Mal wieder Lust auf richtig starkes Charakterkino? Nachdem Regisseur Joachim Trier vor drei Jahren mit "Der schlimmste Mensch der Welt" bereits eine Oscar-Nominierung für den besten internationalen Film ergattern konnte, dürfte ihm nun mit "Sentimental Value" ein wohl noch größerer Coup gelingen: die Nominierung in der Königsdisziplin "Bester Film". Wir drücken die Daumen, denn dank eines großartigen Schauspielensembles, wundervoll geschriebenen Figuren und einer feinfühligen Inszenierung gelingt Trier ein wirklich bewegendes Familiendrama.
Vor der Produktion eines ebenfalls hochemotionalen Filmes steht auch einer der zentralen Protagonisten von "Sentimental Value", nämlich der alternde norwegische Regisseur Gustav Borg (Stellan Skarsgård, "Thor", "Borg/McEnroe"). In seinem letzten großen Werk möchte Gustav seine eigene Familiengeschichte künstlerisch verarbeiten. Nach dem Tod seiner Frau, die er bereits vor vielen Jahren verlassen hatte, nimmt Gustav dafür Kontakt zu seinen beiden Töchtern auf. Doch sowohl Nora (Renate Reinsve), die erfolgreich am Theater als Schauspielerin arbeitet, als auch die ganz auf ihr Familienleben fokussierte Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas) stehen dem Projekt skeptisch gegenüber – als liebevoller Vater hatte sich Gustav bisher ja eher nicht gezeigt. So schlägt Nora dann auch Gustavs Angebot aus, in dem neuen Film die Hauptrolle zu spielen. Mit der amerikanischen Star-Schauspielerin Rachel Kemp (Elle Fanning, "Super 8", "Predator: Badlands") scheint Gustav aber schon bald eine neue Besetzungsmöglichkeit gefunden zu haben – oder ist das Projekt dafür vielleicht doch zu persönlich?
Natürlich ist dieses Filmprojekt in "Sentimental Value" nur Mittel zum Zweck, damit einander fremd gewordene Figuren hier mal ordentlich aufeinanderprallen können. Ein Prozess, für den man sich sehr viel Zeit nimmt und bei dem man sich bewusst ist, dass man für die maximale Wirkung erst die emotionale Grundlage bei den Figuren und vor allem auch dem Publikum legen muss. Ähnlich wie ein Maler vor der leeren Leinwand beginnt Regisseur Joachim Trier, der zusammen mit Eskil Vogt auch das Drehbuch schrieb, so ganz in Ruhe, Pinselstrich um Pinselstrich, uns die Figuren mit all ihren Charakterzügen, Unsicherheiten und Stärken näherzubringen. Dabei macht der Film es uns einfach, dafür die Geduld aufzubringen, da Trier mit sehr viel Feingefühl an die Arbeit geht – auch wenn es am Anfang mal hier und da ganz kurz stottert. Das ist aber schnell verziehen, auch weil man es erfreulicherweise seinem Publikum zutraut, eigene Schlüsse zu ziehen, und so viel mit kleinen Details arbeitet, anstatt innere und äußere Konflikte plakativ offen auszusprechen.
Und wie das bei einem begabten Maler so ist, ist auch hier jeder Teil des Bildes gleich wichtig für den Gesamteindruck. Was bedeutet, dass man auch mal links und rechts des Weges sich auf positive Art und Weise in kleinen Details verliert, jede Figur mit dem gleichen Respekt behandelt und dabei aber stets das Gesamtbild im Blick behält. Denn wie der Titel es schon sagt, geht es hier vor allem um die Kraft und den Wert von Sentimentalität. Ob ein alter Arbeitskollege, den Gustav unbedingt für sein Projekt gewinnen will, die Erinnerungen an ein dramatisches Kapitel der Familiengeschichte aus dem Dritten Reich oder schlicht die Liebe zum eigenen Familienhaus – nostalgische Gefühle und die Macht alter Erinnerungen sind hier überall zu spüren. Gleichzeitig gestalten diese aber auch die Annäherung zwischen Gustav und seinen Töchtern schwierig, und so entpuppen sich diese Sentimentalitäten als wertvoll und herausfordernd zugleich.
Was diese feinfühlig umgesetzte Familienreise aber vor allem so toll macht, ist das Darstellerensemble. Im Fall von Stellan Skarsgård kommt das nicht wirklich überraschend, der hier eine wundervoll ambivalente Figur generiert, die einerseits den Kontakt mit seinen Töchtern sehnlichst wünscht, dieses Gefühl aber selbst nie so richtig eingestehen oder gut vermitteln kann. Eine wahre Offenbarung ist aber vor allem Renate Reinsve, die schon in Triers letztem Film "Der schlimmste Mensch der Welt" die Hauptrolle einnahm. Was sie hier abliefert, ist schlichtweg eine der besten Schauspielerleistungen der letzten Jahre. Mit kleinen Blicken und Gesten generiert sie eine genauso fragile wie komplexe Figur, deren innere Zerrissenheit angesichts der ambivalenten Gefühle zum Vater einen richtig mitnimmt.
Mit Inga Ibsdotter Lilleaas und "Hollywood-Import" Elle Fanning gibt es dazu noch weitere starke Darstellerleistungen, die beide ebenfalls von einem Drehbuch profitieren, das jede seiner Figuren und deren Gefühle ernst nimmt. Das trifft vor allem auf Elle Fannings Charakter zu, der lange Zeit von allen etwas abwertend belächelt wird, am Ende aber einen der bewegendsten Momente des Films seinen Stempel aufdrücken darf. Wobei "Sentimental Value" vor allem ein Film der kleinen Charaktermomente ist, da dank Triers Inszenierung und dem starken Ensemble schon kurze Blickwechsel ganze Geschichten erzählen können. So wird eine gemeinsame Zigarette zwischen Gustav und Nora zu einem wundervollen Bonding-Moment – ohne dass überhaupt groß ein Wort gesprochen wird.
Mit diesem facettenreichen emotionalen Grundgerüst biegt man dann auf die Zielgerade ein und kassiert für die gute Vorbereitung schließlich den Lohn. Die letzten 20 Minuten sind eine emotionale Tour-de-Force, die einen erschöpft, aber glücklich im Kinosessel zurücklässt. Gefühlt hätte ich diesen Figuren noch zwei Stunden weiter zuschauen können – selbst wenn diese sich einfach nur gegenseitig das Telefonbuch vorgelesen hätten. Hoffen wir, dass es die Academy ähnlich sieht und diesem feinen Stück Charakterkino die wohlverdiente Oscar-Nominierung aushändigt – und wenn sie schon dabei ist, bitte Renate Reinsve auch noch eine in der Kategorie "Beste Schauspielerin". Das sollte als Wunsch für das neue Jahr doch jetzt wirklich drin sein.
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