Der weiße Tiger

Originaltitel
The White Tiger
Land
Jahr
2021
Laufzeit
125 min
Genre
Release Date
Streaming
Bewertung
9
9/10
von Matthias Kastl / 26. Januar 2021

Immer Lächeln, einfach immer Lächeln – das ist die Devise der Hauptfigur von "Der weiße Tiger". Die Netflix-Verfilmung des gleichnamigen und mit dem begehrten Man Booker Prize ausgezeichneten Romans über den moralisch fragwürdigen Aufstieg eines indischen Dieners zaubert aber auch dem Publikum ein breites Grinsen auf die Lippen. Mit seinem herrlich boshaften Charme, den wundervoll ambivalenten Figuren und einer schwungvollen Inszenierung gelingt dem Film eine clevere Abrechnung mit dem im Kino oft zu romantisierten Porträt der indischen Gesellschaft. Eine nahezu perfekter Balanceakt aus Humor, Drama und Gesellschaftskritik, der so erfrischend leichtfüßig präsentiert wird, dass diese 125 Minuten auch für Nicht-Zyniker wie im Flug vergehen.

Zynismus ist für die Hauptfigur des Filmes auf jeden Fall kein Fremdwort. Balram (Adarsh Gourav) empfindet trotz (oder wegen) seiner harten Kindheit in einem indischen Armenviertel nur Verachtung für seine Umgebung. Balram fühlt sich zu Höherem bestimmt und nutzt so eines Tages die Gelegenheit, einen begehrten Job als Fahrer des vermögenden Millionärssohn Ashok (Rajkummar Rao) zu ergattern. Ashok ist zusammen mit seiner Frau Pinky (Priyanka Chopra) gerade erst von einem längeren USA-Aufenthalt in den Schoß seiner korrupten Familie zurückgekehrt. Kulturschock inklusive, denn mit dem patriarchischen Weltbild seines Vaters (Mahesh Manjrekar) und dessen brutalen Methoden hat vor allem Pinky so ihre Probleme. Doch Ashok und Pinky ahnen nicht, dass die größte Gefahr an einer ganz anderen Stelle lauert. Denn der stets so unterwürfig erscheinende Balram hat ein klares Ziel: die Spitze der Nahrungskette.

Was für ein Film "Der weiße Tiger" nicht ist, wird von seiner Hauptfigur in einer Szene ziemlich direkt auf den Punkt gebracht. Erwartet bloß nicht, so Balram, dass hier irgendein Millionenquiz für ein Happy End sorgt. Diese Grüße an Danny Boyle und seinen "Slumdog Millonär" hätte es aber eigentlich gar nicht gebraucht. Auch so ist bereits nach wenigen Szenen klar, dass wir es hier nicht mit einem romantisierten Aufsteigermärchen zu tun bekommen. Mit Inbrunst rechnet der gute Balram nämlich von der ersten Minute an mit der Unterwürfigkeit eines Großteils der indischen Bevölkerung ab. Sein bösartiges Stakkato-Feuerwerk an Onelinern pfeift dabei komplett auf political correctness. Doch gleichzeitig ahnt man als Zuschauer, dass er mit vielen dieser Aussagen wohl nicht ganz so falsch liegen dürfte und sogar durchaus berechtigt den Finger in offene gesellschaftliche Wunden legt.

Das ist dann auch einer der Gründe, warum dieser zynische Gegenentwurf zum romantisierten Bollywoodkino einen schnell zu faszinieren beginnt – und nicht etwa abzustoßen. Ein anderer ist die Tatsache, dass der Film diese Momente der Boshaftigkeit immer wieder geschickt mit leichterem Humor und viel Charme abfedert. Hauptdarsteller Adarsh Gourav bringt dabei genau die richtige Portion jugendlicher Verschmitztheit mit, um Balram etwas Charmantes und Lausbubenhaftes zu verleihen. So kann man dann gar nicht anders als grinsen, wenn dieser bei seiner ersten Fahrt in einem teuren Auto lautstark gegenüber den armen Schluckern im stickigen Nachbarbus die eigene Klimaanlage anpreist.

Genauso entspannt wie Balram im teuren Auto seines Vorgesetzten braust der Film dank der schwungvollen Inszenierung gerade in den ersten 30 Minuten mit einer angenehmen Leichtigkeit dahin. Vermissen wird dagegen das westliche Auge die intensive Farbgebung, die man durch Filme wie "Slumdog Millionär" oder "Lion" oft mit Indien assoziiert. Hier ist eher kontrastarme Realität gefragt, ganz im Dienste der so gar nicht blumigen Geschichte. Stück für Stück begleiten wir Balram nun dabei, wie er sich das Vertrauen seines neuen Meisters verdient. Oder, besser gesagt, unterwürfig erschleimt. Und auch wenn Balram hier schon die ein oder andere moralisch fragwürdige Vorgehensweise wählt – so richtig übel kann man ihm das angesichts seiner Schlagfertigkeit nicht nehmen. Er gehört ja schließlich zu den Underdogs und die müssen wir ja anfeuern. Oder etwa nicht?

Je weiter der Film voranschreitet, desto schwieriger wird es für den Zuschauer, die eigenen Loyalitäten und Sympathien den Figuren zufriedenstellend zuzuordnen. Auf der einen Seite, weil Balram trotz seines immer düsterer werdenden Weges lange eine sehr ambivalent gezeichnete Figur bleibt und man sich immer unsicherer wird, ob man diese Figur nun mögen oder verachten soll (und das permanente unterwürfige Grinsen macht Balram ja nur noch unberechenbarer). Auf der anderen Seite präsentiert uns der Film aber auch noch richtig komplexe Nebenfiguren. Und damit kommen wir jetzt zur wirklichen Stärke von "Der weiße Tiger".

Man hätte es sich ja einfach machen und Balram mit lauter klassischen bösen Antagonisten konfrontieren können. Der Vater von Ashok ist so ein Beispiel. Doch dieser agiert eher im Hintergrund. Die wirklich interessanten Konflikte spielen sich nachher zwischen Balram, Ashok und dessen Frau Pinky ab. Und hier gelingt dem Film ein unglaublich faszinierendes und komplexes Charakterdreieck. In manchen Szenen schlagen sich Ashok und vor allem Pinky gerade gegenüber Ashoks Vater auf die Seite von Balram. In anderen Szenen wiederum offenbaren sie eine unglaubliche Ignoranz gegenüber Balram, ja schon fast eine westlich geprägte Überheblichkeit. Und nach einem dramatischen Ereignis werden die Karten wiederum komplett neu gemischt. Auf dieses Ereignis folgt dann auch eine tolle Szene, in der die Zerrissenheit aller drei Figuren den Raum fast zur Explosion bringt.

Es ist unglaublich faszinierend und vor allem auch erfrischend, wie hier jegliche Schwarz-Weiß-Zeichnung vermieden wird und wir andauernd unsere Einschätzung der Figuren neu justieren müssen. Gerade Priyanka Chopra und Rajkummar Rao liefern dabei überzeugende Leistungen ab, so dass diese Figuren uns auf ihre Art und Weise ans Herz wachsen. Bei all dem steigenden Drama findet der Film aber immer wieder auch zu seiner Leichtigkeit zurück und kommentiert auch im späteren Verlauf alles weiterhin mit einem gewissen Augenzwinkern.

Gefühlt verpasst der Film es so ein wenig am Ende noch eindrücklicher von der Bühne abzutreten, aber das ist Kritik auf hohem Niveau. Worauf das alles rausläuft ist am Ende ja eigentlich sowieso klar und es ist sicher kein Spoiler zu erwähnen, dass "Der weiße Tiger" nicht mit einer fröhlichen Tanznummer am Bahnhof endet. Tolle Unterhaltung ist der Film trotzdem, und wer angesichts der eher zynischen Botschaft gefrustet sein sollte, der kann es ja wie Balram halten: Lächeln, einfach immer lächeln.

Bilder: Copyright

9
9/10

Kann dieser wiedereinmal enorm gut geschriebenen und sehr konkret beobachteten Kritik absolut nur zustimmen.

Dieser Film ist wiedereinmal ein Aushängeschild dafür, was Netflix zu leisten vermag. Ein solcher Film mit Iranischem Regisseur und komplett Indischem Cast wäre früher höchstens im Programmkino gelaufen, nun gibts ihn in 160 Ländern zu sehen... Und es ist gut so!

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