MOH (157): 19. Oscars 1947 - "Ist das Leben nicht schön?"
In unserer Serie "Matthias' Oscar History" (MOH) bespricht Matthias in jeder Folge jeweils einen der zwischen den Jahren 1929 und 2000 nominierten Oscar-Beiträge aus der Kategorie "Bester Film".
In unserer letzten Folge hatten wir in unserer Oscar-Reihe ein eher durchschnittliches Erlebnis in der Wildnis – heute steht dem ein deutlich charmanterer, ja geradezu märchenhafter Aufenthalt in einer amerikanischen Kleinstadt gegenüber.
Ist das Leben nicht schön?
Wer möchte denn nicht gerne sein eigener Chef sein? Das dachte sich wohl Hollywood-Regisseur Frank Capra, der trotz großer Erfolge wie “Es geschah in einer Nacht“ oder “Mr. Deeds geht in die Stadt“ nicht so richtig glücklich mit den Spielregeln des Studiosystems war. Nachdem er im Zweiten Weltkrieg vom US-Militär viele kreative Freiheiten für die Umsetzung einer Dokumentarfilmreihe erhalten hatte, war ihm die Lust an langen Diskussionen mit Studiobossen schließlich endgültig vergangen. Gemeinsam mit Produzent Samuel J. Briskin gründete Capra 1945 die unabhängige Produktionsfirma Liberty Films, der sich kurz darauf seine Regiekollegen William Wyler (“Die kleinen Füchse“, “Mrs. Miniver“) und George Stevens (“Alice Adams“, “Zeuge der Anklage“) anschlossen. Zugegeben, neben kreativer Freiheit war die Aussicht den Großteil möglicher Gewinne in die eigene Tasche stecken zu können wohl auch verlockend.
Schon 1947, nach dem finanziellen Misserfolg von “Ist das Leben nicht schön?“, wurde die Firma aber an Paramount verkauft – und nach nur einem weiteren Film 1951 schließlich ganz aufgelöst. Klingt wie ein relativ unbedeutendes Kapitel Hollywood-Geschichte, wenn nicht der erste dieser beiden Filme in den USA noch heute als ganz großer Weihnachtsfilm-Klassiker gelten würde. Mit “Ist das Leben nicht schön“ gelang Capra ein zeitloses Werk, dessen märchenhaft angelegte Geschichte dank viel Liebe für selbst kleinste Nebenfiguren und einer sympathischen Portion Augenzwinkern elegant jede Gefahr von überbordendem Kitsch umschifft – und sich am Ende sein tränenreiches Finale nicht auf manipulative sondern ehrliche Art und Weise verdient.
Ein ehrlicher Mensch ist auf jeden Fall auch die Hauptfigur des Filmes, denn der oft an andere denkende George Bailey (James Stewart, “Lebenskünstler“, “Die Nacht vor der Hochzeit“) ist für seine Mitmenschen nicht aus der amerikanischen Kleinstadt Bedford Falls wegzudenken. Doch eigentlich träumt George davon endlich die Welt bereisen und ein selbstbestimmte Leben führen zu können. Doch wie es das Schicksal so will, stellt er mal wieder die eigenen Wünsche für das Gemeinwohl zurück und übernimmt nach dem Tod seines Vaters die Leitung der kleinen Bausparkasse des Ortes. Kein leichtes Unterfangen, wird doch der komplette Ort vom skrupellosen Geschäftsmann Henry F. Potter (Lionel Barrymore, “Manuel“, “Der Testpilot“) im Würgegriff gehalten. Ein Kampf, den George trotz der liebevollen Unterstützung seiner Frau Mary (Donna Reed) und dem ebenfalls in der Bausparkasse arbeitenden Onkel Billy (Thomas Mitchell, “Der lange Weg nach Cardiff“, “Vom Winde verweht“) eigentlich nicht gewinnen kann. Vielleicht braucht es ja einen echten Engel (Henry Travers, “Madame Curie“, “Gefundene Jahre“), um am Ende die Sache doch noch zum Guten zu wenden.
Wie wird ein Film eigentlich zum Klassiker? Eine hohe Qualität ist sicher eine ziemlich wichtige Voraussetzung, oft braucht es aber auch noch besondere Umstände. Im Fall von “Ist das Leben nicht schön?“ war dies die Tatsache, dass in den 1970er Jahren das Copyright des Films nicht ordentlich verlängert wurde. Amerikanische Fernsehsender nutzten fortan die Chance keine Lizenzgebühren zahlen zu müssen und sendeten den Film an Weihnachten rauf und runter. Kombiniert mit der Tatsache, dass die liebenswürdigen Figuren und universelle Botschaft des Filmes generationsübergreifend funktionieren avancierte der Film so in den USA zu einem der größten Weihnachtsfilm-Klassiker.
Was natürlich wieder an dem typischen Capra-Feeling das hier aufkommt liegt, was ich schon an anderer Stelle als „jemand legt einem eine warme Decke an einem kalten Winterabend über die Schultern“ beschrieben habe. Man stellt auf die eine Seite eine einfache aber grundgute Hauptfigur, deren bewundernswerter Idealismus nach hartem Kampf und trotz scheinbar aussichtsloser Ausgangsposition am Ende doch triumphiert. Wie so oft liegt das Erfolgsrezept des Films dabei an Capras Fähigkeit, den schon fast märchenhaft wirkenden Optimismus seiner Geschichten nie oberlehrerhaft sondern unglaublich sympathisch wirken zu lassen. Das mit dem Märchenhaften ist dabei in “Ist das Leben nicht schön?“ selbst für Capra-Verhältnisse sehr deutlich zu spüren, lauschen wir in einer wundervollen kleinen Einführungssequenz doch erstmal wie im Himmel über die Entsendung eines Engels zu Georges Rettung diskutiert wird. Was nach Kitsch klingt wird dank einer liebevollen Schippe Humor zu einem niedlichen kleinen Prolog, der selbst dem hartgesottetsten Atheisten ein Lächeln entlocken wird.
Ein Lächeln, das einem über die komplette Laufzeit immer wieder über die Lippen huscht, weil Capra stets einen Weg findet übertriebene Rührseligkeit durch ein gewitztes Augenzwinkern zu verhindern. In einer der schönsten Sequenzen des Film, in der George und Mary bei Mondschein wundervoll spielerisch miteinander flirten, wird mit dem genervten “Jetzt küss sie doch endlich“ eines Anwohners der Film genau rechtzeitig vor dem Abdriften in überbordenden Kitsch bewahrt. Dabei nimmt man sich die Zeit, diese kleine Minirolle des Anwohners vorher kurz einzuführen, damit auch dieser zumindest einen rudimentären Charakterfarbanstrich erhält, bevor er schließlich seine kleine aber eben bedeutende Aufgabe im Drehbuch erledigt. Genau das ist eine der großen Stärken von Capra, dass er selbst kleinste Nebenfiguren ernst nimmt und so das ganze Figurenkosmos seiner Filme oft lebendiger als das vieler anderer Werke wirkt.
Dabei unterstützen auch viele kleinere berührendere Momente. Man nehme den direkt im Anschluss an den Prolog folgenden Rückblick auf Georges Kindheit. Eine kleine Heldentat von George bewahrt hier den Apotheker Mr. Gower vor einem fatalen Fehler und wie Capra dessen Reaktion auf Georges Eingreifen einfängt ist so einfühlsam, dass man hier nach wenigen Minuten schon einen unglaublich emotionalen Gänsehautmoment erlebt. So etwas so schnell bei einem Publikum zu schaffen, dass sich gefühlt gerade erst zum Anschauen hingesetzt hat, gelingt nur wenigen Filmen. Dabei kann sich Capra auch auf eine tolle Riege etablierter Charakterdarsteller in diesen Nebenrollen verlassen, wie Thomas Mitchell oder Henry Travers. Und genau weil eben dieser Figurenkosmos so liebevoll gezeichnet ist funktioniert dann auch hier das typische Capra-Finale so gut, in dem wieder einmal fast alle Figuren sich einen idealistischen inneren Ruck hin zum Guten geben. Wobei auch hier der Film clever andeutet, dass da mancher schon etwas Anlauf nehmen muss um über seinen inneren Schatten zu springen.
Mit anderen Worten, bei all dem märchenhaften Idealismus welcher den Film durchzieht, hat man doch stets das Gefühl, es hier mit normalen und fehlerbehafteten Menschen zu tun. Das betrifft selbst den großen moralischen Anker des Films. Der gute George ist immer wieder spürbar hin- und hergerissen, weil er eben bei aller Selbstlosigkeit doch auch eigene Träume hat. Dieser innere Konflikt macht diese Figur so viel interessanter als Held und wird immer wieder in die Geschichte eingebaut. Und eben nicht plump, sondern stets mit unglaublich viel Fingerspitzengefühl. Wo wir gleich nochmal ein tolles Beispiel rausholen, nämlich die Rückkehr von Georges Bruder nach Bedford Falls. Innerhalb weniger Sekunden wird hier Georges Hoffnung, dass der Bruder seinen Posten in der Bausparkasse übernimmt durch dessen neues Liebesglück zunichte gemacht. Capra gibt James Stewart dabei viel Zeit diesen Moment seiner Figur zu verarbeiten, was dieser geschickt nutzt um George alleine durch Mimik durch ein Wechselbad der Gefühle zu jagen: von Frustration über Reflexion bis hin zur Akzeptanz der Situation – bis schließlich George mit einem Lächeln seinem Bruder zu dessen neuem Glück gratuliert.
Man merkt es schon, der Autor ist ziemlich verliebt in Capras Art Figuren zu führen und verzeiht es auch, dass in Sachen Gegenspieler man eher auf die Karte eindimensionaler Bösewicht setzt. Wobei Capra noch mehr in seinem Regie-Arsenal hat als Figurenführung, denn in der zweiten Hälfte macht der Film kurzzeitig einen tonalen Shift, bei dem Capra geschickt Film-noir-Elemente nutzt, um die Botschaft des Filmes noch eindringlicher rüberzubringen. Das bereits angesprochene große Finale fällt dann aber natürlich wieder deutlich leichtfüßiger aus und sorgt für ganz große aber vor allem verdiente Gefühlsexplosionen.
Stellt sich also nur noch die Frage, warum hier nicht die Höchstwertung über der Kritik prangert. Das liegt, im Fall des Rezensenten, tatsächlich am eigentlich gerade so hochgelobten Hauptdarsteller. Stewart hat immer wieder eine leicht sarkastische Art, die öfters auch mal schon in eine fast aggressive Richtung geht. Wenn das vom Film spielerisch genutzt wird, ist das Ergebnis phantastisch. Doch leider agiert Stewart auch in manchen Szenen, denen gefühlt etwas mehr Sanftmütigkeit gutgetan hätte sehr patzig-ironisch. Eine Eigenschaft, die schon in anderen Werken Stewarts zu sehen war, aber in diesem Fall zumindest mir einen ganz engen Draht zur Figur des George verwehrt hat. Mit der Meinung stehe ich vermutlich relativ alleine da – sie macht es mir aber einfach nicht möglich, hier das zehnte Auge in der Wertung rauszurücken.
Richtig tolles Wohlfühlkino ist “Ist das Leben nicht schön?“ natürlich trotzdem – und hätte es so auch in Deutschland verdient, in den Weihnachtsklassiker-Rang eines “Drei Nüsse für Aschenbrödel“ oder “Tatsächlich... Liebe“ aufzusteigen. Ironischerweise floppte der Film beim Kinostart in den USA beim Publikum, während es bei den Academy Awards 1947 immerhin für fünf Oscar-Nominierungen (“Bester Film“, “Beste Regie“, “Bester Hauptdarsteller“, “Bester Schnitt“ und “Bester Sound“) reichte. Nachträglich verlieh die Academy dem Film auch noch den “Academy Award for Technical Achievement“ – und zwar für eine neue Methode künstlichen Schneefall zu erzeugen. Die Technik einfach weiß angemalte Cornflakes zu nutzen, die am Boden liegend durch das Drauftreten der Crew und Schauspieler damals für massive Tonprobleme sorgten, wurde von dem Spezialeffektteam rund um Russell Shearman durch die Entwicklung eines neuartigen Kunstschnees abgelöst. Für Liberty Films am Ende nur ein kleines Trostpflaster, denn vom Misserfolg des Filmes erholte man sich nicht mehr. Einen Film geschaffen zu haben, der aber auch noch Jahrzehnte später Menschen begeistert ist angesichts der kurzlebigen Geschichte der Produktionsfirma aber trotzdem eine starke Leistung. Hat sich für Capra also doch gelohnt, sein eigener Chef zu sein.
"Ist das Leben nicht schön? " ist aktuell als Blu-ray, DVD und digital auf Amazon Prime in Deutschland verfügbar.
Trailer des Films.
Szene: Da fängt jemand den Mond für dich - wohl mit die schönste Szene des Films
Szene: Rein formal natürlich ein Spoiler hier die Schlussszene einzubetten - aber mal ehrlich, das Ende sollte jetzt keinen wundern.
Interview: James Stewart über seinen persönlichen Lieblingsfilm
Ausblick
In unserer nächsten Folge geht es deutlich weniger märchenhaft zu, wenn unsere Hauptfigur nach der Rückkehr von einem Selbstfindungstrip mit jeder Menge menschlichem Drama konfrontiert wird.
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