So richtig sexy fühlt sich das Teilnehmerfeld der diesjährigen Oscar-Verleihung für mich bisher noch nicht an. Wenige Filme beherrschen fast alle Kategorien und mit "One Battle After Another" scheint der Sieger als bester Film eigentlich schon festzustehen. So eine Verleihung lebt aber natürlich von der Spannung und dem emotionalen Daumendrücken – worin bisher eigentlich nur eine Kategorie bei mir für Vorfreude sorgte: "Beste Hauptdarstellerin". Da flogen meine Sympathien scheinbar ungefährdet der wundervollen Renate Reinsve und deren phantastischer Leistung in "Sentimental Value" zu. Da hat "Hamnet" aber etwas dagegen und liefert zwar nicht den besseren Film, aber eine ebenso packende Schauspielleistung. Der Auftritt von Jessie Buckley fällt dabei so stark aus, dass er die Schwächen des etwas schleppend anlaufenden Melodramas am Ende fast komplett vergessen macht.
Mit gleich acht Oscar-Nominierungen, darunter "Bester Film“, "Beste Regie“ und "Bestes adaptiertes Drehbuch“, gehört "Hamnet“ zu einem der meistnominierten Filme dieses Oscar-Jahres. Es ist aber nicht das erste Mal, dass Hollywood so erfolgreich einen Blick auf das Privatleben von William Shakespeare geworfen hat. "Shakespeare in Love“ konnte 1999 gleich 13 Oscar-Nominierungen ergattern und gewann davon insgesamt sieben – unter anderem "Bester Film“. Doch während dieser Film einst eine romantische Komödie rund um unseren ikonischen Bühnenautor strickte, haben wir es hier nun mit einer deutlich ernsteren und melodramatischeren Auslegung zu tun. Was angesichts des Inhalts vieler der Werke unseres englischen Dramatikers ja auch ganz gut passt.
Unser Shakespeare (Paul Mescal, "Gladiator 2“, "Frau im Dunkeln“) hat in "Hamnet" auf jeden Fall relativ wenig Freude. Zwar hat William mit der sehr naturverbundenen Agnes (Jessie Buckley, "I'm thinking of ending things") seine Frau fürs Leben gefunden, doch das gemeinsame Leben ist ganz schön herausfordernd. Die eigenen Familien sehen deren Heirat mit eher skeptischem Blick, beruflich hadert William mit seinem Job als Lateinlehrer und überhaupt sorgt das harte Alltagsleben im 16. Jahrhundert für jede Menge Spannungen. Die Geburten der gemeinsamen Kinder Susanne (Bodhi Rae Breathnach), Judith (Olivia Lynes) und Hamnet (Jacobi Jupe) scheinen das zwar wieder wettzumachen, doch mit Williams Umzug nach London drohen die Herausforderungen einer Fernbeziehung das neue Familienglück schnell zu belasten.
Mit ihrem Ausflug ins Big-Budget-Superheldengenre hatte Regisseurin Chloé Zhao bei "Eternals" sowohl an der Kinokasse als auch bei den Kritikern keinen Erfolg gehabt. Ursprünglich bekannt für eher realistisch angehauchte Indie-Dramen kehrt sie nun mit "Hamnet" wieder in vertrautere Gefilde zurück, was gerade in der ersten Hälfte des Films deutlich wird. Vor allem optisch ist das hier sehr zurückhaltend gestaltet und orientiert sich deutlich näher am Look einer Dokumentation als dem einer Hochglanz-Hollywood-Produktion. Der Großteil der Handlung spielt sich in kleinen Höfen oder deren Umgebung auf dem englischen Land ab, fokussiert sich auf wenige Figuren und kommt auch von der Inszenierung sehr geradlinig daher.
So ein gerade optisch "raueres“ Kino ist natürlich immer gerne gesehen, sollte aber eben dann vor allem inhaltlich punkten. Genau das kriegt "Hamnet" in der ersten Hälfte eigentlich nur bedingt hin. Das Kennenlernen von Agnes und William sowie deren erste gemeinsame Schritte ins Familienleben kommen ein bisschen zu banal daher. So schön das ist, dass man sich hier auch für kleine Alltagsmomente Zeit nimmt, so richtig interessant sind diese zum Großteil nicht geraten. So lebt der Film schon in dieser Phase hauptsächlich vom Charisma Jessie Buckleys, deren Rolle zu Beginn erst etwas klischeehaft wirkt, dank ihres überzeugenden Spiels und kleiner Charaktermomente aber immer interessanter ausfällt. Das kann man leider von Paul Mescals Shakespeare weniger behaupten. Dieser ist zu Beginn noch in einer beruflichen Selbstfindungsphase, die aber eher etwas am Rande behandelt wird und der Mescal schauspielerisch jetzt auch nichts wirklich Faszinierendes hinzufügen kann.
Klingt alles nicht gerade nach großem Oscar-Kino, und tatsächlich dürfte sich der eine oder andere nach einer guten Dreiviertelstunde fragen, wie "Hamnet" denn gleich acht Oscar-Nominierungen ergattern konnte. Die Erklärung dafür liefert aber eine zweite Hälfte, deren emotionale Wucht teils durch dramatische Storyentwicklungen, teils durch die Leistung der fulminanten Hauptdarstellerin zu erklären ist. Das Familienglück der Shakespeares wird nun auf die wohl härteste Probe gestellt, die man sich vorstellen kann, was nicht nur bei den Figuren, sondern auch den Zuschauern Wunden hinterlässt. Wie tief diese ausfallen, hängt zumindest beim Publikum auch davon ab, ob einem die sehr direkte Präsentation dieser melodramatischen Entwicklungen jetzt zu reißerisch oder nicht vorkommt. "Hamnet" hier aber nur billige Gefühlsgenerierung zu unterstellen, ist zu einfach und übersieht, wie viele Filme schon an der Umsetzung solcher melodramatischer Momente gescheitert sind. In "Hamnet" sind dies die stärksten Momente, bei denen Jessie Buckley nun endgültig die Rolle des emotionalen Ankers im Film an sich reißt und wirklich unglaublich grandios das emotionale Auf und Ab ihrer Figur einfängt. Das ist so realistisch und mitreißend gespielt, dass gerade angehende Mütter oder Väter an der Stelle ruhig auch einmal vor dem Kinobesuch gewarnt werden sollten – denn dieser Film wird definitiv Spuren hinterlassen.
Wie man schon am Titel von "Hamnet" erkennt, wird dabei auch eines der Kinder eine große Rolle spielen. Und gerade Jacobi Jupe liefert hier eine richtig starke Leistung, was die Wucht dieser zweiten Hälfte noch einmal verstärkt. Hier schlägt man nun auch inhaltlich den Bogen zu einem der bekanntesten Werke Shakespeares, in dem man Biografisches mit Künstlerischem clever vermischt – während davor William Shakespeares berühmtes Talent lange nur Randnotiz war. Das große Finale generiert dann einen unglaublich kraftvollen und vor allem befriedigenden Katharsis-Moment, bei dem auch der gute Paul Mescal schließlich etwas mehr zu tun bekommt. Das Ergebnis ist so ein Film, der sich am Ende deutlich stärker anfühlt, als er es eigentlich über die komplette Laufzeit gewesen ist. Aber auch sowas muss man ja erst einmal schaffen und so darf "Hamnet" getrost als ziemlich gelungener Gegenentwurf zu "Shakespeare in Love" gesehen werden.
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