Goyas Geister

Originaltitel
Goya's Ghosts
Jahr
2006
Laufzeit
114 min
Regie
Release Date
Bewertung
6
6/10
von Frank-Michael Helmke / 29. Januar 2011

Wenn Regisseur Milos Forman und Produzent Saul Zaentz zusammen einen neuen Film machen, horcht man schon mal auf. Denn immerhin brachten ihre zwei bisherigen Kollaborationen "Einer flog übers Kuckucksnest" (1975) und "Amadeus" (1984) beiden jeweils zurecht einen Oscar für die beste Regie und den besten Film ein (Zaentz, der in 30 Jahren nur neun Filme produzierte, holte sich für sein bisher letztes Projekt "Der englische Patient" sogar noch einen dritten Goldjungen ab). Dann wird man aber stutzig, wenn man hört, dass die beiden schon vor 20 Jahren einen Film über den spanischen Maler Francisco de Goya machen wollten, aber es bis heute dauerte, dass daraus auch was wurde. Das Problem, das diese beiden Virtuosen ihres Fachs so lange aufhielt, ist ziemlich offensichtlich: Goya drängt sich als Hauptfigur für einen Film nicht gerade auf, und an der resultierenden Frage arbeitet sich denn auch "Goyas Geister" ab: Was wollen wir hier eigentlich erzählen?

Keine Frage, Francisco de Goya lebte in aufregenden Zeiten: Als Hofmaler des spanischen Königs am Ende des 18. Jahrhunderts bekam er die letzten Schrecken der spanischen Inquisition mit, die politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen der französischen Revolution auf den ganzen Kontinent, die Invasion Spaniens durch Napoleon und den anschließenden Befreiungskrieg. Allerdings überstand Goya das alles auch relativ unberührt als unpolitischer Künstler. Natürlich setzte er sich in seinen Bildern auch mit dem damaligen Zeitgeschehen auseinander, doch mitreißende Umwerfungen oder tragische persönliche Ereignisse, wie sie zum Beispiel Vincent van Gogh (mehrfach) zu einer dankbaren Filmfigur gemacht haben, sucht man in Goyas Biographie vergeblich. Und zwischen der guten Absicht "Wir machen einen Film über Goya, weil wir seine Bilder und die Epoche so toll finden" und dem fertigen Ergebnis steht eben immer noch die Notwendigkeit, auch eine filmreife Geschichte zu erzählen zu haben.

Das Resultat, welches Forman gemeinsam mit dem französischen Autor Jean-Claude Carrière erarbeitete, überrascht dann auch vor allem dadurch, dass es Goya zur tragenden Nebenfigur reduziert, einem erzählerischen Bindeglied, das in die Geschichte hineingezogen wird, ohne sie selbst wirklich auszumachen. 1792 wird Inés (Natalie Portman), die Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns und eine von Goyas Musen, wegen einem lächerlichen "Vergehen" (sie lehnte in der Öffentlichkeit ein Stück Schweinefleisch ab, weil sie es nicht mag) von den Inquisitoren festgenommen und unter Folter zu einem Geständnis gezwungen, dass sie heimliche Anhängerin des Judentums ist. Inés' Vater bittet Goya (Stellan Skarsgard), auf den mächtigen Inquisitor Lorenzo (Javier Bardem), ebenfalls ein Kunde des Malers, zuzugehen und Inés' Freilassung zu erwirken. Lorenzo, von der Schönheit des Mädchens fasziniert doch gleichzeitig von der Richtigkeit der inquisitorischen Methoden überzeugt, fällt durch die folgenden Ereignisse selbst in Ungnade, ohne Inés retten zu können. Lorenzo muss fliehen und kehrt erst 16 Jahre später zurück, nun als wichtiger Anführer der französischen Invasionstruppen, glühender Verfechter der Revolutionsideale und Hauptankläger der alten spanischen Ordnung, die er vor seiner Flucht noch retten wollte. Doch nun kommt auch Inés aus dem Kerker frei, und durch Goyas Intervention muss sich Lorenzo mit mehr als einem Schatten seiner Vergangenheit auseinandersetzen.

Zuviel soll hier nicht verraten werden, damit die entscheidenden Knackpunkte in der Handlung von "Goyas Geister" für den geneigten Zuschauer auch noch als Überraschungen kommen, denn diese sind so hervorragend umgesetzt, dass sie eine entsprechende Würdigung verdient haben. Rein erzählerisch kann man hier kaum Vorwürfe machen: Forman ist ein Meister seiner Kunst und liefert eine einwandfreie Inszenierung ab, bei der er wie so oft seine stille Freude an den durchtriebenen Untiefen seiner Figuren hat. Gewisse Parallelen zu "Amadeus" drängen sich auf: Hier wie dort ist die wahre Hauptfigur nicht der titelgebende Künstler, sondern ein scheinheiliger Moralapostel, dessen vermeintlich hehre Ideale von purem Egoismus genährt sind. Und auch hier schwelgt Forman gerne naturalistisch in der Hässlichkeit dieser Epoche, besucht wie in "Amadeus" eine Irrenanstalt und scheut auch nicht davor zurück, Natalie Portman nach ihrer Befreiung aus dem Kerker für den Rest des Films als halbwahnsinniges, von einem gebrochenen Kiefer entstelltes Zottelvieh zu zeigen.
Die Aktrice macht das auch bereitwillig mit und zeigt vollen Einsatz, wobei sie ähnlich überzeugend ist wie der erneut herausragende Javier Bardem ("Das Meer in mir"), der wiederum den Vorteil hat, als echter Spanier der einzige Schauspieler zu sein, der hier wirklich authentisch wirkt. Gerade der Skandinavier Skarsgard erscheint als eine etwas merkwürdige Wahl für die Darstellung Goyas, auch wenn er dessen wachsende Hilflosigkeit (aufgrund einer Krankheit wird Goya taub und benötigt für die zweite Filmhälfte die ständige Begleitung eines Gebärdendolmetschers) sehr gut einfängt.

Doch trotz der unbestreitbar guten Leistungen der meisten Beteiligten kommt man nie so recht von der Frage los: Was soll das alles nun eigentlich? Ein Film über Goya ist es eindeutig nicht, dafür ist der Künstler zu nebensächlich, und die Bedeutung seines Werks kommt fast gar nicht zum Tragen. Für ein gewissenhaftes Porträt dieser durchaus interessanten Ära in der spanischen (und europäischen) Geschichte fehlt es dem Film wiederum an epischer Breite, auch wenn Lorenzo mit seinen sich wandelnden Weltanschauungen ein guter Repräsentant für die großen gesellschaftlichen Umwerfungen jener Zeit ist. Aber anstatt diesen Wandel zu thematisieren, stellt der Film ihn als gegeben hin und zeigt stattdessen lieber, dass sich hinter der neuen Weltsicht derselbe Bösewicht wie zuvor verbirgt. Das ergibt an und für sich immer noch eine gut erzählte Geschichte, ist angesichts der Möglichkeiten aber einfach zu wenig und lässt einen am (wiederum an sich sehr guten) Ende doch mit einem recht ratlosen "Und das war's jetzt?" zurück.
So gelingt es dem neuen Forman/Zaentz-Projekt nicht, zur cineastischen Größenordnung seiner Vorgänger aufzuschließen. Zu dürftig ist das thematische Spektrum, zu irrelevant für ein Historienepos die zentrale (und gänzlich fiktive) Geschichte um Inés und Lorenzo. Alle Goya-Bewunderer werden sich vielleicht freuen, dass auch diesem Großmeister jetzt eine Würdigung auf der Kinoleinwand zu teil wird; aber auch sie werden wohl enttäuscht sein, dass dabei trotz 20 Jahren Entwicklungsarbeit keine überzeugende Geschichte rumgekommen ist.


10
10/10

Ich finde den Film großartig. Er zeigt unsere grausame europäische Geschichte, welche Errungenschaften uns die Revolutionen brachten und um welchen Preis. Mich hat der Film tief bewegt. Gerade vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Folterdisskusion lässt der Film den Zuschauer nachempfinden, wie unhuman das Leben noch vor ein paar hundert Jahren gewesen ist.

Permalink

10
10/10

Der Film war fantastisch!
Ergreifend gefilmt, wunderbare Musik und tolle Schuspieler.
Vor allem Natalie Portman war absolut sehenswert!
Auch wenn hier "zu wenig Goya" bemängelt wird, fand ich den Film sehr informativ und er regt auf jeden Fall dazu an, sich mehr mit Goyas Leben und den Einflüssen auf sein Werk zu beschäftigen.
Ein Tipp:
Den Abspann gucken!
Goya pur.

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2
2/10

Goya - die eignetliche Hauptfigur dieses Films - ist so farblos
wie eine frisch geweisste Wand, der Film langweilig und uninspiriert!
Und so dolle ist die Portman nun auch nicht.

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