Urlaub in Hollywood

MOH (153): 18. Oscars 1946 - "Urlaub in Hollywood"

In unserer Serie "Matthias' Oscar History" (MOH) bespricht Matthias in jeder Folge jeweils einen der zwischen den Jahren 1929 und 2000 nominierten Oscar-Beiträge aus der Kategorie "Bester Film".

von Matthias Kastl / 23. Juni 2026

In unserer letzten Folge hatte Alfred Hitchcock versucht uns in die Welt der Psychoanalyse zu entführen, heute dagegen fordert die Geschichte deutlich weniger analytische Fähigkeiten bei ihren Protagonisten.

Urlaub in Hollywood

Originaltitel
Anchors Aweigh
Land
Jahr
1945
Laufzeit
143 min
Release Date
Oscar
Nominiert "Best Motion Picture"
Bewertung
6
6/10

Frank Sinatra und Gene Kelly, das klingt doch mal nach einer schönen Ladung klassischem Entertainment-Dynamit. So kam bei mir im Vorfeld dann auch einiges an Vorfreude auf den Film auf – welche der Streifen aber leider so gut wie nie einlösen kann. Mit genügend Starpower verfällt man ja schon mal der Verführung, sich in Sachen Story und Dramaturgie etwas weniger Mühe zu geben. Wie es hier aber inhaltlich zugeht ist selbst dafür dann schon extrem dünn geraten. Und fühlt sich noch viel dünner an, weil zwei von drei Hauptfiguren sich schon fast als Totalausfall entpuppen. Gut, dass man zumindest auf die verlässlichen Dienste einer berühmten Cartoon-Maus zurückgreifen kann, dank der hier der einzig wirklich erinnerungswürdige Moment des Filmes kreiert wird.  

Erinnerungswürdig soll auch der Landurlaub der beiden Matrosen Joe Brady (Frank Sinatra) und Clarence Doolittle (Gene Kelly) in Los Angeles ausfallen. Was für diese gleichbedeutend damit ist, möglichst zügig in den Armen einer Dame zu landen. Der schüchterne Joe erhofft sich dabei Tipps vom selbstbewussten Womanizer Clarence, doch die Pläne werden durcheinandergeworfen als die zwei den von zu Hause ausgebüxten kleinen Jungen Donald (ein sehr junger Dean Stockwell, "Paris, Texas", "Blue Velvet") auflesen. Doch vielleicht kann der geplante Eroberungsfeldzug ja doch weitergehen, denn als sie Donald bei dessen Tante Susan (Kathryn Grayson) abliefern, entpuppt sich diese als attraktive angehende Sängerin. Gut, dass Joe auch gerne ein Liedchen trällert und Clarence nur zu gerne das Hüftbein schwingt. Und vielleicht kann man ja Susan auch dabei helfen, vom berühmten und gerade an einer Filmproduktion arbeitenden Dirigenten José Iturbi (gespielt von sich selbst) engagiert zu werden.
 


Klingt schon ziemlich dünn diese Inhaltsangabe, nicht wahr? Im Wesentlichen beschränkt man sich hier auf das wirklich Allernötigste, um Personen von A nach B zu bekommen, damit dort entweder Sinatra ein Liedchen trällert, Gene Kelly das Tanzbein schwingt oder beides zusammen erfolgt. Natürlich muss noch ordentlich Romantik reingepackt werden, indem sich der naive Joe Hals über Kopf in die gute Susan verliebt. Mit dem Matrosen-Mentor Clarence an der Seite versucht man, das alles dann irgendwie in Richtung romantische Musikkomödie zu bugsieren, bei der ein Mangel an interessanter Handlung ja theoretisch auch verkraftbar wäre – wenn die Protagonisten auf der Leinwand mit Charisma und Spielfreude aufwarten würden.

Ausgerechnet Frank Sinatra, damals zwar noch von seinem legendären Image weit entfernt, aber bereits ein ziemlich aufstrebender Jungstar, entpuppt sich leider schauspielerisch als große Enttäuschung. In einem Interview hat er später einmal gesagt, dass Gene Kelly ihm in diesem Film das Schauspielern beigebracht hätte. Nichts für ungut, Gene, aber das hat hier mal so gar nicht funktioniert. Sinatra versucht, die Schüchternheit seiner Figur fast alleine durch einen treudoofen, aber meist vor allem gelangweilten Blick auszudrücken, was in einem vollkommen charmbefreiten Endergebnis mündet. Selbst bei seinen Songs strahlt Sinatra kaum Spielfreude aus und bekommt zu allem Überfluss auch oft relativ einfallslose Dialoge in den Mund gelegt.
 


Äußerst ungünstig ist nun, dass sein weiblicher Love-Interest schauspielerisch etwa auf dem gleichen Niveau agiert. Kathryn Grayson scheint sich alleine darauf zu konzentrieren, möglichst niedlich zu wirken, irgendeine Tiefe oder zumindest ein kleines Augenzwinkern als Auflockerung findet sich auch hier nicht. So ist dann absolut keine Chemie bei dem zentralen Liebesplot dieses Filmes zu spüren. In Kombination mit der belanglosen Handlung und eher drögen Dialogen droht "Urlaub in Hollywood" also schon sehr schnell zu einer unglaublich zähen Angelegenheit zu werden.

Dass dem nicht ganz so ist, liegt an einem deutlich aktiveren Gene Kelly (der hierfür die einzige Oscar-Nominierung seines Lebens erhielt, den Ehrenoscar mal ausgenommen). Kelly, wie man es von ihm kennt, tanzt und spielt sich hier mit einem breiten Grinsen durchaus in die Herzen des Publikums. Was die eigentliche Haupthandlung angeht, ist er eigentlich nur Beiwerk, hat aber gefühlt fast mehr Leinwandzeit als sein Kollege – was auch daran liegt, dass er einige Tanznummern ohne seinen Partner durchführen darf. Irgendwie wirkt dieser Mix aber einfach nicht rund und man hat fast das Gefühl, als ob den Machern zwischendrin bewusst geworden ist, dass diese uninspirierte Liebesgeschichte so gar nicht funktioniert und man lieber dem einzigen Mann mit Charisma hier möglichst viel Leinwandzeit geben sollte. Gerade in der zweiten Hälfte hält Kelly einen so mit zwei unterhaltsamen Tanznummern zumindest bei der Stange.
 


Da wäre einmal der große Schlussakt, bei dem Kelly sportlich und kreativ eine Filmkulisse betanzt. Am eindrucksvollsten ist aber eine Sequenz, in der sein Charakter in eine Cartoon-Welt voller Tiere eintaucht und dort dem überforderten König aus einer Lebenskrise heraushilft. Natürlich mit Hilfe einer flotten Tanznummer, was richtig kreativ gemacht ist und einen besonderen Spin dadurch erhält, dass dieser König von einer uns allen bekannten Maus "gespielt" wird. Nicht etwa Micky Maus, denn die hatte man via Disney zwar "angefragt", aber eine Absage bekommen. Alternativ wilderte man darum im eigenen Studio Metro-Goldwyn-Mayer, wo seit einigen Jahren William Hanna und Joseph Barbera mit ihren "Tom-und-Jerry"-Filmen Erfolge feierten. Während Tom nur einen kurzen Auftritt als Diener hat, darf Jerry nun also mit Gene Kelly im Duett tanzen und die gute Laune der beiden ist dann tatsächlich ansteckend.

So nett diese Sequenz auch gelungen ist, die Art und Weise, wie der Film diesen Ausflug ermöglicht, ist schon ziemlich an den Haaren herbeigezogen und irgendwie auch ein kompletter Fremdkörper im Film. Angesichts der sonstigen "Qualitäten" von "Urlaub in Hollywood" aber ein gern gesehener Fremdkörper. Ebenfalls muss man Regisseur George Sidney zumindest zugutehalten, dass er immer mal wieder versucht, in seine Inszenierung kreative Ideen einzubauen. Das wirkt manchmal etwas erzwungen, lenkt aber zumindest von der Handlung ab – was in diesem Fall definitiv gut ist. Sidney kann sich hier gerade mit Kameraeinstellungen so leicht austoben, da fast der komplette Film im Studio produziert wurde und man diesen Studiolook auch gar nicht erst verheimlichen will. Was aber irgendwie zu so einer eher seichten Angelegenheit ganz gut passt und schon fast wieder charmant ist – ebenso wie der knallbunte Technicolor-Look.
 


Wenn man in der zweiten Hälfte des Films dann auch noch die Studiohallen von Metro-Goldwyn-Mayer besucht und bei einer Filmproduktion der 1940er Jahre über die Schulter schauen darf, dann ist das gerade aus heutiger Sicht natürlich interessant. Es sind diese kleinen Freuden, die einem die ganze Angelegenheit auf dem Bildschirm also etwas erträglicher machen – wie auch die Entdeckung, dass Schauspieler Dean Stockwell (vielen nur als deutlich älterer Erwachsener aus "Paris, Texas" oder der Serie "Zurück in die Vergangenheit" bekannt) hier im Kindesalter in einer seiner ersten Filmrollen auftritt. 

Am Ende darf all dies aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass "Urlaub in Hollywood" im Kern einfach nicht funktioniert und zu selten für diese Art Film gute Laune verbreitet. Wieder einmal sah dies das damalige amerikanische Publikum anders und dank dem finanziellen Erfolg des Filmes sollten in den nächsten Jahren noch zwei weitere Kooperationen von Sinatra und Kelly folgen – und zumindest die Inhaltsangaben dieser Werke deuten nicht darauf hin, dass man in Sachen Story dazugelernt hätte. Freuen wir uns darum lieber über die in dieser Rubrik noch kommenden und deutlich unterhaltsameren Gene-Kelly-Streifen – und auch Dean Stockwell werden wir an dieser Stelle bald in einem vermutlich deutlich besseren Film wiedersehen.

"Urlaub in Hollywood" ist aktuell als DVD und via Prime Video auf Amazon in Deutschland verfügbar. 
 


Trailer zum Film
 


Szene: Unser Hauptduo singt – aber so richtig Charisma zeigt nur einer
 


Szene: Gene Kelly & Jerry – die schönste Sequenz des Films
 


Interview: Regisseur George Sidney spricht über die Produktion des Tanzes von Gene Kelly mit Jerry

 


Ausblick
In unserer nächsten Folge könnte es kaum ernster zugehen, wenn unsere Hauptfigur mit ihrer Alkoholsucht zu kämpfen hat.

Bilder: Copyright

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