Eigentlich schienen die beiden ja unzertrennlich. Josh und Benny Safdie begannen dank eines filmbegeisterten Vaters schon in ihrer Jugend gemeinsam Filme zu machen. Dabei schlüpften sie in alle erdenklichen Rollen vor und hinter der Kamera und schafften mit "Good Time" und dann vor allem "Der schwarze Diamant" ihren Durchbruch in Hollywood. Seit 2025 gehen die zwei aber nun getrennte Wege: Benny schrieb und inszenierte kürzlich das Dwayne-Johnson-Vehikel "The Smashing Machine", und nun legt Josh also mit "Marty Supreme" nach. Und wie, möchte man angesichts von insgesamt neun Oscar-Nominierungen sagen. Doch auch wenn Josh hier altbekannte "Familien-Stärken" ausspielt, möchten wir in Anbetracht einer etwas dünnen Story den Hype hier doch ein wenig ausbremsen.
Nicht bremsen lässt sich auf jeden Fall der junge Schuhverkäufer Marty Mauser (Timothée Chalamet, "Dune", "The French Dispatch"), der besessen davon ist, der beste Tischtennisspieler der Welt zu werden. Dass Familie und Freundschaften dabei eher stören, merkt vor allem seine Mutter (Fran Drescher) und Martys Affäre Rachel (Odessa A'zion). Eher investiert Marty seine Zeit und Mühe da schon in Bekanntschaften, die ihm auf seinem Weg nützlich sein könnten – wie die zur glamourösen, aber unglücklich verheirateten Schauspielerin Kay (Gwyneth Paltrow, "Contagion", "Flight Girls"). Als dann aber Martys Traum vom großen Sportler-Ruhm zu platzen droht, wird dieser in seinem Vorgehen immer verzweifelter – muss aber schon bald erfahren, dass sich nicht jeder gerne von ihm manipulieren lässt und man sich mit manchen Gestalten besser nicht anlegen sollte.
Bereits in früheren Werken haben die Safdie-Brüder ja eine kleine Vorliebe für nervöse und stets gestresst wirkende Hauptfiguren gezeigt. Eine Nervosität, welche die beiden Brüder nur zu anschaulich auch mit ihrem Regiestil auf die Leinwand gebracht haben, den man getrost als extrem rastlos und wild bezeichnen darf. In diese Kerbe schlägt Josh dann auch hier bei seinem Solo-Film und liefert in Sachen Inszenierung wieder ein Werk ab, das genau wie seine Hauptfigur in vielen Momenten eine unglaublich intensive Hypernervosität ausstrahlt. Mit Marty, der ganz lose auf dem amerikanischen Tischtennisstar Marty Reisman beruht, steht dabei ein Narzisst im Zentrum, der gefühlt keine Sekunde stillsitzen kann. Wie im Rausch verfolgt er sein "vorbestimmtes" Ziel und dies so kompromisslos, dass die Leben anderer Figuren darunter spürbar leiden. Dafür hat Marty allerdings nur wenig Mitgefühl zur Hand, was ihn nicht gerade zu einer sympathischen Figur macht.
"Marty Supreme" geht es aber natürlich (zumindest lange Zeit) nicht darum, Sympathie für die Hauptfigur zu wecken. Stattdessen darf das hier, ähnlich wie in "Der schwarze Diamant", als Einladung für einen rauschartigen Trip verstanden werden. Hektische Kameraführung, schnelle Schnitte, rasante Dialoge und jede Menge abstruse Storywendungen sollen dabei helfen. Warum das nur zum Teil funktioniert, erläutern wir später, wollen uns aber erst einmal der größten Stärke des Films bewusst werden. Die ist, nicht ganz überraschend, der wirklich fulminante Hauptdarsteller. Chalamet fügt seiner sowieso schon faszinierenden Filmografie eine weitere Meisterleistung hinzu und geht so wundervoll in der Rolle auf, dass man hier nie den Schauspieler hinter der Rolle sieht. Eine so exzentrische Figur kann in Sachen Darstellung leicht ins Klischee abrutschen, stattdessen gelingt es Chalamet aber immer wieder, clever kleine Momente einzuflechten, die deutlich mehr Tiefe bei der Figur andeuten, als es deren sehr egoistischen Handlungen eigentlich vermuten lassen.
Da bleibt dann auch nicht viel Platz für interessante Nebenfiguren, was aber bei diesem Protagonisten ja schon fast zwangsläufig ist. Trotzdem schafft es zumindest Odessa A'zion, Rachel ein paar schöne Ecken und Kanten zu geben, und irgendwie ist es nach so langer Zeit auch nett, mal wieder Gwyneth Paltrow in einer größeren Rolle zu sehen – auch wenn das Potenzial ihrer Figur gefühlt ein klein wenig verschenkt wird. In Kombination mit der hyperenergetischen Inszenierung und vor allem einem cleveren Soundtrack, der eine Art "Retro-Chaos" verbreitet, gelingen Safdie aber auf jeden Fall immer wieder unglaublich intensive Momente. Gerade die Tischtennissequenzen sind unglaublich packend umgesetzt, an deren Ende man sich fast genauso erschöpft wie die daran beteiligten Spieler fühlt.
Wäre "Marty Supreme" ein kompakter 90-Minüter (was heute ja leider gar nicht mehr gefragt ist), würde hier nun begeistert der Daumen nach oben gehen. Doch leider legt man noch eine komplette Stunde an Laufzeit obendrauf, was die dünne Handlung aber leider so gar nicht hergibt. Die Geschichte beginnt sich vor allem im Mittelteil im Kreis zu drehen, da man zwar immer wieder neue Wendungen einbaut, die Figuren selbst aber stagnieren und auch die Spannungsschraube gefühlt immer gleich bleibt. Und auf ganz lange Dauer ist die audiovisuelle Dauerbeschallung à la Safdie dann halt doch zu viel des Guten, so dass die eigentlich beabsichtigte Sogwirkung immer wieder abbricht. Stattdessen wirkt der Film, wenn auch auf ordentlichem Niveau, öfters einfach viel zu repetitiv. Was dafür sorgt, dass zumindest bei mir immer wieder die Konzentration nachgelassen hat, was gerade bei den vielen Schnellfeuer-Dialogen einen immer wieder kurz aus der Handlung wirft.
Auch wenn der Film sich dann stets wieder fängt und starke Sequenzen präsentiert, die zumindest in sich gesehen richtig gutes Kino sind, fühlt sich die Reise insgesamt dann doch ziemlich ruckelig an. Mit dem Ende tut man sich auch keinen Gefallen, bei dem man für unsere Hauptfigur eine klassische Hollywood-Katharsis parat hält, die aber komplett aus dem Nichts kommt und die man dem guten Marty aufgrund der vorherigen Handlungen schlicht nicht abkauft. Angesichts des offensichtlichen Talents vor und hinter der Kamera ist das dann doch ziemlich ärgerlich, soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass "Marty Supreme" am Ende immer noch genug Zutaten für einen interessanten Filmabend bereithält. Für einen Kandidaten zum besten Film des Jahres ist das aber dann doch etwas zu wenig.
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