„Saiten des Lebens“ beginnt damit, dass vier Musiker eine Bühne betreten: Robert Gelbart (Philip Seymour Hoffman), seine Frau Juliette (Catherine Keener), Peter Mitchell (Christopher Walken) und Daniel Lerner (Mark Ivanir) treten seit 25 Jahren gemeinsam auf. Als Streichquartett „The Fugue“ haben sie weltweit Erfolge gefeiert, doch nun erhalten sie mitten während der Proben für die nächste Konzertsaison schlechte Neuigkeiten. Peter, der älteste der vier, ist an Parkinson erkrankt und kündigt deshalb seinen Ausstieg aus dem Quartett an. Das erste Konzert der neuen Saison soll sein Abschied als Cellist sein. Die anderen drei sind von dieser Nachricht natürlich nicht begeistert und versuchen, Peter dazu zu bewegen, noch ein wenig länger mit ihnen zusammen aufzutreten. Niemand von ihnen möchte ihn durch einen anderen Cellisten ersetzt sehen. Doch Peters Entschluss scheint festzustehen und nach und nach wird deutlich, dass dies nur die erste einer Reihe von Veränderungen in den Beziehungen der vier Musiker zueinander ist, die sich nicht aufhalten lassen, so sehr die vier Freunde das vielleicht möchten.
In „Saiten des Lebens“ geht es nicht um die Parkinsonerkrankung eines alternden Cellisten, ja man könnte sogar behaupten, dass der Film nicht einmal primär von Musik handelt. Vielmehr stehen hier die Musik und das gemeinsame Musizieren als Metaphern für zwischenmenschliche Beziehungen. Die Bühne, die die vier Hauptprotagonisten in der ersten Einstellung des Films betreten, werden sie für den Zuschauer in gewisser Weise den ganzen Film über nicht mehr verlassen, denn „Saiten des Lebens“ erzählt vor allem von diesen vier Personen, die bislang so gut miteinander harmonierten, nun aber – zunächst im Leben abseits der Bühne, sehr bald aber auch im musikalischen Zusammenspiel – feststellen müssen, dass es Veränderungen gibt, die für Missklang sorgen und denen man sich stellen muss. Peters Erkrankung ist hier also lediglich ein Auslöser, der die Ereignisse in Gang bringt. So fordert Robert beispielsweise, fortan nicht länger nur die zweite Geige im Quartett spielen zu müssen und stößt damit auf Unverständnis. Daniel wiederum nimmt Roberts Ratschlag, nicht immer alles streng nach Vorschrift zu erledigen und sich emotional zu öffnen, ein wenig zu wörtlich, was für weitere Spannungen unter den Vieren sorgt. Und Alexandra (Imogen Poots), die Tochter von Robert und Juliette, muss mit ansehen, wie sich ihre Eltern immer mehr von einander entfremden.
Regisseur und Drehbuchautor Yaron Zilberman, der nach der mehrfach ausgezeichneten Dokumentation „Hakoah – Club der Sirenen“ von 2004 nun mit „Saiten des Lebens“ seinen ersten Spielfilm vorlegt, setzt dabei neben der Musik ganz auf die Stärke seiner hochkarätigen Darsteller, um die emotionale Tiefe der Geschichte zu vermitteln. Christopher Walken ist hier als in sich gekehrter, sanfter Cellist ganz gegen sein exzentrisches Image besetzt, doch auch ohne lautstarke emotionale Ausbrüche lässt sich die innere Verzweiflung seiner Figur in mehreren Szenen an seinem Gesicht ablesen. Dass er in der zweiten Hälfte des Films für eine Weile aus der Geschichte verschwindet, ist der beschriebenen Funktion seiner Figur in der Handlung geschuldet und mindert den Eindruck, den er hinterlässt, keineswegs.
Auch die anderen Darsteller verleihen ihren Charakteren mit eher subtilen Mitteln emotionale Tiefe. In Verbindung mit den Bildern des winterlichen New York, wo der Film spielt, und einer zurückhaltenden Regie ergibt sich so ein Film, in dessen Figuren und Geschichte man in hohem Maße emotional zu investieren bereit ist. Jede einzelne der persönlichen Krisen der Protagonisten ist für den Zuschauer nachvollziehbar; genauso wie der in Schnee und Eis erstarrte Central Park den kommenden Frühling noch für eine Weile aufzuschieben zu versuchen scheint, so weigern sich Robert, Peter, Juliette und Daniel zunächst, den Veränderungen ins Gesicht zu sehen, die auf sie zukommen.
Als zentrales musikalisches Motiv hat Zilberman Beethovens Streichquartett Nr. 14 in cis-moll gewählt, dessen sieben Sätze den Anweisungen des Komponisten zufolge attaca –in einem Zug und ohne Pause – gespielt werden sollen. Da die Musiker also während des Stücks keine Möglichkeit haben, ihre Instrumente nachzustimmen, sind sie hier im Zusammenspiel vor eine ganz besondere Herausforderung gestellt. Jeder der vier muss sich in ganz besonderer Weise auf die anderen einstellen und Rücksicht auf sie nehmen. Die verstimmten Instrumente stehen im Kontext des Films natürlich für die Verstimmung, die sich auch in den Beziehungen der vier Musiker breitmacht und mit der sie umgehen müssen.
Am Ende des Films ist dann zwar nicht alles wieder gut, aber vieles möglich. Nach den bewegenden Schlussszenen denkt man automatisch weiter über die Figuren und die Konsequenzen ihres Handelns nach und das ist doch eigentlich eines der schönsten Komplimente, die man einem Film machen kann: dass seine Geschichte nicht auf der Leinwand endet, sondern im Kopf des Zuschauers weitergeht.
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