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Aufbruch zum Mond

Aufbruch zum Mond
biografie-drama , usa 2018
original
first man
regie
damien chazelle
drehbuch
josh singer
cast
ryan gosling,
claire foy,
kyle chandler,
jason clarke,
corey stoll, u.a.
spielzeit
141 Minuten
kinostart
8. November 2018
homepage
bewertung

8 von 10 Augen
Aufbruch zum Mond - Poster

Aufbruch zum MondDer Name von Neil Armstrong steht für einen der größten Momente in der Menschheitsgeschichte, und doch ist bisher nie jemand auf die Idee gekommen, ein Biopic über diesen Mann zu drehen. Es ist nachvollziehbar warum, denn obschon Armstrongs Augenblick für die Ewigkeit - die ersten Schritte eines Menschen auf einem anderen Himmelskörper - natürlich schon immer nach der großen Leinwand geschrien hat, so hat es seine Persönlichkeit eben nie getan. Dass man trotz seiner übergroßen historischen Bedeutung kaum ein klares Bild von Armstrong im Kopf hat, liegt auch daran, dass er nie ein Mann für die große Öffentlichkeit war, und noch weniger für große Worte. Introvertiert bis hin zu scheinbarer Gefühllosigkeit hat Armstrong in all den Jahren nach seinem Flug zum Mond kaum Interviews gegeben und ist davor zurückgescheut, seinen Ruhm in irgendeiner Form auszukosten. Bei der Vorstellung, auf einer riesengroßen Leinwand zu erscheinen und von einem der populärsten Schauspieler der Welt verkörpert zu werden, würde der 2012 verstorbene Armstrong sich vermutlich vor Unwohlsein im Grabe umdrehen und froh sein, dass er das nicht mehr miterleben muss.

Über diesen so wenig kinotauglichen Charakter hat Damien Chazelle, für "La La Land" der noch amtierende Oscar-Preisträger als bester Regisseur, nun aber dennoch eine Film-Biografie gedreht, und die wird ihrem Subjekt in mehr als einer Hinsicht äußerst gerecht - auch insofern, als dass der Film stilistisch einen unerwarteten und eigenwilligen Weg einschlägt. Denkt man an das Weltraumrennen der 1960er Jahre, den enormen Pathos etwa aus den Reden John F. Kennedys, die es einläuteten, und die historische Dimension von dem, was damals geschah, dann erwartet man entsprechende übergroße Bilder, Breitbild-Kino und einen bombastischen Soundtrack, der sich alle Mühe gibt, passend epochal zu klingen. "Aufbruch zum Mond" geht so ziemlich den genau gegenteiligen Weg. 

Aufbruch zum MondWas von Anfang an auffällt, ist Chazelles Verwendung von historischem Filmmaterial (oder zumindest die sehr überzeugende Imitation davon). Grobkörnig und leicht verwaschen kommen die Bilder daher, kurz gesagt sieht "Aufbruch zum Mond" über den größten Teil seiner Laufzeit so aus, als wäre er tatsächlich in den 60er Jahren gedreht worden, in denen er auch spielt - was übrigens heißt, dass man auch konsequent auf eine (damals eben noch nicht erfundene) Steadicam verzichtet und die sehr bewegliche und lebendige Kamera eben entsprechend wackelt. Das ist für ein Auge, das hochaufgelöste, digital optimierte Kinobilder gewohnt ist, fast schon wieder gewöhnungsbedürftig, gibt dem Film aber auch von Beginn an ein besonderes Gefühl von Authentizität und Wirklichkeitsnähe, die von der makellos präzisen Ausstattung überzeugend mitgetragen wird. So nah, wie der Film auf technischer Ebene seiner Handlungszeit zu kommen versucht, so nah kommt die Kamera auch immer wieder den Figuren, vor allem natürlich Armstong. Chazelle arbeitet mit extrem vielen Großaufnahmen, so dass es geradezu zu einem programmatischen Statement wird: In dieser Geschichte von historisch gigantischer Dimension gehen wir hin und suchen das Kleine und Persönliche. Das Gefühl für diesen Menschen, und wie es für ihn gewesen sein muss. 

Aufbruch zum MondDiesen Ansatz zieht "Aufbruch zum Mond" auch konsequent durch in den diversen Sequenzen, die für Armstrongs Karriere entscheidende Testflüge zeigen sowie seine bravouröse Leistung während einer der wegbereitenden Missionen des Apollo-Programms, als zum ersten Mal ein Wiederandock-Manöver im Weltraum erprobt wurde. Chazelle beschränkt sich hierbei auf ein absolutes Minimum an Außenaufnahmen, gerade soviel, um dem Publikum ausreichend Orientierung zu geben, was vor sich geht. Ansonsten ist die Kamera dort, wo Armstrong ist - in einer winzigen Raumkapsel mit minimaler Bewegungsfreiheit und nur einem sehr kleinen Fenster um nach draußen zu sehen und sich zu orientieren. "Aufbruch zum Mond" ist in dieser Hinsicht ganz bestimmt kein Film für Klaustrophobiker - und vermittelt eben sehr überzeugend ein Gefühl dafür, wie sich diese Einsätze für die Testpiloten und Astronauten angefühlt haben. Die Kombination aus kaum vorhandener Sicht nach draußen und einer Vielzahl von Instrumenten drinnen, die sehr gerne sehr beunruhigende Dinge anzeigen, lässt einen auch im Kinosessel nicht los und ist oftmals so furchteinflößend, dass man angemessenen Respekt für die Leistung dieser Männer gewinnt, die unter solchen Umständen so ruhig und bedacht bleiben konnten. 

Dabei ist "Aufbruch zu Mond" jedoch nur bedingt eine Chronologie des Apollo-Programms und der genauen Schritte, die den Weg zum Mond ausmachten. Die wichtigsten Meilensteine und Tragödien während der knapp zehn Jahre, die von der Planung bis zur Durchführung des ersten bemannten Mondflugs vergingen, werden zwar berücksichtigt. Dennoch fokussiert sich der Film eben wie ein echtes Biopic auf Armstrong und seine Rolle - was auch bedeutet, dass die anderen bedeutsamen Astronauten des Programms zu Randfiguren und Stichwortgebern reduziert werden. Besonders schlecht weg kommt der dritte Mann der Mond-Mission, der damals in der Umlaufbahn verbliebene Michael Collins - der Film schafft es nicht einmal, seinen vollständigen Namen zu nennen geschweige denn ihn einmal zu zeigen, bevor Armstrong und Buzz Aldrin mit ihm in die Apollo 11-Kapsel steigen. 

Aufbruch zum MondStattdessen ist "Aufbruch zum Mond" eben auf sehr konsequente Art ein Biopic über Neil Armstrong, und wie seine Hauptfigur selbst ist der Film kein Freund vieler Worte. Im beruflichen Kontext beschränken sich die Figuren auf das Nötigste, Gespräche über weitreichende Personalentscheidungen sind kurz und knapp, und ansonsten sind die Dialoge hier so voll von Fachjargon und technischen Abkürzungen, dass sie eher als atmosphärisches Hintergrundrauschen dienen denn als tatsächliche Informationsvermittlung fürs Publikum, das ohnehin nicht versteht, wovon da eigentlich geredet wird. In dieser Welt der Technik, der Zahlen, der Ingenieurskunst und der Physik funktioniert Armstrong mit beeindruckender Perfektion. Der Kontrast dazu ist der Privatmensch, den man mit seiner Ehefrau Janet (Claire Foy, Königin Elizabeth aus der grandiosen Netflix-Serie "The Crown") und den zwei Söhnen erlebt. In diesem Umfeld zeigt Chazelle die Schattenseiten von Armstrongs Introvertiertheit und einen Mann, der dermaßen phlegmatisch und in sich gekehrt daherkommt, dass er vollkommen unfähig scheint, sich auf emotionaler Ebene selbst mit den Menschen auseinanderzusetzen, die ihm am allernächsten stehen. 

Chazelle eröffnet seinen Film im Jahr 1962 mit dem größten privaten Schicksalsschlag in Armstrongs Leben. Dieser liefert zum einen die emotionale Grundierung, die das Publikum über den gesamten Film doch immer wieder mit diesem Mann mitfühlen lässt, der die meiste Zeit doch so verschlossen und unnahbar wirkt. Zum anderen eröffnet er aber auch das konsequent bespielte Motiv, dass der Film seinen Helden in seinen emotional intensivsten Momenten stets allein zeigt - wenn diesen scheinbar so gefühllosen Mann seine Gefühle eben doch übermannen, dann separiert er sich, schickt andere weg, verschwindet irgendwohin, wo er allein sein kann. Und lässt eben niemanden an sich heran, nicht einmal seine Frau. Es ist stellenweise schwer, dabei zuzusehen wie dieser Mensch sich selbst im Weg steht, nie richtig aus sich raus kann und seine sich aufopfernde Frau oft emotional am langen Arm verhungern lässt - aber es ist allem vernehmen nach eben auch eine sehr realitätsgetreue Darstellung davon, wie Armstrong wirklich war.

Aufbruch zum MondSo erweist sich "Aufbruch zum Mond" als ein eben sehr anderes Biopic, das ganz bewusst vieles von dem umgeht, was in seinem Genre sonst Gang und Gebe ist. Seine Hauptfigur ist keine schillernde Persönlichkeit, entsprechend schwingt hier auch niemand große Reden und es gibt keine Szenen, die offensichtlich nach einer Oscar-Nominierung schreien. Ryan Gosling wird vermutlich trotzdem eine bekommen, denn es ist für sich genommen schon ziemlich phänomenal, mit welcher Disziplin er sich hier in schauspielerischer Zurückhaltung übt und doch immer wieder in der Lage ist durchscheinen zu lassen, was hinter Armstrongs scheinbar stoischer, gefühlloser Fassade eben doch emotional abgeht. In seiner geradezu nüchternen, minimalistischen Art folgt der ganze Film dieser Persönlichkeit seines Subjekts, und wird Armstong so gesehen wohl so gerecht, wie es ein Biopic nur leisten kann. 

So formal interessant und überzeugend umgesetzt dieser Ansatz auch ist, und so handwerklich brillant Chazelle in seiner konsequenten Vision für diesen Film auch erneut agiert - er hat für das filmische Erlebnis aber auch seine Nachteile. Letztlich hat man als Zuschauer über die gesamte Laufzeit des Films seine liebe Not mit Armstrong, weil man genau wie seine Mitmenschen nach einem Zugang zu diesem Mann sucht und nur wenig findet, woran man sich festhalten kann. Und auch wenn Chazelle den dramatischen Höhepunkt der Mondlandung dann doch sehr ansprechend und extrem spannend zu inszenieren weiß und dieses historische Ereignis dann auch in entsprechend grandiose Bilder packt, indem der 60er-Imitat-Look sich verabschiedet und der Film auf der Mondoberfläche auf einmal eine IMAX-Kamera und eine Auflösung findet, in der man jedes einzelne Korn Mondstaub einzeln erkennen kann - irgendwie hätte man sich doch etwas mehr Schmiss und Pathos gewünscht. 

Wer einen wirklich mitreißenden und vergnüglichen Film über die frühen Jahre des US-Weltraumprogramms sehen will, in dem Armstrong nicht mal eine Nebenrolle spielt, dem sein Philip Kaufmans Klassiker "Der Stoff, aus dem die Helden sind" von 1983 ans Herz gelegt - ein wundervoll launiger Streifen voller charmanter Machos, der die ersten Weltraumpiloten vor dem Beginn des Apollo-Programms feiert als eine abenteuerlustige Gang von Cowboys. "Aufbruch zum Mond" ist ein bisschen wie die Antithese dazu: sehr authentisch, sehr sachlich, sehr präzise - aber eben auch wie sein Held sehr phlegmatisch und deshalb nie so richtig unterhaltsam. 

Frank-Michael Helmke

Makellose Kritik. Genau der

8

Makellose Kritik. Genau der Film, den ich gesehen habe. Es wirkt nicht so, als ob sich Chazelle hier auf irgendwelche Kompromisse eingelassen hätte um den Film massenkompatibler oder geschmeidiger zu machen. Claire Foy spielt herausragend. Bei Ryan Gossling werden viele das Problem haben wie mit Casey Affleck in „Manchester by the see“. Ist es große Schauspielkunst, wenn die Mimik so extrem zurückgefahren wird? Wohl schon, wenn es dem Charakter der Figur entspricht.

Danke für die Rezi. Seit

8

Danke für die Rezi. Seit Jahren ist diese Seite für mich das Nonplusultra.Toller Film, ich fand die sachliche Art sehr erfrischend.Das Ganze wirkt rund und nachvollziehbar.

Das nennt man dann wohl einen

9

Das nennt man dann wohl einen Hattrick. Der dritte Film von Chazelle und der dritte Volltreffer. Ich habe sie alle drei im Kino gesehen und wurde jedesmal abgeholt. Ich freue mich auf die nächsten 20 Jahre mit diesem Ausnahmetalent. Hoffentlich mscht der ewig so weiter. Good Job!

Es gibt eine ganze Reihe von

9

Es gibt eine ganze Reihe von Filmen und Dokumentationen über das Apollo-Projekt der NASA. Ich denke dabei gerne an Highlights wie "Der Stoff, aus dem die Helden sind" (1983), "Apollo 13" (1995), die aufwendig produzierte TV-Serie "From The Earth To The Moon" (1998) sowie die sehr gelungene Dokumentation "Im Schatten des Mondes" (2007). Der in all den genannten Produktionen mitschwingende, zuweilen auch überschwängliche Pathos fehlt in "Aufbruch zum Mond" gänzlich. Fehlschläge und Erfolge des Raumfahrtprogrammes werden bis hin zur ersten Mondlandung glaubhaft und realitätsnah auf die Leinwand gebracht. Vor allem legt Regisseur Chazelle ("Whiplash", "La La Land") Neil Armstrongs kommunikative Schwächen offen, besonders in einer Szene, in der er Fragen seiner beiden Söhne in einer Art beantwortet, als seien sie gewöhnliche Vertreter der Presse - kurz vorm Start.

So ist "Aufbruch zum Mond" trotz zuweilen technischer Kühle ein emotionaler Film über die Motivation von Ehrgeiz und Leidenschaft, getragen von menschlichen Verlusten. Und wenn uns Chazelle durch seine sehr realitätsnahe Erzähltechnik auf den Mond mitnimmt, dann sind für mich die Momente der absoluten Stille am eindrucksvollsten. Während der Blick über die Mondoberfläche schweift, erhebt sich über jeden Stolz dieser überragenden menschlichen Leistung die Frage: "Was zum Teufel sollen wir hier eigentlich?" Und selbst in jedem Sandkasten herrscht mehr Leben als in dieser Einöde auf unserem grauen Trabanten, um dessen Erstbesuch es zwischen Amerikanern und den Russen seinerzeit einen erbitterten Wettlauf gab.

Der Film trägt seine eigene originelle Handschrift, die aber das Gros der Filmbesucher schon rein thematisch nicht ansprechen wird. Und so saßen wir am Freitag Abend zu siebt im Saal eines Multiplex-Kinos - in einem Film, das ganz zurecht mit dem Prädikat "Besonders wertvoll" versehen worden ist.

Mich hat der Film von der ersten bis zur letzten Minute in jeglicher Hinsicht gefesselt, daher gibt es von mir 9 von 10 Punkte :-) .

Ich kann mich den Rezensenten

3

Ich kann mich den Rezensenten vor mir nicht anschließen, ich war von dem Film zu 80 Prozent genervt. Fangen wir mit den positiven Dingen an: Anders als alle anderen Produktionen über amerikanische Raumfahrtmissionen fehlt „Aufbruch zum Mond“ dankbarerweise völlig dieses blau-weiß-rote Heldenpathos, an vielen Stellen sieht man, dass da vieles nicht so heroisch war, und dass vieles von dem vermeintlichen Hightech ziemlich strümpfig zusammengeklempnert war. Das Stilmittel, mit dem der Film das erreicht, ist aber umgekehrt haltlos übertrieben. Wenn die nicht-high-tech-Raumkapsel rappelt und rattert, dann wackelt das Bild auf der Leinwand minutenlang, bis es auch der letzte Begriffsstutzige kapiert hat und bis dem weniger Begriffsstutzigen im Kino kotzübel geworden ist. Mister Chazelle hat es hier meiner Meinung nach eindeutig mit den Handkameraaufnahmen weit übertrieben.
Dann kann ich die Auffassung, dass die schauspielerische Kunst in einer „zurück gefahrenen Mimik“ bestünde, nicht teilen. Ich habe mich über weite Strecken in einer Art Fortsetzung von „City of Angels“ von 1998 gefühlt, dieser Film bestand auch zu 30 Prozent nur aus dem Dackelblick von Nicolas Cage. Angesichts der Tatsache, dass auch hier für mich gefühlt ein Drittel des Films aus Großaufnahmen von Ryan Gosling mit Leidensmine bestand, fiel mir im Kino spontan der Gag „zweiter Gesichtsausdruck bei Til Schweiger entdeckt“ ein.
Abschließend kann ich mir nicht vorstellen, dass der echte Neil Armstrong so eine deprimierte Ausstrahlung hatte wie die, die Ryan Gosling in diesem Film verbreitet. Eine derart pessimistische Person wäre angesichts der Risiken einer Apollo-Misssion noch vor dem Abheben depressiv vom Startturm gesprungen.

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