Im Kreuzfeuer

MOH (160): 20. Oscars 1948 - "Im Kreuzfeuer"

In unserer Serie "Matthias' Oscar History" (MOH) bespricht Matthias in jeder Folge jeweils einen der zwischen den Jahren 1929 und 2000 nominierten Oscar-Beiträge aus der Kategorie "Bester Film".

von Matthias Kastl / 29. September 2026

Die 20. Academy Awards wurden am 20. März 1948 verliehen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Academy gab es dabei (entgegen dem Wikipedia-Eintrag) keinen offiziellen Gastgeber – man setzt stattdessen auf ein System, bei dem unterschiedliche Stars jeweils in Blöcken mehrere Kategorien präsentierten. Ein Experiment, das so schnell erst einmal nicht wiederholt werden sollte. Es dauerte bis zum Anfang der 1970er Jahre, bis man es nochmal wagte das Programm ohne festen Gastgeber umzusetzen.

Weiterhin wurde die Veranstaltung lediglich im Radio übertragen. Schade, denn gerade die heute übliche Live-Berichterstattung vom roten Teppich wäre damals sicher ziemlich unterhaltsam geraten – hatte sich doch jemand in einem Gorillakostüm an der Security vorbei auf den roten Teppich schleichen können. Das Ganze war eine Aktion der beiden Studenten Art Buchwald und David L. Wolper, die damit Werbung für ihre eigene Bühnenproduktion machen wollten. Trotz oder vielleicht gerade deswegen ist aus den beiden später auch was geworden: Art Buchwald sollte 1982 den Pulitzerpreis für seine satirischen Kolumnen gewinnen, während Wolper als Produzent sowohl für das Fernsehen (“Die Dornenvögel“, “Fackeln im Sturm“) als auch das Kino (“Die Brücke von Remagen“, die 1971er Version “Charlie und die Schokoladenfabrik“ und ganz spät “L.A. Confidential“) Erfolge feiern würde.

 


Awards-Impressionen von der 20. Oscarverleihung

Zurück ins Jahr 1948. Erfolgreich war bei der Verleihung zum ersten Mal in der Geschichte der Oscars ein männlicher Afroamerikaner. James Baskett gewann den Ehrenoscar für seine Rolle in dem heute umstrittenen da Rassismus verharmlosenden Disney-Film “Onkel Remus’ Wunderland“ (Originaltitel “Song of the South“). Gesellschaftliche Sprengkraft bot in dem Jahr aber vor allem ein anderes Thema. Wenige Monate zuvor hatten die großen Hollywoodstudios verkündet, die sogenannten Hollywood Ten nicht mehr zu beschäftigen. Diese zehn Künstler waren der kommunistischen Parteimitgliedschaft verdächtigt worden, hatten die Aussage dazu vor einem Ausschuss verweigert und sich so den Unmut des Kongresses zugezogen. Ein erster Vorbote der schon bald beginnenden McCarthy-Ära und der damit verbundenen berühmten Hollywood-Blacklist.

Genau diese Hollywood Ten sind uns jetzt dann auch einen Blick hinter die Kulissen wert, bevor wir uns anschließend mit “Im Kreuzfeuer“ dem ersten von fünf Best-Picture-Kandidaten des Jahres 1947 widmen. Dessen Macher gehörten zu den ersten Leidtragenden der einsetzenden amerikanischen Kommunismus-Phobie, während ausgerechnet der Regisseur (Elia Kazan) des Best-Picture-Siegers des Jahrgangs 1947 (“Tabu der Gerechten“) schon bald eine ziemlich unrühmliche Rolle in diesem Kontext spielen würde. Ebenfalls nominiert: das britische Filmdrama "Geheimnisvolle Erbschaft" von David Lean, der Weihnachtsfilm "Das Wunder von Manhattan" und der Liebesfilm "Jede Frau braucht einen Engel" mit Cary Grant. Blicken wir aber erst mal auf eine Hollywood “Top Ten“-Liste, auf der sich wohl keiner gerne wiederfinden würde.

 

Hier gehts direkt zur Filmkritk von "Im Kreuzfeuer"

 

Hintergrund: The Hollywood Ten – McCarthy lässt grüßen (Teil 1)

Um zu verstehen, warum Ende der 1940er Jahre Teile der US-Regierung gezielt versuchten Angst vor dem Kommunismus zu schüren und warum sie sich dafür auch Hollywood zur Brust nahmen, folgt nun erst einmal ein kurzer Blick ins Geschichtsbuch. Marxistische und sozialistische Ideen waren durch europäische Einwanderer ja bereits früh in die USA gekommen. Eine wirkliche kommunistische Bewegung entstand dort aber erst durch die russische Revolution von 1917 und vor allem die große Depression der 1930er Jahre. Während dieser Zeit hatten viele Amerikaner am eigenen Leib erfahren, dass der Kapitalismus nicht nur gute Seiten für sie parat hatte. Und mit dem Aufstreben des Faschismus in Europa wurde so mancher in Amerika dann noch empfänglicher für linke Ideen.

Nicht ganz überraschend waren unter den Sympathisanten für eine sehr linke Politik auch einige Künstler aus Hollywood, von denen ein paar in dieser Zeit antifaschistischen Organisationen oder der kommunistischen Partei beitraten. Wobei man jetzt nicht behaupten könnte, dass sich eine kommunistische Gesinnung in dieser Zeit nun sehr stark in den verfilmten Stoffen der Traumfabrik widerspiegelte. Werke wie Chaplins “Modern Times“ oder King Vidors “Unser tägliches Brot“, in denen der Kapitalismus deutlich kritisiert wurde, waren dann doch eher die Seltenheit – was auch daran lag, dass die meisten Studiobosse mit Kommunismus eher wenig am Hut haben wollten (man dachte ja doch schon ein wenig ans eigene Geschäftsmodell). Und doch geriet Hollywood in Punkto Kommunismus noch während des Zweiten Weltkrieges ins Visier der amerikanischen Regierung. Genauer gesagt in das des 1934 gegründeten Komitees für unamerikanische Umtriebe (House Committee on Un-American Activities, HUAC).
 


Wie erkennt man eigentlich einen Kommunisten? Ein Ausschnitt aus einem alten Infofilm der US-Armee kann vielleicht helfen.


1940 - die erste Anhörung
Das Komitee sollte vor allem das Aufkommen des Faschismus im Land bekämpfen, blickte aber auch nach links und erhielt im Jahr 1940 dann eine konkrete Gelegenheit Hollywood unter die Lupe zu nehmen. John L. Leech, ein ehemaliger Funktionär der kommunistischen Partei, hatte eine Reihe von Künstlern, wie die Schauspieler Fredric March (“Die Elenden“, “Ein rastloses Leben“) und James Cagney (“Yankee Doodle Dandy“, “Here Comes the Navy“), der Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei beschuldigt. Diese Mitgliedschaft war per se jetzt nicht verboten, aber seit dem Hitler-Stalin-Pakt auch nicht gerne gesehen, da die kommunistische Partei ab dato offen Roosevelts Außenpolitik kritisierte. Es kam zu einer Anhörung hinter verschlossenen Türen, bei der unter anderem auch noch weitere Künstler wie Humphrey Bogart (“Casablanca“, “Die Spur des Falken“) zu ihrer politischen Einstellung befragt wurden. Alle Befragten bestritten aber Mitglied der kommunistischen Partei gewesen zu sein und waren wohl so glaubwürdig, dass die Anklage nicht weiterverfolgt wurde.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges (und dem Sieg über das Feindbild Faschismus) rückte dann der Kommunismus erneut in den Fokus des Komitees – verschärft durch die Verschlechterung der Beziehungen mit der Sowjetunion und den Wahlsieg der republikanischen Partei im Jahr 1946. Die hatte unter anderem den Demokraten vorgeworfen, gegenüber Kommunisten zu nachlässig zu sein und wollte jetzt Taten folgen lassen. Da kam das 1945 zu einem ständigen Ausschuss beförderte Komitee gerade recht, mit dem man sich nun wieder Hollywood vorknöpfen wollte. Schließlich war das linke Gedankengut ja gerade dort eher en vogue und man durch die Gleichschaltung der Medien in Deutschland eindrucksvoll Zeuge davon geworden, welche politische Macht und Gefahr in solchen Massenmedien steckte. Mal abgesehen davon, dass eine politische Attacke auf Hollywood natürlich maximale Aufmerksamkeit garantieren würde.
 

Ein Hollywood Reporter schürt den Hass
Ganz gelegen kamen dem Ausschuss dabei die Rachegelüste von William R. Wilkerson, dem Gründer des Magazins Hollywood Reporter. Der hatte im Jahr 1946 damit begonnen Filmschaffende öffentlich in seiner Zeitschrift als Kommunisten anzuprangern. Vermutlich aus Hass auf die Studiobesitzer, die Wilkerson Jahre zuvor bei der geplanten Gründung eines eigenen Filmstudios ausgebremst hatten – wie dessen Sohn Jahrzehnte später in einem Entschuldigungsschreiben für die Taten seines Vaters erläuterte. Die von Wilkerson verfassten Kolumnen hatten schon bald den Spitznamen "Billy's List", auf der damals unter anderem der Drehbuchautor Dalton Trumbo landete (dessen Leben später mit Bryan Cranston in der Hauptrolle verfilmt wurde).  

Diese Liste inspirierte nun das Komitee für unamerikanische Umtriebe im September 1947 öffentlichkeitswirksame Anhörungen zum angeblichen kommunistischen Einfluss auf Hollywood zu veranstalten. Zahlreiche Filmschaffende wurden nach Hollywood eingeladen und einige zeigten dabei durchaus Verständnis für das Komitee. Allen voran Walt Disney, der erklärte, dass die kommunistische Gefahr innerhalb der Filmindustrie ja durchaus sehr real war. Der Schauspieler und spätere US-Präsident Ronald Reagan, damals Präsident der Schauspielgewerkschaft, war sich sicher, dass von einer kleinen Gruppe aktiv in Hollywood eine kommunistische Agenda verfolgt wurde. Auf der anderen Seite standen dann aber auch Hollywood-Größen, die das Vorgehen des Ausschusses deutlich kritischer sahen. Bekannte Namen wie Humphrey Bogart, Lauren Bacall, John Huston, William Wyler und Katharine Hepburn unterstützten so das eigens gegründete “Committee for the First Amendment“, das gegen diese Art der Anhörungen protestierte.
 


Eindrücke von der Anhörung

Die Hollywood Ten
Auf noch stärkeren Konfrontationskurs gingen allerdings 19 der 79 vom Komitee vorgeladenen Künstler. Die zeigten von Anfang an eine unkooperative Haltung, was das Komitee so erzürnte, dass sie diese 19 als sogenannte “unfriendly witnesses“ betitelte und für eine separate zweite Phase der Anhörungen einlud. Lediglich elf von den 19 wurden aber tatsächlich vor Ort dann auch befragt, da die Anhörung nach den tumultartigen Befragungen der ersten elf Vorgeladenen vorzeitig abgebrochen wurde. Wer aufgepasst hat stellt sich nun sicher die Frage, warum man von den Hollywood Ten spricht wenn es doch elf Personen waren, die aussagten. Nun, während zehn der elf Künstler ihre Aussage zur Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei verweigerten und damit einen Affront begingen, wählte die elfte Person eine andere Taktik. Sie verneinte zwar die Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei, agierte aber bei allen anderen Fragen extrem schwammig und konterte teils mit dem Vortragen eigener Gedichte und dem Hinweis auf Übersetzungsprobleme. Der Name der Person: Bertolt Brecht. Der einige Jahre zuvor in die USA geflüchtete deutsche Dramatiker war dann aber auch so klug am Tag nach seiner Aussage direkt die USA wieder zu verlassen.

Eine Option, die für die verbleibenden zehn Akteure nicht in Frage kam. Und das waren sie, die rebellischen Hollywood Ten: die Drehbuchautoren Alvah Bessie, Lester Cole, Ring Lardner Jr., John Howard Lawson, Albert Maltz, Samuel Ornitz und der bereits erwähnte Dalton Trumbo, sowie Regisseur und Autor Herbert Biberman, Regisseur Edward Dmytryk sowie Produzent Adrian Scott. Deren Ansicht nach ging den Staat ihre politische Einstellung nichts an, weshalb sie die Aussage verweigerten, sich auf den ersten Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung und die darin garantierte Meinungsfreiheit beriefen. Die Anhörungen verliefen ziemlich hitzig und endeten mit einer Strafe für alle zehn wegen Missachtung des Kongresses – es folgten Haftstrafen zwischen sechs Monaten und bis zu einem Jahr. Die Hoffnung der zehn, dass der Oberste Gerichtshof die Urteile wieder einkassieren würde, erfüllte sich dabei nicht.


Berthold Brechts Aussage vor dem Komitee.

Die Geburt der Hollywood-Blacklist
Neben der Gefängnisstrafe folgte aber nun noch die Ächtung der Hollywood Ten in der Traumfabrik. Am 27. November 1947 trafen sich die führenden Studiochefs im Waldorf-Astoria Hotel in New York und veröffentlichten ein Statement, mit dem sie die zehn Künstler ohne Kompensierung entließen beziehungsweise suspendierten. Und man versicherte, auch in Zukunft definitiv keine Kommunisten in seinen Studios mehr einstellen zu wollen. Womit wir hier sozusagen die Geburtsstunde der später so berüchtigten Hollywood-Blacklist erleben. Wobei diese jetzt keine tatsächliche Liste war sondern mehr ein systematischer Prozess: jemand geriet unter Kommunismusverdacht, wurde dann vom Komitee vorgeladen und riskierte je nach Aussage anschließend von den Studios gefeuert zu werden. Die Hollywood Ten bildeten dabei nur den Anfang, gerade in der kommenden McCarthy-Ära sollten mehrere hundert Künstler ein ähnliches Schicksal erleiden.


Eine Vorstellung der Hollywood Ten.

Ein düsteres Kapitel, das Hollywood noch über zehn Jahre beschäftigten sollte und auf das wir an anderer Stelle in dieser Oscar-Reihe dann noch mal ausführlicher eingehen werden. Vor allem darauf, wie gravierend die Folgen für manche Künstler waren, wie einige ihrem Arbeitsverbot trotzdem ein Schnippchen schlugen konnten und so dann später mit dazu beitrugen, dass diese Praxis im Jahr 1960 endlich ihren Endpunkt fand. Ein gewisser Dalton Trumbo wird dabei übrigens auch wieder eine wichtige Rolle spielen. Die Lebensgeschichten der Mitglieder der Hollywood Ten sollte in den nächsten Jahren übrigens sehr unterschiedlich verlaufen. Manche kehrten Hollywood zwangsläufig komplett den Rücken, andere arbeiteten heimlich weiter und einer ging ganz pragmatisch vor und änderte einfach seine Meinung. Edward Dmytryk, der bei den 20. Academy Awards des Jahres 1948 für die beste Regie des Films “Im Kreuzfeuer“ nominiert war, sagte 1951 erneut vor dem Komitee aus. Er räumte zwar seine Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei ein, distanzierte sich aber auch deutlich von ihr und verpetzte als “Zeichen guten Willens“ einige andere Parteimitglieder. Womit er mal nebenbei ein paar berufliche Existenzen zerstörte, was ihm nicht nur den Unmut der restlichen Hollywood Ten einbrachte. Ähnlich zerstörerisch ging übrigens auch Elia Kazan vor, der 1948 den Oscar für die beste Regie für “Tabu der Gerechten“ gewann. Auch er lieferte Kollegen ans Messer und wurde dafür noch bei der Verleihung seines Ehrenoscars 1999 von einigen im Publikum mit Applausentzug abgestraft.


Einer der Hollywood Ten (Ring Lardner Jr.) erinnert sich an die Anhörung.

 

Wenn wir uns jetzt mit “Im Kreuzfeuer“ dem ersten Beitrag dieses Oscar-Jahrgangs widmen, treffen wir neben Dmytryk aber sogar noch auf ein zweites Mitglied der Hollywood Ten: Produzent Adrian Scott. Der kam Jahre später gleich nochmal in Teufelsküche, als ausgerechnet sein Filmpartner Dmytryk ihn bei eben jener Zweitaussage 1951 ebenfalls beschuldigte. Dmytryk sagte aus, Scott hätte ihn gezwungen kommunistische Botschaften in seine Filme zu packen. Na, das sind doch mal gute Voraussetzungen, um sich jetzt mit “Im Kreuzfeuer“ einem Film zu widmen, der sich inhaltlich eigentlich für eine tolerantere Gesellschaft einsetzt. Ach, Hollywood.

 

 

Im Kreuzfeuer

Originaltitel
Crossfire
Land
Jahr
1947
Laufzeit
86 min
Release Date
Oscar
Nominiert "Best Motion Picture"
Bewertung
7
7/10

Ein ungeklärtes Verbrechen ist in “Im Kreuzfeuer“ Ausgangspunkt für eine Ermittlung, die längere Zeit das Bild eines klassischen Kriminalfalls mit Film-noir-Facetten abgibt. Ein paar interessante Figuren und gute Darstellerleistungen können dabei nur bedingt ausgleichen, dass die eher überraschungsarme Handlung lange ohne viel Inszenierungsschwung dahinplätschert. Glücklicherweise versöhnt der Film aber mit einem Schlussdrittel, in dem auf einmal eine spannende gesellschaftskritische Komponente und emotional deutlich wuchtigere Szenen in den Vordergrund rücken. Ach ja, und Old Shatterhand ist auch mit dabei.

Alles startet, wie es sich für einen ordentlichen Kriminalfilm natürlich gehört, mit einem Mord. Dabei wird man als Zuschauer Zeuge, wie Joseph Samuel (Sam Levene) in seinem Hotelzimmer seinen letzten Atemzug haucht. Den Täter bekommt man nicht zu Gesicht, aber vielleicht kann ja der ermittelnde Polizist Captain Finlay (Robert Young, “Die Rothschilds“) Licht ins Dunkel bringen. Finlay hat schnell den aus dem Zweiten Weltkrieg zurückgekehrten Corporal Arthur „Mitch“ Mitchell (George Cooper) im Verdacht. Zusammen mit ein paar anderen Soldaten war er mit dem Opfer in einer Bar gesehen worden – und anschließend mit diesem auf dessen Zimmer gegangen. Beim Versuch, den Abend zu rekonstruieren, bekommt Finlay von Mitchs Soldatenkollegen aber teils widersprüchliche Aussagen serviert – unter anderem von dem nicht gerade umgänglichen Sergeant „Monty“ Montgomery (Robert Ryan, “The Wild Bunch“). Ein anderer Sergeant, nämlich Peter Keeley (Robert Mitchum, “Und das Leben geht weiter“), glaubt wiederum an Mitchs Unschuld und versucht auf eigene Faust, die Ereignisse des Abends nachzuvollziehen.
 


“Im Kreuzfeuer“ war eine Produktion des Studios RKO, welches damals das kleinste unter den Big Five Studios Hollywoods war (zu denen noch MGM, 20th Century Fox, Paramount und Warner Brothers gehörten). Für große Budgets war RKO eher weniger bekannt und gefühlt wirkt dieser Film rein optisch dann auch mehr wie ein B-Movie. Die Sets sind simpel, die Inszenierung eher statisch und auch die Lichtsetzung eher pragmatisch. Dabei war das Budget des Films gar nicht mal so niedrig, man wollte aber schneller auf dem Markt sein als der thematisch ähnlich gelagerte spätere Oscar-Gewinner “Tabu der Gerechten“ und drückte so in Sachen Drehtempo ordentlich aufs Gas. Das merkt man dem Film an, der mit seiner spärlichen Ausleuchtung zwar düster aussieht aber dann doch weit weg von der starken Atmosphäre solcher Film Noir Werke wie “Frau ohne Gewissen“ ist. 

Inspiriert vom Aufkommen des Film Noir Genres (auch wenn dies bekanntlich erst später offiziell als solches definiert werden sollte) ist “Im Kreufeuer“ aber definitiv. Es gibt den kühlen Ermittler, der gerne ironisch-zynische Oneliner raushaut. Dazu herrscht ein allgemeine Hoffnungslosigkeit bei vielen Figuren, gerade den heimgekehrten Soldaten von der Front, und es gibt auch so eine Art femme fatale. Die dieser Rolle aber nicht so wirklich gerecht wird, genauso wie man auch die anderen Elemente, allen voran die Lichtsetzung, bei dieser Art von Filmen schon mit etwas mehr künstlerischem Esprit umgesetzt gesehen hat.
 


Das ist ein wenig dadurch zu erklären, dass man hier den Fokus gefühlt stärker auf die Botschaft als die Verpackung legt. Ein wenig schade nur, dass diese Botschaft erst relativ spät an die Oberfläche kommt und man zwei Drittel des Films einem eher gemächlichen und nicht sonderlich prickelnden Whodunnit beiwohnt. Ein klein wenig wird der wenigstens dadurch interessanter, dass man die Geschehnisse des Abends zu Beginn aus den Augen unterschiedlicher Personen schildern lässt – was aber als Stilmittel dann auch wieder zu schnell fallengelassen wird. So sind es eigentlich nur die Figuren und ihre Darsteller, die einen hier gut bei der Stange halten. Die beiden Roberts (Young und Mitchum, letzter feierte mit diesem Film und “Out of the Past“ seinen Durchbruch in Hollywood) spielen richtig überzeugend und da gibt’s gerade in den gemeinsamen Szenen immer wieder ein schönes Knistern. Vor allem aber punkten auch einige Nebendarsteller. Der dritte Robert (Ryan) im Bunde ist so überzeugend in seiner Arschloch-Rolle, dass er in den Jahren nach “Im Kreuzfeuer“ erstmal das Opfer von Bad-Boy-Typecasting wurde. Und George Cooper verleiht dem verletzlichen Mitch eine interessante Textur Melancholie.

Überhaupt gelingt es hier einigen Figuren einen durchaus bleibenden Eindruck zu hinterlassen, weil sie nicht nur gut gespielt sondern auch ordentlich geschrieben sind – mit ihren eigenen kleinen Eigenheiten. Oder auch großen, wie eine ganz spezielle Figur in der Mitte des Films, die gefühlt direkt aus einem David-Lynch-Film kommend vorbeischaut. So ganz kriegt man die geplante Symbolik dieser Figur zwar nicht transportiert, aber es ist eine willkommene Abwechslung bei der doch eher unspektakulär verlaufenden Ermittlung. Eher blass wirkt dagegen ein Auftritt eines „alten Bekannten“ – zumindest aus deutscher Sicht. Denn in einer kleinen Nebenrolle hat der junge Lex Barker, später in den Karl-May-Verfilmungen als Old Shatterhand zur deutschen Kinolegende geworden, einen kleinen Auftritt. Dessen Physis ist auch da schon durchaus beeindruckend, viel zu tun bekommt er aber nicht und fällt im Vergleich zum restlichen Figurenensemble doch sowohl schauspielerisch als auch in Sachen Charakterzeichnung schon etwas ab.
 


Insgesamt federn die überwiegend interessanten Figuren die Schwächen des Filmes zumindest teilweise ab, echte emotionale Wucht entfaltet der Film aber erst im Schlussdrittel. Da zeigt sich immer deutlicher, dass die bereits vorsichtig eingeführte Perspektivlosigkeit der Soldaten und der Verlust des alten Feindbilds Deutschland gravierendere Konsequenzen haben kann als ein Besäufnis und Streits an der Bar. In der Buchvorlage hatte das Motiv für den Mord mit der Homosexualität des Opfers zu tun, was angesichts der Zensurvorgaben dieser Zeit es natürlich nie auf eine Leinwand geschafft hätte (auch wenn man hier geschickt durchaus leichte Andeutungen in die Richtung macht). Als „Ersatzmotiv“ hat man mit Antisemitismus aber ebenfalls einen ordentlichen kontroversen Brocken gewählt, der hier weit über Andeutungen hinausgeht. Gerade ein späterer Appell von Captain Finlay, in dem dieser Antisemitismus und Hass per se anprangert, geht mal so richtig unter die Haut – und hat aufgrund der Entwicklungen in der heutigen Zeit auch für ein modernes Publikum echten Nachhall. Was bedeutet Nationalismus, woher kommt der Hass auf Fremde – all das wird hier angesprochen und auch wenn man leider nicht (mehr) die Zeit hat dabei in die Tiefe zu gehen treffen die wenigen Aussagen dann doch ziemlich gut ins Schwarze.

So erhält ein lange Zeit eher generisch wirkender Kriminalfilm auf einmal eine richtig interessante Note und gefühlt immer wieder innerlich Applaus für Botschaften, die selbstverständlich sein sollten aber in den damaligen Filmen auf diese direkte und nachdenkliche Art viel zu selten ausgesprochen wurden. Gerne würde ich dafür jetzt eigentlich eine noch höhere Augenanzahl aus unserem Bewertungssystem zücken, doch so ganz rund wirkt das Gesamtergebnis dann eben doch nicht. Und wie man den Fall nachher auflöst, was ein bisschen an eine alte Columbo-Folge erinnert, wirkt halt auch ein wenig einfach. Irgendwie fehlt angesichts der starken Botschaft von vor ein paar Minuten zuvor hier am Ende ein ordentlicher emotionale Punch am Schluss – man fadet stattdessen gefühlt eher neutral aus. Ähnlich wie bei den nicht ganz entschlossen durchgezogenen Anlehnungen der Inszenierung an Film Noir wirkt das dann auch wieder ein wenig zu inkonsequent umgesetzt.
 


Von der Academy gab es trotzdem gleich fünf Oscar-Nominierungen. Neben „Bester Film“ auch noch „Beste Regie“, „Bester Nebendarsteller“, „Beste Nebendarstellerin“ und „Bestes adaptiertes Drehbuch“. Gewinnen sollte der Film keinen davon, allerdings einiges an nachträglicher Aufmerksamkeit als sowohl Regisseur Dmytryk als auch Produzent Scott 1947 vor dem Komitee für unamerikanische Umtriebe zu ihrer kommunistischen Vergangenheit befragt wurden. Welch Ironie, dass ausgerechnet die beiden treibenden Kräfte hinter einem Film gegen Intoleranz genau zum Opfer selbiger wurden. Und dem ein paar Jahre später sogar noch die Krone aufgesetzt wurde, als Dmytryk Scott nun beschuldigte, ihn dazu gezwungen zu haben kommunistische Botschaften in seine Filme zu packen. Davon ist in „Im Kreuzfeuer“ jetzt ehrlich gesagt nichts zu spüren, vielmehr ein Film der trotz Schwächen eine durchaus lobenswerte Botschaft ehrlich ans Volk bringen will. Es ist auf jeden Fall schöner, den Film dafür und nicht für seine “Hintergrundgeräusche“ in Erinnerung zu behalten.

"Im Kreuzfeuer" ist aktuell als DVD auf Amazon in Deutschland verfügbar. 
 


Trailer zum Film
 


Szene: EIn kurzer Besuch beim Tatort
 


Szene: Robert Mitchum besucht unseren Captain


Ausblick
In unserer nächsten Folge treffen wir auf das Werk eines berühmten Regisseurs, dessen Inszenierungsstil dagegen über alle Zweifel erhaben ist.

Bilder: Copyright

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