"21 Gramm" erzählt die auf schicksalhafte Weise miteinander verbundene Geschichte dreier sehr gegensätzlicher Menschen: Paul Rivers (Sean Penn), ein sterbender Uniprofessor; Jack Jordan (Benicio Del Toro), ein zum Christentum konvertierter Ex-Sträfling und Christina Peck (Naomi Watts), eine Ehefrau und Mutter. Mehr aber darf auch schon nicht mehr verraten werden, denn "21 Gramm" entschlüsselt nach und nach in kleinen, chronologisch wild durcheinander geworfenen Puzzlestücken die tragischen Bande, die zwischen den drei geknüpft werden.
Das Beste vorweg: Besonders im Bereich Schauspiel ist "21 Gramm" eine Klasse für sich. Dass die Herren Penn und Del Toro schon seit Jahren eigentlich das Großartigste an ihren jeweiligen Filmen sind ist ja landläufig bekannt, wie gut aber Newcomerin Naomi Watts mithält ist schon erstaunlich. Sie kündigte mit ihrer Performance in "Mulholland Drive" zwar schon größere Dinge an, aber dass das so schnell geht.…Derweil feilt Sean Penn weiterhin daran, sich vollkommen zurecht Schauspielgott nennen zu dürfen, und Benicio Del Toro gibt sich im Vergleich auch keine Blöße. Dies ist höchste Schauspielkunst, großes Schauspielerkino und ein absoluter Genuss.
Schade, dass Regisseur Alejandro Gonzales Inarritu da nicht ganz mithält. Kritik an seiner Inszenierung muss hier nicht nur erlaubt sein, sie ist auch nötig. Denn der Mexikaner hat sich mit der Wahl einer fragmentarischen, nicht-linearen Erzählform schlichtweg total vergriffen. Vielleicht unter dem (falschen) Eindruck stehend, sein vielgelobtes Debüt "Amores Perros" wurde durch die Erzählstruktur (drei Stränge, die durch ein Ereignis geeint werden) zu einem besonderen Kinoerlebnis, vollzieht er hier Ähnliches: Wiederum gibt es drei Hauptpersonen in drei Erzählsträngen, wiederum ein Ereignis, dass diese Stränge verbindet. Der Unterschied ist jedoch, dass sich die einzelnen Stränge überlappen und in winzigen Bruchstücken außerhalb einer linearen Chronologie erzählt werden. Dennoch ist diese Wahl der Inszenierung als Puzzle,das sich dem Betrachter nach und nach erschließt, dramaturgisch gesehen ein Fehler. Weicht man von der üblichen linearen Erzählweise ab, sollte das schon einen guten Grund haben. Erinnern wir uns an "Memento", der nicht deswegen zum modernen Klassiker wurde, weil er eine non-lineare, rückwärts laufende Chronologie hatte, sondern weil diese Strategie Teil der Gesamtdramaturgie war, weil sie durch die Geschichte selbst benötigt bzw. unterstützt wurde.
In "21 Gramm" gibt es nicht nur keinen besonderen Grund für diese Erzählform, sie ist sogar kontraproduktiv. Zum einen werden viele für sich genommen großartige Einzelszenen ihrer emotionalen Resonanz beraubt, weil sie eben erstmal nur für sich selbst stehen und sich ihre Wichtigkeit mitunter erst sehr viel später (und beizeiten zu spät) erschließt. Zweiter, wesentlich wichtigerer Grund: Die Geschichte selbst ist der Erzählform widerläufig. Nicht nur wegen dem schauspielerischen Doppelschlag Sean Penns liegt ein Vergleich mit "Mystic River" nah: Es geht hier wie dort um die Verknüpfung dreier sehr unterschiedlicher Menschen, deren Leben durch das Schicksal miteinander tragisch verzweigt werden und die auf eine Kulmination dieser Verzweigung hinarbeiten. Also quasi die linearste aller erzählbaren Geschichten. Auch in "21 Gramm" geht es um die Unvermeidbarkeit von Dingen, die Ironie des Schicksals, die Frage nach Obsessionen und nach Rache. Sprich: hier sollen ganz große Fragen verhandelt werden, stattdessen werden sie im wahrsten Sinne des Wortes verhackstückt.
Vergleicht man diesen Film jetzt mit Eastwoods präzise abgestimmter, meisterhafter amerikanischer Tragödie, so muss man anmerken, dass "21 Gramm" seine Chance auf Meisterwerkstatus verspielt. Denn der Film hätte schlichtweg mehr Gewicht und mehr emotionale Resonanz, wenn er seine Geschichte geradeaus gezeigt hätte. Er gewinnt nichts durch seine ungewöhnliche Erzählweise, sondern verliert im Endeffekt nur. Dies wird besonders im Schlußdrittel deutlich, wenn alle Stränge entwirrt sind und dem Zuschauer auch in der richtigen Sinnreihenfolge vorliegen. Hier wird das Beharren auf Schnipselsalat dann fast noch zum Ärgernis, trotz weiterhin fabelhaft inszenierten Einzelmomenten.
Dass jetzt hier keine Zweifel aufkommen: "21 Gramm" ist und bleibt ein herausragender Film, der mit absolut fantastischen Schauspielleistungen aufwarten kann. Aber es ist eben auch ein Film, der seine Möglichkeiten fast ein wenig fahrlässig verschenkt und dafür folgerichtig ein wenig abgestraft wird (in passenderer Erzählform wäre dies locker ein 9-Augen-Film gewesen). Hier wurde potentiell Großes grundlos in zu viele zu kleine Stücke geschlagen. Schade drum. Trotzdem ein eindeutiges Muss, denn intensiveres Kino als hier - auch in dieser leicht kompromittierten Form - wird man so schnell nicht wieder finden.
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