The Gift - Die dunkle Gabe

Originaltitel
The Gift
Land
Jahr
2001
Laufzeit
111 min
Regie
Release Date
Bewertung
7
7/10
von Andreas Berger / 20. Januar 2011

 Der Verlauf von Sam Raimis Regie-Karriere lässt sich mit Fug und Recht als kurvenreich bezeichnen. Nachdem er mit seinem Langfilm-Debüt "The Evil Dead" gleich einen Horror-Meilenstein abgeliefert hatte, verlor er sich mit seinen nachfolgenden Werken ein wenig im Niemandsland der Mitternachtsfilme, die nur selten mehr als ein vergleichsweise eingeschränktes Genre-Publikum erreichen konnten. Nach seinem ebenfalls eher zwiespältig aufgenommenen Western "The Quick and the Dead" war dann auch ein deutlicher Bruch zu erkennen: Raimi verzichtete bei seinem nächsten Film "A Simple Plan" komplett auf das wilde Kameragewirbel und die sonstigen formalen Spielereien, die längst zu seinem Markenzeichen geworden waren. Stattdessen konzentrierte er sich ganz auf die Figuren und die Geschichte des hervorragend konstruierten Thrillers und konnte prompt mal wieder einen größeren Erfolg verbuchen. Für den Nachfolger, das Kevin-Costner-Baseball-Drama "For the Love of the Game", wollte sich das angestrebte Mainstream-Publikum hingegen kaum begeistern. Trotzdem erhielt Raimi die wohl größte Chance seiner bisherigen Karriere: Ihm wurde angeboten, Regie bei der "Spiderman"-Verfilmung zu führen, die im kommenden Jahr beim Blockbuster-Rennen ganz vorne mitmischen soll. Vor seinem mit Abstand aufwändigsten Projekt realisierte Raimi jedoch noch "The Gift", der wiederum so gar nicht wie die Visitenkarte eines Eventmovie-Regisseurs wirken will.

Die junge Witwe Annie Wilson (Cate Blanchett), die mit ihren drei Söhnen in einer Kleinstadt im Süden der USA lebt, verfügt über leicht übersinnliche Fähigkeiten und legt einigen ihrer Mitbürger gelegentlich die Karten. Dass sie sich mit diesen Diensten im Ort jedoch nicht nur Freunde macht, merkt sie spätestens, als Donnie (Keanu Reeves), der gewalttätige Ehemann ihrer Freundin Valerie (Hilary Swank), sie besucht und ihr den Kontakt zu seiner Frau verbietet, da er - nicht ganz zu Unrecht - befürchtet, Annie würde ihr raten, ihn zu verlassen. Doch damit fangen ihre Probleme erst an: Als sie von der Polizei um Hilfe bei der Suche nach einer vermissten jungen Frau gebeten wird, muss Annie erkennen, dass ihre besondere Begabung sie in Regionen führt, die sie freiwillig niemals betreten hätte...

Ganz offensichtlich hat sich Sam Raimi mit "The Gift" wieder an "A Simple Plan" orientiert, denn er verzichtet auf formale Extravaganzen und gibt seinen Darstellern ausreichend Raum, ihre Figuren mit Leben zu füllen. Besondere Erwähnung verdient an dieser Stelle natürlich die großartige Cate Blanchett, die in der Hauptrolle jederzeit beeindruckt, egal ob sie gerade mutig das Wohl ihrer Kinder verteidigt oder sich voller Furcht den Konsequenzen ihrer übernatürlichen Entdeckungen stellen muß. Auch Keanu Reeves brilliert als tumber Redneck und wirkt hier vor allem um ein Vielfaches bedrohlicher als bei seinem eher peinlichen Auftritt als smarter Serienkiller in "The Watcher". Auch der Rest des Ensembles kann - mit Ausnahme des gewohnt blass agierenden Greg Kinnear - voll überzeugen und erleichtert dem Zuschauer den Zugang zum Mikrokosmos der in "The Gift" dargestellten Kleinstadt.

Wenn der Film nämlich auch in erster Linie als Mystery-Thriller vermarktet wird und diese Vorgabe dank einiger unheimlicher Momente auch durchaus erfüllt, funktioniert er ebenso gut als atmosphärisches Südstaaten-Portrait, das nach einiger Zeit sogar vorübergehend die Züge eines Gerichts-Dramas annimmt. Dank Raimis Zurückhaltung, die seiner souverän-eleganten Inszenierung sehr angemessen erscheint, wirkt "The Gift" auf gar nicht unangenehme Weise altmodisch und unspektakulär, allerdings stören das eine oder andere zu klischeehafte Handlungs-Motiv und der etwas zu verkitschte Schluss das Gesamtbild dann doch ein wenig. Bezogen auf das Gesamtwerk des Regisseurs bleibt hier jedenfalls ein solider, wenn auch nicht wirklich aufregender Eintrag zu konstatieren, dem im nächsten Jahr dann hoffentlich der ganz große Wurf folgen wird.


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