Scream

Originaltitel
Scream
Land
Jahr
2022
Laufzeit
114 min
Genre
Release Date
Bewertung
8
8/10
von Maximilian Schröter / 12. Januar 2022

Als Liebhaber von Horrorfilmen kennt man das: Man gruselt sich genüsslich vor dem Fernseher, während sich auf dem Bildschirm ein kaltblütiger Mörder von hinten an sein nichtsahnendes Opfer heranschleicht, dem man verzweifelt zurufen möchte: „Dreh dich um!!“ Wenn nun dieses Opfer im Film aber selbst einen fiktiven Film anschaut, der wiederum gerade eine einem real existierenden Film nachempfundene Szene zeigt, in der ein nichtsahnendes Opfer einen Horrorfilm anschaut, während sich von hinten ein kaltblütiger Mörder heranschleicht… dann klingt das alles erst einmal nicht nur wahnsinnig verschachtelt und kompliziert, sondern kann eigentlich auch nur eines bedeuten: Bei dem Film, über den wir hier sprechen, handelt es sich um ein Werk aus der „Scream“-Reihe.

1996 erschien mit „Scream“ der erste Teil, clever geschrieben von Kevin Williamson und inszeniert von Horror-Altmeister Wes Craven („A Nightmare On Elm Street“). Er belebte nicht nur das Subgenre des Teenie-Slashers wieder und zog in den Folgejahren zahlreiche Nachahmer nach sich, sondern zeichnete sich vor allem durch seinen Humor und Selbstreferentialität aus. Immer wieder weisen die Figuren in der „Scream“-Reihe auf die ungeschriebenen Regeln von Horrorfilmen hin, die etwa festlegen, wer sterben oder überleben wird und nach welchem Muster der Killer seine Opfer aussucht. Nach einer 1997 überraschend schnell hinterhergeschobenen, grandiosen Fortsetzung, einem eigentlich als Endpunkt gedachten, jedoch enttäuschenden dritten Teil (2000) und einem wieder äußerst gelungenen vierten Film (2011) kommt nun also 25 Jahre nach dem Beginn der Reihe Film Nummer fünf ins Kino. Der Titel des Films? „Scream“ – ohne „5“ oder Untertitel (und dass der Film selbst sich über die Unsitte lustig macht, späten Sequels einer beliebten Reihe einfach denselben Namen zu geben wie dem Ursprungsfilm, macht die Verwirrung darüber nicht kleiner).

"Jenna Ortega"

Der Film beginnt auch genauso wie der erste Teil: Ein Mädchen steht in der geräumigen Küche eines Hauses in der fiktiven Kleinstadt Woodsboro und freut sich auf einen schönen Abend, als das Telefon klingelt. Tara (Jenna Ortega) drückt den Anruf erst einmal weg – unbekannte Nummer! Doch als sie nach erneutem Klingeln schließlich doch rangeht, entspinnt sich das für den Zuschauer altbekannte Spiel. Die Stimme des Ghostface-Killers ist in der Leitung und prüft Taras Wissen über Horrorfilme ab. Das Spiel ist natürlich darauf angelegt, dass Tara früher oder später verliert und so kommt es wie es kommen muss: der Killer dringt ins Haus ein, Woodsboro wird von einer neuen Mordserie erschüttert und Taras Schwester Sam (Melissa Barrera) sowie ihr Freund Richie (Jack Quaid) suchen Hilfe bei jemandem, der all dies schon mehrmals erlebt hat: Dewey Riley (David Arquette). Es dauert nicht lange, bis dieser auch seine alten Weggefährtinnen Gale (Courteney Cox) und Sidney (Neve Campbell) vor der neuen Bedrohung gewarnt hat. Obwohl alle drei die traumatischen Ereignisse der Vergangenheit eigentlich hinter sich lassen wollten, werden sie nun zusammen mit den neuen Figuren einmal mehr in ein mörderisches Spiel hineingezogen.

„Scream“ funktioniert auf mehreren Ebenen: als in sich abgeschlossener Slasher-Film und als fünfter Teil einer Reihe, der eben nicht nur auf seine vier Vorgänger, sondern auch auf zahlreiche andere Werke und deren Konventionen verweist. Wer noch keinen der Vorgänger gesehen hat oder sich nur noch dunkel an sie erinnert, dem präsentiert das Regie-Duo aus Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett („Ready or Not – Auf die Plätze, fertig, tot“) hier einen nahezu makellos inszenierten Horrorfilm. Die bekannten Charaktere werden so plausibel das eben geht eingebunden, angesichts der Tatsache, dass sie nun alle einmal mehr freiwillig in eine Stadt zurückkehren, in der ihnen ein Serienmörder nach dem Leben trachtet. Deutlich mehr Zeit aber widmet der Film den neuen Figuren, die durch das clevere Drehbuch und die durch die Bank weg überzeugenden Darsteller (darunter Dylan Minnette aus der Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“) alle ein eigenes Profil gewinnen. Einmal mehr macht das Raten, wer dieses Mal der bzw. die Mörder sind, unglaublich viel Spaß – vor allem, weil sich auch dieses Mal die Figuren immer wieder gegenseitig verdächtigen und dies jeweils mit den passenden Genre-Regeln begründen.

"Jack Quaid & Melissa Barrera"

Die Szenen, in denen der Killer zuschlägt (bzw. zusticht), scheinen ein wenig härter und expliziter in ihrer Gewaltdarstellung zu sein, als das noch in den 1990er Jahren möglich war. Aber dass zartbesaitete Gemüter einen Film wie diesen eher meiden sollten, dürfte sowieso klar sein. Jedenfalls zeichnet sich dieser neue „Scream“ durch mehrere kreative, sich genügend voneinander unterscheidende Slasher-Sequenzen aus, in denen einige Figuren ihr Leben lassen müssen. Meist sind diese so mitreißend, dass man sich Fragen nach der Logik des Geschehens nicht stellt. Tut man es doch, so muss man sich etwa wieder einmal wundern, warum die Polizei – selbst, wenn sie explizit herbeigerufen wird – immer grundsätzlich erst dann eintrifft, wenn der Mörder seine Tat begangen hat und geflüchtet ist. Oder warum nachts auf einem kompletten Stockwerk eines Krankenhauses außer einem einzelnen Wachmann niemand Dienst zu haben scheint. Oder warum ein Mord bei Tageslicht und quasi auf offener Straße von niemandem bemerkt wird. Schwamm drüber, denn darum geht es hier wirklich nicht. Stattdessen treibt der Film seine Charaktere wie seine Zuschauer von einem Setpiece zum anderen und baut dazwischen genügend ruhige, mitunter dieses Mal auch hoch emotionale Szenen ein.

Das Ganze ist wie gesagt auch dann spannend, wenn man sich im „Scream“-Kosmos nicht auskennt, schließlich ist der überwiegende Teil der Figuren hier zum ersten Mal dabei. Für Kenner der „Scream“-Filme und darüber hinaus Fans von Horrorfilmen allgemein ist dieser fünfte Teil aber ein ganz besonderes Fest. Denn wie es sich für die Reihe gehört, wird hier auf Genre-Konventionen, Ereignisse der früheren Filme und auf andere Filme Bezug genommen – und zwar nicht nur gelegentlich, sondern in gefühlt jeder zweiten Szene. Das reicht von der wohl für jede Horrorfilmreihe obligatorischen „Psycho“-Anspielung (die natürlich als solche benannt wird) bis hin zu Diskussionen über die Qualitäten der fiktiven Film-im-Film-Reihe namens „Stab“, welche seit „Scream 2“ fester Bestandteil der Serie ist.

"Neve Campbell & Courteney Cox"

Während Teil Eins sich ja an den allgemeinen Regeln von Horrorfilmen abarbeitete und etwa „Scream 2“ die Gesetze von Fortsetzungen thematisierte, nimmt dieser neue „Scream“-Film nun besonders die Gruppe von Filmen in den Blick, die man als „Legacyquels“ oder „Requels“ bezeichnet: späte Fortsetzungen einer erfolgreichen und beliebten Filmreihe, die deren Geschichte einerseits fortführen, in manchen Aspekten aber trotzdem eine Art Reboot des Franchises darstellen. Beispiele dafür gab es in den letzten Jahren genug: „Star Wars: Das Erwachen der Macht“, „Jurassic World“ oder kürzlich „Ghostbusters: Legacy“ und „Matrix Resurrections“ – und nun eben auch „Scream“. Der Meta-Diskurs ist also einmal mehr eröffnet.

Bei dieser Thematik macht der Film jedoch nicht halt, sondern frühstückt nebenbei auch noch Themen wie toxisches Fandom, überzogene Erwartungen und dementsprechend enttäuschte Fans, sowie Hass versprühende YouTube-Kanäle ab. Dazwischen wird so ziemlich jeder wichtige Horrorfilm der letzten zehn Jahre erwähnt und sogar die Zeit gefunden, eine Anspielung auf den Regisseur unterzubringen, dem wohl wie keinem zweiten die zum Teil irrationalen Reaktionen enttäuschter, alteingesessener Fans entgegengeschlagen sind: „Die letzten Jedi“-Regisseur Rian Johnson.

Manchmal erstrecken sich diese Anspielungen auf das reine Namedropping von Filmtiteln, zum Großteil sind sie jedoch klug in die Dialoge eingebaut und sorgen dafür, dass dem wissenden Zuschauer ein Grinsen ins Gesicht gezaubert wird. Doch wie gesagt funktioniert „Scream“ auch über diesen Meta-Aspekt hinaus extrem gut und weiß mit seinem spielfreudigen Ensemble und gekonnt inszenierten Momenten von Schock, Spannung und Überraschung zu begeistern. In Kombination ergeben all diese Elemente schließlich den besten „Scream“-Film seit „Scream 2“.

Bilder: Copyright

8
8/10

Kann mich der Filmszene eigentlich nur anschließen. Der Film tendiert tatsächlich sogar Richtung sehr gut. Hätte ich bei einem so späten Sequel bzw. Requel nicht für möglich gehalten. Hut ab. Wes Craven hätte es gefallen.

By the way, sehr schöne Gewaltspitzen. :-D

Permalink

9
9/10

Scream war damals für mich der erste Slasher-Film überhaupt (obwohl ich bereits an der Volljährigkeit kratzte) und schon damals wusste ich auch ohne Kenntnisse über die zitierten Werke diese absurde Mischung aus Parodie und ernsthaftem Killer-Thriller zu schätzen.
Heute betrachte ich Teil 1 als Kult und als den besten Slasher-Film aller Zeiten (die Halloween-Fans mögen mir vergeben).
Die Nachfolger hatten daher einen schweren Stand bei mir, denn Teil 2 war einen Tick zu lang und die Auflösung zu ungelenk und Teil 3 driftete zu sehr in die Action-Geister-Schiene ab.
Erst Teil 4 hat mich wieder vollkommen überzeugt und ich tönte damals schon, dass es so gerne weitergehen darf.
In Scream 5 geht es so weiter. Oder anders gesagt: es geht besser weiter. Ganz gemäß der "Legacy"-Regeln haben wir hier eine neue Truppe, die langsam etabliert wird, eine Menge Referenzen zu Teil 1 und die alten Recken für einen eventuellen finalen Auftritt (ohne mal spoilern zu wollen).
Es hat wieder Spaß gemacht, jede Figur zu verdächtigen, es war spannend, an der Nase herumgeführt zu werden, indem man bestimmte Szenen anders pointiert als man es als Kenner erwarten würde und es war spannend, humorvoll mit liebenswerten Charakteren gefüllt und einer unerwarteten Härte auf der anderen Seite. Es ist eine würdevolle Widmung an Wes Craven.
Somit ist also der Übergang in eine neue Generation gelungen und ich zitiere mich noch mal selbst: so darf es gerne weitergehen.

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