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Marriage Story

Marriage Story
drama , usa 2019
original
marriage story
regie
noah baumbach
drehbuch
noah baumbach
cast
scarlett johansson,
adam driver,
laura dern,
ray liotta,
alan alda, u.a.
spielzeit
136 Minuten
kinostart
21. November 2019
homepage
bewertung

8 von 10 Augen
Marriage Story

Charlie und Nicole Das Thema Scheidung kommt einem wohl eher nicht als Erstes in den Sinn, wenn man sich einen gemütlichen Filmabend bereiten möchte. Wieso zum Teufel sollte man sich so etwas denn gerade jetzt in der Weihnachtszeit antun? Nun, vielleicht weil Drehbuchautor und Regisseur Noah Baumbach ("Der Tintenfisch und der Wal") einen der wohl besten Filme seiner Karriere hingelegt hat. Und weil starkes Kino eben nicht immer bedeuten muss, dass man am Ende mit einem Hochgefühl aus dem Sessel springt. Genau wie seine Protagonisten ist auch "Marriage Story" nicht ganz frei von Schwächen. Aber nur wenige Filme schaffen es in diesem Jahr so überzeugend, den Zuschauer so eng und emotional an das Schicksal und das Leiden ihrer Figuren zu ketten. Was sicher auch und vor allem daran liegt, dass es eine autobiografische Geschichte ist, und Baumbach hier die Auflösung seiner eigenen Ehe mit Schauspielerin Jennifer Jason Leigh verarbeitet hat. 

"Marriage Story" beginnt mit einer Liebeserklärung. Der begabte Theaterregisseur Charlie (Adam Driver, "The Dead Don't Die", "Star Wars: Die letzten Jedi") beschreibt in wundervollen Worten, was er an seiner Ehefrau Nicole (Scarlett Johansson, "The Avengers", "Lost in Translation") bewundert. Diese wiederum revanchiert sich mit einer ebenfalls liebevollen Lobeshymne auf ihren Ehemann, für den sie als Schauspielerin auf der Bühne steht. Leider sind diese Liebeserklärungen aber nur das Ergebnis einer den beiden aufgezwungenen Aufgabe eines Scheidungsmediators, der die zerstrittenen Eheleute durch den schmerzhaften Scheidungsprozess begleiten möchte. Doch je weiter der Prozess voranschreitet, desto verhärteter werden die Fronten, worunter vor allem auch der gemeinsame Sohn Henry zu leiden hat.

Eine nicht ganz so glückliche FamilieEs ist ein wunderschöner und romantischer Beginn, den "Marriage Story" aufs Parkett legt. Wenn Charlie und Nicole sich leidenschaftlich an die Stärken ihres Partners erinnern, dann sprühen ihre aufmerksamen Beobachtungen nur so voller liebenswerter Details. Dem Film gelingt so ein sehr gefühlvoller Einstieg, der überzeugend dem Zuschauer vermittelt, warum diese beiden Figuren sich einst ineinander verliebt haben. Und auch im weiteren Verlauf der Geschichte macht "Marriage Story" deutlich, dass Charlie und Nicole noch immer füreinander Gefühle hegen und, dass die beiden auch wirklich daran interessiert sind, ihre Trennung möglichst einvernehmlich und schmerzfrei zu lösen. Zumindest zu Beginn.

Genau das verleiht der Geschichte ihre so herzzerreißende Tragik. Wenn der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert ist, wird er eben erst so richtig grausam. Dabei sind es einmal externe Faktoren, die den Scheidungsprozess der beiden in immer dunklere Gefilde treiben. Ob die spekulativen Kommentare der eigenen Familie oder die knallharten Ratschläge von Anwälten, oft kommt der Impuls für die Verschärfung des Konfliktes von außen. Allerdings, und das zeigt "Marriage Story" eben auch auf wundervolle Art und Weise, treffen diese Impulse bei Charlie und Nicole auch auf fruchtbaren Boden.

Nicole und ihre AnwältinSowohl Charlie als auch Nicole fühlen sich von ihrem Partner verletzt und missverstanden. Dazu etabliert der Film auch noch clever, dass beide nur sehr ungern als Verlierer vom Platz gehen. Diese scheinbar harmlose Charaktereigenschaft sorgt zum Beginn noch für ein Grinsen, wenn Charlie und Nicole sich beim Brettspiele spielen mit Henry über ihre Niederlage echauffieren. Später zeigt sich aber, wie geschickt hier bereits zu Anfang eine für die weitere Geschichte so fatale Charaktereigenschaft der beiden Protagonisten etabliert wird. Auch beim Scheidungsprozess möchte keiner der beiden verlieren und überschreitet lieber noch eine weitere Grenze, anstatt klein beizugeben.

Dass "Marriage Story" dabei immer so glaubwürdig daherkommt, liegt auch in den vielen kleinen persönlichen Momenten, die der Film seinen Figuren gönnt. Nicole, die schützend eine eiskalte Fassade um sich herum aufbaut, dann aber alleine im eigenen Zimmer die Tränen nicht mehr halten kann. Oder Charlie, der an Halloween verzweifelt um die Anerkennung seines Sohnes ringt, der lieber das von der Mutter ausgesuchte Kostüm tragen möchte und nicht das, welches Charlie eigens hat für ihn anfertigen lassen. Überhaupt ist der Kampf rund um die Aufmerksamkeit des eigenen Kindes mit der emotionalste Teil des Films. Das gipfelt dann am Ende sogar darin, dass eine neutrale Beobachterin vom Gericht dazu bestimmt wird, den Umgang der beiden mit Henry zu benoten. Was Charlie und Nicole in die absurde Situation bringt, das perfekte Elternteil spielen zu müssen.

Der Kampf um HenryAber niemand ist in "Marriage Story" perfekt. Und es sind genau diese kleinen "Fehler" der Protagonisten, die immer wieder in den Film eingestreut werden und die unsere Hauptfiguren genau dadurch erst so lebendig und realistisch erscheinen lassen. Leider sind es aber auch diese Fehler, die dann am Ende auch zu manch dramatischer Eskalation führen. Allen voran in einer grandiosen Szene in einem Apartment, in der eine eigentlich als Friedenstreffen anberaumte Aussprache völlig außer Kontrolle gerät. Diese Szene ist auch für den Zuschauer emotional kaum zu ertragen und gehört zu den bestgeschriebenen und bestgespielten Filmminuten dieses Jahres. Wie Scarlett Johansson und Adam Driver in ihren Rollen aufgehen ist generell in dem Film bemerkenswert, aber in dieser Szene möchte man am liebsten kurz den Raum betreten und den beiden direkt den Oscar in die Hand drücken.

Im Gegensatz zu den beiden Hauptdarstellern ist das Drehbuch allerdings nicht ganz frei von Schwächen. Lange Zeit umschifft "Marriage Story" zwar gekonnt eine zu starke Manipulation des Publikums, doch am Ende gibt es dann doch ein paar zu gezwungen-symbolisch wirkende Szenen (Stichwort "Song" oder "Brief"). Außerdem gleitet das Umfeld von Charlie und Nicole doch hin und wieder ein wenig zu stark ins Klischeehafte ab, sei es die aufgedrehte Familie von Nicole oder Laura Dern als modebewusste Power-Anwältin Nora.

Vater und SohnHin und wieder hat man auch das Gefühl, dass die ein oder andere wichtige Szene eventuell dem Schneidetisch zum Opfer gefallen ist. Während man von Nicole Gründe für ihre Trennung erfährt, bleiben die Motive für Charlies Entfremdung von seiner Frau so leider im Dunkeln. Und der ein oder andere Versöhnungsversuch der beiden, gerade nach einem großen Streit, wirkt dann auch mal eher überraschend als wirklich nachvollziehbar. Doch am Ende rauben diese Schwächen "Marriage Story" nur einen kleinen Teil seiner emotionalen Wucht. Was bleibt ist ein nachhaltig beeindruckendes Filmerlebnis, das die meisten Zuschauer mit einem flauen Gefühl im Magen zurücklassen wird. Im Falle von "Marriage Story" ist das aber ausdrücklich als Kompliment zu verstehen.

“Marriage Story“ läuft ab dem 6. Dezember beim Streaming-Anbieter Netflix, ist davor aber bereits in einigen ausgewählten Kinos für kurze Zeit verfügbar.
 

Matthias Kastl

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