
Die Brüder Russell (Christian Bale) und Rodney (Casey Affleck) Baze leben in der Kleinstadt Braddock, Pennsylvania und schlagen sich mehr schlecht als recht durch das Leben in einer einst stolzen, nun jedoch angeschlagenen Industrieregion. Russell arbeitet wie einst sein mittlerweile kranker Vater im Stahlwerk, während Rodney sich bei der Armee für diverse Irakeinsätze verpflichtet. Russell lebt mit der Schullehrerin Lena (Zoe Saldana) zusammen, bis ein Schicksalsschlag sein Leben nachhaltig durcheinander bringt. Rodney nimmt derweil an zwielichtigen illegalen Boxkämpfen unter Führung des windigen Buchmachers John Petty (Willem Dafoe) teil, die ihn schließlich in den Dunstkreis des psychopathischen Gangsters Harlan DeGroat (Woody Harrelson) bringen. Trotz der Warnungen des Polizeichefs Wesley Barnes (Forrest Whitaker) muss sich Russell schließlich einlassen...
Die Probleme des Films fangen direkt mit den ersten Sekunden an. Grillen zirpen – und dann geht es ins Autokino mit Harlan DeGroat und Begleitung, auf einem Date, das sich blitzartig in ein Gewaltgewitter verwandelt. Und während die zynische Jugend das Ganze mit einem „Worst Date Ever!!!LOL!!!“ kommentieren würde, ist diese Szene unnötig und exzessiv, auch wenn man traurigerweise versteht, warum sie existiert. Regisseur und Autor Scott Cooper nimmt sich direkt im Anschluss genug Zeit für den Charakteraufbau, will aber dem Publikum signalisieren: Gangster und Gewalt gibt’s aber nachher wie versprochen auch noch. Und damit bewegt sich „Auge um Auge“ unwissentlich auf dem Niveau eines billigen Slasher-Horrorfilms, bei der das erste blutige Ableben auch unbedingt vor dem Vorspann stattfinden muss, damit das Publikum dann für den meist kümmerlichen Storyaufbau bei der Stange gehalten wird.
Als der in Deutschland leider ohne Kinostart gebliebene „Killer Joe“ im letzten Jahr in seinem Finale seinen Psychopathen (Matthew McConaughey zu Beginn seiner gerade stattfindenden, erstaunlichen Renaissance) bei einem psychosexuellen Gewaltakt gegen eine Frau zeigte, hatte sich der Film die Rechtfertigung für eine solche Szene über seine Laufzeit hinweg verdient, hier steht diese im Ton ähnliche Szene völlig ohne Kontext. Außer einem Kontext den man auch versteht, sobald man Woody Harrelson in seiner Rolle sieht: Psychopathische Rednecks sind ganz schön böse Buben. Aber diese erste Szene zeigt schon die tonalen Schwierigkeiten, mit denen Scott Cooper in seinem Film ringt.
Nach der relativ intimen Americana-Saga „Crazy Heart“ hat Cooper nun größere Ziele. Für die erste Stunde ist der Film hauptsächlich Milieustudie: Zwar ist die Geschichte geradlinig und auf ein paar Figuren beschränkt, aber es ist natürlich kein Zufall, dass er seine Geschichte in Pennsylvania ansiedelt, im maroden, vor sich hin bröckelnden „rust belt“ der USA, seiner alten Stahlindustrie. Oder dass der Irakkrieg indirekt eine wichtige Rolle spielt. Oder dass der Film 2008 anfängt und man eine kurze Szene aus Obamas Wahlkampf sieht, der bessere Zeiten verspricht, die für die Baze-Brüder und andere Mitglieder der immer weiter schwindenden Arbeiterklasse der USA in einer untergehenden Industrie niemals eintreffen werden.
Das ist eine Menge Subtext, der auf ein relativ simples Storygerüst geladen wird, dieses aber beizeiten massiv ins Schwanken bringt. Manche Analogien funktionieren besser als andere: Wenn Russell versucht, das alte Familienheim wieder in Schuss zu bringen, das Haus jedoch nie so wirklich richtig in Schuss kommt, reicht das als Abbild einer sozio-politischen Situation. Wenn Rodney dagegen wütend seinem Bruder die Scheusslichkeiten, die er in Irak gesehen hat, an den Kopf wirft, ist das zwar zeifellos eine stark gespielte Szene, aber auch eine Szene, in der Didaktik und Subtext zum Haupttext werden. Dies alleine wäre nicht so schlimm, wenn der Haupttext nicht so fürchterlich monochromatisch und simpel wäre. Plottwists wie die eines Shyamalan will man hier ja gar nicht haben, aber zumindest etwas Abwechslung oder Überraschung wären in einem Rachedrama, das Ziel und Methode quasi schon in seinem Filmplakat (und im deutschen Titel) ankündigt, eine gute Idee.
Leider tut „Auge um Auge“ dies nicht, und braucht so Ewigkeiten, eine Geschichte voranzubringen, deren Grundzüge der Zuschauer bereits beim Vorspann erahnt und die dann ziemlich genau so verläuft, wie man es erwartet. Und tatsächlich: „Auge um Auge“ endet dann so, wie man es eben seit dem Beginn des Films vermutet hat. Dass dieser Film trotz diverser, nicht immer spannender Ablenkungen genau da landet, wo er ankündigt zu landen, ist schon ein wenig enttäuschend. Denn letztendlich bewahrheitet sich das Gefühl, das einen schon beim Sehen des Trailers beschlich: Ich glaube, ich hab schon alles Wichtige gesehen. Und das hat man dann fast auch.
Aber nur fast. Denn „Auge um Auge“ wird vor einem noch härteren Urteil von brillanten einzelnen Szenen gerettet, in denen durchscheint, was die exzellenten Darsteller an diesem Script gefunden haben. Nur leider sind diese Szenen bei Weitem nicht zahlreich genug, um „Auge um Auge“ in seiner Gesamtheit aus der Mittelmäßigkeit zu ziehen. In diesen Szenen, diesen einzelnen Momenten, zeigt „Auge um Auge“, was Scott Cooper hier wohl vorgeschwebt ist: Die Brückenszene zwischen Russell und Lena, das erste Treffen zwischen Harlan und Rodney, Onkel Red (Sam Shepard in zu kurzer Rolle) im Drogenhaus von DeGroat. In diesen Szenen erreicht der Film eine Tiefe und Komplexität an Emotionen, die ihm insgesamt leider abgeht. Und nicht nur das: Gefangen zwischen einer letztendlich banalen Rachestory und dem Wunsch, die Malaise einer gesamten Nation (oder zumindest einer sozialen Schicht davon) metaphorisch abzubilden, setzt Cooper sich und diesen Film zwischen alle Stühle: Für ein Rachedrama im Exploitation-Stil ist der Film zu lang und verliert sich zu sehr in Tangenten und Metaphorik, und für ein erwachsenes Drama mit gewalttätigen Elementen bleibt der Film zu sehr in eben jenen stumpfen Exploitation-Momenten hängen.
Und so wird weder der Actionfan noch der anspruchsvolle Filmfreund bei „Auge um Auge“ wirklich auf seine Kosten kommen. Daran können auch die wie erwartet exzellenten Darstellerleistungen nichts ändern. Erstaunlicherweise schneidet von allen Beteiligten Casey Affleck am Besten ab, in einer für ihn atypischen Rolle. Sonst ist Affleck der Jüngere ja auf nervöse bis psychopathische Outsider spezialisiert, darf sich hier aber ungewohnt wütend und aggressiv zeigen. Bale ist sein typisch intensives Selbst und Woody Harrelson – im wirklichen Leben Sohn eines Auftragskillers – zeigt sich als hyperbrutaler Redneck von einer weniger bekannten, aber sehr überzeugenden Seite. Nur Zoe Saldana und Forrest Whitaker haben undankbare Rollen erwischt. Saldana hat immerhin diese eine Szene auf der Eisenbahnbrücke, Whitaker dagegen so gut wie nichts zu tun.
„Auge um Auge“ ist kein schlechter Film, aber er ist eine mittelgroße Enttäuschung. Zum einen, weil man von Scott Cooper ja durchaus nicht nur Ambitionen erwarten durfte, sondern auch eine entsprechende Umsetzung. Und zum anderen, weil hier ein halbes Dutzend exzellenter Schauspieler an einen letztendlich banalen Film verschenkt wird, oder zumindest an einen Film, der banaler ist, als er vorgibt und hofft zu sein. Und das ist ziemlich schade.
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