MOH (161): 20. Oscars 1948 - "Geheimnisvolle Erbschaft"
In unserer Serie "Matthias' Oscar History" (MOH) bespricht Matthias in jeder Folge jeweils einen der zwischen den Jahren 1929 und 2000 nominierten Oscar-Beiträge aus der Kategorie "Bester Film".
In unserer letzten Folge gelangten nicht nur die Figuren sondern auch die Filmemacher ins Kreuzfeuer. Bei der heutigen Umsetzung eines berühmten britischen Literaturklassikers ging es dagegen deutlich ruhiger hinter den Kulissen zu.
Geheimnisvolle Erbschaft
Das man in Großbritannien wenige Monate nach Ende des Zweiten Weltkrieges Geld für die, zumindest für britische Verhältnisse, sehr teure Prestige-Produktion “Great Expectations“ (deutscher Verleihtitel: “Geheimnisvolle Erbschaft“) in die Hand nahm, scheint angesichts eines vom Krieg gebeutelten Landes ja irgendwie ein Widerspruch zu sein. Doch während große Teile der Industrie des Vereinigten Königreichs danieder lagen, hatte die britische Kinobranche einen echten Aufschwung erlebt. Zwischen 1940 und 1945 sprang die Zuschauerzahl von etwa einer Millionen auf über 1.5 Millionen Besucher jährlich – man musste sich ja irgendwie vom tristen Kriegsalltag ablenken. Beliebt waren vor allem amerikanische Filme aber natürlich wollten auch britische Geschäftsmänner etwas vom Kuchen abbekommen.
Vorne dabei waren hier die britischen J. Arthur Rank Studios, die sich bei Hollywood ein Erfolgsmodell abgeschaut hatten. Man vereinte einfach Produktion, Verleih und Kinoketten unter einem Dach, um so die Wertschöpfungskette zu optimieren: selbst produzierte Filme konnten so in den eigenen Kinosälen laufen. Nun brauchte man also nur noch das richtige Material. Da kam ein Vorstoß des Regisseurs David Lean, der später mit seinen großen Oscar-Epen (“Lawrence von Arabien“, “Die Brücke am Kwai“, “Doktor Schiwago“) Kinogeschichte schreiben sollte, gerade recht. Lean, der einst als Cutter (“49th Parallel“) im Kinobusiness angefangen und als Regisseur mit dem Liebesdrama “Begegnung“ 1945 auf Festivals für Furore gesorgt hatte, schlug vor Charles Dickens Literaturklassiker “Great Expectations“ auf die große Leinwand zu bringen. Eine Idee, die richtig gut funktionierte, denn Leans Verfilmung von “Great Expectations“ (den etwas irritierenden deutschen Verleihtitel ignoriere ich in dieser Kritik soweit es geht) sollte nicht nur ein großer Boxoffice-Erfolg werden sondern insgesamt auch fünf Oscar-Nominierungen einheimsen. So richtig begeistert lässt mich der Film allerdings nicht zurück, denn auch wenn Leans Talent für eine tolle Bildsprache hier schon sichtbar ist, wird der Film doch spürbar durch eine etwas spröde Leinwandchemie zwischen zwei zentralen Figuren ausgebremst.
Ausgangspunkt der im England des frühen 19. Jahrhunderts angesiedelten Handlung ist dabei eine genauso prägende wie unheimlichen Begegnung des Waisenjungen Pip (Tony Wager) mit dem entflohenen Sträfling Abel Magwitch (Finlay Currie). Der in armen Verhältnissen lebende Pip kommt hier erst einmal mit dem Schrecken davon, wird aber schon bald vor die nächste große Herausforderung gestellt. Seine ihn nicht gerade zimperlich erziehende ältere Schwester (Freda Jackson) entscheidet sich nämlich dazu Pip an die wohlhabende Miss Havisham (Martita Hunt) zu „vermieten“. Im düsterem Anwesen der verwirrt wirkenden alten Dame soll Pip zu Unterhaltungszwecken ab sofort immer wieder mal vorbeischauen. Immerhin lockert dort die Anwesenheit der jungen Estella (Jean Simmons) Pips Stimmung auf, auch wenn diese dessen vorsichtigen Avancen auf ziemliche arrogante Art immer wieder die kalter Schulter zeigt. Pip scheint wohl nicht gut genug für sie zu sein, erhält aber Jahre später eine Chance genau das zu ändern. Eine unbekannte Person spendiert Pip nämlich einen Aufenthalt in London – inklusive Erziehungsprogramm zum richtigen Gentleman. Ob der inzwischen erwachsene Pip (nun gespielt von John Mills, “Für was wir dienen“, “Auf Wiedersehen, Mr. Chips“) jetzt endlich die Chance bekommt das Herz von Estella (jetzt Valeria Hobson) zu erobern?
Da kommt natürlich Vorfreude auf, wenn einem hier auf dem Bildschirm der Name David Lean entgegenflimmert. Immerhin hat der Mann ja einige der größten Kinoepen der Filmgeschichte inszeniert und nun einem seiner ersten Regie-Ausflüge beiwohnen zu können sorgte bei mir schon für ein gewisses Kribbeln. Dass der Film am Ende hinter meinen, vielleicht ja auch etwas überzogenen Erwartungen zurückbleibt ist aber nur bedingt Leans Schuld. Dessen Faible für eine tolle Bildersprache kommt nämlich schon hier zum Tragen – zu sehen an sorgsam komponierten Landschaftsaufnahmen, kreativen Kamerafahrten und einer durchdachten Lichtsetzung. Man merkt einfach, dass sich hier jemand bei jedem Shot einige Gedanken über dessen Wirkung gemacht hat, wodurch “Great Expectations“ stets visuell interessant daherkommt.
Die Bildgewalt späterer Werke erreicht Lean hier aber nicht ganz, was auch der Tatsache geschuldet ist, dass er noch auf das klassische 4:3-Format zurückgreifen “muss“ und der Film vor allem im späteren Verlauf oft in kleineren Indoor-Sets spielt. Eine Ausnahme ist das große und verfallene Anwesen von Miss Havisham, in welchem dem Film die wohl beeindruckendsten Bilder gelingen. Hier versprüht der Film einen deutlichen Hauch von Gothic-Horror und erinnert ein wenig an Hitchcocks “Rebecca“ – was vermutlich nicht ganz unbeabsichtigt ist, war dieser Film doch wenige Jahre zuvor einer der größten Erfolge an der britischen Kinokasse gewesen. Wobei die Buchvorlage von Dickens eher ein wilder Genre-Mix ist, steckt neben einer ordentlichen Dosis Gesellschaftskritik und einer Liebesgeschichte darin doch auch immer wieder eine Menge Augenzwinkern und Humor.
Das äußerst sich vor allem in den Auftritten von einem Haufen schrulliger Nebenfiguren. Die beste Partie macht dabei ein berühmter Schauspieler in seiner ersten Sprechrolle, auf den Lean noch öfters in seiner Karriere zurückgreifen sollte. Der junge Alec Guinness (später als Obi-Wan-Kenobi in “Star Wars“ auch für jüngere Generationen zur Legende geworden) darf in “Great Expectations“ in einer Nebenrolle unserer Hauptfigur das Gentleman-Leben näherbringen. Was aufgrund cleverer Dialoge und dem herrlich süffisanten Spiel von Guinness mit die schönsten Szenen des Films generiert. Wobei am Ende nicht dieser Auftritt der größte Beitrag von Guinness zum Film war. Guinness hatte nämlich Jahre zuvor eine Bühnenfassung zu Dickens Werk geschrieben und genau der Besuch dieses Theaterstücks hatte Lean erst zur Umsetzung des Stoffes inspiriert. Sowohl Guinness als auch Martita Hunt durften zur Belohnung für die Filmumsetzung dann auch ihre jeweiligen Rollen aus dem Theaterstück übernehmen.
Bei der ganzen Freude, die man mit Guinness hat, ist es dann ein wenig schade, dass dieser am Ende auf einmal abrupt von der Bildfläche verschwindet. Vermutlich ein Opfer der zahlreichen Kürzungen, die angesichts der begrenzten Laufzeit des Filmes nötig waren. Doch dass man hier einiges von Dickens’ Werk eindampfen musste, ist nicht das Hauptproblem des Filmes, sondern vielmehr dessen zu blass geratene Hauptfigur. Leider ist der gute Pip, zumindest im Erwachsenenalter, einfach ziemlich uninteressant geraten. Man erfährt nur wenig über die Figur, bei der man auch irgendwie eine klassische Heldenreise vermisst – so eine richtige Wandlung erfährt diese nämlich nicht, stattdessen haben selbst manche größere Wendungen gefühlt keinerlei oder viel zu schwache Auswirkungen auf dessen Innenleben. Dass John Mills zwar durchaus charismatisch daherkommt, aber außer einem etwas naiven Lächeln eher wenig emotionale Bandbreite zeigt, hilft da auch nicht gerade. Inwieweit man da dem Schauspieler einen Vorwurf machen kann, ist aber schwierig, da Lean nach Überlieferung diesem die Rolle als neutraler „Kleiderbügel“ für interessantere andere Figuren beschrieben haben soll. Ein Konzept, das hier dann doch etwas zu konsequent umgesetzt wird und sich vor allem in einem Hinblick als fatal entpuppt: der Liebesgeschichte Pips mit seiner Estella.
Genau die rückt gerade im späteren Verlauf immer mehr in den Mittelpunkt. Was dem Film nicht guttut, denn leider herrscht hier wirklich null Chemie zwischen den beiden Auserwählten. Was aufgrund der arroganten Haltung Estellas zwar irgendwie verständlich ist, aber irgendeine Art von Anziehung sollte dann halt doch schon spürbar sein. Auch Valerie Hobson zeigt dann doch eher begrenzte schauspielerische Vielseitigkeit, weswegen auch deren Figur nie wirklich groß über den Status „cold as ice“ hinauswächst. So war es zumindest mir dann herzlich egal, ob der gute Pip nun das Herz dieser Frau erobert (ehrlich gesagt habe ich eher die Daumen gedrückt, dass er sich die Dame nicht antut), wodurch vor allem das Ende des Films jegliche emotionale Wirkung verfehlt.
Glücklicherweise ist diese Liebesbeziehung aber zumindest im Mittelteil eher im Hintergrund, wo die Seitenhiebe auf das britische Klassendenken und vor allem kleine humorvolle Momente durchaus ordentlich funktionieren. Auch wenn ich mir hier gerade in Sachen Gesellschaftskritik noch mehr Wucht gewünscht hätte. Beispielhaft dafür ist eine Szene, wo der nun zum feinen Gentleman aufgestiegene Pip sich für die Beziehung zu einer „einfachen“ Person aus der Vergangenheit schämt. Das ist eigentlich gut gedacht, wirkt aber, weil Mills so teilnahmslos spielt, dann irgendwie nur halbherzig durchgezogen. Ähnliches lässt sich über einen zentralen Twist der Geschichte sagen, der eigentlich verdammt clever und auch überraschend ist, dessen großes Potential aber nie wirklich konsequent gehoben wird.
So bleiben am Ende weniger eine starke Botschaft, sondern “lediglich“ ein paar nette Momente, ein wundervoller Alec Guinness und viele schöne Bilder. Letzteres würdigte die Academy mit zwei Oscar-Auszeichnungen, nämlich für “Beste Kamera (Schwarzweiß)“ und “Bestes Szenenbild (Schwarzweiß)“. In den Kategorien “Bester Film“, “Beste Regie“ und “Bestes Drehbuch“ ging man dagegen leer aus. Ein wahrer Oscar-Regen sollte für David Lean aber ja einige Jahre später folgen – dann wieder im Gespann mit Alec Guiness. Doch auch wenn “Great Expectations“ noch nicht ganz das Niveau späterer Werke Leans erreicht, bietet der Film immerhin einen durchaus spannenden Blick auf die ersten Anfangsschritte gleich zweier ganz großer Hollywood-Legenden.
"Geheimnisvolle Erbschaft " ist aktuell als DVD auf Amazon in Deutschland verfügbar.
Trailer des Films.
Szene: Die Eröffnungsszene – da wäre Widescreen sicher noch schöner gewesen.
Szene: Alec Guiness gibt den Spießer - aber einen sehr unterhaltsamen.
Ausblick
In unserer nächsten Folge wartet ein echtes Wunder auf uns – und das alles mitten in Manhattan.
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