Soul

Originaltitel
Soul
Land
Jahr
2020
Laufzeit
100 min
Release Date
Streaming
Bewertung
9
9/10
von Frank-Michael Helmke / 20. Dezember 2020

Pete Docter ist ein Pixar-Urgestein, das erste Mal selbst Regie führte er bei "Die Monster-AG". Mittlerweile ist er "Chief Creative Officer", und wenn er selbst die Regie zu einem neuen Pixar-Film übernimmt, dann stets mit ganz außergewöhnlichen Resultaten, und einem stets gleichen Effekt: Er gibt uns den Glauben an die besondere Magie von Pixar zurück. Docters zweite Regiearbeit "Oben" war seinerzeit der Schlusspunkt der großen goldenen Pixar-Ära, bevor das Studio in den Folgejahren anfing, seine ersten Fehlgriffe wie "Merida", "Arlo & Spot" oder "Cars 2" zu produzieren. Doch als man schon anfing, sich von den großen Pixar-Zeiten zu verabschieden, lieferte Docter mit "Alles steht Kopf" den bis dato ambitioniertesten, reifesten und vielleicht auch besten Pixar-Film überhaupt ab. Nachdem die letzten Jahre nun wiederum von gut gemachten, aber nie wirklich begeisternden Sequels dominiert wurden ("Findet Dorie", "Toy Story 4", "Cars 3", "Die Unglaublichen 2"), macht Docter erneut seinen Job und liefert mit seiner neuen Regiearbeit "Soul" einen Film ab, den man zukünftig (fast) in einem Atemzug mit "Alles steht Kopf" nennen wird. 

Im Mittelpunkt steht der passionierte Jazz-Pianist Joe, der sich mit Ende 30 als Teilzeit-Musiklehrer an einer Highschool über Wasser hält und sich von seiner Mutter anhören muss, dass er endlich den Traum von einer richtigen Musikerkarriere an den Nagel hängen soll. Da bekommt Joe unerwartet doch noch die lang ersehnte Chance, mit einer berühmten Jazzkünstlerin aufzutreten - und kommt kurz darauf durch einen Unfall zu Tode. Beziehungsweise fast: Joes Seele findet sich in einer Zwischenwelt wieder, die sowohl das Leben nach dem Tod beinhaltet als auch das Leben vor dem Leben: Hier werden die Seelen mit ihrer Persönlichkeit versehen, bevor sie den Weg in ihr irdisches Sein antreten. Durch ein Mentorenprogramm, das den neuen Seelen helfen soll, den entscheidenden Funken für ihr Leben zu finden, glaubt Joe ein Schlupfloch zu erkennen, durch das er sich zurück in seine irdische Existenz schummeln kann, um sein Leben doch noch weiterzuleben, wo es doch gerade erst endlich richtig losging. Nur zu dumm, dass er es mit der störrischen Seele "22" zutun bekommt, die sich seit zig Jahrtausenden erfolgreich dagegen wehrt, den Weg ins irdische Dasein wirklich anzutreten. 

Das klingt jetzt irgendwie gar nicht wie ein Film für Kinder, oder? Ist es auch nicht. Schon mit "Alles steht Kopf" hatte Pixar sich sehr weit von dem alten Klischee "Animationsfilm = Kinderfilm" entfernt, und geht jetzt noch ein paar bemerkenswerte Schritte weiter. Mit Themen wie Tod und Jenseits hat man sich zwar schon in "Coco" auseinandergesetzt. Aber jetzt dringt man dabei auf eine existentielle, philosophische Ebene vor, die für ein kindliches Publikum endgültig zu hoch ist. Infolge der Corona-Pandemie hat man sich bei Disney entschlossen, "Soul" wie schon drei Monate zuvor "Mulan" nicht im Kino zu starten, sondern exklusiv auf dem hauseigenen Streaming-Dienst zu präsentieren, pünktlich zu Weihnachten. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie zig ahnungslose Eltern am Weihnachtstag für ihre Kleinen den neuen Disney-Film anschmeißen werden - um ein ziemlich blaues Wunder zu erleben. Prognose: In den ersten Tagen nach Veröffentlichung wird es haufenweise negative Kommentare zu diesem Film regnen, einfach aufgrund völlig falscher Erwartungshaltungen.

Tatsächlich tun Docter, sein bis dato noch unbekannter Co-Regisseur Kemp Powers und ihr Team hier allerdings nichts anderes, als einmal mehr die größten Stärken von Pixar zu bündeln und nahezu in Perfektion auszuführen: Eine narrative Fantasie, die sich selbst keine Grenzen setzt, und die unendlichen Freiheiten des Animationsfilms nutzt um eine Geschichte zu erzählen, die auf anderem Wege kaum zu erzählen wäre. Gebündelt mit herausragendem technischen Handwerk, einzigartiger emotionaler Intelligenz beim Erschaffen und Ausloten der Figuren, und einer spielerischen, unbeschwerten Komik, die selbst beim ernstesten Thema immer wieder unerwartet und erfrischend durchbricht. Es ist in der Tat eine der besonderen Freuden von "Soul", wie häufig der Film sich kleine Explosionen von geradezu Cartoon-artiger, hemmungslos absurder Komik erlaubt und damit zeigt, wie groß die reine Freude am Unsinn in seinen sehr erwachsenen Machern immer noch ist.  

Es kommt daher nicht von ungefähr, dass "Soul" ganz zentral verdeutlicht, wie wichtig es ist sich auch als Erwachsener ein kindliches Staunen und die Freude an den einfachen Dingen im Leben zu erhalten. Überhaupt ist es ein Film über die kleinen Dinge, deren Wert man viel zu oft übersieht. Jazz spielt darum in "Soul" passenderweise nicht nur eine Rolle in der Handlung, Jazz ist auch Bestandteil von Rhythmus und Grundeinstellung des Films, der es sich immer wieder erlaubt, auf unerwartete Tangenten einzuschwenken und eine Weile auf einer erzählerischen Note zu verweilen, einfach weil sie seine Spielfreude geweckt hat.

"Soul" bewegt sich auch deshalb enorm authentisch in seiner Handlungswelt - nicht nur in der musikalischen, sondern auch der afroamerikanischen. Es ist einer der vielen beeindruckenden Aspekte von "Soul", mit welcher Selbstverständlichkeit der Film eine schwarze Hauptfigur in einer hauptsächlich schwarzen Lebenswelt erzählt. Dass sich hier nichts irgendwie gewollt und "fake" anfühlt, ist sicherlich Co-Regisseur Kemp Powers anzurechnen, selbst Afroamerikaner, der hier für die authentische "realness" gesorgt haben dürfte. 

Trotz aller Ambitionen, erwachsenen Thematik und geradezu existenzialistischen Dimensionen hebt "Soul" dennoch nie in Sphären ab, die zu verkopft oder philosophisch werden. Seine Tiefgründigkeit bewegt sich immer noch in ausreichend seichten Gewässern, dass auch ein breites Publikum problemlos mitgehen und mitfühlen kann. Pixar hat schon größere Tränenschocker als hier zustande gebracht, nichtsdestotrotz muss man schon ein ziemlich kalter Mensch sein, um von der Auflösung hier nicht ergriffen zu sein.

"Soul" ist genau das Pixar-in-Reinkultur-Fest, das man sich von dem Film ersehnt und erwartet hat. Umso bedauerlicher ist es, dass man ihn nicht auf der ganz großen Leinwand genießen kann - der visuelle Einfallsreichtum, gerade in der Jenseits-Welt, hätte es mehr als verdient gehabt. Ein Probe-Abo bei Disney+ ist "Soul" aber unbedingt wert - im Gegensatz zu "Mulan" wird der Film direkt bei Erscheinen im normalen Abo-Preis enthalten sein, ohne weitere Extra-Gebühren. Also kann man jedem erwachsenen Pixar-Fan nur wärmstens ans Herz legen, sich selbst ein kleines Weihnachtsgeschenk zu machen, und sich diese herzerwärmende, durchgeknallte, tiefschürfende und aberwitzige Wundertüte zu gönnen.   

Bilder: Copyright

9
9/10

... Pixar-Filme überhaupt ! Optisch und soundtechnisch genial in Szene gesetzt mit perfekten Animationen auf allerhöchstem Niveau. Genau so hoch ist das Niveau übrigens auch inhaltlich, ein zu Tränen rührender fast schon anspruchsvoller philosophischer Plot erfreut das Erwachsenen-Herz, aber wird auch gleichzeitig Kinder etwas überfordern. Trotzdem: GENIAL !!

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7
7/10

Der Film hat ein riesen Potential. Was er für mich nicht ganz ausschöpft, leider.
Ich habe nichts über den Inhalt gewusst und war deswegen völlig überrascht von dem frühen Ableben der Hauptfigur. Nach dem kurzen vielversprechenden Beginn war ich deshalb aufgrund des damit verbundenen abrupten inhaltlichen und auch optischen Stilwechsels zunächst enttäuscht. Diese Enttäuschung hat sich dann im Verlaufe des Films etwas gelegt. Auch wenn ich einen Film im visuellen Stil des Anfangs bevorzugt hätte, so war ich doch beeindruckt von der technischen Umsetzung. So gut sah wohl noch kaum ein Animationsfilm aus.
Mir kommt der Wechsel zwischen den Welten trotzdem irgendwie sperrig inszeniert herüber.
Ein Highlight hingegen ist für mich jedoch der Soundtrack. Die Musikstücke sind stimmungsvoll. Atticus Ross tragen mit ihren teils fragenden Sounds wie bei den Auftritten von Terry zu einer interessanten Stimmung bei. Für einen Mainstream-Film dieser Größe hat das schon echt eine ziemliche Tiefe.
Und um bei der Musik zu bleiben, möchte ich für den Film als Vergleich das Bild einer (ehemals) virtuos aufspielenden Band heranziehen, deren neues Album irgendwie gesetzter wirkt. Das Können und die Technik sind nach wie vor zu spüren. Doch die Freude, Energie oder auch der überbordende Spaß am Spiel übertragen sich hier nicht so auf mich, wie das bei z. B. "Alles steht Kopf" der Fall war.
Am Ende des Films sind es dann für mich das Grundthema und vor allem der Sound, die dann trotzdem zu einer Atmosphäre beitragen, die mich irgendwie berührt oder nachdenklich stimmt. Dennoch, hier war mehr drin.

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7
7/10

Die ganz großen Pixar-Gefühle kamen dieses Mal nicht auf. Ja, der Spirit bei den Machern war erkennbar vorhanden und Herzblut kann man dem Film nicht absprechen. Dennoch fehlte mir hier das quirlig-turbulente, das überbordend-fantastische bisheriger Pixar-Perlen. Gerade die Seelenwelt ist vergleichweise langweilig gestaltet - hier gibt es nicht an jeder Ecke etwas Spannendes zu entdecken. Dennoch gute Unterhaltung, aber irgendwie war der Film auf dem TV-Bildschirm vielleicht doch am besten aufgehoben.

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10
10/10

Meine Überschrift klingt zugegebenermaßen extrem kitschig, aber genau so habe ich mich am Ende des Films gefühlt. Ich war gerührt, ich war emotional aufgewühlt, ich war berührt. Ein wirklich sehr tief gehender Film (der definitiv nichts für Kinder ist).
Der Anfang gestaltete sich für mich etwas schwierig, weil ich mit Jazz überhaupt nichts anfangen kann. Aber als der Film dann in Fahrt kam, hatte er mich gepackt. Und am Ende, als der letzte Satz fiel, fühlte sich das nach einer wunderschönen - weil wahren - Moral an.

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