Heinrich V.

MOH (155): 19. Oscars 1947 - "Heinrich V."

In unserer Serie "Matthias' Oscar History" (MOH) bespricht Matthias in jeder Folge jeweils einen der zwischen den Jahren 1929 und 2000 nominierten Oscar-Beiträge aus der Kategorie "Bester Film".

von Matthias Kastl / 21. Juli 2026

Die 19. Academy Awards wurden am 13. März 1947 verliehen und zeichneten die besten Kinofilme des Jahres 1946 aus. Für Hollywood war es nach mehreren erfolgreichen Jahren ein weiteres finanzielles Rekordjahr, denn die Einnahmen an den amerikanischen Kinokassen erreichten einen historischen Höchststand. Ein Trend, der sich allerdings schon bald umkehren sollte – aber dazu ein anderes Mal mehr.

Im Mittelpunkt der Verleihung stand der spätere Best-Picture-Gewinner "Die besten Jahre unseres Lebens“ – was vor allem emotionale gesellschaftliche Gründe hatte. Im Film griff Regisseur William Wyler nämlich die Rückkehr amerikanischer Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg in die Heimat und deren oft schwierige Wiedereingewöhnung in den Alltag auf. Ein Thema, welches das Land damals noch immer sehr bewegte und bei der Verleihung vor allem durch den Auftritt des Kriegsveteranen Harold Russell aufgegriffen wurde. Dieser Harold Russell, der während seines Militärdienstes im Zweiten Weltkrieg beide Hände verloren hatte, war von Wyler in einer Nebenrolle des Filmes als Veteran Homer Parrish gecastet worden. Für diese Rolle gewann Russell, als erster Laienschauspieler der Filmgeschichte, einen Oscar. Insgesamt sogar zwei, denn die Academy hatte mit dessen Sieg in der Kategorie "Bester Nebendarsteller" nicht gerechnet, ihn aber unbedingt auf der Bühne sehen wollen – und ihm deshalb vorsorglich einen Ehrenoscar für seine Darstellung zugesprochen.

 


Ein paar Eindrücke der sehr speziellen "Karriere" von Harold Russell. 

So sorgte Russell für ein weiteres Novum, denn bis heute ist er der einzige Mensch, der für dieselbe Rolle in einem Film mit zwei Oscars ausgezeichnet wurde. Das reichte dem guten Mann aber offensichtlich nicht in Sachen Geschichtsschreibung, denn mit einem dieser Oscars sollte er Jahrzehnte später noch ein weiteres Mal für Schlagzeilen sorgen. Russell war nämlich der erste Mensch, der eine seiner Oscar-Statuen „verscherbelte“ – im Jahr 1992, um für die medizinische Behandlung seiner Frau aufzukommen. Wobei auch das Gerücht umging, seine Frau habe nur eine teure Kreuzfahrt machen wollen.

Auf jeden Fall war Russells Karriere in Hollywood am Ende aber relativ kurz. Schon Regisseur William Wyler hatte ihm nach dessen Oscar-Sieg geraten, doch besser wieder aufs College zu gehen, da es in Hollywood kaum Rollen für einen Mann ohne Hände gebe. Sehr wohl aber für Männer mit Händen – und von denen kehrten nach dem Krieg viele in die Traumindustrie zurück, um ihre frühere Arbeit wieder aufzunehmen. Während des Krieges hatten wiederum viele Frauen einige dieser Arbeiten übernommen, wurden nun aber zu großen Teilen von den männlichen Rückkehrern wieder aus diesen Positionen gedrängt. Was wir (bevor wir uns der Kritik von "Heinrich V." widmen) hier nun als Ausgangspunkt für unseren heutigen Blick hinter die Kulissen des alten Hollywoods nehmen und die Frage stellen, welche Rolle eigentlich überhaupt Frauen damals in der Filmproduktion der Traumfabrik spielten.

 

Hier gehts direkt zur Filmkritk von "Heinrich V."

 

Hintergrund: Von Pionierinnen zu Randfiguren – Frauen im alten Hollywood

Wenn man an Frauen der goldenen Ära Hollywoods denkt, kommen einem meist nur die großen Stars vor der Kamera in den Sinn: Greta Garbo, Katharine Hepburn oder Ingrid Bergman. Hinter der Kamera dominieren in dieser Zeit selbst in der Erinnerung vieler Cineasten bis heute ausschließlich Männer die Traumfabrik – was natürlich nicht die ganze Wahrheit ist. Darum ist es mal an der Zeit, in dieser Reihe zumindest kurz einige der bekanntesten weiblichen Namen hinter der Kamera zu würdigen und eine Lanze für vergessene weibliche Pionierarbeit in Hollywood zu brechen.

In Männerhand – Hollywoods goldenes Zeitalter
Die männliche Dominanz im Hollywood der 1930er- und 1940er-Jahre hinter der Kamera ist nicht von der Hand zu weisen. Besonders deutlich zeigt sich das im Bereich der Regie, in dem Namen wie Alfred Hitchcock, Howard Hawks, Orson Welles oder Frank Capra bis heute untrennbar mit der Kinogeschichte verbunden sind, während Regisseurinnen nicht zu existieren scheinen. Das ist aber auch relativ nah an der Wahrheit, denn im Wesentlichen gab es nur eine Hollywood-Regisseurin, die in dieser Zeit kontinuierlich beschäftigt war. Von Dorothy Arzner dürfte heute aber kaum jemand gehört haben, obwohl sie mit Stars wie Katharine Hepburn in “Christopher Strong“ (1933), Joan Crawford in “Die Braut trug Rot“ (1937) oder Maureen O’Hara in “Dance, Girl, Dance“ (1940) zusammenarbeitete.

Die Arbeit der wenigen Hollywood-Regisseurinnen in dieser Zeit konnte jedoch nie wirklichen Nachhall entwickeln – was sich auch in der Oscar-Geschichte widerspiegelt. Erst 1977 wurde mit Lina Wertmüller erstmals eine Frau für den Regie-Oscar nominiert. Bis 2010 dauerte es dann sogar, ehe Kathryn Bigelow als erste Frau die Goldstatue gewann. Doch wie das Beispiel Dorothy Arzner zeigt, gab es ja auch schon früher weibliche Filmschaffende in Hollywood. Man muss eben nur genauer hinschauen – etwa in weniger sichtbare Berufsfelder.
 


Ein paar Eindrücke von Dorothy Arzner.

Weibliche Oscar-Gewinner vor 1947
Schon ein Blick auf die Oscar-Nominierungen der 19. Academy Awards des Jahres 1947 deutet ein wenig Frauenpower an, denn es sind durchaus einige Frauen auch abseits der Schauspielkategorien vertreten. Muriel Box erhielt gemeinsam mit Sydney Box den Oscar für das Originaldrehbuch von “Der letzte Schleier“ und Clemence Dane wurde für die Originalgeschichte zu “Perfect Strangers“ mit dem Goldjungen ausgezeichnet. Sally Benson war wiederum zusammen mit Talbot Jennings für das Drehbuch zu “Anna und der König von Siam“ nominiert, während Carmen Dillon es gemeinsam mit Paul Sheriff für das Szenenbild von “Heinrich V.“ auf die Nominierungsliste schaffte.

Es gab sie also, die weiblichen Filmschaffenden im Golden Hollywood – auch wenn sie häufig mit männlichen Partnern arbeiteten und meist in weniger prestigeträchtigen oder zumindest weniger sichtbaren Bereichen tätig waren. Abseits der Schauspielkategorien hatten vor 1947 nur sechs Frauen zusammen sieben Oscars gewonnen. Frances Marion erhielt zwei Auszeichnungen für ihre Drehbucharbeit an “Hölle hinter Gittern“ und “Der Champ“, Sarah Y. Mason einen Oscar für ihre Adaption von “Vier Schwestern“. Dorothy Fields gewann für den Song “The Way You Look Tonight“ aus “Swing Time“, Eleanore Griffin für die Originalgeschichte von “Teufelskerle“, Anne Bauchens wurde für den Schnitt von “Die scharlachroten Reiter“ ausgezeichnet und Barbara McLean für ihre Arbeit an “Wilson“.

Auffällig ist dabei, dass sich viele weibliche Credits dieser Zeit gerade in den Bereichen Drehbuch und Schnitt tummeln. Wie das kommt und wie sich die geringe Präsenz von Frauen in der Branche allgemein erklären lässt, dafür lohnt sich nun ein kleiner Blick in die Anfänge des Kinos.
 


Auch Frances Marion darf nicht zu kurz kommen.
 

Die Anfangsjahre – als das Kino noch weiblicher war
Die Kinogeschichte hatte nämlich eigentlich deutlich femininer begonnen. Zugegeben: Eine der frühesten Tätigkeiten, die Frauen in der Filmindustrie offenstanden, war das damals eher spöttisch betrachtete Kolorieren von Filmen – also das händische Auftragen von Farbe auf einzelne Filmbilder. Bereits im 19. Jahrhundert waren weibliche Koloristinnen in der Produktion von Laternenbildern und Postkarten verbreitet. Solche repetitiven und detaillierten Arbeiten galten als vermeintlich “weibliche“ Tätigkeiten – für die Frauen zugleich mit niedrigeren Löhnen abgespeist wurden. Die Filmbranche übernahm diese Strategie, und so bestand später etwa auch Disneys Ink-and-Paint-Abteilung nahezu vollständig aus Frauen.

Dafür, dass Frauen es in der männlich dominierten amerikanischen Wirtschaft schwer hatten, entwickelte sich die Filmbranche aber schnell schon fast zu einem Positivbeispiel. In den Anfangsjahren der Stummfilmgeschichte gelang es Frauen vergleichsweise flott, in der Branche Fuß zu fassen. Was half: die Arbeit an frühen Filmsets war flexibel organisiert, vollständig festgelegte Berufsbilder und starre Studiohierarchien existierten noch nicht – männliche Machtstrukturen waren also deutlich weniger präsent. Um 1910 waren zum Beispiel Schauspiel und Regie noch keine besonders prestigeträchtigen Berufe und standen auf einer Ebene mit Laborarbeit oder Verwaltung. Die amerikanische Schauspielerin Gene Gauntier beschrieb ihre Arbeit bei der Kalem Company zwischen 1907 und 1912 so einmal als ein großes Durcheinander, in dem sie nahezu jede Aufgabe übernahm. Und eine Schauspielerin wie Florence Turner konnte bei der Vitagraph Company nebenher noch die Buchhaltung verantworten.

Unter diesen Bedingungen entstand unter anderem das Phänomen der sogenannten “Universal Women“: mehrere Frauen, die zwischen 1916 und 1921 bei Universal als Regisseurinnen arbeiteten und häufig zugleich Drehbücher schrieben, produzierten oder selbst vor der Kamera standen. Dazu gehörten etwa Ruth Ann Baldwin, Grace Cunard oder Eugenie Magnus Ingleton. Überhaupt konnten Frauen in den ersten beiden Jahrzehnten des Kinos gerade aufgrund des organisatorischen Wildwuchses vergleichsweise leicht Aufgaben übernehmen, die später klar voneinander getrennt wurden. Sie schrieben Drehbücher, produzierten, inszenierten und schnitten ihre Filme teilweise in Personalunion.

Diese Offenheit war weniger ein Zeichen echter Gleichberechtigung, sondern mehr von Chaos – schuf aber zumindest Räume für Chancen auf unternehmerische und kreative Eigenständigkeit von Frauen. Das American Film Institute dokumentiert für die Anfangszeit Hollywoods mehr als 800 Frauen in entsprechenden Tätigkeiten. Laut der Filmprofessorin Jane Gaines waren Frauen zwischen 1916 und 1923 im Kino mächtiger als in jedem anderen amerikanischen Wirtschaftszweig und in dieser Zeit in ungewöhnlich großer Zahl an der Gründung und Leitung unabhängiger Produktionsfirmen beteiligt.
 


Eines der Werke von "Universal Woman" Ruth Ann Baldwin.
 

Wie Frauen Geschichte(n) schrieben
Ein gutes Beispiel für diesen weiblichen Einfluss ist die Rolle von Frauen im Drehbuchbereich. Laut einer Studie waren zwischen 1910 und 1930 Frauen bei 27,5 Prozent der untersuchten amerikanischen Spielfilmproduktionen als Autorinnen oder Koautorinnen beteiligt. Das ist natürlich noch immer weit von Gleichstellung entfernt, für die damalige amerikanische Wirtschaft aber überraschend hoch. Dass gerade der Drehbuchbereich Frauen vergleichsweise offenstand, hatte unter anderem damit zu tun, dass das Schreiben von Szenarien zunächst weniger als prestigeträchtige Führungsaufgabe denn als erzählerische und redaktionelle Arbeit galt. Ein Arbeitsbereich, der im Vergleicht zur sonstigen amerikanischen Wirtschaft überproportional mit Frauen bestückt war, die viel Erfahrungen aus Journalismus, Literatur, Theater oder Schauspiel einbringen konnten.

Zugleich benötigte die schnell wachsende Filmindustrie eine große Zahl neuer Geschichten, Adaptionen und Zwischentitel. Die Studios gingen auch häufig davon aus, dass Autorinnen besonders gut Stoffe über Familie, Ehe, Liebe oder soziale Konflikte schreiben konnten. Das rechnete sich, da Frauen zugleich als wichtiges Publikum begriffen wurden. Und gerade weil eben auch die Drehbucharbeit zunächst weniger mit Kapital, Technik und institutioneller Macht verbunden war als Regie oder Produktion, bot sie Frauen zur damaligen Zeit mit die einfachsten Einstiegsmöglichkeiten.
 

Die 1930er – der Preis des Erfolgs
Mit dem Ende der Stummfilmzeit sollte sich die Situation für Frauen jedoch deutlich verschlechtern. Ein Grund dafür war ausgerechnet der große Erfolg Hollywoods. Die Filmproduktion wurde kapitalintensiver, die Studios größer und die einzelnen Abteilungen stärker spezialisiert. Je mehr wirtschaftliche Macht sich in wenigen großen Unternehmen bündelte, desto stärker wurden leitende Positionen von Männern dominiert. Frauen verloren besonders in Regie, Produktion und Geschäftsführung deutlich an Einfluss.

Daten zeigen zum Beispiel, dass der Anteil weiblicher Schreib-, Regie- und Produktionscredits im Zeitraum zwischen 1910 und 1930 etwa 10,9 Prozent betrug – danach aber bald auf gerade einmal 6,9 Prozent sank. Vereinfacht gesagt: Mit dem steigenden Prestige der Branche und der Aussicht auf noch größere Geldsummen begann der männliche Machtapparat (noch stärker als sonst) die Muskeln spielen zu lassen. Was zur Folge hatte, dass Frauen in Hollywood fast nur noch in Sekretariaten, Verwaltungsabteilungen sowie Kostüm- und Garderobenwerkstätten anzutreffen waren. Und eben weiterhin zumindest noch vergleichsweise stark im Bereich Drehbuch und Schnitt vertreten waren – was wir an dieser Stelle zumindest ein bisschen feiern wollen.


Weibliche Erfolge bei Schnitt und Drehbuch
Schauen wir uns den Schnitt an. Viele Frauen waren dort ursprünglich vor allem deshalb eingestellt worden, weil die Arbeit als monoton, niedrig bezahlt und mit Tätigkeiten wie Nähen oder Stricken vergleichbar galt. Als Studios erkannten, wie entscheidend Montage und Rhythmus für einen Film waren, entwickelte sich daraus ein deutlich prestigeträchtigerer Beruf. Doch auch wenn nun deutlich mehr Männer diesen Berufsweg einschlugen, gelang es zum Beispiel einer Margaret Booth beim Studio Metro-Goldwyn-Mayer, nicht einfach nur weiter große Filme (“Meuterei auf der Bounty“, “The Barretts of Wimpole Street“) schneiden zu dürfen, sondern Studioleiter Louis B. Mayer sogar bei Rohfassungen und möglichen Nachdrehs beratend zur Seite zu stehen. Anne Bauchens agierte wiederum als langjährige Cutterin von Cecil B. DeMille und erhielt zum Beispiel für ihre Arbeit bei dessen Epos “Cleopatra“ eine Oscar-Nominierung. Barbara McLean (“Die Elenden“) war eine der wichtigsten Cutterinnen von 20th Century Fox und Dorothy Spencer für den Schnitt von Hitchcock-Werken wie “Der Auslandskorrespondent“ oder “Das Rettungsboot“ verantwortlich. Alles nur ein paar Beispiele für einen Berufszweig, der für Frauen auch nach der Professionalisierung Hollywoods zumindest noch halbwegs zugänglich war.


Ein Blick auf die Karriere der Cutterin Margaret Booth

Ebenfalls halbwegs positiv sah es im bereits angesprochenen Drehbuchbereich aus. Viele Frauen konnten hier ihren Job aus der Stummfilmzeit “herüberretten“ – wie etwa Anita Loos (“San Francisco“). Eine der bedeutendsten Drehbuchautorinnen des frühen Tonfilms war Frances Marion, die mehr als 130 Filme schrieb und als erste Autorin zwei Oscars gewann. Sonya Levien (“Der Glöckner von Notre-Dame“) galt derweil als bestbezahlte Drehbuchautorin von 20th Century Fox und Frances Goodrich schuf mit “Der dünne Mann“, “Der Vater der Braut“ und “Ist das Leben nicht schön“ gleich mehrere Hollywood-Klassiker. Eines der bekanntesten Beispiele einer erfolgreichen Drehbuchautorin war Mary C. McCall Jr., die vor allem für Warner Bros., Columbia Pictures und Metro-Goldwyn-Mayer schrieb (unter anderem “Ein Sommernachtstraum“). Besonders ist aber vor allem, dass McCall Jr. von 1942 bis 1944 sogar als erste Präsidentin der Screen Writers Guild agierte.
 


Wer etwas Zeit mitbringt erfährt hier spannende Hintergründe zu Mary C. McCall Jr.
 

Der Krieg öffnet Türen – und schließt sie wieder
Dass viele Männer Anfang der 1940er-Jahre für den Krieg eingezogen wurden, öffnete dann sogar die eine oder andere Tür mehr für Frauen. Für Hollywood bedeutete das jedoch nicht, dass Frauen plötzlich massenhaft Regisseurinnen oder Studiochefinnen wurden. Die Öffnung betraf weiterhin eher mittlere, spezialisierte und weniger öffentlich sichtbare Positionen. Was man in den Kriegsjahren auch gut an weiter steigenden weiblichen Credits im Storybereich sieht. Was aber auch damit zu erklären ist, dass während des Krieges die Nachfrage nach Stoffen stieg, die Frauen an der Heimatfront, Soldatenfamilien, Opferbereitschaft, Patriotismus und moralische Stabilität thematisierten – und Studios hierfür Autorinnen den männlichen Kollegen öfters vorzogen.

Für die prestigeträchtigsten Berufe wie Produktion oder Regie änderte sich dagegen auch mit dem Kriegseintritt der USA nicht viel. Regisseurinnen waren weiter quasi nicht existent und es gibt nur wenige bekannte Beispiele für Produzentinnen. Eine davon war Harriet Parsons, die beim Studio RKO aber hart darum kämpfen musste, die Kontrolle über Projekte wie “Mit den Augen der Liebe“ von 1945 behalten zu dürfen. Oder Virginia Van Upp, die 1944 zur ausführenden Produzentin bei Columbia aufstieg. Und Joan Harrison, die Mitte der 1930er-Jahre zur persönlichen Sekretärin und einer der engsten Mitarbeiterinnen Alfred Hitchcocks avanciert war, durfte ab 1944 als Filmproduzentin bei Universal Pictures und RKO Pictures ran.
 


Und ebenfalls ordentlich Zeit mitbringen für diese Diskussion über Hitchcocks Produzentin Joan Harrison.

Kurzfristig öffnete der Zweite Weltkrieg also hier und da mal neue Räume, doch die Rückkehr zur vermeintlich “normalen“ Geschlechterordnung nach dem Krieg relativierte das schnell wieder – auch wenn einige Frauen auch danach weiterhin als Autorinnen, Cutterinnen oder Szenenbildnerinnen arbeiteten. Weibliche Positionen waren aber eben weiterhin weniger sichtbar und vor allem seltener mit institutioneller Macht verbunden – und die kreativen Freiheiten der Stummfilmzeit erst einmal verloren. Und das sollte sich so schnell jetzt ja auch erst mal nicht ändern. 
 

Die Nominierten der 19. Academy Awards

Bleiben wir aber erst in der Vergangenheit und widmen uns nun der 19. Oscarverleihung und blicken auf die Nominierungsliste der besten Filme des Jahres 1946: mit “Heinrich V.“, “Ist das Leben nicht schön?“, “Die Wildnis ruft“, “Auf Messers Schneide“ und dem späteren Gewinner “Die besten Jahre unseres Lebens“. In der ersten Filmkritik des Jahrgangs können wir dabei gleich die Arbeit einer der oben genannten Frauen bewundern, nämlich das Oscar-nominierte Szenenbild von Carmen Dillon in “Heinrich V.“.

 

Heinrich V.

Originaltitel
The Chronicle History of King Henry the Fift with His Battell Fought at Agincourt in France
Jahr
1944
Laufzeit
137 min
Release Date
Oscar
Nominiert "Best Motion Picture"
Bewertung
8
8/10

Das moderne Publikum verbindet Shakespeare-Verfilmungen heute wohl am ehesten mit dem Namen Kenneth Branagh, der vor allem in den 1990er-Jahren zahlreiche Werke des Meisters (wie “Viel Lärm um nichts“, “Othello“ oder “Hamlet“) ins Kino brachte. Der eigentliche Wegbereiter erfolgreicher Shakespeare-Leinwandverfilmungen war jedoch jemand anderes. Mit der Umsetzung von “Heinrich V.“ – übrigens auch der erste Shakespeare-Stoff, den Branagh für das Kino verfilmte – gelang Laurence Olivier in den 1940er-Jahren die erste wirklich gefeierte Verfilmung des britischen Dramatikers. Dem ließ Olivier bald weitere Umsetzungen folgen, die ihn auf der großen Leinwand zum wohl wichtigsten Shakespeare-Interpreten des 20. Jahrhunderts werden ließen. Und auch wenn man “Heinrich V.“ sein Alter heute, vor allem aufgrund des knallbunten Technicolor-Looks, schon sehr deutlich anmerkt, ist immer noch nachvollziehbar, warum dieser Film damals einen kleinen Shakespeare-Boom auslöste: Olivier trifft bei der Transformation des Theaterstücks auf die große Leinwand nämlich ziemlich viele clevere Entscheidungen.

Ob die Entscheidung des jungen Königs Heinrich V (Laurence Olivier, “Sturmhöhe“, “Rebecca“) Anspruch auf den französischen Thron zu erheben clever ist muss sich im Film dagegen erst noch zeigen. Bestärkt durch den Erzbischof von Canterbury (Felix Aylmer) und angestachelt von einer Provokation des französischen Thronfolgers (Max Adrian), bereitet Henry V. einen Feldzug gegen Frankreich vor. Während auf der englischen Seite manche Soldaten am Sinn des Unternehmens zweifeln, sieht der französische Adel der Sache mit überheblicher Gelassenheit entgegen. Die Tochter des französischen Königs Karl VI. (Harcourt Williams), Prinzessin Katharina (Renée Asherson), ist da schon etwas skeptischer und lernt vorsichtshalber lieber etwas Englisch. Stellt sich nur die Frage, ob sie diese Sprachkenntnisse schon bald benötigen wird. 
 


Der offizielle britische Originaltitel des Films klingt auf jeden Fall schon einmal nach ziemlich viel Epos: “The Chronicle History of King Henry the Fift with His Battell Fought at Agincourt in France“. Wobei selbst die britischen Kinos den Film lieber unter dem Kürzel “Henry V.“ laufen ließen und er so auch bei der Oscar-Academy gelistet wurde. Diese hatte den bereits 1944 in England erschienenen Film für die Verleihung 1947 in die Liste der Nominierten aufgenommen, was möglich war, da der Film erst nach dem Ende des Krieges in den USA gestartet war. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Film seine eigentliche Schuldigkeit aber bereits getan, denn das Werk war auf der Insel zur moralischen Unterstützung der Truppen gedacht gewesen und hatte darum großzügige finanzielle Unterstützung von der britischen Regierung erhalten.

Die Idee dieser filmischen Kriegspropaganda ergibt mit Blick auf die Handlung von Shakespeares Stück durchaus Sinn, schließlich stellen sich in “Heinrich V.“ englische Truppen auf dem europäischen Festland erfolgreich einer feindlichen Übermacht. Zugegeben, bei der Veröffentlichung des Films im November 1944 war die Lage nicht mehr ganz so trostlos wie zuvor. Aber als Motivation für den Schlussspurt hat er sicher nicht geschadet, drehen sich doch die berühmtesten Szenen des Stücks (“Once more unto the breach“) um das Durchhaltevermögen und den Mut zum letzten großen Angriff. Vermutlich nicht ganz traurig darüber, dass er nicht an die Front, sondern besser vor die Kamera sollte, war Laurence Olivier, dessen internationale Starpower dem Film zu großem Ruhm verhelfen sollte. Olivier hatte zwar am Theater viel Erfahrung als Shakespeare-Darsteller gesammelt, traute sich die Inszenierung aber eigentlich nicht zu und übernahm sie erst, als mögliche Alternativen (wie William Wyler) ihm absagten. Das wiederum war eine glückliche Fügung, denn Olivier ist der Hauptgrund dafür, dass der Film so gut funktioniert.
 


Olivier stand bei seinem Regiedebüt vor der Frage, wie er dieses Theaterstück erfolgreich für ein Massenpublikum auf die Leinwand bringen konnte. Seine Antwort darauf ist ziemlich brillant: ein gradueller Übergang von einem Medium zum anderen. Der Film startet in einem Theater als echtes Theaterstück, inklusive Publikum und einem Blick hinter die Kulissen. Bis ein Sprecher dann irgendwann darauf hinweist, dass man sich vieles doch auch in der Fantasie vorstellen könne, und die Handlung auf einmal das Theater verlässt. Dieser Übergang in die “Realität“ erfolgt allerdings schrittweise. Die Sets werden erst einmal nur etwas größer, so als ob man in ein deutlich größeres Theater umgezogen wäre, und bleiben weiterhin stark artifiziell. Gerade diese Mittelphase ist faszinierend, weil sie eine interessante Zwischenstimmung aus Theater- und Filmatmosphäre erzeugt. Das liegt nicht nur am absichtlich etwas künstlich wirkenden Setdesign (an dem die weiter oben ja bereits erwähnte Filmarchitektin Carmen Dillon maßgeblich beteiligt war), sondern auch an zahlreichen Matte Paintings, deren Erweiterungen der Landschaft um Burgen oder Städte vom Look her an mittelalterliche Buchmalerei angelehnt sind.

Im Schlussdrittel, wenn es zur großen Schlacht kommt, öffnen sich die Sets aber dann komplett und man ist für den finalen Konflikt auf einmal mitten in der britischen Landschaft – inklusive riesiger Reiterhorden. Das ist schon eine echt clevere Idee, Shakespeares Stück so graduell-visuell vom Theater in den Film zu überführen. Da man all das noch in knallbuntem Technicolor präsentiert bekommt, wofür damals die einzige Technicolor-Kamera Großbritanniens genutzt wurde, verstärkt die Faszination mit diesem Look nur noch. Natürlich wirkt manches auch hier und da aus heutiger Sicht etwas albern, allerdings eher auf positiv-niedliche Art und Weise. Exemplarisch dafür ist zum Beispiel ein riesiges Modell von London, über das die Kamera zu Beginn des Filmes fliegt. Mit seinen kleinen Mini-Booten und offensichtlichen Modellhäusern wirkt das nun alles andere als glaubwürdig, aber das verzeiht man nur zu gerne, da spürbar ist, wie viel Herzblut und Arbeit (ganze zwei Wochen saß man daran) hier hineingeflossen ist.
 


Dass hier sehr talentierte Leute am Werk sind, merkt man auch vor der Kamera. Olivier versammelt einen ganzen Haufen theaterversierter Schauspielerinnen und Schauspieler, wodurch selbst die Nebenrollen richtig gut besetzt sind. Und viele von ihnen spielen, auch wenn man das bei diesem Hintergrund und einem Film aus dieser Zeit vielleicht anders erwarten würde, gar nicht übermäßig theatralisch, sondern mit viel Feingefühl. Selbst mit sehr guten Englischkenntnissen fällt es einem allerdings manchmal nicht leicht, den originalen Shakespeare-Dialogen zu folgen. Das hat zur Folge, dass das Geschehen stellenweise doch etwas distanziert wirkt. Ebenso wie leider auch die Hauptfigur, was aber weniger ein Problem von Oliviers Schauspielkünsten ist, sondern vielmehr von dessen schon sehr extremem Make-up, das ein wenig belustigend, vor allem aber immer etwas zu künstlich wirkt. Es dauert schon eine Weile, sich daran zu gewöhnen, aber mit der Zeit schafft man es, den durch Technicolor nur noch übertriebener wirkenden Look zu akzeptieren. Was gut ist, denn Olivier besitzt grundsätzlich eine wirklich gute Chemie mit vielen anderen Figuren und liefert gerade am Ende mit Katharine eine wirklich stark gespielte “romantische“ Szene ab.

Auch für die Schauspielführung darf man Olivier loben, vor allem dafür, wie er mit Pausen und ruhigen Momenten arbeitet. Sehr häufig nutzt er bei seiner Inszenierung auch wirkungsvolle Kamerafahrten, gerade bei großen Reden, wenn sich die Kamera zurückzieht, die gesamte Gefolgschaft zeigt und dabei die Wirkung seiner einpeitschenden Worte clever verstärkt. Dass der Film trotz vieler Stärken am Ende aber nicht so richtig viel Wucht entfaltet, liegt an der Geschichte, die insgesamt etwas zu glatt daherkommt und vor allem am Ende eher unspektakulär ausläuft. Was auch daran liegt, dass fast alle etwas düsteren Aspekte Heinrichs aus dem Stück für das Drehbuch entfernt wurden. Man wollte ja die Truppen nicht irritieren und schon gar nicht die Gefolgschaft für das Königshaus infrage stellen. Ein paar der Highlights von Shakespeares Werk funktionieren aber auch hier prächtig, allen voran eine Sequenz, in der unser König inkognito seine Soldaten besucht und über den Sinn des Krieges gesprochen wird. Das ist vor allem deshalb so wirksam, weil Olivier hier nicht auf große Theatralik setzt, sondern auf ganz ruhige und durch viele Nahaufnahmen sehr intim wirkende Szenen – womit er bewusst einen der großen Vorteile von Film gegenüber Theater ausspielt.
 


Genau darin liegt am Ende dann auch Oliviers Vermächtnis mit dem Film, für den er bei den 19. Academy Awards einen Ehrenoscar erhielt (für seine Leistung, als Schauspieler, Produzent und Regisseur etwas so Eindrucksvolles auf die Leinwand gebracht zu haben). Mit “Heinrich V.“ gelingt es ihm, den schon damals angestaubten Shakespeare für das “moderne“ Publikum der 1944er Jahre aufzufrischen. Seine Oscar-Auszeichnung würde ihm dann auch genug Türen öffnen, um noch einige weitere Shakespeare-Verfilmungen folgen zu lassen. Auf die wir dann auch schon in nicht allzu ferner Zukunft in dieser Oscar-Reihe stoßen werden – angesichts der Qualität von “Heinrich V.“ definitiv ein Grund zur Vorfreude.
 

"Heinrich V." ist aktuell als Blu-ray und DVD auf Amazon in Deutschland verfügbar. 
 


Trailer zum Film
 


Szene: Laurence Olivier hält die berühmte St.-Crispins-Tag-Rede
 


Doku: Ein Blick auf die Karriere von Laurence Olivier.


Ausblick
In unserer nächsten Folge ruft uns die Wildnis. Also wortwörtlich.

Bilder: Copyright

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