Wie schon in der ersten Stunde von “Oppenheimer“ wird man nämlich auch hier in der ersten halben Stunde wieder mit sehr dialoglastiger und schnell vorgetragener Exposition erschlagen, bei der einem kaum Verschnaufpausen gegönnt werden, um das Ganze irgendwie vernünftig verarbeiten zu können. Dass Nolan dabei auch mal wieder zwischen Zeitebenen und Locations hin- und herspringt, auch wenn nicht so exzessiv wie sonst, macht es nicht gerade leichter. Das Ergebnis ist wieder einmal eine gewisse Distanziertheit zum Geschehen, da gefühlt die Figuren kaum Luft zum Atmen und für tieferen Charakteraufbau bekommen.
Sobald die Irrfahrt des guten Odysseus dann aber so richtig losgeht, wird die Sache (für Nolans Verhältnisse schon fast etwas überraschend) deutlich geradliniger – und damit auch endlich zugänglicher. Auch wenn man sich hier und da wünscht, dass manche der legendären Herausforderungen von Odysseus noch etwas mehr Zeit spendiert bekommen hätten – aber dann wäre das hier in Sachen Laufzeit vermutlich komplett aus dem Ruder gelaufen. Überhaupt musste Nolan Homers Originalvorlage schon deutlich zusammenkürzen, was aber (zumindest wenn man nicht allzu vertraut mit der Vorlage ist) nicht wirklich auffällt. Je länger die Reise dauert, desto mehr Momentum nimmt der Film dabei auf, auch wenn sich außer dem namensgebenden Titelhelden weiterhin kaum eine Figur so richtig vielschichtig präsentiert.
Was aber nicht so tragisch ist, denn die durch die Bank mit namhaften Stars besetzten Nebenrollen können durchaus Eindruck hinterlassen. Robert Pattinson gibt wundervoll den verachtungswürdigen Bösewicht, Anne Hathaway überzeugend die sich nach ihrem Mann verzehrende Witwe und jede Filmminute mit Charlize Theron ist ja sowieso immer ein Geschenk. Ein wenig aus der Reihe fällt lediglich Zendaya, die nie so richtig in ihrer Rolle aufgeht. Wofür sie aber fairerweise kaum etwas kann, denn nicht nur ist ihr kaum Leinwandzeit vergönnt, ihr Outfit lässt es auch so wirken, als hätte man sie nur mal kurz vom “Dune“-Set ausgeliehen. Und da hilft es jetzt auch nicht gerade, dass in vielen Kinos (wie beim Rezensenten) davor auch noch der Trailer zu “Dune 3“ laufen dürfte.
Ist aber nicht weiter schlimm, denn als wahres Herz des Filmes entpuppt sich sowieso Matt Damon, der eine absolute Glanzleistung hinlegt. Seine wirklich großartige Darstellung des listigen, aber von Schuld geplagten Titelhelden ist wie gemacht für eine Oscar-Nominierung, da Damon perfekt physischen Einsatz mit wundervoll subtilem Schauspiel kombiniert. Also genau das, was man für großes episches Heldenkino benötigt und was “Die Odyssee“ sicher durch manch kleine Schwächephase führt – und genau dafür sind Helden ja auch da.
Was “Die Odyssee“ am Ende dann aber sogar zu einem der stärksten Filme in Nolans nicht gerade unbeeindruckender Karriere macht, sind die letzten 45 Minuten. Da ist die eigentliche Irrfahrt des Helden eigentlich schon vorüber, doch was auf den ersten Blick nun einfach wie ein langgezogener Epilog wirkt, entpuppt sich als wichtigster Teil des Filmes. Wo bis dato, wie oft bei Nolan, bei vielen im Publikum wohl eher der Kopf als das Herz das Spektakel genossen haben dürfte, vollzieht sich nun eine erstaunliche Wendung. Diese letzte Dreiviertelstunde gehört zum Besten, was Nolan jemals auf die Leinwand gebracht hat, denn zum ersten Mal gelingt es ihm hier so richtig, einem seiner Filme auch eine unglaubliche emotionale Wucht zu verleihen. Das mündet in einem emotional so mitreißenden und wahnsinnig befriedigenden Finale, dass es den Autor dieser Zeilen wirklich völlig aus dem Sitz gerissen hat.
Das liegt zum Teil natürlich an einem fantastischen Matt Damon, vor allem aber an einer ganz grundlegenden Storyentscheidung von Nolan. Während Homer in seiner Geschichte vor allem die Sehnsucht nach der Heimat in den Vordergrund stellte, ist es hier eine den Helden belastende Schuld, die über allem thront. Was Nolan dann daraus in diesem großartigen Schlussakt macht, und vor allem mit welcher tollen Mischung aus ruhigen und adrenalinbefeuerten Momenten, ist einfach perfektes Kino. Dass Nolan zu großem Spektakel in der Lage ist, hat sicher nie jemand bezweifelt. Dass er dieses, zumindest in der zweiten Hälfte, aber auch mit so viel Herzblut befüllen kann, wohl eher wenige. Liebe Studiobosse, gebt dem Mann bitte ruhig noch mehr Geld – es ist in guten Händen.
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