Licorice Pizza

Originaltitel
Licorice Pizza
Land
Jahr
2021
Laufzeit
134 min
Genre
Release Date
Bewertung
8
8/10
von Volker Robrahn / 26. Januar 2022

Die ganz große Zeit des einst als Regie-Wunderkind gefeierten Paul Thomas Anderson scheint vorbei zu sein. Das große Publikum strömte eh nie in Andersons Filme, aber seit „The Master“ mochte auch die Zunft der Kritiker zumindest nicht mehr uneingeschränkt in Begeisterung verfallen. Die scheint nun aber wieder versöhnt, denn „Licorice Pizza“ wird recht einhellig als einer der besten Filme des Jahres abgefeiert und gilt als Mitfavorit für diverse in den nächsten Monaten zu vergebende Preise. Die großen Namen innerhalb der Besetzungsliste tauchen dabei diesmal nur in den Nebenrollen auf und alles wirkt doch mehrere Nummern kleiner als bei einem Epos wie „There will be blood“.

Die an sich also recht unspektakuläre Geschichte über die On- and Off-Beziehung des zu Beginn der Handlung erst 15jährigen Gary Valentine (Cooper Hoffman) mit der einige Jahre älteren Alana (Alana Haim) bildet dabei nur den Rahmen für eine liebevoll detaillierte Darstellung des Kalifroniens der frühen siebziger Jahre, in das man sich auch tatsächlich hineinversetzt fühlt. Das Eintauchen in diese Welt war ganz offensichtlich der Hauptaufhänger und Anlass für Anderson, sich diesem Projekt zu widmen. Was fast zwangsläufig zu Vergleichen mit in der gleichen Ära angesiedelten Werken wie Cameron Crowes „Almost Famous“ und vor allem natürlich Quentin Tarantinos „Once upon a time in Hollywood“ führt, der nur wenige Jahre früher spielt und genauso episodisch angelegt ist.

Für den trotz seiner Jugend und seinem gar nicht mal so attraktiven Äußeren enorm selbstbewussten Gary spielen allerdings Themen wie der Vietnam-Krieg oder die Nixon-Regierung kaum eine Rolle, sein Desinteresse daran führt sogar zur vorübergehenden Entfremdung von Alana, die sich im Verlauf stärker politisch engagiert. Für Gary steht dagegen das Ausleben gewagter bis verrückter Geschäftsideen, das Sammeln von Leuten, die ihm folgen, und eine Inszenierung als charmantes Alpha-Tier im Vordergrund.

Obwohl sie auf den ersten Blick überhaupt nicht zueinander passen wird spürbar, weshalb der Eine hier dennoch den notwendigen Gegenpol des Anderen bildet, und dazu trägt die Leistung der beiden Jungschauspieler entscheidend bei. Die Debütanten tragen dabei beide einen Nachnamen, den man kennen könnte. Denn bei Alana Haim handelt es sich um ein Mitglied der populären, aus drei Schwestern bestehenden Indie-Rockband HAIM, und bei Cooper Hoffman um den offenbar ähnlich begabten Sohn des verstorbenen Philip Seymour.

Die prominenteren Namen geben sich dagegen mit großer Spielfreude für die schrägen Nebenfiguren her, sowohl Sean Penn als gealterter Filmstar (gemeint ist William Holden) und Bradley Cooper mit einer wilden Performance als cholerischer Lover von Barbra Streisand bringen noch ein wenig mehr Irrsinn in das eh oft schon sehr abgedrehte Geschehen. Das aber auch sehr leicht und liebenswert daherkommt, was dann doch einen Unterschied zum Hollywood-Film von Tarantino darstellt. An dessen Intensität und Tiefe Anderson nicht ganz herankommt, was hier aber vermutlich auch gar nicht das Ziel war. Wer sich darauf einlassen mag bekommt von ihm stattdessen eine amüsante und sehr warmherzige Geschichte serviert – in der die titelgebende Lakritz-Pizza übrigens überhaupt keine Rolle spielt.

Bilder: Copyright

"seit „The Master“ mochte auch die Zunft der Kritiker zumindest nicht mehr uneingeschränkt in Begeisterung verfallen"

Würde hier beim Einleitungssatz widersprechen ;-) Anderson hat seit The Master nur zwei Filme gedreht, nämlich Inherent Vice und Phantom Thread. Ersterer erhielt gute Kritiken und zwei Oscarnominierungen und letzterer war ein absoluter Kritikerliebling und erhielt 6 Oscarnominierungen (inklusive bester Film) und konnte sogar einen Goldjungen abstauben.

Ich freu mich auf die Lakritz-Pizza!

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Antwort auf von Ben
8
8/10

Ja, das muss man dann wohl so gelten lassen, wobei ich "The Master" schon mit eingeschlossen hatte und mich bei "Inherent Vice" an ein eher zurückhaltendes Echo zu erinnern meinte. Aber "nicht uneingeschränkt" ist ja sehr vorsichtig formuliert, irgendeine negative Kritik wird sich da schon finden lassen ;)

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10
10/10

Ich liebe Pizza. Ich hasse Lakritz. Mein Urteil zur Kombi dieser beiden Zutaten:

Ich liebe „Licorice Pizza”.

Was ein Film! Alles daran ist stimmig. Für mich perfekte Unterhaltung ohne Längen.

Selten solch einen starken Cast erlebt. Da ist jede noch so kleine Rolle perfekt besetzt. Die Schauspieler haben allesamt eine solch starke Ausstrahlung – und bringen ihre Spielfreude zu 100% auf die Leinwand.

Szenen und Dialoge, die man nicht vergessen wird.

Und das, obwohl der Kern der Story der ewige, unendlich abgenudelte Klassiker ist: boy meets girl.

Aber das Duo Alana und Gary hier bei „Licorice Pizza” ist weitest möglich von der Langweilerkombi Barbie und Ken entfernt. Und deshalb so spannend. Da können nur „Harold und Maude” vielleicht noch mithalten.

In der beeindruckenden Vita P. T. Anderson’s ist „Licorice Pizza” einer seiner schönsten Filme. „There Will be Blood” hat mich damals im Kino förmlich umgehauen. Meines Erachtens immer noch sein absolutes Meisterwerk. Wobei „Boogie Night” und „Magnolia” natürlich nahezu ähnlich stark sind. Tatsächlich am wenigsten hatte mich „Inherent Vice” überzeugt. Auch „The Master” habe ich damals nicht ganz so begeistert aufgenommen. „Phantom Threat” dagegen war wieder sehr stark. Und nun „Licorice Pizza” (bei dem P. T. Anderson neben Drehbuch und Regie auch gleich – zumindest teilweise anscheinend – die Kameraarbeit noch mit übernommen hat, damit ihm am Set nicht langweilig wird).

Möge P. T. Anderson dem Kino noch lange erhalten bleiben. Er liefert einfach seit 34 Jahren ab. Freue mich schon auf alles, was da noch kommen mag.

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