Pieces of a Woman

Land
Jahr
2020
Laufzeit
126 min
Genre
Release Date
Streaming
Bewertung
7
7/10
von Matthias Kastl / 16. Januar 2021

Das Filmjahr 2021 startet mit einem emotionalen Paukenschlag. Die ersten 30 Minuten von "Pieces of a Woman" liefern uns eine der intensivsten "One Take"-Sequenzen der Filmgeschichte. Umso frustrierender ist es, dass der Film danach deutlich an Fokus verliert und, abgesehen von der Leistung der beeindruckenden Hauptdarstellerin, nur noch bedingt mitreißt.

Zu Beginn treffen wir auf ein genauso glückliches wie aufgeregtes Pärchen. Martha (Vanessa Kirby, "Mission: Impossible - Fallout", "Fast & Furious: Hobbs & Shaw") ist hochschwanger und hat sich zusammen mit ihrem Mann Sean (Shia LaBeouf, "Transformers", "Herz aus Stahl") dazu entschieden, die Geburt mit Hilfe einer Hebamme in der eigenen Wohnung durchzuführen. Doch als die Wehen einsetzen steht die gewünschte Hebamme nicht zur Verfügung und so müssen die zwei kurzfristig mit deren Ersatz Eva (Molly Parker) vorlieb nehmen. Keiner der drei ahnt, welchen dramatischen Verlauf die Hausgeburt nehmen wird und wie sich durch den Tod des Kindes die Leben aller danach für immer verändern werden.

Diese ersten halbe Stunde, bzw. konkret die 21 Minuten der ungeschnitten gefilmten Geburt sind wahrlich nichts für schwache Nerven. Aber gleichzeitig auch ein unglaublicher Leckerbissen für Cineasten. In der ungeschnittenen Sequenz begleiten wir Martha und Sean bei der Geburt ihres Kindes, die sowohl für die Figuren als auch das Publikum zu einer emotionalen Tour-de-Force wird. Grandios inszeniert und gespielt arbeitet diese Sequenz konsequent auf ihren dramatischen Höhepunkt zu und lässt uns Zuschauer hautnah am Auf und Ab der Gefühle von Martha, Sean und Eva teilnehmen. Hier sitzt jede Nuance, jede kleine Regung, jeder dramaturgische Beat, der ein vermeintlich wunderschönes Ereignis mit tröpfchenweise gesteigerter Beunruhigung nach und nach in einen Albtraum kippen lässt. Und am Ende ist man als Zuschauer fast genauso fertig und gebrochen wie die Figuren.

Gerade Vanessa Kirby spielt den emotionalen Ritt ihrer Figur dabei absolut phantastisch und dürfte mindestens mit einer Oscar-Nominierung bedacht werden. Aber man muss hier auch explizit einmal den oft ja etwas umstrittenen Shia LaBeouf loben. Der agiert zwar eher im Hintergrund, ist mit seinem Spiel aus Faszination, Hingabe und Überforderung angesichts dieser dramatischen Ereignisse aber ebenfalls sehr überzeugend.  

Nach dem für alle Beteiligten traumatischen Ende dieser herausragenden Sequenz verliert der Film dann aber auf einmal spürbar an Fokus. Die Auswirkungen dieses Ereignisses auf die Beziehung zwischen Martha und Sean werden schon fast überhastet dargestellt, was es schwierig macht die Entfremdung der beiden auch emotional komplett nachzuvollziehen. Vereinzelt gelingen dem Film hier immer noch starke Momente. Aber wenn Sean sich zum Beispiel schon kurz nach dem Kindstod (so fühlt es sich für den Zuschauer zumindest zeitlich an) über den mangelnden Sextrieb von Martha beschwert, passt dies irgendwie nicht zu der einfühlsamen Figur, die man zwei Szenen vorher kennengelernt hat. So verständlich die Abkühlung der Beziehung auch ist, man bekommt leider keine Zwischenschritte auf dem Weg dorthin serviert, was die Identifikation mit den Figuren dann doch deutlich erschwert.   
 
Anstatt einfühlsam zu vermitteln, wie diese Beziehung infolge der erlittenen Tragödie Stück für Stück zerbricht, entscheidet der Film sich lieber noch ein paar weitere Story-Fässer aufzumachen. Allen voran einen Strang rund um Marthas Mutter (Ellen Burstyn) und deren dysfunktionale Beziehung zu ihrer Tochter, der eher nervig als mitreißend daherkommt. Marthas Mutter drängt hier ihre Tochter dazu, die Hebamme zu verklagen, um so für Gerechtigkeit und ein volles Bankkonto zu sorgen. Und genau dieser Strang hat dann doch ein paar deutliche Schwächen.

Ab jetzt dreht sich der Film nämlich vor allem um die Frage, ob denn Martha durch so ein Urteil und ein paar Millionen Schmerzensgeld ihre Trauer überwinden kann. Die Antwort auf diese Frage ist aber so offensichtlich, dass es schwierig ist hier Marthas Zögern wirklich nachvollziehen zu können. Zusätzlich wird dem Zuschauer am Anfang des Films auch gar kein Grund geliefert, um an der Unschuld der Hebamme zu zweifeln. Im Gegenteil, diese kommt ziemlich einfühlsam und sympathisch rüber. Was dazu führt, dass man am Ende für diese Nebenfigur fast die meisten Sympathien hat, angesichts der Auswirkungen, die ihr durch den von der Mutter forcierten Prozess drohen. Bei dieser Wahrnehmung dürften sicher auch noch kulturelle Unterschiede eine Rolle spielen, da solche zivilen Millionenklagen für das europäische Publikum deutlich weniger normal und eher aberwitzig wirken.

Das nach diesem tollen Beginn am Ende das Verständnis und die Sympathien des Publikums eher einer Nebenfigur als den beiden Hauptfiguren zufliegen, ist aber ein Problem. Statt dieses unglücklichen Prozessnebenplots hätte man sich lieber stärker auf die Beziehung zwischen Martha und Sean konzentrieren sollen. So verspielt der Film leider wieder einiges von dem unglaublichen Kredit, den er sich in den ersten 30 Minuten beim Publikum aufgebaut hat. Mit der Schlussszene, die von der Stimmung her aus einem anderen Film zu kommen scheint, tut man sich dann auch keinen Gefallen.

So ist es am Ende nur die großartig spielende Vanessa Kirby, die das ganze Story-Konstrukt noch einigermaßen anständig über die Ziellinie rettet. Und so ist es mit der Empfehlung für "Pieces of a Woman" ein bisschen ein zweischneidiges Schwert. Alleine aufgrund der ersten 30 Minuten ist dieses Drama eigentlich ein Pflichtprogramm für alle Filmliebhaber, doch angesichts des verschenkten Potentials setzt am Ende auch etwas Ernüchterung ein. 

Bilder: Copyright

Ich habe viele Kritiken gelesen und gehört, die den Film in den Himmel loben, doch hier fand ich endlich eine, die eher meine Meinung trifft. Ich Stimme dem Lob absolut zu, sehe aber sie gleichen Schwächen: Die Story macht merkwürdige Sprünge, die es dem Zuschauer erschweren, die Aktionen und Gemütszustände der Figuren gut zu verfolgen. Die Beziehung des Paares wird weder vor noch nach dem Ereignis ausreichend behandelt, um die Konflikte oder Gespräche nachvollziehen zu können und Shia La Beoufs Figur wird anfangs feinsinnig charakterisiert, dann recht plump gezeichnet und schließlich einfach links liegen gelassen, als wäre man fest entschlossen, dass nur die Gefühle der Frau wichtig sind. Schade bei der Schauspielleistung. Hat mich zu oft nicht abgeholt. Ich fand den Strang mit der Mutter und die Schlussszene ebenfalls unpassend und hab mich zusätzlich gefragt, warum immer einzelne Tage als Dazumbenannt werden, wenn dann wiederum mehrere Tage des jeweiligen Monats gezeigt werden. Das war irgendwie unlogisch und hat den Eindruck noch verstärkt, dass einem als Zuschauer ständig wichtige Szenen vorenthalten oder gekürzt dargeboten wurden, als wäre das als Stilmittel nötig, um die Story interessant zu halten - aber das wäre sie auch so gewesen.

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