Der Astronaut - Project Hail Mary

Originaltitel
Project Hail Mary
Land
Jahr
2026
Laufzeit
156 min
Release Date
Bewertung
7
7/10
von Frank-Michael Helmke / 15. März 2026

Der Autor Andy Weir schreibt sogenannte "hard science fiction", der vor allem die wissenschaftliche Genauigkeit ihre Geschichten wichtig ist. Was auch immer passiert, es muss nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen möglich, nachvollziehbar und machbar sein. Weirs Debütroman "Der Marsianer", vor ziemlich genau zehn Jahren äußerst gelungen von Ridley Scott verfilmt, war ein Paradebeispiel dieses Genres: Ein Astronaut strandet allein gelassen auf dem Mars und schafft es durch die pragmatische Anwendung seines wissenschaftlichen Wissens nicht nur zu überleben, sondern auch mit der Erde zu kommunizieren, um seine eigene Rettung zu orchestrieren. Wenn man auf Geschichten steht, in denen Leute durch ihre schiere Kompetenz, Klugheit und Gedankenschnelle derart herausfordernde Situationen meistern, dann sind Romane wie Weirs ein großes Vergnügen. 

Um das gleich vorneweg zu sagen: Ich stehe auf solchen Scheiß. Ich habe "Der Marsianer" als Roman geliebt, und habe auch die Vorlage für diesen neuen Film mit Wonne verschlungen. Womit aber auch klar ist, dass ich mich "Project Hail Mary" in der Filmversion mit ganz anderem Blick genähert habe, als es die allermeisten Kinozuschauer tun werden. Ich wusste, was kommt. Ich hatte das schiere Staunen über die wichtigsten Plotentwicklungen schon beim Lesen hinter mich gebracht. Und wie das so ist, wenn man die Verfilmung eines Romans guckt, den man grandios fand - man sieht vor allem erstmal, was alles fehlt, und wo der Film als Adaption im Vergleich schlicht scheitert. Ich kann entsprechend durchaus daran glauben, dass man als unvoreingenommener Zuschauer an "Project Hail Mary" sehr viel Freude haben kann. Diese wird allerdings nur wenig gemein haben mit der Freude, die man beim Lesen des Romans empfinden kann. 

Der Aufhänger der Geschichte ist dabei in beiden Medien gleichermaßen faszinierend: Ein Mann erwacht ohne jede Erinnerung, wer er ist und wie er überhaupt hierher gekommen ist, in einem Raumschiff, und begreift bald, dass er sich in einem anderen Sonnensystem als unserem eigenen befindet (ein Erkenntnisprozess, der sich im Buch übrigens über mehr als 50 faszinierende Seiten erstreckt, im Film hingegen nach etwa 50 Sekunden abgehandelt ist - filmisch naheliegend, halt einfach ein Fenster in das Raumschiff einzubauen, wo es im Buch schlicht keines gab). Durch wiederkehrende Erinnerungsfetzen - in Buch wie Film durch immer wieder auftauchende Flashbacks veranschaulicht - begreift er schließlich, dass er Ryland Grace heißt und sich auf einer Mission befindet, von der nichts weniger als die Rettung der Erde abhängt: Unsere Sonne ist von einem außerirdischen Mikroorganismus befallen worden, der unseren Stern einfach ausgedrückt nach und nach auffrisst, was schon in wenigen Jahrzehnten die Erde auf für die Menschheit absolut desaströse Weise abkühlen wird. Die Mission nun: Zum einzigen Stern in unserer "näheren" Umgebung fliegen, der nicht von diesem Organismus befallen zu sein scheint, und herausfinden, was diesen Stern davor bewahrt, um so hoffentlich eine "Heilung" zu finden.   

Sehr erschwert wird Graces Mission dadurch, dass seine beiden Co-Astronauten auf der jahrelangen Weltraumreise im Koma-Schlaf gestorben sind, er also völlig allein ist. Sehr erleichtert wird seine Mission dadurch, dass er allerdings nicht sehr lange allein bleibt... Der Trailer zum Film haut diese zentrale Wendung schon nach gut 25 Sekunden raus und auch "Project Hail Mary" selbst ist damit so flott, dass man das wohl spoilern darf, weil es noch zur allgemeinen Exposition gehört - aber wer wirklich gar nichts wissen will, bitte den Rest dieses Absatzes einfach überspringen... [SPOILER ALERT]: Grace stößt auf einen Außerirdischen. Weswegen das hier nicht nur die Geschichte einer überaus spektakulären "Wir retten die Erde"-Weltraummission ist, sondern auch eine Erstkontakt-Geschichte. Und weil wir es halt mit "hard science fiction" zu tun haben, ist der Alien nicht humanoid, nicht mal eben zu verstehen, hat einen gänzlich anderen wissenschaftlichen Wissensstand, und lebt in einer gänzlich anderen Atmosphäre. Was Kooperation ziemlich herausfordernd macht...

Das Regie-Duo Phil Lord und Christopher Miller, bisher vor allem bekannt für den "LEGO Movie" und das Film-Remake von "21 Jump Street" plus dessen Sequel, setzt die resultierende Geschichte mit Hauptaugenmerk auf seine humorvollen Aspekte um. Die kommen nicht aus dem Nirgendwo, denn schon Andy Weirs typischer Erzählton kommt eher locker-ironisch daher, auch wenn es hochdramatisch zugeht. Lord und Miller spitzen da allerdings nochmal ordentlich nach, u.a. indem sie Komponist Daniel Pemberton einen Soundtrack haben erstellen lassen, der mit seiner etwas skurrilen Schrägheit konsequent das Gefühl vermittelt, dass man sich hier eher in einer drolligen Buddy-Komödie befindet als in einem ultra-realistischen Weltraum-Abenteuer. 

Dass das hier alles in seinem Ursprung tatsächlich ultra-realistisch angelegt war, darauf wird man als unbedarfter Zuschauer von "Project Hail Mary" aber wohl ohnehin nicht kommen. Denn die Regisseure haben zusammen mit Drehbuchautor Drew Goddard (der auch schon das Skript zur in dieser Hinsicht deutlich Roman-getreueren "Marsianer"-Verfilmung geschrieben hatte) genau das, was Weirs Roman vor allem ausmacht, weitestgehend zum Fenster rausgeworfen. Grob geschätzt 98 Prozent der haarklein ausgeführten wissenschaftlich-praktischen Erläuterungen darüber, was hier passiert, wie es jeweils passiert und wie die jeweiligen Problemlösungen aussehen, haben es nicht vom Buch in den Film geschafft.

Was auch irgendwo nachvollziehbar ist: Ein ewiger Erklärbär-Erzähler ist etwas wahnsinnig Unfilmisches, dieses Medium funktioniert nun mal über Bilder und will auch über diese erzählen. Und rein vom Plot her ist "Project Hail Mary" seiner Romanvorlage auch weitestgehend treu. Der etwas bizarre Unterschied ist nur: Was als Buch an jedem einzelnen Punkt zutiefst glaubwürdig und logisch hergeleitet erscheint, wirkt als Film wie ein ziemlich quatschiges Stück SciFi-Fantasy, bei dem man des Öfteren verleitet ist, schmunzelnd ungläubig den Kopf zu schütteln und sich "Ja klar..." zu denken. 

Zwecks filmischer Vereinfachung und besserer Bilder lässt "Project Hail Mary" das Erklären weitestgehend sein und erlaubt es sich ein paar Mal, auch schlichten Unfug zu zeigen, um es sich leichter zu machen (was man ehrlicherweise auch nur wirklich realisiert, wenn man durch Lektüre des Romans weiß, was halt dezidiert eigentlich auf gar keinen Fall geht, hier dann aber halt doch gemacht wird - z.B. ein großes Fenster in ein interstellares Raumschiff einbauen). Was dem Film an sich dann auch keinen Abbruch tut, und alles in allem muss man schon konstatieren, dass "Project Hail Mary" eine sehr kurzweilige und unterhaltsame Erfahrung ist. Seine fast zweieinhalb Stunden Laufzeit merkt man ihm kaum an (auch wenn die Zeit im direkten Vergleich nicht ganz so schnell verfliegt wie damals beim "Marsianer"). Und der Film hat großes Glück, dass er mit Ryan Gosling ein veritables Pfund am Start hat, der mit seiner Ausstrahlung und seinem Können mehr als in der Lage ist, diese über weite Strecken "One (Hu)Man Show" locker auf seinen Schultern zu tragen. 

Die einzige andere Rolle von etwas größerer Relevanz kommt hier übrigens Sandra Hüller zu (die nach ihrem Beinahe-Oscargewinn für "Anatomie eines Falls" jetzt offensichtlich "bankable" für Hollywood-Rollen ist, wenn man eine deutsche Frau braucht), die in den Flashbacks die sehr resolute Eva Stratt spielt, welche das titelgebende Raumschiff-Projekt leitet. Und mit einer unerwarteten Karaoke-Performance mal eben innerhalb von 90 Sekunden eine nuancierte emotionale Tiefenresonanz raushaut, die dem Film ansonsten leider völlig abgeht. Die eigentlich ziemlich großen existentialistischen Fragen, die hier mitschwingen, und die im Roman noch vorhandene, hier jedoch an einem zentralen Punkt bedeutsam eingekürzte innere Reise der Hauptfigur gehen im bemüht-heiteren Ton des Films ziemlich unter. 

Man kann diese ganzen Entscheidungen durchaus nachvollziehen, denn Lord und Miller wollten hier eindeutig einen möglichst unterhaltsamen Feel-Gold-Film zum Staunen hinlegen, in dem man sich gut verlieren kann. Und das ist auch durchaus gelungen. Auch wenn man sich stellenweise gewünscht hätte, dass der Film am einen oder anderen Punkt eben jenem schieren Staunen über das, was geschieht, etwas mehr Raum gelassen hätte. Man ist als Zuschauer aber auf jeden Fall besser dran, wenn man nicht weiß, wieviel mehr Potenzial hier eigentlich dank der Vorlage vorhanden war. Aber vielleicht ist "Project Hail Mary" ja ein Fall, wo sich die umgekehrte Reihenfolge besonders empfiehlt: Erst den Film gucken, das reine Entertainment genießen und staunen. Und dann das Buch lesen und so richtig begreifen, was hier genau abgeht und in den Tiefen dieses Szenarios eigentlich noch alles drinsteckt. Es lohnt sich, ich verspreche es. Allein für die Stelle, an der aus sehr nachvollziehbaren Gründen ein riesengroßes Stück der Antarktis weggesprengt wird...      

Bilder: Copyright

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