MOH (162): 20. Oscars 1948 - "Das Wunder von Manhattan"
In unserer Serie "Matthias' Oscar History" (MOH) bespricht Matthias in jeder Folge jeweils einen der zwischen den Jahren 1929 und 2000 nominierten Oscar-Beiträge aus der Kategorie "Bester Film".
In unserer letzten Folge hatte ein weltberühmter Literaturklassiker als Vorlage für einen Oscar-Kandidaten hergehalten, im heutigen Beitrag hat man sich von keinem Geringeren als dem Weihnachtsmann inspirieren lassen – und ein wenig von Frank Capra.
Das Wunder von Manhattan
Es ist wieder Klassiker-Zeit in unserer Oscar-Reihe. Zumindest aus Sicht eines US-Publikums, wo “Das Wunder von Manhattan“ seit Jahrzehnten zum festen Weihnachtsrepertoire gehört. In Deutschland dürfte dagegen das Remake mit Richard Attenborough von 1994 den meisten Menschen eher vertrauter sein. So richtig viel Argumente, dass sich dies bei uns nun unbedingt ändern sollte, wird man in dieser Kritik aber nicht finden. Zwar punktet das Original mit seiner sehr charmanten Grundidee und einem äußerst charismatischen Hauptcharakter, aber eine altbackene Inszenierung, ein etwas holpriges Drehbuch und die ein oder andere hölzerne Schauspielleistung verhindern, dass sich zumindest bei erwachsenen Zuschauern echtes Leuchten in den Augen einstellt. Auch wenn das Alter des Filmes es natürlich möglich macht, zumindest bei manchen der Schwächen auch mal ein Auge zuzudrücken.
Ein Auge zudrücken kann die bei dem New Yorker Kaufhaus Macy angestellte Managerin Doris Walker (Maureen O’Hara, “Schlagende Wetter“) zu Beginn des Filmes dagegen nicht. Ist sie doch bei Macys großer Thanksgivingparade für deren reibungslosen Ablauf verantwortlich und muss entsetzt feststellen, dass der dort als Weihnachtsmann eingeplante Darsteller komplett betrunken ist. Gut, dass der sowohl vom Gemüt als auch Aussehen an den Weihnachtsmann erinnernde Kris Kringle (Edmund Gwenn, “Ein rastloses Leben“, “Der Auslandskorrespondent“) gerade vor Ort ist und von ihr spontan für den Job rekrutiert werden kann. Kringle macht die Sache so gut, dass er auch gleich für den Dezember als Weihnachtsmann im Kaufhaus eingestellt wird – doch das hat unerwartete Folgen. Kringle nimmt seinen Job nämlich sehr genau und behauptet ernsthaft, der echte Weihnachtsmann zu sein. Noch “schlimmer“, er empfiehlt Kunden aus Fairness dann auch noch Produkte der Konkurrenz. Doris, die für Weihnachten gar nichts übrig und ihre Tochter Susan (Natalie Wood, “Der schwarze Falke“) im gleichen Spirit streng rational erzogen hat, kann da nur den Kopf schütteln. Der in Doris verliebte Nachbar (John Payne, “Auf Messers Schneide“) findet wiederum an dem alten Kringle Gefallen und hegt die Hoffnung, dass dessen Einfluss die hochseriöse Doris endlich mal ein bisschen lockerer werden lässt. Aber dazu bräuchte es wohl schon ein echtes Wunder.
Ein klein wenig stutzt man ja schon, wenn man angesichts der Thematik von “Das Wunder von Manhattan“ auf das angegebene Release-Datum des Filmes blickt. Wer kommt denn bitte auf die Idee, einen Weihnachtsfilm mitten im Sommer zu veröffentlichen? Gestatten, Darryl F. Zanuck, Produktionschef von 20th Century Fox. Der vertrat die Ansicht, dass ein solcher Gute-Laune-Film im Sommer doch sicher mehr Geld einspielen würde als im Winter. Nur wer würde denn ernsthaft im Sommer in einen Weihnachtsfilm gehen? Nun, alle diejenigen, die nicht wissen, dass es sich um einen Weihnachtsfilm handelt. Das Marketing für den Film verschleierte damals die wahre Natur der Geschichte und so fand zum Beispiel der Trailer einen (zugegeben kreativen) Weg, das Thema Weihnachten komplett zu umkurven. Eine irgendwie verwirrende Strategie, deren Erfolg sich aber nachträglich schwer bestreiten lässt – “Das Wunder von Manhattan“ war an der Kinokasse ein großer Erfolg.
Ein Erfolg, der angesichts des Filmes durchaus nachzuvollziehen ist, denn dessen Grundidee ist natürlich schon einfach süß. Da kommt ein freundlicher älterer Herr daher, behauptet einfach der Weihnachtsmann zu sein und lässt am Ende eine ganze Nation (und auch das Publikum) darüber sinnieren, welchen Platz eigentlich Märchen in einer zunehmend rationalen und kommerzialisierten Gesellschaft haben. Dass dieser älterer Herr dann auch noch von einem wirklich unglaublich charismatischem Edmund Gwenn gespielt wird, von dessen Freundlichkeit am Set die damaligen Schauspielkollegen und Schauspielkolleginnen noch Jahre später schwärmen würden, bringt dem Film eigentlich schon die halbe Miete ein. Gwenn ist wirklich wundervoll in der Rolle (wofür es den Oscar als "Bester Nebendarsteller" gab) und macht es einem sehr leicht sich auszumalen, dass diese Figur tatsächlich die Wahrheit sprechen könnte.
Ob sie das tut, wird vom Film sehr lange offengehalten und nur am Ende gibt es einen Hinweis darauf, welche Antwort die Macher wohl bevorzugen. Dass man hier lange miträtseln darf, ist ein cleverer Kniff des Filmes und verstärkt den Charme der Geschichte noch weiter. Eine Geschichte, die in ihrer Umsetzung aber ehrlich gesagt auch öfters ziemlich holprig daherkommt. Da wäre einmal die Inszenierung von George Seaton, die uninspiriert und hölzern ist. Es wirkt manchmal fast so, als ob hier jemand Regie gerade erst von der Pike auf lernen muss und darum stets auf Nummer sicher geht. Vermutlich ein etwas zu hartes Urteil, denn nur wenige Jahre später sicherte sich Seaton immerhin eine Oscar-Nominierung für seine Regie von “Ein Mädchen vom Lande“ und inszenierte 1970 den Katastrophenfilmklassiker “Airport“. Und doch fällt dessen Inszenierung hier im Vergleich zum sonstigen Niveau in dieser Oscar-Reihe schon deutlich ab.
Eine ordentliche Portion Schwung und ein bisschen Verspieltheit hätte dabei nicht nur der Regie sondern auch dem von Seaton verfassten Drehbuch gut zu Gesicht gestanden. Und das schreibe ich trotz der Tatsache, dass der Film sowohl den Oscar für die "Beste Originalgeschichte" als auch "Bestes adaptiertes Drehbuch" erhielt. Letzteres wirkt teilweise schon sehr schlampig, da man sich nicht wirklich viel Mühe gibt, die verschiedenen Dynamiken zwischen den Figuren sauber und überzeugend aufzuschlüsseln. Das betrifft vor allem die romantischen Entwicklungen zwischen Doris und ihrem Nachbarn Fred, deren wichtigsten Beziehungs-Beats irgendwie nur Off-Screen zu passieren scheinen – anders ist nicht zu erklären, warum mittendrin auf einmal Doris komplett ihre Meinung über Fred geändert zu haben scheint. Wirklich knistern tut es nie zwischen den beiden, was man aber auch Maureen O’Hara ankreiden darf. Die ist mit der Darstellung von überzeugenden Emotionen doch deutlich überfordert und tendiert stark zum Overacting.
Wie übrigens auch hier und da mal ein paar Nebendarsteller, bei denen man das Gefühl hat, dass diese Gefühle wie “überrascht“, “wütend“ und “freudig“ häufig durch möglichst deutliche Gesichtsveränderungen ausdrücken möchten. Am besten schlägt sich neben Edmund Gwenn ausgerechnet noch die junge Natalie Wood, der man den Wandel von der rationalen zur später deutlich phantasiefreudigeren Tochter durchaus abnimmt. Wood, die im Erwachsenenalter durch ihre Auftritte in “West Side Story“ und “… denn sie wissen nicht, was sie tun“ berühmt werden sollte, hier als kleines Mädchen zu sehen, hat allerdings auch etwas Bedrückendes. Zumindest angesichts des Wissens, dass diese Anfang der 1980er-Jahre bei einem gemeinsamen Bootsausflug mit ihrem Mann Robert Wagner (vor allem durch die Serie “Hart aber herzlich“ bekannt) und Schauspielkollege Christopher Walken unter mysteriösen und nie geklärten Umständen verstarb.
Das Duo Wood und Gwenn kann zumindest einige der Schwächen des Filmes etwas abfedern, verhindert aber nicht, dass man sich am Ende vor allem eine Frage stellt: Was hätte wohl Regisseur Frank Capra mit dieser Geschichte gemacht? Nicht nur die Story klingt wie ein perfektes Match für Capra, gerade der am Schluss ein ganzes Land bewegende Gerichtsprozess erinnert in seiner Art und Weise und der Botschaft zumindest auf dem Papier frappierend an Werke wie “Mr. Deeds geht in die Stadt“ oder “Lebenskünstler“. Aber eben nur auf dem Papier. Kinomagie entsteht hier, im Gegensatz zu Capras Werken, eher nur auf kleiner Flamme. Es fehlt einfach an einer besseren Schauspielführung, einem Sinn für liebevolle Nebensächlichkeiten und einem Gespür für emotionale Dramatisierung, um gerade in diesem Schlussakt wirklich einen großen Punch zu setzen. Und doch kann man sich am Ende dem Charme des Ganzen nicht komplett entziehen und manch einer dürfte sich bei dem Gedanken ertappen, dass so ein echter Weihnachtsmann ja schon irgendwie eine schöne Sache wäre. Mal schauen, sind ja noch ein paar Wochen hin...
"Das Wunder von Manhattan" ist aktuell auf Prime Video (nur deutsche Sprachspur) sowie auf Blu-ray und DVD auf Amazon in Deutschland verfügbar.
Trailer des Films (der den Weihnachtsaspekt für den Kinostart im Sommer komplett ausklammern muss. Geglückt.)
Szene: Instruktionen für den Weihnachtsmann.
Szene: Echt oder nicht echt - wie ist das jetzt mit dem Weihnachtsmann?
Oscargewinn von Edmund Gwenn
Interview: Interview mit dem Regisseur und Autor George Seaton.
Vergleich: Ein Shot-für-Shot-Vergleich des Originals mit dem Remake von 1994.
Ausblick
In unserer nächsten Folge dauert es nur wenige Sekunden, bis wir ebenfalls den Weihnachtsmann zu Gesicht bekommen. Im Mittelpunkt wird da aber ein anderes “göttliches“ Wesen stehen.
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