Backrooms

Land
Jahr
2026
Laufzeit
110 min
Genre
Regie
Release Date
Bewertung
7
7/10
von Marc Schießer / 18. Juni 2026

Vielen dürfte schon immer klar gewesen sein, dass die Hölle ein Büro sein muss. Und dass große Räume, die für den Aufenthalt vieler Menschen konzipiert sind, im verlassenen Zustand irgendwie merkwürdig und sogar unheimlich wirken können. Zwei offensichtliche Gründe, warum das simple Foto eines verlassenen und kränklich gelb beleuchteten Büroraums 2019 auf dem Imageboard 4chan die Faszination vieler Internetuser nachhaltig gefesselt hat.

So auch die des damals 15-jährigen Kane Parsons.

Der technisch begabte High-School-Schüler erschuf 2022 seine eigene Version der, aufgrund des Fotos, schnell entstandenen und verbreiteten Creepypasta rund um die sogenannten „Backrooms“. Inspiriert von den Videospielen „Portal 2“ und „Half-Life“ inszenierte Parsons, (beinahe) ausschließlich in der 3D-Software Blender, den ersten (https://www.youtube.com/watch?v=H4dGpz6cnHo&t=395s) seiner auf 24 Teile anwachsenden YouTube-Reihe. Zugriffszahlen des Originals, Stand Juni 2026: 82 Millionen.

Am letzten Mai-Wochenende ist die zehn Millionen Dollar teure Spielfilm-Version des mittlerweile 20-jährigen Parsons in den USA ins Kino gekommen und hat dabei direkt mehrere sehr beachtliche Rekorde aufgestellt. Dass Parsons der jüngste Regisseur ist, der jemals einen Nummer-1-Kinohit erzielen konnte, is noch ziemlich naheliegend, aber dass der Rekord für das beste Einspielergebnis am Startwochenende des enorm populären A24-Studios (bisheriger Rekordhalter: „Civil War“) direkt verdreifacht wurde, hatte nun wirklich niemand auf der Bingo-Karte. In kurzer Zeit wurde der Film der mit Abstand erfolgreichste A24-Film überhaupt, was bei hochdekorierten Ausnahmewerken wie „Marty Supreme“ oder „Everything Everywhere All at Once“ tatsächlich ziemlich unglaublich ist.

Genau wie das, was dem 26-jährigen Curry Barker zum gleichen Zeitpunkt gerade widerfährt. Er betreibt mit seinem Filmschul-Kollegen Cooper Tomlinson seit 2017 den YouTube-Channel that's a bad idea (https://www.youtube.com/@thats_a_bad_idea/featured). Neben sehr viel (sehr weirder und sehr gelungener) Sketch-Comedy probierten sich die beiden dort auch immer wieder an Horror-Kurzfilmen, von denen beispielsweise „The Chair“ viral ging und die Aufmerksamkeit von Hollywood-Studios auf sich zog. Parallel drehten sie 2024 für 800 Dollar den spielfilmlangen Found-Footage-Grusler „Milk & Serial“ (https://www.youtube.com/watch?v=pbzGQ1lszv4). Nachdem Barker ein Jahr lang keinen Vertrieb für den Film finden konnte, lud er ihn ebenfalls auf YouTube hoch, was ihm nicht nur erneute Viralität, sondern auch einen Vertrag bei der United Talent Agency einbrachte. Parallel dazu entstand auch noch sein „richtiger“ Debüt-Spielfilm „Obsession“. Für immer noch ziemlich unglaubliche (wenn man den Film gesehen hat) 750 Tausend Dollar.

Und der kam nun ein paar Wochen vor den „Backrooms“ in die US-Kinos und schrieb auf noch eindrucksvollere Art und Weise Geschichte. Denn der winzige Low-Budget-Horror spielte wochenlang jeweils mehr ein als in der Vorwoche. Etwas, das am Box Office so gut wie niemals passiert. Und zum letzten Mal in dieser Größenordnung bei „E.T.“. Weswegen es eine absolute Sensation ist, dass Barkers Langfilm-Debüt in seiner zweiten Woche auch noch den brandneuen Star-Wars-Film „The Mandalorian and Grogu“ schlagen konnte, der ziemlich genau 166-mal so viel gekostet hat. Und nun zusätzlich auch noch von den „Backrooms“ übertrumpft wurde.

Dieser doppelte Einschlag beschreibt ein Phänomen, das Branchen- und Box-Office-Experten noch vor ein paar Wochen als absolut unvorstellbar bezeichnet hätten und das gerade von sämtlichen Online-Magazinen analysiert, diskutiert und zelebriert wird und als herbeigesehnter Beginn einer großen Umwälzung der Filmindustrie verstanden werden will.

Denn beide Filme sind durch und aus ihren Schöpfern entstandene Originalstoffe, fernab von nostalgiebasierten Franchise-Maschinen, die Hollywood in den letzten Jahren hauptsächlich antrieben. Wie auch „Weapons“ und „Sinners“ aus den letzten Jahren sind es eigenständige Visionen, die ihren Horror-Container nutzen, um persönliche Geschichten und Gedanken ihrer Macher auszudrücken. Eine verbindende Gemeinsamkeit ist darüber hinaus natürlich der starke eigene Antrieb der Creator, der durch die Veröffentlichung auf YouTube sowie durch die dortige Zuschauer- und Abonnentenstruktur möglich gemacht wurde.

Im Falle von „Backrooms“ kann man allerdings streng genommen schon von einer IP sprechen. Die aber trotz Kane Parsons' mittlerweile riesiger YouTube-Saga inklusive massiver Fanbase interessanterweise niemandem so wirklich gehört. Denn der Urheber des ursprünglichen Fotos kann genauso wenig genau bestimmt werden wie vor allem der Kommentar eines anonymen Users darunter, der Kane Parsons zu seinem ersten Kurzfilm inspirierte:

"If you're not careful and you noclip out of reality in the wrong areas, you'll end up in the Backrooms, where it's nothing but the stink of old moist carpet, the madness of mono-yellow, the endless background noise of fluorescent lights at maximum hum-buzz, and approximately six hundred million square miles of randomly segmented empty rooms to be trapped in. God save you if you hear something wandering around nearby, because it sure as hell has heard you.“

Und diese Ursprungs-Idee, dieses Konzept eines anonymen, unwirtlichen Nichtortes voll paradoxer Banalität und Mysterium, steht nun auch genauso im Zentrum des Kinofilms und wurde in folgende Handlung eingeflochten: Der geschiedene und psychisch stark belastete Clark (Chiwetel Ejiofor) leidet unter Angstzuständen und Realitätsverlust. Seine Therapeutin Dr. Mary Kline versucht, ihn zu stabilisieren, doch sein Zustand kippt weiter, als er eines Tages einen Zugang zu einer seltsamen, nicht greifbaren Zwischenwelt im Keller seines schlecht besuchten Möbelhauses findet. Mit einem kleinen Kamerateam versucht er, die „Backrooms“ zu erkunden und gleichzeitig seine Therapeutin von ihrer Echtheit zu überzeugen. Dazu gesellen sich ein paar Rückblicke in die Vergangenheit der Therapeutin, die von Renate Reinsve („Sentimental Value“) wieder einmal großartig gespielt wird, und die ebenfalls mit dem Mysterium zusammenzuhängen scheinen.

Und das ist es dann auf einer reinen Plot-Ebene schon mehr oder weniger. Die eigentliche Story und das Charaktergeflecht, das der Film entwirft, sind nicht gerade komplex, allerdings erfrischend unkonventionell und mit einigen Leerstellen und interessanten Handlungssprüngen erzählt. Was durchaus zum Mitdenken anregt, denn dieses Puzzle-Gefühl eines rätselhaften Ortes und seiner Herkunft und Bedeutung ist für die Community schließlich einer der Hauptanreize des „Backrooms“-Universums. Weswegen der Film gut daran tut, vieles im Unklaren zu lassen und die Auflösung seiner Rätsel nur minimal anzudeuten. Das mag man verkopft finden, hat aber im Kern genau verstanden, was das unbehagliche Gefühl eigentlich auslöst und dass eine zu konkrete Erklärung genau das beschädigen würde.

Und eben jenes unbehagliche Gefühl zu erzeugen, ist die große Stärke dieser Kinoadaption. Gerade die ersten zwei, wirklich ausführlichen Erkundungen der gelb-muffigen Unendlichkeit voll abseitiger architektonischer Details, verschobener Formen, in den Boden gewachsener Einrichtung und Spuren von geheimnisvollen Besuchern sind enorm stimmungsvoll eingefangen und ziehen mit ihrer dichten Atmosphäre und dem langsamen Aufbau, fernab von konventionellem Hollywood-Jump-Scare-Horror, tief ins Geschehen hinein. Der zweite Ausflug ist, wie viele der Kurzfilme, konsequent als ungeschnittene Sequenz durch eine VHS-Kamera inszeniert, die allerdings diesmal nicht im 3D-Programm, sondern auf 2.787 Quadratmetern massiver Set-Konstruktion umgesetzt wurde. Der Schrecken, der sich dort verbreitet, ist eher von der subtilen Sorte und in seinen surrealen Auswüchsen im letzten Drittel auf eine Art abgedreht, die ein bisschen mit David Lynch vergleichbar ist, aber trotzdem sehr eigenständig daherkommt.

Weswegen das individuelle Gefallen des Films auch sehr davon abhängen dürfte, wie verunsichernd diese merkwürdig Atmosphäre am eigenen Unterbewusstsein andockt. Eine wichtige Zutat dafür ist der sphärisch-lauernde Score, den Parsons zusammen mit Edo van Breemen selbst komponiert hat, welcher ein ganzes Musikgenre aufgreift, das in der Community als fest verwurzelt mit den „liminal spaces“ zelebriert wird.

All diese gestalterische Brillanz beeindruckt auf jeden Fall mehr als der emotionale Bogen der Charaktere. Das persönliche Trauma von Chiwetel Ejiofors Figur wirkt etwas pflichtschuldig als greifbarstes Element fürs Publikum hingeworfen, ist aber in seiner Ausschmückung so oberflächlich und wenig einleuchtend, dass eine große emotionale Beteiligung ziemlich ausbleibt.

Was dem Ganzen aber nicht wirklich schadet, denn wie gesagt ist hier nicht das Momentum einer handfesten Geschichte der Anreiz, sondern der Wunsch, tiefer in die Welt und ihre creepy Stimmung einzutauchen.

Zum zweiten Teil unserer Doppel-Rezension von "Backrooms" und "Obsession" geht es >>> hier.

Bilder: Copyright

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