Everything Everywhere All at Once

Land
Jahr
2022
Laufzeit
139 min
Release Date
Bewertung
9
9/10
von Frank-Michael Helmke / 10. August 2022

Marvel mag das Mainstream-Kino mit dem Konzept des „Multiverse“ vertraut gemacht haben. Aber wenn es darum geht, welcher Film diese Grundidee maximal kreativ ausgeschlachtet hat, dann kann die Superhelden-Blockbuster-Schmiede einpacken. Denn sie wird mühelos ausgestochen durch die im Vergleich zu Marvel-Produktionen fast lächerlich günstige Independent-Wundertüte „Everything Everywhere All at Once“. Die schon allein für ihren Titel einen Preis verdient hätte. Und dessen inhärentes Versprechen, dass dem Publikum hier ordentlich was um die Ohren gehauen wird, weiß der Film auch höchst eindrucksvoll einzulösen.

Am Anfang sieht es noch gar nicht danach aus. Für die erste Viertelstunde zeigt uns der Film das recht freudlose Dasein von Evelyn Wang (Michelle Yeoh), die als chinesische Einwanderin einen Wachsalon und ein deprimierend-perspektivloses Dasein führt, zwischen einem Ehemann, an dem sie das Interesse verloren hat (Ke Huy Quan, allen Kindern der 80er in ewiger Erinnerung aus „Die Goonies“ und als Indiana Jones-Sidekick in „Tempel des Todes“), einer entfremdeten Tochter (Stephanie Hsu) und einem sie für ihre Lebensentscheidungen still verurteilenden Vater (Hollywoods jahrzehntelanger „Type Cast“-Asiate James Hong). Noch dazu steht ihr eine Steuerprüfung ins Haus durch die so dröge wie bissige Finanzbeamtin Deirdre (wundervoll gegen den Strich besetzt in einer maximal unglamourösen Rolle: Jamie Lee Curtis). Doch das alles rückt sofort in den Hintergrund, als Evelyns Ehemann sich auf einmal in einen Abgesandten aus einem Paralleluniversum verwandelt und Evelyn offenbart, dass sie dazu bestimmt ist, die Existenz von einfach allem zu retten. Und nicht nur in ihrem Universum, sondern in jedem.

Und ab diesem Punkt wird es… anders. Alles, was „Everything Everywhere All at Once” in den nächsten knapp zwei Stunden auf sein Publikum loslässt, ist so einzigartig, schräg, durchgeknallt, originell und außergewöhnlich, dass es sich nahezu jeder Beschreibung widersetzt – vor allem, wenn man nicht spoilern möchte. Und das soll hier auch tunlichst vermieden werden. Denn die fraglos größte Freude an diesem Film ist es, mit ungläubig staunenden Augen zu erleben, wie er ausgelassen eine völlig absurde Idee an die nächste reiht. Selten bis nie hat man einen Film gesehen, bei dem man so dermaßen gar keine Ahnung hatte, was einen in der nächsten Minute erwarten würde (es ist ein bisschen wie die Stoner-Version von Tarsem Singhs „The Cell“, oder Michel Gondrys „Science of Sleep“ mit einer kohärenten Handlung – und ich fühle mich gerade wahnsinnig alt, dass ich diese Querverweise ziehe…).

„Everything Everywhere All at Once“ baut sich mit der Grundkonzeption seines Multiverse-Konstrukts eine perfekte Absprungrampe für einen wilden „Was ist das Schrägste, was uns jetzt einfällt?“-Wettbewerb, und seine Macher haben ihre helle Freude damit. Und wer den ersten Film der Daniels (Regie- und Drehbuch-Duo Daniel Kwan und Daniel Scheinert) gesehen hat, der weiß, dass man hier echt auf alles vorbereitet sein muss (In „Swiss Army Man“ ging es um die besondere Freundschaft zwischen einem Selbstmord-Kandidaten und einer Leiche mit zwei erstaunlich nützlichen Eigenschaften – sie furzt ohne Ende und hat eine Dauer-Erektion. Noch Fragen?).

Wie zwei zugekiffte Film-Geeks, die ihre Pubertät noch nicht so ganz abgeschüttelt haben und jetzt zum Spaß noch etwas Speed einwerfen, ballern die Daniels ohne Rücksicht auf Verluste aus allen Rohren, schämen sich für keinen noch so infantilen Gag und zitieren sich gleichzeitig mit nerdiger Finesse durch eine ganze Reihe filmhistorischer Referenzen (Stanley Kubricks „2001“ sagt ebenso mal kurz Hallo wie die stilprägenden Liebesdramen von Wong-Kar Wai, sowie diverse SciFi- und Martial-Arts-Spektakel, allen voran „Matrix“; und den hiesigen Running Gag, der auf Pixars „Ratatouille“ fußt, muss man wirklich gesehen haben, um ihn zu glauben).

Bei einer Laufzeit von 139 Minuten kann man dem Film vorwerfen, dass er zu sehr in sich selbst und sein eigenes Konzept verliebt ist, und deswegen mit dem Herumtoben auf dem Abenteuer-Spielplatz seiner durchgeknallten Ideen gar nicht mehr aufhören will. Man muss aber auch zugeben, dass „Everything Everwhere All at Once“ mit einem meisterhaft konstruierten Drehbuch niemals den roten Faden in seinem Multiversum-Chaos verliert und selbst völlig quatschige, scheinbar sinnfreie Albernheiten noch ein überraschendes Comeback als Schlüssel-Moment im dramatischen Showdown erleben.

Überhaupt ist der Film keinen Moment auch nur ansatzweise langweilig und 139 Minuten sind selten so schnell verflogen. Was auch daran liegt, dass dieser Film eben nicht nur absurd-klamaukige Albernheiten und spektakuläre Martial-Arts-Sequenzen im Stakkato-Tempo abfeuert, sondern gleichzeitig auf seiner erzählerischen Ebene eine ähnlich breite Salve sehr ernster Themen abhandelt. Von den kleinen, intimen Dramen innerhalb der Familie Wang bis hin zum existentialistischen Hadern mit der inhärenten Bedeutungslosigkeit von eigentlich Allem erweist sich der Film als so vielfältig-tiefgründig, dass es wirkt, als vereine er nicht nur wilde Ideen für vier bis fünf Komödien, sondern dazu auch noch das Drama von vier bis fünf Tragödien in sich.

Wenn sich „Everything Everywhere All at Once” einen Vorwurf gefallen lassen muss, dann offensichtlich diesen: Es ist dann doch alles ein bisschen sehr viel. Dadurch, dass der Film so viel auf einmal sein will, wechselt er seine Tonalität gefühlt im Sekundentakt und schafft es mitunter, gleichzeitig brüllend komisch und tieftraurig zu sein (die Szene mit den Steinen…). Aber so ganz geht das halt doch nicht auf, und man kann es niemandem vorwerfen, wenn er oder sie hier irgendwann mental das Handtuch wirft und sich von der Bilder- und Ideenflut nur noch mitreißen lässt, ohne wirklich noch emotional dabei zu sein.

Es bleibt letztlich eine Sache des individuellen subjektiven Empfindens, ob dieses „Alles gleichzeitig und auf einmal“ für einen aufgeht und man diesen Film entsprechend für das Genialste hält, was man seit langer Zeit gesehen hat (und es gibt viele Stimmen in diese Richtung); oder ob man findet, dass das unterliegende Drama hier von Action und Klamauk doch zu sehr erdrückt wird, um wirklich noch überzeugend zu zünden. Oder konkreter ausgedrückt: Kann ein Film gleichzeitig eine ungemein profunde Darstellung einer klinischen Depression enthalten als auch eine Martial-Arts-Szene, in der Michelle Yeoh jemanden davon abhalten will, sich einen Quasi-Dildo mit aller Macht in den Anus zu rammen? „Everything Everywhere All at Once“ versucht es zumindest. Ob man das eine wertschätzen und sich gleichzeitig über das andere schlapplachen kann, steht auf einem anderen Blatt.

Aber so oder so: „Everything Everywhere All at Once” ist mit Sicherheit der abgefahrenste und vielleicht auch der cineastisch aufregendste Film, den man dieses Jahr sehen kann. Und allein dafür, dass und wie er versucht, so viel auf einmal zu sein, sollte man ihn sich unbedingt ansehen.

Bilder: Copyright

So seh ich das auch. :) Ein Riesenspaß, der trotzdem zum Nachdenken und Philosophieren danach einlädt.

Genau das hatte ich mir von den Daniels erhofft und wenn eine so lange Zeitspanne wie zwischen "Swiss Army Man" und diesem Feuerwerk nötig ist, um die Qualität zu halten, warte ich gern.

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