Das verlorene Wochenende

MOH (154): 18. Oscars 1946 - "Das verlorene Wochenende"

In unserer Serie "Matthias' Oscar History" (MOH) bespricht Matthias in jeder Folge jeweils einen der zwischen den Jahren 1929 und 2000 nominierten Oscar-Beiträge aus der Kategorie "Bester Film".

von Matthias Kastl / 7. Juli 2026

In unserer letzten Folge hatten sich unsere Protagonisten ganz entspannt am Abend einen Drink an der Bar gegönnt. Im heutigen Film unserer Oscar-Reihe ist ein Glas Alkohol am Morgen für unserer Hauptfigur aber erst der Anfang.

 

Das verlorene Wochenende

Originaltitel
The Lost Weekend
Land
Jahr
1945
Laufzeit
101 min
Genre
Regie
Release Date
Oscar
Gewinner "Best Motion Picture"
Bewertung
9
9/10

Vor kurzem hatte ich mich ja noch ein wenig über die Naivität beschwert, mit der einige der bisherigen Oscar-Kandidaten in dieser Reihe komplexe psychische Probleme von Figuren auf die Leinwand brachten. Da ist man heute schon deutlich mehr Tiefgang gewöhnt, was aber natürlich auch an einer dafür viel sensibler gewordenen Gesellschaft liegt. Ausnahmen bestätigen aber natürlich wie immer die Regel – und in diesem Fall lautet diese Ausnahme Billy Wilder. Dem Regisseur und Autor gelingt mit dem Alkoholdrama "Das verlorene Wochenende" von 1945 ein über weite Strecken packendes Porträt eines Alkoholikers auf dem Höhepunkt seiner Sucht, das dank stetig steigender Intensität und überzeugendem Hauptdarsteller einen auch noch 80 Jahre später in den Bann zieht. Fast noch schöner und vor allem hochverdient: im ersten Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges wird ausgerechnet dieses so düstere Werk von der Academy mit dem Oscar für den besten Film ausgezeichnet.

Das schönste für den im New York der 1940er Jahre lebenden Protagonisten des Filmes, den erfolglosen Autor Don Birnam (Ray Milland, "Drei süße Mädels“), ist der Griff zur Flasche. Sowohl seine Freundin Helen (Jane Wyman) als auch sein Bruder Wick (Phillip Terry) versuchen schon seit einiger Zeit, Don von dessen Alkoholsucht zu befreien – mit geringem Erfolg. Der neueste Versuch: ein von Wick organisiertes gemeinsames Wochenende unter Brüdern. Doch die schreckliche Aussicht auf eine trockene Zeit weckt die verlorengeglaubte Kreativität des arbeitslosen Dons, und unter einem Vorwand gelingt es ihm, auch dieses Vorhaben erfolgreich zu torpedieren. So nimmt das Wochenende einen ganz anderen Verlauf, bei dem Dons Sucht diesen erst direkt in die Arme seines Lieblingsbarkeepers Nat (Howard Da Silva) und schon bald in eine noch viel gefährlichere Abwärtsspirale treibt.
 


Wer unter den Oscar-Kandidaten der Kategorie „Bester Film“ vor 1946 stöbert, wird sich schwer damit tun, kleine Charakterdramen zu entdecken, die anhand des Schicksals einfacher Menschen Gesellschaftskritik ausüben – also genau das, was heute ja von der Academy doch sehr gerne gesehen wird. Und wenn das mal passierte, wie im tollen "Ein Mensch der Masse“, dann bleibt es am Ende auch nur bei einer Nominierung. Den Bann durchbrochen hat im Jahr 1946 dann aber Billy Wilder, der sich als Vorlage für seinen neuesten Film damals einen echten (inhaltlichen) Downer ausgesucht hatte. Im autobiografischen Buch "The Lost Weekend“ hatte Autor Charles R. Jackson seine eigene Alkoholsucht verarbeitet und das Thema dürfte Wilder wohl auch deswegen angesprochen haben, da er mit diesen Dämonen zumindest indirekt kurz davor konfrontiert worden war. Der Autor Raymond Chandler, mit dem Wilder 1944 den Film-Noir-Klassiker "Frau ohne Gewissen“ geschrieben hatte, war nämlich während der Zusammenarbeit (wieder) dem Alkohol verfallen, was zu großen Konflikten geführt hatte.

Zusammen mit seinem damaligen Lieblingsschreibpartner Charles Brackett, die beiden sollten später auch das Skript zum berühmten "Boulevard der Dämmerung“ schreiben, war Wilder auch hier nun wieder am Drehbuch beteiligt. Das Ergebnis sollte ein Film werden, den man heute noch getrost als einen der überzeugendsten zum Thema Alkoholsucht bezeichnen kann. Dabei legt der Film eigentlich gar nicht so überzeugend los. Wenn Don das erste Mal seine Stammbar betritt und dort über seine eigene Alkoholsucht philosophiert, wirkt das doch ein bisschen zu stark gewollt, erklärend und forciert poetisch – auch wenn man es hier mit einem Autor zu tun hat. Ausführlich erläutert Don hier seinem Gegenüber (und dem Publikum), warum er trinkt, nämlich um seine Energie und das Selbstwertgefühl hochzuhalten. Das sind natürlich überzeugende Gründe, modernere Filme wie "Leaving Las Vegas“ haben solche Motivationen dann aber doch deutlich subtiler vermittelt.
 


Dies ist glücklicherweise aber nur ein ruckeliger Start, denn danach läuft es hier für alle Beteiligten in allen Belangen deutlich flüssiger (sorry für den Wortwitz). Ist die „Motivation“ hinter der Sucht einmal etabliert, fokussiert man sich nämlich ganz darauf, die an dem Wochenende eskalierende Abwärtsspirale von Don möglichst packend einzufangen. Was mit den ersten „harmlosen“ Drinks beginnt, eskaliert spätestens, als die finanziellen Mittel für weitere „Genusskäufe“ nicht mehr ausreichen und Don kreative Wege finden muss, um seine Sucht zu befriedigen. Dass die nicht immer legal ausfallen, wird wohl keinen überraschen – und dass diese Ideen nicht immer so funktionieren, wie er sich das vorgestellt hat, sicher auch nicht. Egal, wie viel Schüsse Don am Ende aber vor den Bug bekommt, die Sucht ist am Ende immer stärker.

Genau wie der Alkohol bei Don entfacht auch das Geschehen hier auf der Leinwand nun für das Publikum eine starke Sogwirkung. Denn das ist alles wirklich packend und vor allem auch realistisch umgesetzt – dem Drang nach zu großem Melodrama (eine kleine Krankheit der damaligen Zeit) gibt man dabei so gut wie nie nach. Stattdessen ist das alles durchaus nachvollziehbar, da man die Verzweiflung der Figur richtig spürt. Das liegt an einem wirklich starken Ray Milland, der sich mit Inbrunst in diese Rolle wirft und den zwischen ständiger Nervosität und großer Panik schwankenden Gemütszustand von Don perfekt einfängt. Vor allem aber lässt er hier und da immer wieder einen kleinen Funken Rationalität durchblicken, was es einem gut ermöglicht, mitzufiebern und diesem dann doch die Daumen zu drücken. Dieses Gefühl, dass bei Don ja doch noch irgendwie Hoffnung bestehen könnte, hält vor allem auch Helen als Unterstützerin an dessen Seite. Auch diese Beziehung (die ein wenig mehr Szenen vertragen hätte) kommt glücklicherweise ohne unnötiges Melodrama aus und sorgt ebenfalls dafür, dass man hier als Zuschauer für Dons Heilungsprozess die Daumen drückt – und sei es nur, damit die arme Helen doch noch ihr Glück findet.
 


Eine solch extreme Abhängigkeit hält aber nur selten ein Happy End bereit und es ist die größte Stärke von "Das verlorene Wochenende", dass man lange Zeit hier konsequent nur eine Richtung kennt: abwärts. Das wird dann auch visuell gut eingefangen, denn der Film fällt auch optisch mit der Zeit immer düsterer aus. Womit wir nach Ray Milland dann auch zum zweiten wichtigen Mann bei diesem Film kommen: Billy Wilder. Als Regisseur injiziert er dem Film gerade im späteren Verlauf einen ordentlichen Schuss stylische Film-Noir-Atmosphäre. Passt ja auch ganz gut, denn Ausweglosigkeit und Alkohol sind auch in dem Genre oft ständige Begleiter der Figuren. Die Femme fatale ist hier eben nun eine Flasche Bourbon. Wilder findet ebenfalls gute Wege um immer wieder die Intensität hochzuhalten – vor allem in den Szenen, in denen Don verzweifelt den von ihm selbst versteckten Alkohol nicht mehr finden kann. Dazu gibt es weitere nette kreative Einfälle in Sachen Inszenierung – allen voran, wenn Don bei einer Opernaufführung nur noch Augen für eine ganz bestimmte Art des Requisits hat und zu halluzinieren beginnt.

So gelingt Wilder eine Atmosphäre, welche auch dank des sehr markanten und dissoziativ klingenden Soundtracks die Verstörtheit und Ausweglosigkeit der Hauptfigur gut einfängt. Für die ungewohnt klingende Musik griff Komponist Miklós Rózsa auf das elektronische Musikinstrument Theremin zurück, das er auch schon in Hitchcocks "Ich kämpfe um dich" im selben Jahr eingesetzt hatte. In Sachen Stimmung ist das also hier eine ziemlich dichte und überzeugende Sache und dank dem clever aufgebauten Drehbuch blickt man schließlich mit einer Mischung aus Faszination und Mitleid auf den immer steiniger werdenden Leidensweg von Don. Wobei hier und da das Skript sogar auch mal ein wenig Platz für Humor einräumt – auch wenn dieser meist aus dem Zynismus der Hauptfigur entspringt.
 


Wofür allerdings kein Platz im Film war, sind einige Aspekte der Buchvorlage, die mit dem damals verpflichtenden moralischen Regelwerk der Branche (dem Production Code) nicht zu vereinbaren waren. So werden das Thema Prostitution und die Homosexualität der Hauptfigur ausgeklammert. Das größte Zugeständnis an die Regelwächter ist aber das Ende, das in der Buchvorlage deutlich pessimistischer (und ich würde sagen realistischer) daherkommt. Das raubt dem Film ganz am Schluss zwar ein wenig an Biss, allerdings kann man das Ende auch durchaus als relativ offen betrachten und sich seine eigenen "negativeren" Gedanken dazu machen. Aufgrund der davor ziemlich kompromisslosen Handlung lässt sich stark vermuten, dass Wilder dies wohl auch gutheißen würde.

Bleibt nur noch eine Frage. Wie konnte, wenn man die Geschichte der Oscar-Verleihungen bis dato anschaut, ausgerechnet dieser so extrem düstere Film den Oscar für den besten Film gewinnen? Mal ganz zu schweigen davon, dass der Film auch noch für die beste Regie, das beste Drehbuch und den besten Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde. Vielleicht hat das Ende des Zweiten Weltkrieges, aus dem nicht nur psychisch mitgenommene Soldaten, sondern auch die Horrorgeschichten über die Konzentrationslager der Nazis in der Bevölkerung ankamen, für ein Umdenken bei der Academy gesorgt. Eine Einsicht, dass gesellschaftskritische Filme vielleicht gerade jetzt besonders wichtig waren. Was auch immer der Grund dafür war, am Ende traf die Academy mit der Auszeichnung zum besten Film die richtige Entscheidung. Darauf sollte man ja eigentlich anstoßen – nach diesem Film aber definitiv mit etwas Alkoholfreiem.

"Das verlorene Wochenende" ist aktuell als Blu-ray, DVD und auf Prime Video (nur deutsche Version) auf Amazon in Deutschland verfügbar. 
 


Trailer des Films
 


Szene: Dann erkläre ich mal, warum ich trinke...

 


Überblick 18. Academy Awards
Alle nominierten Filme der Kategorie “Outstanding Picture“ der 18. Academy Awards 1946 nochmal auf einen Blick – sortiert nach meiner persönlichen Rangliste des Jahres (fettgedruckt = Gewinner „Bester Film“).

  1. "Das verlorene Wochenende" (9/10)
  2. "Ich kämpfe um dich" (8/10)
  3. "Solange ein Herz schlägt" (7/10)
  4. "Urlaub in Hollywood" (6/10)
  5. "Die Glocken von St. Marien" (5/10)

In unserer nächsten Folge...

Bilder: Copyright

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