MOH (140): 16. Oscars 1944 - "Für was wir dienen"
In unserer Serie "Matthias' Oscar History" (MOH) bespricht Matthias in jeder Folge jeweils einen der zwischen den Jahren 1929 und 2000 nominierten Oscar-Beiträge aus der Kategorie "Bester Film".
In eigener Sache: Mit dem Start ins neue Jahr wird sich der Rhythmus meiner Oscar-Reihe vorerst etwas verändern. Statt jeden Dienstag gibt es ab Januar 2026 erst mal nur noch jeden zweiten Dienstag einen neuen Oscar-Beitrag. Das liegt an sich anbahnendem Familiennachwuchs, der in wenigen Wochen mein Privatleben wohl etwas aufmischen dürfte. Mal schauen, wie schnell hier Verständnis für das Hobby des Vaters entwickelt wird;-)
In unserer letzten Folge trafen wir zum ersten Mal auf Anthony Quinn, nun feiert der berühmte David Lean seine Premiere auf dem Regiestuhl – auch wenn er hier noch nicht alleine darauf sitzt.
Für was wir dienen
David Lean gilt dank Werken wie "Lawrence von Arabien", "Die Brücke am Kwai" und "Doctor Zhivago" ja als so etwas wie der Meister der Filmepen. Aber jeder hat mal klein angefangen, und so sind wir in dieser Reihe schon ein paar Mal über ihn als Cutter ("Der Roman eines Blumenmädchens", "49th Parallel") gestolpert. Für den britischen Kriegsfilm "Für was wir dienen" durfte er sich nun das erste Mal überhaupt in seiner Karriere auf den Regiestuhl setzen, und auch wenn er sich diesen mit dem Hauptdarsteller des Films Noël Coward teilen musste, sind Leans Einfluss und manche seiner späteren Markenzeichen unverkennbar. Ein klein wenig Anlauf braucht der etwas unterkühlt daherkommende Film zwar, punktet dann aber langfristig mit seiner atmosphärisch dichten Darstellung des Kriegsalltags auf einem britischen Zerstörer. Und ganz nebenbei bleibt auch noch Zeit für eine weitere Premiere einer berühmten britischen Filmlegende.
Inspiriert von dem Untergang der HMS Kelly im Mai 1941 während der Schlacht um Kreta schildert "Für was wir dienen" die schicksalshafte Fahrt des britischen Zerstörers HMS Torrin. Dessen Untergang vor Kreta bildet im Film den Ausgangspunkt für mehrere lange Rückblenden, in denen die sich verzweifelt an ein Rettungsboot klammernden Überlebenden ihr Leben noch einmal Revue passieren lassen. Dabei erinnern sich Captain Kinross (Noël Coward), der Obermaat Hardy (Bernard Miles) oder der Matrose Blake (John Mills, "Auf Wiedersehen, Mr. Chips") nicht nur an die gefährliche Reise, sondern vor allem auch an die letzten Momente mit ihren Liebsten daheim. Deren Leben ist an Land nämlich auch nicht ganz so ungefährlich, wie schon bald Blakes Frau Freda (Kay Walsh) und auch Hardys Familie erkennen müssen.
Wie es zu David Leans erstem Regiejob kam, bedarf ein wenig Erklärung. Erst mal vor allem Aufklärung über den eigentlichen Vater dieses Filmes, nämlich den Engländer Noël Coward. Der war damals einer der erfolgreichsten Bühnenautoren der Welt und spielte in seinen eigenen Stücken auch gerne schon mal die Hauptrolle. Aus seiner Feder stammt zum Beispiel das Theaterstück "Kavalkade", die Vorlage für den gleichnamigen Oscar-Gewinner des Jahres 1933. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges stellte sich Coward ganz in den Dienst seines Heimatlandes und arbeitete unter anderem für den britischen Inlandsgeheimdienst MI5. Die während des Krieges eintrudelnde Anfrage, doch das Drehbuch für einen Propagandafilm zu verfassen, erfüllte Coward dann logischerweise auch mit patriotischem Stolz.
Schnell war Coward klar, dass er den tragischen Untergang der MS Kelly hierfür als Vorlage nehmen würde. Ein erster, völlig ausufernder Drehbuchentwurf musste von ihm rigoros gekürzt werden, doch der Ehrgeiz war geweckt. So beschloss Coward, doch am liebsten auch gleich die Hauptrolle übernehmen zu wollen. Die Regie natürlich auch. Und, wenn man schon dabei ist, warum nicht auch noch die Musik? Man merkt, da hatte einer Blut geleckt. Doch auch Coward war klar, dass er sich ohne jegliche Filmerfahrung vielleicht doch nicht ganz alleine in so ein Mammutprojekt stürzen sollte. Also holte er sich ein paar erfahrene Filmrecken an seine Seite – darunter eben auch David Lean. Der kam gerade frisch vom Schnitt des britischen Kriegsfilms "49th Parallel" und sollte Coward vor allem bei der Inszenierung der Action-Sequenzen unter die Arme greifen.
Nicht ganz überraschend war Coward aber schon alleine durch die Funktionen als Mitproduzent (das war er natürlich auch noch) und Hauptdarsteller am Set sehr stark gefordert. So überließ er am Ende dann einen Großteil der Regiearbeit Lean, was in "Für was wir dienen" wirklich nicht zu übersehen ist. Wenn man Leans Werke kennt, gibt es hier immer wieder Momente, die einen kurz aufhorchen lassen. Am deutlichsten wird das bei den Übergängen zwischen den Szenen. Hier hat sich Lean, ganz der alte Cutter, nämlich jede Menge kreative Gedanken gemacht. Wenn eine Welle am Schiff bricht, blendet er von der weißen Gischt schon mal direkt zum weißen Rauch einer Zigarette an Bord – Erinnerungen an die Streichholz-Szene in "Lawrence von Arabien" werden da wach. Die Struktur des Filmes, die ja im Wesentlichen eine Ansammlung von Rückblenden ist, gibt Lean da natürlich auch viel Gelegenheit zu spielen. So verspielt das manchmal aber auch ist, es ist meist so elegant inszeniert, dass es nie aufgesetzt wirkt.
Womit wir dann auch bei einer der größten Stärken des Filmes wären, denn egal, wer hier nun was inszeniert hat, der Flow der Inszenierung sitzt, und überhaupt wirkt das alles hier atmosphärisch sehr dicht. Das liegt auch daran, dass der Film immer wieder technische Details an Bord zeigt, sodass man stets das Gefühl hat, hier wirklich auf einem echten Schiff zu sein – ausgenommen vielleicht ein oder zwei Szenen, bei denen der Einsatz von Rückprojektionen dann doch zu offensichtlich ausfällt. Gespaltener fällt da schon das Urteil über das Schauspielensemble aus, denn gerade in der ersten Hälfte fällt es einem nicht leicht, mit diesen wirklich mitzufühlen. Das mag an den teils etwas steif wirkenden Texten liegen (der britische Akzent macht das nicht gerade besser) und daran, dass man vor allem am Anfang kaum Interessantes über viele der Figuren erfährt. Gerade wenn Kinross, Hardy und Blake an ihre Liebsten denken, wirken viele der Momente doch entweder klischeehaft oder zumindest ziemlich banal.
Dass Kinross die ganze Zeit sehr zurückhaltend agiert und sich schon fast etwas zu gewählt ausdrückt, entpuppt sich aber im späteren Verlauf dann überraschend als Stärke. Wie überhaupt der ganze Film in der zweiten Hälfte, ähnlich zum hier im Mittelpunkt stehenden Schiff, so richtig Fahrt aufnimmt. Gerade angesichts des Chaos, das schon bald an Bord ausbrechen wird, wirkt Captain Kinross auf einmal wie genau der richtige Mann für diesen Job. Das zeigt sich dann auch in den wirklich gut geschriebenen Reden, die unser Captain seiner Besatzung hält. Amerikanische Filme hätten hier wohl deutlich mehr auf Pathos gesetzt, Kinross’ nüchterne Art wirkt am Ende aber ehrlicher und auch respektvoller gegenüber der eigenen Crew. Einen Respekt, den er in einer der stärksten Szenen des Filmes einem jungen Matrosen gegenüber zeigt, der unerlaubt seinen Posten verlassen hatte. Dieser junge Matrose wird gespielt von einem "alten" Bekannten: einem blutjungen Richard Attenborough in dessen ersten Filmrolle.
So kommt dann schließlich auch inhaltlich etwas mehr Schwung in den Film, dazu gelingen in der Hitze des Gefechts auch endlich interessantere Charaktermomente. Wenn alle auf die Kampfstationen sprinten, die Kamera aber noch unten beim Arzt bleibt, der ganz entspannt neben seinem Arbeitsplatz Karten legt, spiegeln sich darin clever „typische“ britische Eigenschaften wie Gelassenheit und dunkler Humor wider. Und selbst der bis dato sehr langweilig daherkommende Hardy bekommt eine ziemlich herzzerreißende Szene spendiert. Allerdings muss man damit leben, dass die Frauenrollen sich hier meist auf das (von diesen selbst im Film zitierte) Motto "Männer kämpfen, Frauen weinen“ reduzieren. Auch wenn man diesen schlussendlich zumindest eine etwas interessantere Szene gönnt.
Der junge Richard Attenborough
Womit sich hier also am Schluss die meisten Puzzleteile doch ganz gut zusammenfügen und der Film mehr als einfach nur "David Leans Erstling“ ist. Lean sollte danach gleich noch drei weitere Geschichten von Coward verfilmen, darunter den Liebesklassiker "Begegnung“. Für einen Debütfilm ist "Für was wir dienen“ aber auf jeden Fall ein ziemlich respektables Werk – sowohl für Lean als auch Coward. Letzterer erhielt für die Produktion des Films sogar noch den Ehrenoscar der Academy, spielte aber in der weiteren Filmgeschichte leider keine so große Rolle mehr. Dafür werden wir seinem Regiepartner in dieser Reihe aber ja noch etliche Male begegnen dürfen.
"Für was wir dienen" ist aktuell als DVD und Blu-ray als UK-Import auf Amazon in Deutschland verfügbar. Alternativ ist der Film auch auf der Webseite des Internet Archive (allerdings in keiner sehr guter Qualität) kostenlos abrufbar.
Trailer des Films.
Ausblick
In unserer nächsten Folge geht es deutlich friedfertiger zu, wenn ein junges Mädchen eine höchst ungewöhnliche Begegnung hat.
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