MOH (139): 16. Oscars 1944 - "Ritt zum Ox-Bow"
In unserer Serie "Matthias' Oscar History" (MOH) bespricht Matthias in jeder Folge jeweils einen der zwischen den Jahren 1929 und 2000 nominierten Oscar-Beiträge aus der Kategorie "Bester Film".
In unserer letzten Folge gab es ja gute Laune in Technicolor, heute geht es nicht nur dank Schwarz-Weiß dagegen deutlich düsterer zu.
Ritt zum Ox-Bow
"Ritt zum Ox-Bow“ ist der letzte Film in der langen Geschichte der Academy, der sich lediglich die Nominierung in der Kategorie "Bester Film“ sichern konnte. Das verrät schon ein bisschen über einen Streifen, der weder in den Bereichen Inszenierung, Kamera noch Schauspiel so richtig glänzen vermag. Bei gerade einmal 75 Minuten Laufzeit versprüht das Western-Drama eher das Flair einer etwas aufwendigeren Serienfolge. Glücklicherweise hat man aber eine interessante Geschichte zu erzählen, auch wenn deren Potenzial gefühlt nicht komplett ausgeschöpft wird.
Eigentlich wollten die beiden Cowboys Gil (Henry Fonda, "Jezebel – Die boshafte Lady", "Früchte des Zorns") und Art (Harry Morgan) ja nur in einem kleinen Örtchen mal einen trinken gehen. Doch die Nachricht, dass ein lokaler Rancher ermordet wurde, bringt die Emotionen in dem von ihnen auserwählten Western-Saloon zum Kochen. Der örtliche Geschäftsmann Mr. Davies (Harry Davenport, "Kings Row", "Hölle, wo ist dein Sieg?") kann nicht verhindern, dass sich eine aggressive Bürgerpatrouille bildet, welche die Gerechtigkeit selbst in die Hand nehmen möchte. Gil, Art und Mr. Davies schließen sich der Gruppe an, um möglichst Schlimmeres zu verhindern – was aber schon da sehr optimistisch erscheint. Als der lynchwütige Mob dann direkt eine verdächtige Gruppe rund um den Rancher Donald Martin (Dana Andrews) ausmacht, möchte er sich mit so etwas wie einem Prozess auch gar nicht lang aufhalten. Schließlich scheint vor allem Martins mexikanischer Gehilfe Juan (Anthony Quinn, "Lawrence von Arabien", "Jungle Fever") ja mit Sicherheit Dreck am Stecken zu haben. Viel Zeit für einen letzten Appell an die Menschlichkeit und die Vorzüge des amerikanischen Gerichtswesen bleibt Gil also nicht.
Mit Regisseur William A. Wellman ("Ein Stern geht auf", "Schrei der Gehetzten") hat diese Oscar-Serie ja ihren Anfang genommen, räumte dieser doch im allerersten Jahr der Academy Awards mit "Flügel aus Stahl" den Preis für den besten Film ab. Von dem technischen und visuellen Einfallsreichtum dieses Oscar-Frühwerks ist in "Ritt zum Ox-Bow" aber leider nicht mehr viel zu spüren. Das lag wohl vor allem am Budget – denn was uns hier, gerade für einen Western, präsentiert wird, sind schon auffällig viele und nicht unbedingt immer überzeugende Studioaufnahmen. Die lassen das Ganze dann auch optisch eher wie ein typisches Western-B-Movie der damaligen Zeit wirken. Auch in Sachen Inszenierung bleibt der Film lange Zeit sehr konventionell und bringt erst gegen Ende dann endlich etwas gestalterischen Mut auf.
Überhaupt kristallisieren sich die Stärken von "Ritt zum Ox-Bow" erst in der zweiten Hälfte heraus. Um die große moralische Frage am Ende auch gebührend behandeln zu können, braucht es ja erst einmal das entsprechende Setup, was hier aber relativ simpel und nur wenig mitreißend etabliert wird. Das liegt auch daran, dass der von Henry Fonda gespielte Protagonist überraschend passiv daherkommt – kein Vergleich zu Fondas faszinierender Rolle im thematisch durchaus ähnlich gelagerten "Die 12 Geschworenen". Als moralischer Anker funktioniert da eigentlich schon fast eine Nebenrolle besser, nämlich der von mir ja hier schon öfter bewunderte Harry Davenport als Mr. Davies. Der alte Charakter-Recke sichert sich hier mit seiner mahnenden Figur schnell die Empathie des Publikums, und gerade angesichts des eher stoischen Spiels von Fonda habe ich mich dabei ertappt, mir Davies als eigentliche Hauptfigur zu wünschen.
Der Wunsch geht aber nicht in Erfüllung, und so ist die erste, eben auch in Sachen Inszenierung eher bieder daherkommende Hälfte des Films nur mäßig interessant. Auch wenn man mit einer blutrünstigen Rancherin, einem schwarzen Geistlichen und einem alten General, der seinen Sohn mitschleppt, um diesem zu einem echten Mann zu erziehen, durchaus interessante Puzzleteile einführt. So richtig entfalten diese ihre Wirkung aber erst in der zweiten Hälfte, die zwar immer noch etwas unter dem Studiolook leidet, davon aber nun doch deutlich erfolgreicher ablenken kann.
Sobald unsere drei "Verdächtigen" nämlich auf der Bildfläche erscheinen, ist endlich etwas Feuer in der Bude, auch weil sowohl Dana Andrews als auch der junge Anthony Quinn einiges an Charisma versprühen. Jetzt zahlen sich auch die verschiedenen Charakterzüge der Nebenfiguren aus, die der Film nun endlich dafür nutzt, interessantere Konflikte und Emotionen zu schüren – gerade wenn die Gruppe sich laut die Frage stellt, was denn nun als Nächstes geschehen soll und sich die gefährliche Mischung aus Blutlust, Verzweiflung und Resignation zu entzünden droht.
Das führt dann auch zu ein paar richtig guten Szenen, doch man wird stets das Gefühl nicht los, dass angesichts der großen moralischen Frage hier noch mehr drin gewesen wäre. Und dabei ist die extrem kurze Laufzeit des Films (gerade einmal 75 Minuten) nicht einmal das große Problem, sondern eher die etwas biedere Inszenierung und die Passivität der Hauptfigur. Immerhin gelingt "Ritt zum Ox-Bow" aber ein sehr rundes und für Hollywood eher untypisches Ende, das im positiven Sinne einen deutlichen Nachgeschmack hinterlässt und die Schwächen des Films so auch noch einmal etwas übertünchen kann. So mag sich das hier vielleicht nicht nach großem Oscar-Kino anfühlen, so ganz unverdient ist die Nominierung für den besten Film aber auch wieder nicht.
"Ritt zum Ox-Bow" ist aktuell als DVD auf Amazon in Deutschland verfügbar.
Trailer des Films.
Szene: Fairer Prozess oder Selbstjustiz, das ist hier die Frage.
Clint Eastwood über seine Liebe für "Ritt zum Ox-Bow"
Ausblick
In unserer nächsten Folge kehren wir mal wieder zum Zweiten Weltkrieg zurück – diesmal an der Seite der Briten.
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