Und das Leben geht weiter

MOH (142): 16. Oscars 1944 - "Und das Leben geht weiter"

In unserer Serie "Matthias' Oscar History" (MOH) bespricht Matthias in jeder Folge jeweils einen der zwischen den Jahren 1929 und 2000 nominierten Oscar-Beiträge aus der Kategorie "Bester Film".

von Matthias Kastl / 20. Januar 2026

In unserer letzten Folge hatten wir noch ein Wunder serviert bekommen, dieses Mal dominiert wieder die traurige Realität des Krieges das Leben unserer Protagonisten. 

Und das Leben geht weiter

Originaltitel
The Human Comedy
Land
Jahr
1943
Laufzeit
117 min
Genre
Release Date
Oscar
Nominiert "Outstanding Motion Picture"
Bewertung
7
7/10

Wird der Film helfen, den Krieg zu gewinnen? Mit dieser Frage trat ab 1942 das United States Office of War Information an die Hollywood-Produzenten heran – und diese lieferten. Einen Teil der Ergebnisse konnten wir ja in einigen der letzten Folgen unserer Oscar-Reihe bereits bewundern, doch so offensichtlich wie in "Und das Leben geht weiter" haben wir es bisher wohl noch nie präsentiert bekommen. Statt interessanter Story gibt es hier eher inhaltliches Stückwerk, das mit dem Holzhammer die zu verteidigenden Werte und die dafür benötigte Opferbereitschaft dem Volk einimpfen möchte. Klingt gar nicht nach unterhaltsamem Kino, ist es dank einer charmanten Schauspielriege und immer wieder eingestreuten netten Charaktermomenten überraschenderweise dann aber doch irgendwie.

Im Zentrum der Geschichte steht dabei der junge Homer Macauley (Mickey Rooney, "Ein Sommernachtstraum", "Teufelskerle"), der nach dem Tod seines Vaters und der Einberufung seines Bruders Marcus (Van Johnson) in den Krieg Verantwortung für seine Familie übernimmt. Er arbeitet als Telegrafenbote gemeinsam mit dem kurz vor der Pension stehenden Telegrafisten Willie (Frank Morgan, "Der Zauberer von Oz", "Tolle Marietta") und dem gemeinsamen Boss Tom (James Craig, "Fräulein Kitty") im Telegrafenamt des Ortes. Kein leichter Job, denn vermehrt kommen traurige Botschaften von der Front an, die Homer nur ungern ihren Empfängern aushändigt. Während Homer langsam erwachsen wird und sich den Respekt seiner Mutter (Fay Bainter, "Unsere kleine Stadt", "Jezebel – Die boshafte Lady") und seiner Geschwister erarbeitet, haben aber auch seine Kollegen so ihre Herausforderungen. Bei Willie ist es die Angst vor der Arbeits- und damit Bedeutungslosigkeit, bei Tom die Liebe zur deutlich wohlhabenderen Diana (Marsha Hunt, "Blüten im Staub"). Und dann droht da ja schon bald Marcus erster Fronteinsatz.
 


Es gibt eine Szene in "Und das Leben geht weiter", die exemplarisch für die Art und Weise steht, mit welcher der Film seine patriotische Botschaft an den Mann und die Frau bringen möchte. Bei einem kleinen romantischen Ausflug passieren Tom und Diana mit ihrem Wagen eine Art "Fest der Nationen". Während das Auto an in Trachten friedlich feiernden Mexikanern, Russen, Armeniern oder Schweden vorbeituckert, genießen unsere beiden Turteltauben das Treiben und stellen fest, dass doch die ganze Welt besser glücklich sein sollte. Im Hintergrund erklingt lautstark dazu auch noch die britische Nationalhymne, schließlich möchte man dem gebeutelten Alliierten ja Mut zusprechen. Und dem Publikum sagen: Schaut her, das ist Amerika, das sind die Werte, die wir verteidigen müssen.

Gegen diese lobenswerte Botschaft ist natürlich überhaupt nichts einzuwenden, eine derart plumpe Präsentation wirkt in einem Spielfilm aber dann doch befremdlich. Derartig offensichtliche Moralpredigten gibt es im Film zuhauf, und es ist dann schon frustrierend, dass man zwar das Herz hier am rechten Fleck trägt, sich aber kaum Mühe gibt, das eigene Anliegen irgendwie elegant in eine Geschichte zu packen. Im späteren Verlauf wird dann auch immer wieder auf die nötige Leidens- und Opferbereitschaft in diesen schweren Zeiten eingegangen, Subtilität findet man auch dort nur selten. Teilweise hat man das Gefühl, dass Figuren eigentlich das Publikum adressieren, anstatt ihren Gesprächspartner auf der Leinwand – was für das emotionale Eintauchen in diesen Film natürlich hinderlich ist. Ein bisschen verwundert hier die Faulheit des Drehbuchs, schließlich war dessen Autor William Saroyan immerhin ein Pulitzer-Preis-Gewinner. Der liefert uns mit seinem Werk aber weniger eine wirkliche zusammenhängende Story, sondern eher viele nur lose zusammenhängende Einblicke in den Alltag unserer Dorfbewohner – was prinzipiell ja durchaus faszinierend sein könnte, teilweise aber eben durch die Megafon-Botschaften einiges an Charme verliert.
 


Ich sage „teilweise“, weil diese frustrierend offensichtliche Kriegspropaganda sich in schöner Regelmäßigkeit immer wieder mit charmanten kleinen Charaktermomenten abwechselt. Man hat fast das Gefühl, hier zwei verschiedene Filme zu sehen. Diese Momente, bei denen Haupt-, aber auch oft Nebenfiguren einfach nur kleine Alltagserlebnisse haben, sind richtig feinfühlig inszeniert. Da begleitet man ein paar kleine Kinder bei einem kurzen Ausflug in eine Bibliothek, der eigentlich komplett banal ausfällt, aber mit einem guten Auge für Charakterzeichnung umgesetzt ist und so ein kleines Lächeln hervorruft. Genau diese netten Charaktermomente, die dem Film besonders rund um die Figur des von Frank Morgan warmherzig gespielten Willie gelingen, lockern immer wieder die Stimmung auf. Dabei gelingt es hier vor allem, die zwischenmenschlichen Beziehungen realistisch und ehrlich wirken zu lassen, indem man sich die dafür nötige Zeit für kleine Details oder gegenseitige Neckereien nimmt.

Von diesem Vorgehen profitiert vor allem eine Figur, deren Schauspieler hier in der Reihe ja bisher eher mit Skepsis bedacht wurde. Das sonst so übertriebene Spiel von Mickey Rooney, mit dem ich bisher eigentlich immer gefremdelt habe, ist hier quasi nicht existent. Rooney, der ja eine der längsten Karrieren Hollywoods hingelegt hat, spielt Homer mit so einer Ruhe und Reife, dass es eine wahre Freude ist. Der verdiente Lohn war die zweite von später insgesamt vier Oscar-Nominierungen Rooneys. Vielleicht ist dieser deutliche Leistungssprung dem Alter zu verdanken, vermutlich dürfte aber auch Regisseur Clarence Brown hier ordentlich Beihilfe gegeben haben. Dessen Inszenierung – für die patriotischen Auswüchse ist eher das Drehbuch zu belangen – ist wie gesagt sehr feinfühlig und brachte Brown die dritte von später sechs Oscar-Nominierungen für die beste Regie. Trotz seiner häufigen Kollaboration mit der berüchtigten Greta Garbo sagt sein Name leider heute kaum noch jemandem etwas und immer noch ist Brown der Regisseur, der am meisten Nominierungen in der Kategorie erlangt hat, ohne jemals ausgezeichnet worden zu sein.
 


So steht am Ende Mickey Rooney sinnbildlich für ein Schauspielensemble, das es unter der Führung von Brown schafft, viel Sympathie für seine Figuren zu generieren, auch wenn diese selbst jetzt gar nicht viel zu tun haben oder ihnen großer Tiefgang vergönnt wäre. Es reicht aber, um ein stabiles emotionales Fundament zu schaffen, was dieser Film angesichts anderer Schwächen wirklich nötig hat. Den großen dramatischen Höhepunkt kann man sich nämlich bereits nach wenigen Minuten zusammenreimen, wird vom Film aber trotzdem fünf Minuten davor nochmal mit der Aussage "Bitte, ich hoffe, das passiert jetzt nicht“ von einer Figur extra angeteasert. Das ist dann wieder sehr plump, genauso wie die Idee, diese Szene gleich noch mit einem weiteren melodramatischen Moment zu kombinieren. Eigentlich gehört dafür dem Autor das Drehbuch um die Ohren geschlagen, doch weil die Figuren einem dann doch ans Herz gewachsen sind, funktioniert selbst diese Szene irgendwie. Und kurz danach kommt dann wieder, als ob man mal eben den Autor ausgewechselt hätte, eine unglaublich erwachsene und wundervoll geschriebene Szene der Trauerverarbeitung.

Man merkt, bei "Und das Leben geht weiter" bin ich hin- und hergerissen. Am Ende zeigt der Daumen dann doch nach oben, weil eben die Figuren gut funktionieren und der Film genug nette Momente erschafft. Und obendrauf gibt es noch einen Robert Mitchum in dessen erster Filmrolle – auch wenn dessen Auftritt eher unspektakulär ausfällt und man jetzt nicht das Gefühl hat, hier einen kommenden Star zu sehen. Am Ende drücke ich hier also trotz der plumpen Heimatfront-Rhetorik ein wenig ein Auge zu, muss aber zumindest die Academy rügen. Dass von den vier Nominierungen die einzige Auszeichnung ausgerechnet in der Kategorie "Beste Originalgeschichte“ erfolgte, ist ein echter Fehlgriff. Als solch einer entpuppte sich übrigens auch das Remake des Filmes aus dem Jahr 2015 – trotz einem Tom Hanks in der Nebenrolle wurde das damalige Regiedebüt von Meg Ryan von der Kritik verrissen. Davon sind wir hier weit entfernt, auch wenn mir bewusst ist, dass dies wieder einer dieser Fälle sein könnte, bei dem der Nostalgie-Faktor mich vielleicht etwas zu nachsichtig macht.

"Und das Leben geht weiter" ist aktuell als DVD-Import auf Amazon in Deutschland verfügbar. 

 


Trailer des Films.
 


Szene: Macauley bringt keine guten Nachrichten.
 


Szene: Multi-Kulti im Drive-by
 


Ausblick
In unserer nächsten Folge steht der Krieg ebenfalls im Fokus, wenn ein Anti-Faschist sein Leben für den Kampf gegen die Nazis riskiert.

Bilder: Copyright

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