Top Gun: Maverick

Land
Jahr
2020
Laufzeit
131 min
Genre
Release Date
Bewertung
8
8/10
von Marc Schießer / 17. Mai 2022

Den viel zitierten „Need for Speed“ hat Paramount bei der Veröffentlichung von „Top Gun: Maverick“ offensichtlich nicht verspürt, denn die 36 Jahre Abstand zum Release  des Originals sind nicht nur für große Mainstream-Franchises eine enorm lange Zeitspanne. Zuletzt hielt man den bereits 2020 fertiggestellten Film noch einmal zwei volle Corona-Jahre zurück, was für das große Vertrauen des Studios in die 152-Millionen Dollar teure Fortsetzung spricht.

Doch statt mit einer klassischen Fortsetzung im Geist der 80er, haben wir es hier wieder mit dem zurzeit enorm populären Phänomen des „Legasequels“ oder „Requelsüber den Geist der 80er zu tun.

Das heißt, die Ereignisse des Vorgängers werden durchaus anerkannt und fortgeführt, gleichzeitig bewegt sich die Handlung aber in den sicheren Bahnen eines soften Remakes, das sich an den gleichen Story-Beats und Szenen abarbeitet. Die waren zwar schon 1986 nicht besonders smart oder überraschend, das hat „Top Gun“ damals jedoch nicht davon abgehalten, ein gigantischer Box-Office Hit und Kultfilm zu werden, dessen Ikonografie heute so stellvertretend für die 80er steht wie Schulterpolster oder Koks-Reste in Porno Schnurrbärten.

Doch nach so vielen Jahren ist das Pulver vertrocknet, die Rotz-Bremse abrasiert und die Stimmung nachdenklicher geworden, und so begegnen wir dem gealterten Jet-Piloten Pete „Maverick“ Mitchell dann auch diesmal in der ungewohnten Rolle des Ausbilders. Gegen seinen Willen soll er unter dem Kommando des grimmigen „Cyclones“ (Jon Hamm) eine jüngere Generation auf eine enorm riskante Mission vorbereiten. Doch alte Wunden reißen auf, als Maverick erfährt, dass sich unter den Rekruten auch „Rooster“ (Miles Teller) befindet, der Sohn seines im Original tragisch verstorbenen Wingmans „Goose“.

Fans des Vorgängers dürften schon in den ersten Sekunden in Verzückung geraten, denn die Opening Credits entsprechen vom ersten Glockenschlagen des Synthie-Scores über die verwendete Schriftart und die Wiederholung jeder einzelnen Kameraeinstellung bis hin zum Einsetzen des gleichen Tracks „Danger Zone“ so eins zu eins dem Original, dass Gus Van Sants Shot-by-Shot-Remake von „Psycho“ im Vergleich wie ein Monument der künstlerischen Neuerfindung wirkt.

Dementsprechend wird dann auch im weiteren Verlauf Szene für Szene zitiert, was die Nostalgie-Triebwerke hergeben, und wir dürfen überdrehte Bar Flirts samt Klavier-Einlagen, dutzende Motorrad-Fahrten über Landebahnen und gestählte Körper beim Ball spielen im Sonnenuntergang bewundern. Die Handlung bewegt sich dabei extrem gradlinig und überraschungsarm auf eine zentrale Mission zu, die quasi die klassische Todesstern-Zerstörung ins echte Leben überführt.

Trotz einer nicht von der Hand zu weisenden inhaltlichen Einfallslosigkeit und sehr schwach gezeichneten Nebenfiguren, die sich beinahe ausnahmslos auf eine einzige Eigenschaft reduzieren lassen, strahlt der Film eine gewisse Reife, hohe Sorgfalt und angenehme Ernsthaftigkeit aus. Mit vergleichsweise wenig Humor, einem getragenen Tempo und der Betonung erwachsener Themen, die die Charaktere häufig in Rückschau auf ihr früheres Leben als risikofreudige Draufgänger umtreibt, positioniert sich „Top Gun: Maverick“ deutlich als Gegenentwurf zum hyperschnellen, ultra-jungen und nahezu konsequenzlosen Blockbuster Kino von Marvel und Co. 

Da bleibt dann sogar noch Platz für einen würdevollen Gastauftritt von „Iceman“ himself, Val Kilmer, dessen Figur aus dem ersten Teil nun genauso von schwerer Krankheit gezeichnet ist wie der Darsteller selbst, und der hier eine rührende Ehrerbietung erfährt, die zudem äußerst geschickt die Möglichkeiten seiner eingeschränkten Physis für eine sehr effiziente Szene nutzt. Trauriges Detail am Rande: Für die wenigen Worte, die er am Ende der Szene spricht, musste man wegen Kilmers mittlerweile kompletter Sprachunfähigkeit auf eine neuartige AI zurückgreifen.

Wie sich die zwei einst verfeindeten Piloten hier herzlich in den Armen liegen, ist nur einer von vielen emotionaleren Momenten, die sich mit Älterwerden und Vergänglichkeit auseinandersetzen und bei Fans der ersten Stunde durchaus das ein oder andere Tränchen hinter der Aviator-Sonnenbrille kullern lassen könnten.

An die richtet sich der Film auch deutlich stärker als an ein jugendliches Publikum, weswegen auch die Erzählperspektive nicht mehr die der heißblütigen Rekruten, sondern die des alten Hasen ist, dessen Relevanz und Flugfähigkeit mehr als einmal in Frage gestellt wird, nur um dann eindrucksvoll wieder bewiesen zu werden. Und obwohl Maverick natürlich immer noch das fähigste, attraktivste und einfach arschcoolste Flieger-Ass unter der retro-orange gefärbten Sonne ist und Cruise immer noch eine fast übermenschliche Physis besitzt, für die wohl 95 Prozent aller 59-jährigen töten würden, fällt auf, dass er hier zum allerersten Mal wirklich offensiv mit seinem Alter umgeht, anerkennt, nicht mehr der Jüngste zu sein und teilweise eher eine Mentoren-Rollen bekleidet.

Konsequenterweise bekommt er dann auch mit Jennifer Connellys Single-Mom Penny eine Love-Interest an die Seite gestellt, der man durchaus ein paar natürliche Falten zugesteht und die entgegen der üblichen Besetzungskonvention sogar älter wirkt als Cruise selbst. Mit dieser leichten Selbstreflektion und dem permanenten, rührseligen Blick in die Vergangenheit umschifft man dann auch gekonnt die etwas schlecht gealterte, extreme Macho- und Militarismus-fetischisierende Attitüde des Originals.

Stattdessen ist das Herzstück des Films nun das Fliegen an sich. Wo der leider viel zu früh verstorbene Tony Scott 1986 den ersten MTV-Blockbuster inszenierte, dessen überstilisierte Oberflächen-Ästhetik und donnerndes Schnittgewitter quasi den die 90er dominierenden Don Simpson/Jerry Bruckheimer-Actionfilm-Stil definierte, sitzt nun mit Joseph Kosinski („Oblivion“, „Tron: Legacy“) ein Ästhet auf dem Regiestuhl, dem man seinen Background als Architektur-Student durchaus anmerkt.

Seine extrem aufgeräumte, sehr symmetrische und einfach enorm hochwertige Bildsprache ist es, die dafür sorgt, dass die nicht sehr zahlreichen, aber rundum befriedigenden Action-Szenen so sehr den Atem rauben, wie es die Band Berlin im Titel-Song zum ersten Teil gefordert hatte.

Gerade das ausgedehnte Finale ist von so herausragender Klarheit und beeindruckender Wucht, dass man keine Sekunde zweifelt, dass Kosinski und Cruise alles getan haben, um Mensch und Maschine mehr zu fordern, als es bisher je versucht wurde. Das Resultat ist eine enorm spannende Hetzjagd, die man unbedingt auf der größtmöglichen Leinwand mit dem lautmöglichsten Soundsystem genießen sollte. Weswegen trotz aller erzählerischer Mutlosigkeit und einer leichten Fanservice-Übersättigung unterm Strich immer noch ein sehr überdurchschnittlicher Blockbuster herausgekommen ist, der das Herz am rechten Fleck hat und in seinen Actionmomenten erwartungsgemäß brilliert.

Und sowieso kann man nicht anders als Tom Cruise wieder einmal zu bewundern für seinen Arbeitsethos und seine todesmutige Bereitschaft, wirklich alles für seine Filme zu geben. Denn aller berechtigten Kritik an der im Moment sich nur noch selbst zitierenden und in Nostalgie eingefrorenen Überwältigungsmaschine Hollywood zum Trotz, haben wir es hier mit einem Künstler zu tun, der erkennbar versucht, das absolute Maximum aus jedem Stoff herauszuholen und auch hier wieder unter Beweis stellt, dass es auf dieser Welt keine jüngeren Schauspieler gibt, die es mit seiner Strahlkraft und seinem unbedingten Willen zur perfekten Unterhaltung aufnehmen können. Hoffentlich fühlt er ihn noch ein paar Jahre, den „Need for Speed“, um uns mit weiteren Höchstleistungen zu beglücken und dem Effekte-versessenen Rest der Blockbuster-Welt zu zeigen, was wahre Hingabe und Star-Power bedeuten.

Bilder: Copyright

8
8/10

... Filmrezensionen, die ich je gelesen habe. Den Film hab ich noch nicht gesehen, aber bald. Marc Schießers Rezension ist aber mit einer Brillianz geschrieben, die mir sehr gefällt: sprachlich ausgefeilt und kreativ, dabei auch durchaus akrobatisch, aber auch nicht zu sehr, gleichzeitig verkommt hier nichts zum Selbstzweck (nach dem Motto "guckt mal, wie toll ich schreiben kann"), sondern der Film wird inhaltlich sehr gut aufgearbeitet, alle wichtigen Punkte werden, soweit für mich beurteilbar (ohne den Film bisher gesehen zu haben), behandelt - und das, wie gesagt, sehr eloquent. Ein wunderbarer Gegensatz zu so mancher Filmrezension einer anderen, berühmten Redaktion, die nur noch Superlativen zu fröhnen scheint.

FAZIT: Diese Kritik zu lesen, war mir ein Genuss, in vielen, noch so kleinen Details - ich freue mich auf weitere Rezensionen aus der Feder von Herrn Schießer, aber natürlich auch auf den hier rezensierten Film; vor allem aber weiß ich jetzt schon, dass ich mir nicht veräppelt vorkommen werde, selbst wenn der Film mir nicht gefallen sollte, denn die Kritik ist, wie ich meine (und wie nun mehrfach angemerkt), kein maximales Exerzieren an Superlativen, sondern macht exakt in angemessenem, nicht übertriebenem Maße Appetit auf den Film.

FAZIT SHORT: Film noch nicht gesehen, aber die Rezension bewerte ich mit 10 von 10 Sternen.

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9
9/10

Ich hätte auch 10 Augen gegeben, aber damit würde ich Top Gun auf dieselbe Stufe meiner Lieblingsfilme heben und das wäre dann vielleicht doch zu viel des Guten.
Aber ich honoriere diese fantastische Fortsetzung und den unermüdlichen Einsatz von Tom Cruise, sowohl auf körperlicher Ebene als auch in seiner offensichtlich emotionalen Verbundenheit mit der Rolle und dem Film.
Ob das jetzt alles echt ist, was man sieht oder nur in Teilen, spielt keine Rolle. Die Actionszenen wirken glaubhaft, der Stress der Piloten ist greifbar und der Showdown ist trotz aller Vorhersehbarkeit ein einziger, fingerkrallender Spannungsmoment.
Aber auch Kleinigkeiten, wie der - ich zitiere - "schöne Moment", den Val Kilmer in seiner alten Rolle noch mal bekommt oder die Romantik, die in vielen Szenen ohne Worte auskommt und nur Bilder und Musik bietet oder vor der Kitschfalle von einer humoristischen Hieb gebrochen wird, all das macht in Summe einen typischen Cruise- Aufsteigerfilm, wie man ihn in den Achtzigern und Neunzigern kannte, ob Jerry Maguire, Tage des Donners oder eben auch Top Gun.
Und mal ehrlich: spätestens wenn in den ersten Sekunden des Vorspanns der erste Glockenschlag des bekannten Soundtracks erklingt und kurz darauf erneut vom Rock-Klassiker "Danger Zone" abgelöst wird, geht man einfach mit.
Ich mag es, wenn ein Held auch mal ein solcher sein darf. Es hätte viele Möglichkeiten gegeben, die Story zu beenden. Für mich war es die beste von allen, die mich gut gelaunt aus dem Kinosaal entließ.

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7
7/10

Früher lief das so: Ein Film lief im Fernsehen und am nächsten Tag wurde dann auf dem Schulhof darüber gequatscht. Bei Top Gun war das nicht anders und natürlich mussten auch die F-14 Tomcat-Spielzeugmodelle her. Einfach ein typischer Tom Cruise-Film für kleine Jungs, die in den Träumen Abenteuer erleben und Helden sein wollten. Nichts anderes ist das der neue Top Gun-Film. Tom - alias Maverick - ist mal wieder der einsame Held, Womanizer und rennt immer gegen den Strom. Soweit die bekannten Prämissen. Neu ist ein erstmal etwas ernsterer Tom Cruise, der sich mit seinem Alter auseinandersetzt. Die Actionszenen sind herausragend und begeisternd. Ich habe mich im Kino lange nicht mehr so auf das Finale gefreut und auch hier wird man nicht enttäuscht.

Trotz aller Lobhudelei: Der Film ist zwischen Action und Spannung wirklich brutal banal. Es gibt die üblichen Figuren junger Heißsporne, die bekannten Sprüche, erwartbare Fehler, die Konflikte mit Vorgesetzten, die Guten und die Bösen und insgesamt ist alles komplett vorhersehbar. Wirklich schade ist, dass man den jungen Piloten nicht etwas mehr Raum gegeben hat. Dafür hätte die Zeit gereicht. Wirklich langweilig und beinahe schon peinlich ist die Love-Story zwischen Tom Cruise und Jennifer Connelly.

Fazit: Letzte Woche Doctor Strange im Multiversum, nun Top Gun Maverick. Beides im IMAX-Kino. Und man kommt nicht umhin zu sagen, dass die Art von Film, die Tom Cruise hier abliefert, einfach beeindruckender und mit bleibender Erinnerung ist. Das ist Kino-Handwerk, welches wir so nicht mehr so oft zu sehen bekommen. Ja, es ist eine reine machohafte Militär-Dauerwerbesendung, ich fand sie aber sehenswert. :)

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9
9/10

Die Rezension oben hat den Film wirklich gut beschrieben.
Ergänzen möchte ich: Endlich ein Film der nicht politisch korrekt ist, in dem Männer noch echte Männer (mit Gefühlen) sein können, Fantastische Action die NICHT eine noch bedrohlichere universumsvernichtende Marvel-CGI-Konserve ist. Geile Bilder, geiler Sound.
Natürlich hat der Film keinen Tiefgang und dennoch schafft er es zentrale Themen des Lebens - Tod, Vergebung, Altern, Liebe - zumindest positiv anzusprechen. Für einen geradlinigen Action-Film mit klarer Rollenverteilung hat er dennoch eine erstaunliche Ernsthaftigkeit.
Und was Tom Cruise mit seinen fast 60 Jahren abliefert - Respekt!
Unterm Strich ein Film den man unbedingt im Kino gesehen haben sollte und nicht auf das Streaming warten sollte!

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7
7/10

Eines der wenigen Sequels, die besser sind als ihre Vorgänger. Top Gun war ein 1009 Minuten langer Hochglanzreklamespot für das amerikanische Militär, Maverick hat so etwas wie eine Handlung. Natürlich macht es einen Charme aus, dass der Film vor Anspielungen auf den Vorgänger nur so übersprudelt, selbst die alte Kawasaki GPZ900 kommt wieder unter einer Plane hervor.
Natürlich sind die Bösen auch hier wieder einfach die Bösen: Das Ziel, die zerstört werden muss, liegt in einem nicht näher genannten Land, das einfach Schurkenstaat heißt, und die gegnerischen Jetpiloten haben immer dunkle Visiere, damit sie nicht menschlich wirken.
Aber Maverick versucht auch so etwas, wie Charaktere zu zeichnen, und bietet damit mehr als nur Popcornkino. Und die Koketterie von Tom Cruise mit seinem Alter wirkt erfreulich unkapriziös.
Leider wird ihm mit der Figur, die von Jennifer Conelly gespielt wird, eine absolut eindimensionale Rolle an die Seite gestellt, die einfach nur das Attribut der Beistelldame verdient. Vermutlich mußte der Film den Alibitropfen Herzschmerz haben, damit Jungs ihre Freundin mit ins Kino nehmen können. Trotzdem: ein exzellenter Kinoabend.

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