MOH (158): 19. Oscars 1947 - "Auf Messers Schneide"
In unserer Serie "Matthias' Oscar History" (MOH) bespricht Matthias in jeder Folge jeweils einen der zwischen den Jahren 1929 und 2000 nominierten Oscar-Beiträge aus der Kategorie "Bester Film".
In unserer letzten Folge herrschte eine leichtfüßige Frank-Capra-Laune, heute sorgt dagegen ein kompliziertes Liebesdreieck für jede Menge ernstes Drama.
Auf Messers Schneide
Gefühlt beruhen ja neun von zehn Filmen in dieser Oscar-Reihe bisher auf einer erfolgreichen Buch- oder Theatervorlage. Verständlich, auch in den 1930er und 1940er Jahren wollte man in Hollywood Erfolg natürlich möglichst sicher einplanen können. So blickten Studiochefs und Produzenten also immer wieder gespannt mit einem Auge auf die Veröffentlichung der Bestsellerlisten. Dort tauchte 1944 der Roman “The Razor's Edge“ von W. Somerset Maugham auf, dessen Werke Hollywood in den Jahren davor schon mehrfach “geplündert“ hatte – unter anderem 1940 mit dem wundervollen "Das Geheimnis von Malampur". Kein Wunder also, dass 20th Century Fox zuschlug und sogar so viel Vertrauen in den Stoff und seinen Autor hatte, dass Maugham selbst den Auftrag bekam das Drehbuch für den Film zu verfassen.
Eine Arbeit, die sich am Ende für Maugham als verschwendete Lebenszeit entpuppen sollte, denn frustriert sollte er später einmal erklären, dass es nicht eine einzige Zeile seiner Drehbuchversion in den fertigen Film geschafft hat. Und das, obwohl das Ergebnis auf der Leinwand inhaltlich kaum große Änderungen an den inhaltlichen Eckpfeilern seiner Buchvorlage vornimmt. Allerdings dessen Story ordentlich kondensieren muss, was leider vor allem auf Kosten der Komplexität der Hauptfigur geht. Dessen große spirituelle Reise entpuppt sich in der ersten Hälfte als eher träge Angelegenheit, die hauptsächlich durch optische Schauwerte und eine flotte Inszenierung am Leben gehalten wird. Doch in der Mitte legt der Film dann eine ziemliche Kurswende hin, driftet auf einmal deutlich in Richtung Beziehungsdrama und generiert dabei ein paar ordentlich dramatische Konfliktmomente – auch dank einer Figur, die ein klein wenig ihrer Zeit voraus zu sein scheint.
Mit seiner Zeit nur wenig Sinnvolles anzufangen weiß auf jeden Fall der junge Amerikaner Larry Darrell (Tyrone Power, “Alexander's Ragtime Band“, “Chicago“), der nach seinen Erlebnissen im Ersten Weltkrieg in eine tiefe Sinnkrise gefallen ist. Seine Verlobte Isabel Bradley (Gene Tierney, “Ein himmlischer Sünder“), die im Umfeld ihres reichen Onkels Elliot (Clifton Webb) aufwächst, kann Larrys Art der Sinnsuche jedoch nur schwer nachvollziehen – denn Larry verweigert jegliche Form der Arbeit und lässt sich einfach treiben. Vielleicht lässt eine kleine Weltreise den guten Larry ja wieder “vernünftig“ werden und so stimmt Isabel dessen Plan die Welt zu sehen zu. Gute Nachrichten für den reichen Gray (John Payne), der ein Auge auf Isabel geworfen hat und der Larrys Abwesenheit ja vielleicht zu nutzen weiß. Und noch besser für den kultivierten Schriftsteller W. Somerset Maugham (Herbert Marshall, “Der Auslandskorrespondent“, “Die kleinen Füchse“), für den dieses Dreiecksverhältnis noch so manch interessante Beobachtung bereithalten wird. Mal ganz abgesehen davon, dass Larrys einstige Kindheitsfreundin Sophie MacDonald (Anne Baxter, “Der Glanz des Hauses Amberson“, “The Pied Piper“) ebenfalls schon bald eine wichtige Rolle einnehmen wird. Und so wird die Suche nach dem Sinn des Lebens für Larry schnell zu einer äußerst komplexen und emotionalen Angelegenheit.
Ja, das hat man jetzt richtig gelesen: eine der Figuren trägt den Namen des Buchautors. Was daran liegt, dass W. Somerset Maugham auch schon im Roman als in der Story agierender Erzähler auftritt, der Handlungsstränge miteinander verbindet und ständig seine Konversationen mit und das Verhalten von anderen Figuren interpretiert. Ganz so zentral fällt seine Rolle im Film aber nicht aus. Ein paar einleitende Worten zu Beginn lassen vermuten, dass er auch hier als zentraler Anker auftritt, doch mit der Zeit taucht er eigentlich nur noch gelegentlich am Rand auf, um hier und da einmal einen (meist) süffisanten Kommentar zu platzieren. Konsequent umgesetzt ist dieses Stilmittel hier also nicht, dabei hätte ein starker roter Faden dem Film in der ersten Hälfte wirklich gut getan.
Ähnlich wie die Hauptfigur driftet die Story nämlich lange etwas führungslos dahin. Wir lauschen oft unterschiedlichen Konversationen, in denen die daran beteiligten Figuren aber nur bedingt etwas Interessantes zu sagen haben. Vor allem ist die Figur von Larry nicht so richtig greifbar und interessant geraten, was es schwierig macht, bei dessen Suche nach dem Sinn des Lebens nun wirklich emotional mitzufiebern. Was nur bedingt der Fehler von Hauptdarsteller Tyrone Power ist, der durchaus Charme hat. Aber so richtig Tiefe kann das Drehbuch bei seiner Figur nicht generieren, was sich am deutlichsten bei dessen Weltreisestopp in Indien zeigt. Dort wartet eine große Erkenntnis auf ihn, die aber nicht als nachvollziehbarer Prozess gezeigt wird sondern allein durch die Tatsache, dass er auf einmal einen Bart trägt und zu Protokoll gibt, jetzt ein anderer Mensch zu sein.
Da auch das Schauspiel bei der ein oder anderen Nebenfigur etwas altmodisch daherkommt (klassisches Beispiel wäre das theatralische Sich-zur-Seite-Drehen in mancher Liebesszene) wird das Ganze zu einer inhaltlich relativ zähen Angelegenheit. Glücklicherweise ist dafür die Inszenierung relativ flott – Regisseur Edmund Goulding ("Menschen im Hotel", "Opfer einer großen Liebe") hält die Kamera oft in Bewegung, achtet auf schönes Framing und gibt so der oberflächlichen Handlung mehr Unterhaltungsfaktor als sie eigentlich verdient hat. Dazu kommen noch ordentliche optische Schauwerte, teilweise scheint man das Geld hier auch einfach aus dem Fenster werfen zu wollen. Anders ist nicht zu erklären, dass teilweise unsere Figuren große Tanzabende mit riesigen Sets und vielen Statisten besuchen, bei denen aber kein einziges Wort gewechselt wird oder sonst etwas Interessantes passiert.
So dümpelt “Auf Messers Schneide“ in der ersten Hälfte eher dahin und die Vorfreude auf eine weitere Stunde in dieser Gesellschaft wird nicht wirklich größer. Bis der Film etwas tut, was man leider viel zu selten zu sehen bekommt – er beginnt auf einmal einen zu überraschen. Und zwar im positiven Sinne, denn die Sinnsuche von Larry gerät auf einmal zum Nebenschauplatz und macht stattdessen die Bühne frei für ein deutlich interessanteres Beziehungsdrama. Daran sind vor allem die beiden weiblichen Hauptfiguren beteiligt, deren Konflikt ein wenig einen “Alles über Eva“-Vibe versprüht (was nur positiv sein kann, aber zu diesem Meisterwerk des Kinos kommen wir ein anderes Mal) – und das nicht nur, weil Schauspielerin Anne Baxter dort ebenfalls eine Hauptrolle spielte. Ähnlich wie im Klassiker von Joseph L. Mankiewicz darf auch hier ein kultivierter Mann (W. Somerset Maugham) das Geschehen süffisant kommentieren und führt Neid und Missgunst zu einem sogar fast noch mieseren Spiel, mit dem hier die Damen-Konkurrenz ausgeschaltet werden soll.
Das ist jetzt nicht so meisterhaft geschrieben wie bei “Alles über Eva“ – zu oft spricht man Sachen zu deutlich aus und verlässt sich nicht auf das Interpretationstalent seines Publikums. Es ist aber trotzdem ziemlich unterhaltsam und wirkt durch einige sehr explizite erotische Anspielungen irgendwie auch moderner als fast alle der bisher rezensierten Filme dieser Oscar-Reihe. Vor allem die Rolle von Sophie, gespielt von eben jener wundervollen Anne Baxter, hat Facetten, die ich so bei den bisherigen Oscar-Kandidaten dieser Reihe nicht gesehen habe. Sophies Hang zur Selbstzerstörung wird hier auf so eine komplexe und nicht verurteilende Art und Weise dargestellt, dass ich mich kurzzeitig eher an Filme der 1970er Jahre erinnert fühlte. Eine Szene in einer Pariser Bar sprüht von so viel aufgeladen-verruchter Erotik, dass man sich fragt, ob die für die Einhaltung des Hays Codes (der damals die “moralische Integrität“ von Filmen in Amerika sicherstellen sollte) verantwortlichen Jungs kurzzeitig gepennt hatten.
Man hat so das Gefühl, hier Zeuge erster Anzeichen für eine Modernisierung der Figurenzeichnung des amerikanischen Kinos zu werden – ein Eindruck, der übrigens im nächsten Beitrag dieser Oscar-Reihe verstärkt werden wird. Bei genauem Blick ist aber auch die männliche Hauptrolle, zumindest auf dem Papier, ungewöhnlich modern angelegt. Ein attraktiver männlicher Mann verbringt den Großteil eines Prestige-Films damit, Arbeit, Wohlstand und Ehe abzulehnen und nach spiritueller Erkenntnis zu suchen – so etwas hätte man gefühlt wenige Jahre zuvor sicher so nicht serviert bekommen. Und, so viel kann verraten werden, ein moralisches Aufhübschen durch ein billiges Happy End passiert hier jetzt auch nicht wirklich.
So entpuppt sich “Auf Messers Schneide“ in der zweiten Hälfte auf einmal als ziemlich faszinierendes, wenn auch nicht perfektes Kino. Die Schwächen der zentralen Hauptfigur verhindern eben weiterhin noch eine wirklich enge Bindung, die Dialoge haben zwar nun etwas mehr Würze aber sind immer auch mal wieder zu arg on-the-nose und etwas mehr erzählerische Wucht hätte ich mir vom Ende dann doch erhofft. Und so ganz macht diese interessante Kehrtwende den durchschnittlichen Beginn des Filmes natürlich auch nicht wett. Am Ende ist “Auf Messers Schneide“ aber einer der interessanteren Oscar-Nominierungen, der glücklicherweise bei der Verleihung auch genau in der richtigen Kategorie mit dem Goldjungen ausgezeichnet wurde. In den Kategorien “Bester Film“, “Bester Hauptdarsteller“ und “Bestes Szenenbild (Schwarz-Weiß)“ blieb es jeweils bei Nominierungen, die Trophäe gewinnen konnte hingegen Anne Baxter für ihre wirklich in Erinnerung bleibende Performance als “Beste Nebendarstellerin“.
An der Kinokasse war der Film ebenfalls ein großer Erfolg, weswegen 20th Century Fox Autor W. Somerset Maugham zu einer Fortsetzung bewegen wollte. Der hatte mit dem abgelehnten Drehbuch aber genug schlechte Erfahrung gesammelt – er lehnte ab und kehrte Hollywood den Rücken. Es sollte aber natürlich nicht das letzte Mal gewesen sein, dass sich die Traumfabrik dieses Stoffes annahm. Im Jahr 1984 übernahm tatsächlich Bill Murray in seiner ersten großen dramatischen Rolle sozusagen den Staffelstab von Tyrone Power, doch seine Darstellung von Larry in der Neuauflage von “Auf Messers Schneide“ scheint (zumindest wenn man sich die Kritiken von damals anschaut) jetzt nicht besonders erinnerungswürdig ausgefallen sein. Zumindest im Falle des “Originals“ von 1946 hat sich die Entscheidung auf eine weitere Buchverfilmung aber sowohl finanziell als auch künstlerisch durchaus gelohnt. Eine weitere Bestätigung also dafür, dass man damals weiter fleißig auf die Bestsellerlisten starren konnte.
"Auf Messers Schneide" ist aktuell als DVD auf Amazon Prime in Deutschland verfügbar.
Szene: Die ersten Minuten des Films
Aufnahmen von der großen Premiere des Films
Szene: Gene Tierney schwebt die Trepper herunter
Ausblick
In unserer nächsten Folge vertraut Produzent Samuel Goldwyn allerdings nicht der Bestsellerliste und gibt einfach selbst eine kleine Novelle in Auftrag – um mit deren Umsetzung dann schließlich den Oscar zu gewinnen.
Neuen Kommentar hinzufügen