The Trial of the Chicago 7

Originaltitel
The Trial of the Chicago 7
Land
Jahr
2020
Laufzeit
129 min
Regie
Release Date
Streaming
Bewertung
8
8/10
von Matthias Kastl / 19. Oktober 2020

Eskalierende Demonstrationen, Diskussionen über Polizeigewalt und eine zutiefst gespaltene Gesellschaft – mit diesen Themen beweist der neue Netflix-Film "The Trial of the Chicago 7" ein gutes Näschen für das aktuelle politische Klima in den USA. Allerdings handelt es sich hier nicht um eine aktuelle Momentaufnahme, sondern die Aufarbeitung eines berüchtigten Gerichtsprozesses rund um die Eskalation ursprünglich friedlicher Anti-Vietnam-Proteste Ende der 1960er. Den Parallelen zur heutigen Zeit ist sich Regisseur und Autor Aaron Sorkin ("Steve Jobs", "The Social Network") dabei durchaus bewusst, doch er verzichtet auf den großen moralischen Zeigefinger und lässt einfach nur die Geschichte rund um den skandalösen Prozess für sich sprechen. Das kommt relativ geradlinig und fast schon überraschungsarm daher, doch angesichts eines großartigen Schauspielensembles und dem für Sorkin so typischen Einsatz von schmissigen Dialogen am Fließband ist das nur zu leicht verschmerzbar. Das Ergebnis ist wundervoll kurzweiliges und politisch relevantes Ensemblekino, zwei bei der Oscar-Academy ja sehr beliebte Kriterien, womit spätestens jetzt dann auch das Oscar-Rennen offiziell für eröffnet erklärt werden kann.

Auslöser für die Ereignisse des Films ist dabei der Parteitag der Demokraten in Chicago im Jahre 1968, der angesichts des Vietnamkriegs von Demonstrationen diverser linker Gruppen begleitetet wird. Die Anfangs friedliche Atmosphäre eskaliert aber schließlich und es kommt zu blutigen Auseinandersetzungen. Für den Generalstaatsanwalt ist natürlich klar, auf welcher Seite hier die Schuldigen zu finden sind. So kommt es, dass wenig später der Bürgerrechtsanwalt William Kunstler (Mark Rylance, "Bridge of Spies", "Dunkirk") eine ziemlich bunte Truppe aus der linken Szene von der Anklagebank retten darf.

Zu den sogenannten Chicago 7 gehören zum Beispiel die Gründer der anarchischen Yippie-Bewegung Abbie Hoffman (Sacha Baron Cohen, "Borat", "Der Spion und sein Bruder") und Jerry Rubin (Jeremy Strong), sowie der politische Aktivist und Buchautor Tom Hayden (Eddie Redmayne, "The Danish Girl", "Phantastische Tierwelten"). Das zusätzlich zu vier weiteren Aktivisten auch noch der Black Panther-Vertreter Bobby Seale (Yahya Abdul-Mateen II) auf der Anklagebank sitzt, macht die Sache auch nicht gerade einfacher. Denn Kunstler bekommt es im Prozess nicht nur mit dem eloquenten Anwalt Richard Schultz (Joseph Gordon-Levitt, "Inception", "Looper") zu tun. Es stellt sich auch noch heraus, dass der verantwortliche Richter Julius Hoffman (Frank Langella, "Robot & Frank", "Frost/Nixon") zur wirklich ganz alten konservativen Garde gehört.

Aaron Sorkins zweite Regiearbeit (nach "Molly's Game") passt thematisch natürlich perfekt zur aktuellen Atmosphäre in den USA. Und Atmosphäre ist auch das richtige Stichwort, denn in "The Trial of the Chicago 7" geht es weniger darum, wer am Ende diesen Prozess gewinnt, sondern in erster Linie um ein Porträt der damaligen Stimmungslage im Land. Und um die Frage, wie es eigentlich passieren konnte, dass eine friedliche Demonstration am Ende so eskalierte. Der Film legt dabei mehr Wert auf Charaktere als Plot und ist mehr an Motivation als Aktion interessiert. Und auch wenn der Film sich dabei auf die Seite der Underdogs schlägt, macht er auch deutlich, dass die Demonstranten ihre Hände nicht wirklich komplett in Unschuld waschen können.

Einer der interessantesten Aspekte des Films ist dabei das Zusammenspiel innerhalb der Chicago 7. Der Film arbeitet sehr schön heraus, dass wir es hier nicht mit einer homogenen Truppe, sondern ganz unterschiedlich motivierten Personen zu tun haben. Was insbesondere deren Verteidiger William Kunstler gleich mehrmals an den Rand der Erschöpfung treibt. Insbesondere dann, wenn der sich gerne selbst inszenierende Abbie Hoffmann sich mal wieder ohne Rücksicht auf Konsequenzen humorvoll am Richter abarbeitet.

Genau dieser Richter ist dann aber auch der Beweis dafür, dass sich in den letzten 50 Jahren sehr wohl etwas in den USA getan hat. So witzig die provokanten Angriffe von Abbie Hoffman auf den erzkonservativen Richter auch sind, das Lachen bleibt einem spätestens dann im Halse stecken, wenn dieser Richter den aufmüpfigen Vertreter der Black Panther gefesselt und geknebelt auf die Anklagebank setzen lässt. Und das hat nicht nur genau so auch stattgefunden, viele andere fragwürdige Verhaltensweisen des echten Richters werden vom Drehbuch nicht einmal aufgegriffen (wie dessen Entscheidung, den Angeklagten im Gefängnis alle Haare schneiden zu lassen). Solch ein Bösewicht lässt die Frage der Sympathieverteilung des Publikums natürlich zu einer einfachen Sache werden.   

Glücklicherweise versteht der Film, bis auf eine Ausnahme, dass man bei einem so offensichtlich unfairen Prozess nicht noch künstliches Drama injizieren muss, um die wichtigsten moralischen Botschaften zu kommunizieren. Und so fokussiert sich Aaron Sorkin lieber ganz auf das, was er am Besten kann: Er widmet sich ohne Schnickschnack den Figuren und ergründet mit clever konstruierten Dialogen deren Motive. Sorkin hat sich vor kurzem ja einmal als Theaterautor beschrieben, der eigentlich nur Alibi-mäßig eine Kamera nutzt, damit die Leute nicht merken, dass sie eigentlich ein Stück sehen. Es überrascht also nicht, dass der Film mehr Wert auf Sprache denn Bilder legt, visuell also sehr unspektakulär daherkommt und eigentlich nur durch das Einstreuen von ein paar Originalaufnahmen etwas aufgelockert wird (und selbst die wurden laut Sorkin nur aus Budgetgründen genutzt).

Viel wichtiger dagegen ist bei Sorkin Sprache und deren Rhythmus und genau das ist dann auch eine der größten Stärken des Filmes. Es mag hier vielleicht keine so markanten Dialoge geben wie in Sorkins wohl bekanntestem Gerichtsfilm ("Eine Frage der Ehre"), wo ein gewisser Jack Nicholson eindrücklich über den Sinn von Mauern und Männern mit Gewehren philosophierte. Aber es ist trotzdem ein Genuss, wie leichtfüßig und schwungvoll sich hier die Figuren gegenseitig die Redebälle zuwerfen. Gleich zu Beginn startet Sorkin zum Beispiel mit einer wundervollen Montage, in der die verschiedenen Demonstrationsführer ihre ganz unterschiedlichen Beweggründe für ihr jeweiliges Erscheinen in Chicago verkünden. Eine Montage mit einem tollen Flow, den der Film auch nur selten verlieren wird.

Abseits seiner TV-Arbeit ("The West Wing") fokussierte sich Sorkin bisher ja vor allem auf die Porträts von eher extravaganten Einzelfiguren (Steve Jobs, Mark Zuckerberg). In "The Trial of the Chicago 7" zeigt er aber, wie gut er auch beim Spielfilm mit einem großen Ensemble umgehen kann. Jede Figur bekommt Raum sich zu entfalten und zu glänzen und die Darsteller zahlen dies mit wirklich starken Leistungen zurück. Dabei stellt sich jeder in den Dienst des Ensembles und selbst ein Sacha Baron Cohen achtet darauf, dass seine eher extrovertiert ausgelegte Rolle nicht über die Stränge schlägt. Überhaupt ist das ja eine wirklich schillernde Cast, die hier versammelt ist. Aber egal ob Eddie Redmayne den emotional labilen Tom Hayden oder Mark Rylance den ruhig-väterlichen Verteidiger gibt – nie hat man das Gefühl, dass irgendeiner sich in den Vordergrund spielen möchte. Das passiert eigentlich nur einmal und zwar beim grandiosen Kurzeinsatz von Michael Keaton ("Birdman", "The Founder"), der mit seinem coolen Auftreten einfach mal für wenige Minuten die komplette Aufmerksamkeit des Publikums kapert.

So passt am Ende einfach ziemlich viel zusammen und lässt "The Trial of the Chicago 7" zu einem richtig gut geschriebenen und gespielten Ensemble-Kino werden, das seine Warnung vor der Spaltung der amerikanischen Gesellschaft angenehm unpathetisch vermittelt. Zumindest bis auf die letzte Minute, in welcher der Film zugunsten von Hollywood-Pathos eine Szene erfindet, die es nicht unbedingt gebraucht hätte. Trotzdem darf Sorkin sich berechtigte Hoffnungen auf seinen zweiten Oscar machen und sich das Publikum auf eine sehr kurzweilige und auch im zweiten Abschnitt durchaus emotionale Zeitreise in die USA der 60er und 70er Jahre freuen. Schade nur, dass diese scheinbar vergangenen Zeiten uns aktuell noch so stark an die Gegenwart erinnern.

Bilder: Copyright

8
8/10

Schön zu sehen, dass Netflix auch noch Qualität kann. Bei den Filmen aus dem eigenen Haus war das bislang ja leider allzu oft nicht der Fall. Aber "The Trial..." ist ein durchweg gelungenes Court-Room-Drama - vielleicht ein bisschen arg vorhersehbar und sehr eindeutig in seinem Gut-Böse-Schema, aber dennoch unterhaltsam und ein eher (außerhalb der USA) unbekanntes Stück Geschichte aufarbeitend.

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