Luca

Originaltitel
Luca
Land
Jahr
2021
Laufzeit
95 min
Release Date
Streaming
Bewertung
7
7/10
von Frank-Michael Helmke / 19. Juni 2021

Der Titelheld des neuesten Pixar-Films ist ein ganz normaler kleiner Junge - mal abgesehen davon, dass er ein Seemonster ist und in einer Gemeinde von Artgenossen in einer Bucht vor dem beschaulichen italienischen Fischerort Portorosso lebt. Da die Seemonster die ihnen so fremden und unbekannten Menschen an der Meeresoberfläche aber mindestens genauso fürchten wie umgekehrt (wobei man sich unter den Menschen nicht ganz einig ist, ob es die Monster wirklich gibt, oder ob das alles nur Seemannsgarn ist), hält man sich tunlichst von ihnen fern. Was den kleinen Luca indes nicht davon abhält, sehr neugierig auf die Welt dort oben zu sein. Manch einer mag sich da an "Arielle, die Meerjungfrau" erinnern. Doch wo die erstmal einen folgereichen Deal mit einer bösen Hexe eingehen musste, um Schwanzflosse gegen menschliche Beine eintauschen zu können, hat Luca es ungleich leichter: Wie ihm sein neuer Seemonster-Kumpel Alberto zeigt, braucht ihresgleichen nur das Wasser zu verlassen, und schon verwandelt sich ihr Körper in den eines Menschen. Quasi perfekt getarnt wagen sich die beiden gemeinsam nach Portorosso vor, getrieben von einem gemeinsamen Ziel - eine eigene Vespa und damit an der großen Freiheit schnuppern.

Enrico Casarosa, der hier die Regie übernahm und auch die ursprüngliche Idee zu "Luca" hatte, ist ein typisches Pixar-Eigengewächs. In der einen oder anderen Funktion war er schon an einer ganzen Reihe großer Pixar-Hits beteiligt und durfte vor zehn Jahren auch schon mal einen Kurzfilm inszenieren. Verdiente Kräfte werden bei Pixar ja öfter mal damit belohnt, dass sie einen Langfilm inszenieren dürfen, nun war also Casarosa dran. In die illustre Reihe der ganz großen Pixar-Würfe kann er sich mit seinem Werk allerdings nicht einreihen. 

Durch die "Es ist ein Pixar, ich erwarte ein potenzielles Meisterwerk"-Brille betrachtet, ist "Luca" sogar fast eine kleine Enttäuschung. Nicht, dass an diesem Film irgendwas ernsthaft schlecht wäre, es ist halt nur alles deutlich entfernt von dem zugegebenermaßen extrem hohen Standard, den man als Pixar-Jünger an jeden neuen Film dieses Studios als Messlatte anlegt. Im Kern sind die klassischen Pixar-Tugenden auch hier versammelt: Grundsympathische und durchaus komplexe Figuren, die aus sich heraus eine stark und emotional glaubwürdig erzählte Geschichte vorantreiben, und das in einer mit viel Liebe zum Detail aufgezogenen Handlungswelt.

"Luca" atmet so konsequent die Atmosphäre eines leichten italienischen Sommerfilms, dass er sogar seine Opening Credits auf Italienisch belässt. Den Rest erledigt das urige Fischerörtchen Portorosso, in dem an Wände gemalte Filmplakate für "La Strada" oder "Roman Holiday" verraten, dass wir uns hier ungefähr Mitte der 1950er Jahre befinden. Gerade dank dieses Settings funktioniert "Luca" als ein netter kleiner Eskapismus in eine simplere, überschaubare Welt - und gerade im Moment weiß man so etwas vielleicht sehr zu schätzen. 

Man kann es auch als durchaus erfrischend betrachten, dass "Luca" recht bescheiden daherkommt und gar nicht den Anspruch hat, die übergroßen, sehr ambitionierten Fußstapfen von Vorgängern wie "Soul", "Oben" oder "Alles steht Kopf" zu füllen. Der Film fühlt sich wohl mit seiner konsequent aus Kinderperspektive erzählten Geschichte (der Haupt-Antagonist ist ein Angeber-Teenager mit sehr bemühtem erstem Flaum auf der Oberlippe) und begnügt sich gern damit, nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein sehr schönes Porträt einer besonderen Freundschaft zu zeichnen. Dass es hier im Kern um (irrationale) Angst vor Fremden geht und am Ende eine Botschaft der Toleranz stehen wird, ist zwar schon früh abzusehen, trotzdem bringt "Luca" das, was er sagen möchte, sehr überzeugend rüber. 

An sich kann man "Luca" also wirklich nichts vorhalten, und der Film unterhält über seine schnurrigen 95 Minuten gefällig genug, als dass man sicher nicht bereut, ihn geguckt zu haben. Man muss aber auch festhalten: Es hat selten einen Pixar-Film gegeben, der in seiner bescheidenen Dimension so wenig nach der großen Leinwand geschrien hat. Und so gesehen ist es fast kein Verlust, dass auch "Luca" Corona-bedingt seine Premiere direkt beim Streaming-Dienst Disney+ erlebt, wo er für Abonnenten ohne zusätzliche Kosten zu sehen ist. Man mag es als kleines Sakrileg empfinden, dass ein Pixar-Film von Disney als Standard-Content behandelt wird, während man für auch nicht bessere Ware wie "Raya und der letzte Drache" zunächst noch ordentlich extra zahlen sollte. Aber einen dicken Kino-Eintritt wäre "Luca" so oder so nicht zwingend wert gewesen.     

Bilder: Copyright

8
8/10

Die Kritik ist in jeden Punkt richtig. Dennoch gebe ich dem Film einen Punkt mehr, denn dieser gefiel meinen Kindern doch sehr viel mehr als die "schweren" bzw. erwachsenen Filme wie "Soul" oder "Alles steht Kopf".

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