MOH (150): 18. Oscars 1946 - "Die Glocken von St. Marien"
In unserer Serie "Matthias' Oscar History" (MOH) bespricht Matthias in jeder Folge jeweils einen der zwischen den Jahren 1929 und 2000 nominierten Oscar-Beiträge aus der Kategorie "Bester Film".
Die 18. Academy Awards wurden am 7. März 1946 verliehen und zeichneten die Kinofilme des Jahres 1945 aus. Viel ist von der Verleihung nicht überliefert, die Stimmung dürfte angesichts des Endes des Zweiten Weltkrieges aber wohl deutlich besser als in den Vorjahren gewesen sein. Mit Glamour musste man nun auch nicht mehr hinter dem Berg halten – was auch die Statuen widerspiegelten, die nun wieder in altem Glanz erstrahlten (in den drei Jahren zuvor hatten diese angesichts der schwierigen Zeiten noch aus Gips bestanden).
Nun sollte man ja meinen, dass die Art der nominierten Filme diese Stimmung reflektieren müsste. Doch wenn man sich die fünf Nominierten der Best-Picture-Kategorie anschaut, ergibt sich ein etwas anderes Bild. Mit dem Film-Noir-Melodrama "Solange ein Herz schlägt", Hitchcocks Thriller "Ich kämpfe um dich" und Billy Wilders Film-Noir-Drama und späterem Sieger "Das verlorene Wochenende" bot über die Hälfte der Filme eher dramatische Kost. Was sich nicht nur damit erklären lässt, dass viele Filme noch vor Kriegsausbruch geplant worden waren. Auch die Stimmung in Amerika war nur bedingt fröhlich, zu stark waren die Spuren, die der Zweite Weltkrieg hinterlassen hatte. Millionen Soldaten befanden sich entweder noch im Einsatz oder kehrten traumatisiert zurück, während gleichzeitig die verstörenden Bilder aus den befreiten Konzentrationslagern das moralische Selbstverständnis der westlichen Welt erschütterten.
Ein paar Eindrücke der Oscar-Verleihung - auch wenn die jeweiligen Übergaben der Trophäe nachträglich gefilmt wurden.
Bei all dem großen Drama war aber auch auf die Theatralik der Branche Verlass. Für banalen, aber großen Gesprächsstoff sorgte Schauspielerin Joan Crawford, die ihre Auszeichnung für die beste Hauptdarstellerin (in "Solange ein Herz schlägt") nicht entgegennehmen konnte. Crawford lag krank im Bett – was allerdings viele als billige Ausrede der Diva ansahen und vermuteten, dass Crawford mit einer Niederlage gegen Ingrid Bergman gerechnet hatte und sich darum "entschuldigen" ließ. Da Crawford nach der Kunde ihres Sieges schnell einen Haufen Journalisten zu sich ans Krankenbett rufen ließ, um sich dort perfekt gestylt die Auszeichnung vor vielen Kameras überreicht zu bekommen, stützt die Theorie ein wenig. Ach, Hollywood.
Interessanter ist bei der Verleihung wohl die Tatsache, dass mit "Die Glocken von St. Marien" zum ersten Mal in der Geschichte der Academy eine Fortsetzung in der Kategorie "Bester Film" nominiert wurde. Im Jahr zuvor hatte der Vorgänger "Der Weg zum Glück" die Auszeichnung gewonnen, das war dem Sequel nun nicht vergönnt. Es wirft aber die Frage auf, wie weit verbreitet Sequels eigentlich damals waren und ob das wirklich eher ein Phänomen des modernen Kinos ist (wie man ja heute vermuten würde). Darauf blicken wir jetzt in unserer kleinen Hintergrund-Rubrik, bevor wir uns anschauen, wie unterhaltsam denn "Die Glocken von St. Marien" nun wirklich ausgefallen ist.
Hintergrund:
Die Idee, eine beliebte Geschichte weiterzuspinnen, ist natürlich kein reines Filmphänomen, sondern ein bewährtes Kulturprinzip – auch wenn dies im Lauf der Jahrhunderte in unterschiedlichen Ausprägungen erfolgt ist. Es lohnt sich also, hier erst mal kurz ein wenig abzudriften (keine Sorge, wir kommen wieder zum Kino zurück). Wann hat das mit diesen Fortsetzungen eigentlich angefangen? Nun, genau lässt sich das natürlich nicht datieren, aber es gilt immerhin als gesichert, dass in der Antike und im Mittelalter vor allem die Abenteuer großer Heldenfiguren gerne über Generationen hinweg immer wieder erweitert wurden: zum Beispiel in der Antike das Gilgamesch-Epos oder im Mittelalter die Artus-Saga. Zwar keine klassischen Fortsetzungen im heutigen Sinn, bedienten diese von unterschiedlichen Autoren produzierten Werke aber schon damals zumindest erfolgreich das Bedürfnis der Bevölkerung nach mehr Content zu liebgewonnenen Figuren. Da die Produktion und der Erwerb von Büchern (oder sonstigen Schriften) aber sehr kostspielig war, verbreitete sich dieser Inhalt damals vor allem durch eine lebhafte Erzählkultur – zum Beispiel durch Barden, Spielleute und Troubadoure.
Die Erfindung der Buchpresse um 1450 durch Johannes Gutenberg änderte das. Bücher wurden nun deutlich erschwinglicher und damit verbreiteter, was man in den Folgejahren gut am Boom des Ritterromans in Europa beobachten kann. Viele in den Jahren zuvor mündlich zirkulierten Geschichten des spanischen Ritters Amadis de Gaula eroberten Anfang des 16. Jahrhunderts nun zum Beispiel in Druckform Europa. Nun ließen sich solche Geschichten also verkaufen (wobei schon damals Raubkopien zu einem Problem für Autoren wurden) und so wundert es nicht, dass in den folgenden Jahren viele unterschiedliche Autoren diese "Romanserie" am Laufen hielten. Eine echte und ziemlich bekannte Fortsetzung ist in dieser Zeit und diesem Genre aber auch zu finden. Als ein Unbekannter eine inoffizielle Fortsetzung zu Miguel de Cervantes Ritterroman "Don Quijote" schrieb, war Cervantes so erbost, dass er kurzerhand seine eigene Fortsetzung veröffentlichte – eine direkte Reaktion auf den Markt und die harte Konkurrenzsituation.
Wenn man schon abdriftet, dann so richtig. Mehr zu Amadis de Gaula und seine Verbindung zu Don Quixote.
Mit Fortsetzungen konnte man also Geld verdienen und so etablierten sich diese dann auch auf dem Buchmarkt – so spendierte unter anderem Daniel Defoe seinem Robinson Crusoe im 18. Jahrhundert ein weiteres Abenteuer. Im gleichen Jahrhundert entwickelte sich aber noch ein weiterer spannender Trend, der später noch für das Kino interessant sein wird. In dieser Zeit waren sogenannte Briefromane besonders beliebt, bei denen die Handlung einer Geschichte durch die Korrespondenz zwischen unterschiedlichen Figuren erzählt wurde. Manche der Autoren begannen diese Briefromane aber nun abschnittsweise nacheinander zu veröffentlichen und legten so im weitesten Sinne den Grundstein für eine Erzählform, die im nächsten Jahrhundert durch die Decke gehen sollte: das serielle Erzählen.
Im Gegensatz zur Fortsetzung, die eine ursprünglich abgeschlossene Geschichte weiterspinnt, wird beim seriellen Erzählen ja eine durchgehende Geschichte über mehrere Teile gestreckt. Das entpuppte sich dank dem Aufkommen von Zeitungen für das perfekte Distributionsmodell im 19. Jahrhundert. Viele Romane, wie Charles Dickens "Oliver Twist", wurden als Fortsetzungsgeschichte in mehreren Abschnitten in Zeitungen veröffentlicht und etablierten das serielle Erzählen als Massenphänomen. Vor allem dank clever platzierter Cliffhanger sorgte das serielle Erzählen für einen unglaublichen Story-Boom. Die Leserinnen und Leser waren süchtig nach diesen Geschichten und war eine solche erfolgreich abgeschlossen, kamen viele findige Autoren und Zeitungsverleger natürlich schnell zum offensichtlichen nächsten Schritt: eine Fortsetzung musste her. Das berühmteste Beispiel für ein solches Vorgehen ist vermutlich die "Sherlock Holmes"-Serie von Arthur Conan Doyle, die im Strand Magazine erschien. So wurden also erfolgreich serielles Erzählen und Fortsetzungen miteinander kombiniert.
Beispiel eines "Happy Hooligan"-Abenteuers (1903)
Mit dem Aufkommen des Kinos zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden diese Erzählstrategien nun "einfach" in das neue Medium übertragen. In den Anfangsjahren war das Kino stark von der Kurzfilmproduktion geprägt – und mehr vom Gleichen war schon damals eine naheliegende Idee. Schon im Jahr 1900 produzierte die Edison Film Company in den USA die sogenannten "Happy Hooligan"-Kurzfilme, bei dem die auf einem Comicstrip beruhenden Abenteuer eines gutmütigen Vagabunden in mehreren Filmen geschildert wurden. In Europa schuf der französische Schauspieler und Regisseur André Deed zwischen 1906 und 1910 eine Kurzfilmreihe rund um die Figur des Boireau, der als einer der ersten populären für das Medium Film in Serienform erschaffenen Figuren gilt. Boireau gerät in seinen Filmen meist durch eigene Dummheiten in Situationen, die schließlich im totalen Chaos enden. In Amerika erschienen wiederum mehrere der beliebten "Girl Spy"-Filme (1909-1911), bei denen eine junge Frau in jedem Film eine neue Mission als Spionin für die Konföderierten im amerikanischen Bürgerkrieg übernahm.
Das Kino setzte also eigentlich ziemlich schnell teilweise auf ein episodenhaftes Format mit wiederkehrenden Figuren. Sonderlich komplex fielen diese Filme allerdings nicht aus. In den Anfangsjahren des Kinos bestand ein Film nämlich meist nur aus einer Filmrolle, die um die zehn Minuten Filmdauer ermöglichte. Große Abenteuer waren da nicht wirklich möglich. In den 1910er Jahren wurden nun aber immer öfters mehrere Filmrollen eingesetzt – was längere Filme und dadurch kompliziertere Geschichten ermöglichte. Das Publikum fand schnell Gefallen an den längeren Geschichten, während die Verleiher erkannten, dass man diese (ähnlich dem Prinzip der Zeitungen) ja auch seriell veröffentlichen konnte – um auch so die Kundschaft regelmäßig ins Kino zu locken. Damit begann der Siegeszug der sogenannten Cliffhanger-Serials, wie "What Happened to Mary" (1912), "Fantomas" (1913) oder "The Perils of Pauline" (1914). Diese erzählten je eine aufeinander aufbauende Geschichte, die aber mit zeitlichem Abstand in Einzelfilmen veröffentlicht wurde.
Die elfte "Folge" von "What Happened to Mary".
Mit den 1920er Jahren beginnt schließlich endgültig der Siegeszug des Langfilms – und die eher etwas kürzeren Serials verloren ihre Status als Hauptattraktion. Es etablierte sich in den folgenden Jahren, vor allem aber dann in den 1930er Jahren, das klassische Studiosystem. Und das sah vor, dass prestigeträchtige Produktionen (A-Movies) für Glamour sorgen und das Publikum anlocken sollten, während einfacher produzierte Filme (B-Movie) flankierend nur als Ergänzung dienen würden. Genau für diesen B-Movie-Bereich waren die deutlich einfacher zu produzierenden Serials und episodenhaften Filmreihen nun perfekt geeignet.
Stellt sich aber trotzdem die Frage, warum denn nicht die Idee einer eher klassischen aber eben aufwendigeren Fortsetzung nicht doch ein interessantes Business-Modell für Hollywood gewesen sein ist. Warum kein "Casablanca 2", wenn der erste Film doch so gut funktioniert hatte? Bis auf wenige Ausnahmen wurden in der goldenen Zeit von Hollywood aber kaum Sequels zu erfolgreichen Filmen produziert. 1928 produzierte Douglas Fairbanks "Don Q, Son of Zorro" als Sequel zu "The Mark of Zorro", dem in dieser Oscar-Reihe bereits besprochenen "Drei süße Mädel" folgten zwei Fortsetzungen und aus "Der dünne Mann" machte man ebenfalls eine kleine Filmreihe. Und im Jahr 1935 produzierte Universal mit "Frankensteins Braut" ebenfalls ein durchaus aufwendiges Sequel zu "Frankenstein" (1931) – woraus am Ende sogar eine ganze Gothic-Horror-Reihe entstand. Doch die folgenden Filme dieser Reihe drifteten immer mehr in den B-Movie-Bereich ab – wirklich Lust da weiter viel Geld reinzustecken hatte da keiner.
Trailer: Frankenstein lehrt zurück
Hollywood blieb bei seiner Politik, großen Aufwand wenn möglich nur in singuläre Prestigeprojekte zu stecken. Das lag aber nicht nur daran, dass man die Sorge hatte, dass Sequels vom Publikum als "billig" und einfallslos wahrgenommen werden würden. Man hatte auch viel weniger Druck bekannte Figuren weiterzuführen, da in Hollywood das Starsystem herrschte. Während heute die Rolle von Stars immer mehr abnimmt und eher Figuren und IPs das Publikum anziehen, wollten die Leute damals vor allem die großen Stars sehen. Da man sowieso noch genügend bekannte Stoffe herumliegen hatte, man bediente sich ganz einfach bei der Weltliteratur oder erfolgreichen Broadway-Stücken, hatte man es gar nicht nötig eventuell mit Fortsetzungen den eigenen Ruf zu riskieren.
So ist unser heutige Fortsetzung "Die Glocken von St. Marien" in der Oscar-Reihe ein eher seltenes Phänomen – wobei wir sehen werden, dass diese Fortsetzung tatsächlich nur sehr wenig mit seinem Vorgänger gemeinsam hat und eher ziemlich eigenständig wirkt. Wie es für eine Prestigeproduktion damals ja auch gewünscht war. Mit dem Zusammenbruch des Studiosystems und dann vor allem dem Aufkommen des Blockbusterkinos in den 1970er Jahren sollte sich das alles aber bekanntlich ändern. Doch solange werden Fortsetzungen in dieser Oscar-Reihe noch ziemlich die Ausnahme bleiben. Bleibt nur noch zu klären, ob unsere heutige Film es vielen modernen Fortsetzungen gleichtut und ziemlich uninspiriert daherkommt – oder vielleicht doch positiv überraschen kann. Bevor wir uns also den restlichen nominierten Filmen "Solange ein Herz schlägt", "Ich kämpfe um dich", "Urlaub in Hollywood" und "Das verlorene Wochenende" widmen, treffen wir jetzt in "Die Glocken von St. Marien" erst noch einmal auf den guten alten Priester Charles "Chuck" O'Malley.
Die Glocken von St. Marien
So richtig viel Begeisterung hatte der erste Auftritt von Entertainment-Legende Bing Crosby als Priester Charles "Chuck" O'Malley bei mir ja nicht ausgelöst. "Der Weg zum Glück" war harmloses, wenn auch durchaus nettes Gute-Laune-Kino, das eher unverdient (aber aufgrund der damaligen Stimmung im Land durchaus nachvollziehbar) den Oscar für den besten Film des Jahres 1944 einheimsen konnte. Nun folgte also direkt im Jahr darauf die Fortsetzung, was nach einem ziemlichen Schnellschuss klingt und sich in der Praxis dann auch als genau solcher herausstellt. Wirklich viel Mühe scheint sich hier vor und hinter der Kamera bis auf eine Ausnahme kaum jemand so richtig zu geben und man kann von Glück sagen, dass mit Ingrid Bergman wenigstens der prominenteste Neuzugang hier ordentlich Spiellaune und Charme versprüht.
Diesmal verschlägt es unseren freundlichen Priester Charles "Chuck" O'Malley (Bing Crosby) in eine katholische Gemeinde, bei der eine von Nonnen betriebene Schule Sorgen bereitet. Das Gebäude ist baufällig, die Kasse leer und der reiche Unternehmer Horace P. Bogardus (Henry Travers, "Mrs. Miniver", "Gefundene Jahre"), der bereits das Nachbargrundstück neu bebauen lässt, hat schon seine Finger nach dem Grundstück ausgestreckt. Die willensstarke Oberschwester Mary Benedict (Ingrid Bergman, "Casablanca", "Wem die Stunde schlägt") hofft allein durch Beten den Unternehmer von seinem Plan abbringen zu wollen, doch Chuck vertraut da lieber auf seine eigenen Methoden. Nebenbei muss er sich aber natürlich noch um das Seelenwohl seiner Gemeinde kümmern und möchte dabei vor allem der verzweifelten Mary Gallagher (Martha Sleeper) helfen, die ihre junge Tochter Patsy (Joan Carroll) gerne an der Schule unterrichtet sehen würde. Das sorgt aber wiederum für Konflikten zwischen Chuck und Mary Benedict, die von Chucks lockerem Umgang mit Regeln nur wenig begeistert ist.
Rein technisch gesehen mag es sich bei "Die Glocken von St. Marien" dank dem zweiten Auftritt von Priester O'Malley ja um eine Fortsetzung handeln, auf dem Bildschirm ist davon freilich relativ wenig zu spüren. Außer O'Malley kehrt keine weitere Figur des Vorgängerfilms zurück und die Ereignisse von "Der Weg zum Glück" werden mit keiner Silbe irgendwann einmal erwähnt. Der einzige indirekte Hinweis versteckt sich in der inhaltsleeren Einführung der Hauptfigur, über die wir hier so gut wie keinerlei Hintergrundinformationen erhalten – da ging Leo McCarey ("Ein Butler in Amerika", "Ruhelose Liebe"), der neben der Regie auch wieder mit am Drehbuch werkelte, wohl zu Recht davon aus, dass damals die meisten "Der Weg zum Glück" gesehen hatten.
Eigentlich ja eine schöne Sache, wenn alle die Charakterzüge der Hauptfigur kennen, da kann man sich doch direkt mit Schwung in deren nächstes Abenteuer stürzen. Das mit dem Schwung ist aber hier so eine Sache, denn von Anfang an kommt "Die Glocken von St. Marien" sehr trantütig daher. Schon in seiner ersten Szene wirkt Bing Crosby derart lust- und ausdruckslos, dass man meint, hier hätte man aus Versehen den Lichttest veröffentlicht. Mit sehr viel Wohlwollen kann man Crosbys Spiel vielleicht noch als sehr zurückhaltend deklarieren. Natürlich hat sich der gute Chuck schon im Erstling als eher ausgeglichener Zeitgenosse geoutet, dort aber wenigstens noch etwas Leben und Charisma versprüht. Davon ist hier relativ wenig zu sehen – stattdessen wirkt die Figur auf einmal richtiggehend verschüchtert. Vor allem aber auch einschläfernd, was keine gute Voraussetzung für einen interessanten Film ist.
Ob Crosby einfach nur mit wenig Aufwand das Geld abstauben wollte oder diese Lethargie als Charakterzeichnung einsetzen wollte, wird wohl nicht mehr zu klären sein. Fakt ist dagegen, dass sich auch der von mir sonst immer so gefeierte Regisseur Leo McCarey davon anstecken lässt. Auch dessen Inszenierung kommt deutlich träger als im Vorgänger daher, mit vielen statischen Szenen, langen Überblendungen und kaum Musikuntermalung. Natürlich darf Crosby vereinzelt wieder ans Klavier und ein Lied einstimmen, aber auch diese Auftritte sind nicht nur spärlicher gesät als im Vorgänger, sondern auch noch mal eine Spur langweiliger geraten – und schon bei "Der Weg zum Glück" waren diese Musikdarbietungen ja nicht gerade fetzig.
Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences sah das anders und gönnte sowohl Crosby als auch Leo McCarey eine weitere Oscar-Nominierung. Crosby war dann auch der erste Schauspieler in der Geschichte Hollywoods, der für die gleiche Figur in einem anderen Film eine zweite Oscar-Nominierung erhielt. Ein Sieg blieb dieses Jahr beiden aber verwehrt, von insgesamt acht Oscar-Nominierungen erhielt der Film nur die Auszeichnung in der Kategorie "Bester Ton". Wie angesichts der oben genannten Schwächen der Film dabei auch noch in den Kategorien "Bester Schnitt" und "Beste Filmmusik" nominiert sein konnte, ist mir allerdings ein Rätsel.
Vielleicht ist das ja alles dadurch zu erklären, dass sich im Jahr 1945 viele Amerikaner angesichts der unsicheren Zeiten nach einem behäbig-konservativen Werk sehnten. Genau das bekommen sie auch in Form einer quasi nicht existenten Geschichte, die wieder mal das Schicksal eines Kirchengebäudes in die Hand unseres edlen Priesters legt. Und wie schon teilweise im Vorgänger wird das Nichts an Handlung hier durch nur wenig interessante Subplots auf Spielfilmlänge verlängert – allen voran der sehr banal geschilderte Leidensweg der jungen Patsy und die vollkommen charmfreie Zusammenführung ihrer beider getrennter Eltern durch Chuck. Hatten das Charisma von Crosby, ein paar nette Dialoge und die ordentliche Regie von McCarey im Erstling das Nichts an Handlung noch relativ unterhaltsam gestaltet, ist davon hier kaum noch etwas zu spüren.
Ganz vereinzelt gibt es mal ein paar niedliche Momente. Wenn ein Haufen Kinder ein spontanes Weihnachtsstück einstudiert, schimmert gerade in den Dialogen zumindest für ein paar Minuten McCareys unglaubliches Improvisationstalent durch – ziemlich sicher dürfte hier nur wenig davon im Vorfeld gescriptet gewesen sein. Aber zwischen niedlich und belanglos ist es halt ein schmaler Grad und meistens funktioniert die Laissez-faire-Art des Filmes leider überhaupt nicht, weil man halt entweder eine interessante Handlung oder eine interessante Hauptfigur braucht – und beides eben hier fehlt. Ebenso wie der nötige Witz, Wärme und ein wenig Tempo. So gibt es nur eine große Stärke, die diesen Film am Ende am Leben hält: Ingrid Bergman.
Bergman legt trotz eng angelegtem Nonnenkostüm eine enorme Leichtigkeit und Spielfreude an den Tag, die immer wieder in Szenen ansteckend ist. Wenn sie ein wenig burschikos den Baseballschläger schwingt, einem Jungen Boxstunden erteilt oder einfach nur aus dem Hintergrund mit einem Lächeln ihre Schüler beobachtet, dann sind genau die Emotionen spürbar, die dem Film sonst abgehen. Mit ihrer Art schafft sie es selbst dem leblosen Chuck ein paar sympathische Wortwechsel abzuringen. Ihre Oscar-Nominierung als beste Hauptdarstellerin ist die einzige nachvollziehbare, und für die Rolle erhielt sie in dem Jahr auch den Golden Globe. Während der Rest des Filmes nach lieblosem Schnellschuss riecht, hat man zumindest mit dieser Casting-Entscheidung also ein goldenes Händchen bewiesen.
Am Ende hat das alles gereicht, um 1945 "Die Glocken von St. Marien“ zum erfolgreichsten Kassenschlager des Jahres in den USA zu machen. Einfacher Optimismus im Schlafwagentempo war wohl damals genau das, was man in so aufwühlenden Zeiten gebraucht hat. Etwa 80 Jahre später gibt es aber keinen wirklichen Grund, sich dieses wirklich unglaublich belanglose Werk anzuschauen. Vielleicht fällt meine Wertung ein kleines Stückchen zu hart aus, denn zumindest Bergman ist ja dann doch ein ordentlicher Lichtblick. Aber der Rest versprüht dann doch so stark den Geruch von Lieblosigkeit, dass mehr als eine Durchschnittswertung mir hier nicht über die Tasten kommt.
"Die Glocken von St. Marien" ist aktuell als Blu-ray und DVD auf Amazon in Deutschland verfügbar.
Trailer zum Film
Szene: Ingrid Bergman zeigt ihr Chrisma
Szene: Ein kleines Beispiel der Art Musik die einen hier erwartet - Bing Crosby performt "The Bells of St. Mary's".
Premiere: Zur Abwechslung mal Aufnahmen einer europäischen Filmpremiere eines Hollywoodfilms. Einiges los an Politikprominenz in Dublin
Ausblick
In unserer nächsten Folge setzt ein großer weiblicher Star der goldenen Hollywood-Jahre zum Comeback an – und über zu wenig Storyideen werden wir uns dabei nicht beschweren können.
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