
Trotz vieler erfolgreicher Jahre im Filmgeschäft wird Nicole Kidman gerne von manchen belächelt. Wenn die über 50jährige ein faltenfreies, ewig junges Gesicht präsentiert, wirkt das halt ähnlich bemüht wie bei ihrem Ex-Ehemann Tom Cruise, und Auftritte wie im „Aquaman“-Film, bei denen der Computer aus ihr eine fast nymphenartige Meerjungfrau machte, tragen auch nicht dazu bei den Eindruck einer gewissen Oberflächlichkeit zu verdrängen. Dabei hat die Australierin eigentlich oft genug bewiesen, das noch viel mehr in ihr steckt und dabei wie in „The Hours“ auch mal Rollen angenommen, die durchaus Mut zur Hässlichkeit verlangten. Dies wird nun nochmal gesteigert mit „Destroyer“, in dem Kidman die wohl extremste Figur ihrer bisherigen Karriere spielt. Und das tut sie verdammt überzeugend.
Seitdem ein Einsatz vor siebzehn Jahren komplett schief ging und ihr Kollege dies mit seinem Leben bezahlte, ist die Polizistin Erin Bell (Nicole Kidman) nie wieder richtig auf die Beine gekommen. Ihre Ehe ist gescheitert, das Verhältnis zu ihrer Tochter zerrüttet und im täglichen Polizeialltag gebärdet sie sich oft wie ein Kotzbrocken. Als beim Fund einer Leiche aber Hinweise darauf auftauchen, dass der damals für die Katastrophe hauptverantwortliche Gangster Silas (Toby Kebbell) wieder aufgetaucht ist, verbeißt sich Erin erneut in den Fall. Als Undercover-Agentin war sie einst teil seines Teams und sehr nah dran an einigen brutalen Gestalten der Unterwelt. Diese sucht sie nun einen nach dem anderen wieder auf und versucht dabei herauszufinden, wo sich Silas aufhält. Ihre Methoden sind dabei rabiat und keineswegs von ihren Vorgesetzten gedeckt, doch das schert Erin wenig, denn sie befindet sich längst auf einem persönlichen Kreuzzug. Dass der Grund für ihre inneren Dämonen aber noch tiefer liegt als nur bei der besessenen Jagd auf einen Kriminellen ahnt dabei niemand.
Was sich mit Maske und Make-Up machen lässt, ist bekannt und darf regelmäßig bei den Oscar-Verleihungen bewundert werden, wo man gerne Schauspieler auszeichnet, die auch äußerlich in eine völlig andere Haut schlüpfen. „Destroyer“ von Regisseurin Karyn Kusama, der Spezialistin für starke Frauenfiguren („Girlfight“, „Aeon Flux“) ist nicht für diesen Preis nominiert worden, aber dennoch ist die Maske, unter der Nicole Kidman hier verschwindet, ohne Zweifel die beeindruckendste der ganzen Saison. Denn die Schauspielerin ist darunter im Grunde nicht mehr zu erkennen, und dies ohne dass man die Tonnen von aufgetragenem Make-Up erkennt, wie es etwa bei den gefeierten Rollen eines Gary Oldman („Die dunkelste Stunde“) oder Christian Bale („Vice“) zuletzt der Fall war. Nein, sie wirkt dabei auch noch völlig echt und natürlich, mit ihrer faltigen Haut und den ungepflegten Haaren. Dass zu diesem Erscheinungsbild eine genauso kaputte Persönlichkeit kommt, deren Sozialverhalten kaum noch als solches zu bezeichnen ist, komplettiert dann das „Kunstwerk“ einer genauso abstoßenden wie faszinierenden Figur.
Trotz Erins offensichtlicher inneren Leere füllt Kidman diese Hülle aber doch mit sehr viel Leben, versucht immer wieder noch irgendwo und irgendwie eine Bindung zu finden. Vor allem in den Szenen mit ihrer widerspenstigen Tochter wird deutlich, dass Erin zwar eigentlich das Richtige will (denn deren Umgang ist in der Tat nicht gut), dabei aber derart unsensibel und plump vorgeht, dass sie so niemals durchdringen kann und nur genervte Blicke erntet. Gegenüber ehemaligen Wegbegleitern gibt sie sich rücksichtslos, wenn sie sich davon neue Erkenntnisse verspricht, von einem aalglatten Anwalt wird sie erst gedemütigt, nur um dann (im wahrsten Sinne des Wortes) zurückzuschlagen, und der brutalen Verfolgungsjagd samt Prügelei mit einer Bankräuberin wird der Begriff „Catfight“ nicht wirklich gerecht - insgesamt schlicht eine Wahnsinns-Performance von Kidman.
Was „Destroyer“ aber letztlich zu einem weit überdurchschnittlichen Film macht, ist die raffinierte, ausgeklügelte Geschichte, die sich aus dem zunächst recht stereotyp wirkenden Kriminalfall entfaltet. Was vor vielen Jahren geschah wird nur Stück für Stück klar, jede Begegnung mit einem der damaligen Protagonisten lüftet den Vorhang ein wenig mehr und die ganze Tragik und Bitternis der einst getroffenen Entscheidungen enthüllt dann auch erst der letzte große Twist, der sehr gelungen ist. Eine Erzählweise, die absolute Aufmerksamkeit fordert, ansonsten besteht durchaus die Gefahr als Zuschauer den Anschluss zu verlieren und irgendwann genauso verloren zu sein wie Erin Bell in ihrem Leben. Wer sich aber auf die Reise einlässt, wird mit einem sehr intensiven Erlebnis belohnt, einem Film Noir im gleißenden Sonnenlicht, der einlädt zu einem genauso dunklen wie aufregenden Kino-Trip.
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