Zum ersten Teil unserer Doppel-Rezension von "Backrooms" und "Obsession" geht es >>> hier.
Um einen Wunsch geht es auch in „Obsession“, und zwar einen sehr konkreten: Der gutmütige, aber etwas verschluffte Bear (Michael Johnston) ist ziemlich verknallt in seine so charismatische wie schöne Arbeitskollegin Nicci. Trotz mehrfacher Gelegenheit ist er aber einfach zu schüchtern und feige, um ihr seine Gefühle zu gestehen, was ihn zu einer verzweifelten Kurzschlussreaktion treibt. Er zerbricht einen „One-Wish Willow“, einen angeblich magischen Zweig aus dem Kuriositätenladen, der einem jeden Wunsch erfüllen soll. So auch, dass Nicci ihn mehr lieben möge als jede andere Person auf der Welt.
Und auch wenn man sich getreu dem schon oft verfilmten Motto „Be careful what you wish for“ denken kann, dass das vielleicht nicht die beste Idee war, empfiehlt es sich gerade bei „Obsession“, so wenig wie möglich über die sich daraus entspinnende Handlung zu wissen. Also auch wenn diese Kritik versucht, weitestgehend spoilerfrei zu bleiben, sei ausdrücklich der Kinobesuch vor der Lektüre nahegelegt.
Dieser Kinobesuch sollte für jeden Horror-Interessierten sowieso zum Pflichtprogramm gehören, denn um es direkt einmal voranzustellen: „Obsession“ ist ein absolutes Brett. Der gigantische Erfolg, der sogar höchstes Lob von Steven Spielberg und Christopher Nolan beinhaltet, ist absolut verdient, denn selten hat ein moderner Horrorfilm auf so vielen Ebenen so fantastisch funktioniert und damit so viele verschiedene Zuschauergruppen begeistert. Zunächst sei gesagt: Der Film ist in vielen Momenten wirklich, wirklich angsteinflößend. Zumindest mir geht es so, dass ich zwar mit vielen Horrorfilmen eine gute Zeit habe; aber minutenlange, angespannte Gänsehaut erlebe ich als genreerfahrener Fan wirklich nur alle paar Jahre in Ausnahmefällen.
Hauptverursacherin dieser Gänsehaut ist Inde Navarette als „Freaky Nicci“. Denn nach Bears folgenreichem Wunsch verändert sich Niccis Persönlichkeit zur unsterblich Verliebten, und von da an ist nie ganz klar, ob sie noch die Kontrolle über ihre Handlungen hat, geschweige denn, was sie als Nächstes tun wird. Und wie diese permanent verunsicherte Sprunghaftigkeit und Manie von Navarette verkörpert wird, ist einfach ganz großes Kino. Eine Performance, so intensiv wie magnetisch, so charismatische wie verstörend und mit absoluter Hingabe und Kompromisslosigkeit in jeder Szene an die Grenzen gehend. Durch sie ist die Nicci-Figur nicht nur eine sofortige Horror-Ikone, die wir dieses Jahr zu Halloween mit Sicherheit als den größten Kostümtrend erwarten dürfen, sondern wird der bis jetzt praktisch unbekannten Schauspielerin meiner Meinung nach nächstes Jahr sogar eine Oscar-Nominierung einbringen. Was im Genre des (Teenie-)Horrors eine unglaubliche Anomalie wäre, aber der kulturelle Impact der Figur mit Millionen Memes, die aktuell das Internet und die sozialen Medien beherrschen, ist einfach zu groß, als dass nicht einmal die Academy diese Ausnahmeleistung ignorieren können wird.
Dass Nicci der angsttreibende Faktor und die Antagonistin des Plots ist, entpuppt sich mit zunehmender Laufzeit als eigentlich immer weniger naheliegender und dadurch ziemlich genialer Einfall. Denn nach und nach stellt sich heraus, dass der naiv-zurückhaltende Bear der eigentliche Täter in diesem vertrackten, immer komplexer werdenden Beziehungsalbtraum ist. Diese Täter-Opfer-Umkehr geschieht aber mit viel Fingerspitzengefühl und sehr viel Ambivalenz und Zwischentönen, was einer der Gründe dafür ist, dass die Entwicklung der Handlung konstant überrascht. Und die lauten Ausrufe des Kinopublikums passieren nicht nur in den krassen Horror-Momenten, sondern auch in kleinen Entscheidungen und Momenten, die uns mehr über die Psyche von Bear verraten.
Und so entsteht durch ein einziges, geschickt gesetztes und nicht weiter erklärtes übernatürliches Element eine natürlich enorm überspitzte, aber dafür umso treffendere Analyse einer toxischen Beziehung. All die kleinen Momente beiläufiger, unterschwelliger Manipulation, verletzten Stolzes oder tief sitzender Eifersucht, die in vielen ungesunden Beziehungen vorkommen, sind hier gleichzeitig maximal bluttriefend überhöht und trotzdem durch ihren genau beobachteten Kern total nachvollziehbar. Ein solch vielschichtiges, abgefucktes Grauzonen-Porträt von mehr als komplizierter Liebe hat man im Mainstream-Kino selten gesehen, was der zweite Grund sein dürfte, warum der Film gerade in der Generation Z so enorm populär ist. Hitzige Diskussionen nach dem Film sind quasi vorprogrammiert.
Die thematische Dichte und die verschiedenen möglichen Lesarten des Films ergeben sich dabei mit eleganter Beiläufigkeit, denn vordergründig ist „Obsession“ immer damit beschäftigt, mit der nächsten Überraschung und dem nächsten unter die Haut gehenden Horror-Set-Piece aufzutrumpfen. Und dabei noch eine ganze Menge Humor zwischen die bösartigen Brutalitäten zu streuen. Auch wenn ich nicht so weit wie einige Kollegen gehen würde, den Film als waschechte Horror-Komödie zu bezeichnen, ist Barkers durch die jahrelange Sketch-Routine geschultes Comedy-Timing, das immer wieder zum Einsatz kommt, ein weiterer Grund für den hohen Unterhaltungsfaktor.
Einen verpeilt-schrägen Gastauftritt als Servicekraft der One-Wish-Willow-Kundenhotline hat er sich dann folgerichtig auch gegönnt, obwohl der ursprünglich gar nicht geplant war. Der Writer-Director ist auch der Editor des Films und hat die Rolle einfach als Platzhalter selbst eingesprochen. Und das direkt so gut, dass sie auch nicht mehr ersetzt werden musste. Die Szene kann exemplarisch genannt werden für den sehr weirden, verschroben-verunsichernden Vibe, der manchmal lustig, manchmal beängstigend und in seinen besten Momenten sogar irgendwie beides gleichzeitig ist.
Der Film ist einfach sehr frisch und die Ankunft einer neuen, einzigartigen Stimme im Horror-Genre, wie es auch Jordan Peeles „Get Out“ und Ari Asters „Hereditary“ im letzten Jahrzehnt waren.
Denn Curry Barkers Inszenierung steht seinem gleichzeitig bestechend geradlinigen wie gedankenanregend komplexen Drehbuch in nichts nach. Mit enorm sicherer Hand inszeniert er die gruseligen Ausbrüche von Niccis Liebeswahn und verlässt sich dabei genau wie „Backrooms“ kein bisschen auf billige Jump-Scares, auch wenn ich mich mindestens zwei Mal richtig erschreckt habe. Es gibt auch keine äußerlichen dämonischen Verwandlungen mit monsterhaften Kontaktlinsen oder Ähnlichem. Nur die durch die kontrollierte, ruhige Inszenierung aufgebaute Atmosphäre und die eindringliche Schauspielleistung lassen einem die Nackenhaare zu Berge stehen.
Interessant ist, dass im Gegensatz zur inhaltlichen Frische und Unberechenbarkeit die visuelle Gestaltung sehr klassisch, fast schon streng ist. Wie auch beispielsweise bei einem Robert Eggers spielen sich viele Szenen in langen Master-Einstellungen ohne Schnitt ab, es gibt in vielen Dialogen den klassischen Schuss-Gegenschuss-Wechsel in nur einer einzigen Einstellungsgröße und die sehr statische Stativ-Kamera bewegt sich sehr selten und wenn, ausschließlich in einer betonten, geraden, symmetrischen Bewegung zur Seite oder nach unten.
Eine einzige Bewegung nach oben ist indes aktuell die Karriere von Kane Parsons und Curry Barker. Das „Backrooms“-Sequel ist schon bestätigt und Barkers Zweitling „Anything but Ghosts“ sogar schon abgedreht. Darin spielt er zusammen mit Cooper Tomlinson sogar die Hauptrolle, bevor er sich daran macht, dem „Texas Chainsaw Massacre“ für A24 frischen Wind einzuhauchen.
Und das ist es, was man gerade so schön und deutlich spürt: ein frischer Wind, der durch Hollywood und die verstaubten Büros der großen Studios weht. Zusammen mit dem Achtungserfolg der ebenfalls so neuartig frischen Komödie „The Drama“ und dem Box-Office-Versagen von auserzählten Marken wie „Star Wars“ und „Masters of the Universe“ stehen alle Zeichen auf Veränderung. Eine neue Generation von Filmschaffenden beweist gerade, dass man weder Hunderte Millionen Dollar noch die Rechte an einer jahrzehntealten Marke braucht, um das globale Kinopublikum im Mark zu erschüttern und zu begeistern. Alles, was es braucht, ist eine unverbrauchte Vision, ein Gespür für die Ängste der Gegenwart und gutes, altmodisches Handwerk. Für uns Zuschauer bedeutet das vor allem eins: Es war selten so aufregend wie jetzt, im Dunkeln des Kinosaals zu sitzen und sich von einer neuen Generation Gänsehaut auf die Arme zaubern zu lassen.
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