Tyler Rake: Extraction

Originaltitel
Tyler Rake: Extraction
Land
Jahr
2020
Laufzeit
116 min
Genre
Regie
Release Date
Streaming
Bewertung
5
5/10
von Matthias Kastl / 25. April 2020

Es gibt so etwas wie einen kleinen Mini-Trend in Hollywood. Stunt-Koordinatoren, die ihren Job so gut erledigen, dass man mal eben einen Platz auf dem Regiestuhl für sie freiräumt. So durften die "Matrix"-Veteranen Chad Stahelski und David Leitch mit "John Wick" Keanu Reeves eine neue Franchise bescheren und "Once Upon a Time in Hollywood"-Stuntman Nash Edgerton mit Charlize Theron die Action-Komödie "Gringo" drehen.

Als nächstes ist also nun "Avengers"-Stunt-Koordinator Sam Hargrave dran. Er darf sich den Marvel-Kollegen Chris Hemsworth schnappen und mit diesem in "Tyler Rake: Extraction" sein eigenes Süppchen kochen. In Sachen Action ist das auch durchaus erfolgreich, wie insbesondere eine fast zehnminütige fulminante One-Shot-Action-Sequenz beweist. Aber zu einem guten Film gehört eben noch deutlich mehr. Klischeehafte Charakterzeichnung, mangelnde Chemie zwischen den Hauptdarstellern und stellenweise überraschend billig wirkende Computereffekte trüben am Ende das Testosteron-Fest dann leider doch deutlich.

Ausgangspunkt der Handlung ist die brutale Entführung des jungen Ovi (Rudhraksh Jaiswal) in Mumbai. Der Sohn eines berüchtigten Drogenbosses wird von einem skrupellosen Konkurrent nach Bangladesh verschleppt. Der Vater von Ovi sitzt zwar im Gefängnis, zwingt aber seinen "Angestellten" Saju (Randeep Hooda) mit Nachdruck, doch bitte alle Hebel in Bewegung zu setzen um den geliebten Spross zu befreien. Saju wiederum hat die Idee, dafür doch lieber mal einen Profi anzuheuern: den Elite-Söldner Tyler Rake (Chris Hemsworth). Der säuft sich aufgrund einer privaten Tragödie zwar gerade in Australien den Frust von der Seele, hält sich aber für fit genug die Mission durchzuführen. Eine Mission, die dann aber natürlich ganz anders läuft als es sich Tyler vorgestellt hat.

 

Die gute Nachricht gleich vorneweg: Wer einfach nur ein paar kompetent inszenierte Action-Sequenzen sehen will, kann mit "Tyler Rake: Extraction" nicht viel falsch machen. Dabei zeigt sich deutlich, woher Regisseur Sam Hargraves seine Inspiration zieht. Töten ist hier eine blutige und anstrengende Tätigkeit, die meist aus intensiven Nahkämpfen besteht, bei denen der Gegner schließlich mit Schusswaffen aus kürzester Distanz aus dem Weg geräumt wird. Geschnitten wird dabei nur wenig, stattdessen zelebriert man das "Handwerk" lieber am Stück. Markenzeichen, die wir vor allem schon in "John Wick" bewundern durften.

Das wiederum verwundert nicht, denn Sam Hargraves war auch Stunt-Koordinator bei "Atomic Blonde". Und das war wiederum der erste Solo-Film von "John Wick" Co-Regisseur David Leitch, in dem diese Art der Kampfchoreographie ebenfalls stilprägend war. Zwar reichen die Kampfszenen in "Tyler Rake: Extraction" nicht ganz an die Qualität der Vorbilder heran, wie zum Beispiel die grandiose Treppenhaus-Sequenz in "Atomic Blonde", überzeugen tun sie aber trotzdem. Es ist eben einfach schön zu sehen, wenn Filme bei ihrer Action Wert auf das "klassische Handwerk" legen anstatt uninspirierte Kampfchoreographien durch ein wildes Schnittgewitter kaschieren zu wollen.

 

Den Höhepunkt bildet dabei sicher eine knapp zehnminütige One-Shot-Action-Sequenz im ersten Drittel des Filmes. Vor allem die ziemlich clevere Kameraführung muss man hier loben, bei der wir unsere Hauptfigur manchmal für kurze Zeit aus den Augen verlieren, bevor diese sich dann wieder mit einem netten Überraschungseffekt eindrucksvoll in den Kampf zurückmeldet. Kein Zweifel, Sam Hargraves hat sich hier jede Menge Gedanken gemacht und vieles davon funktioniert auch wirklich gut. Allerdings muss auch angemerkt werden, dass die späteren Actionszenen zwar gut sind, aber dann doch nie an die Intensität dieser frühen Sequenz heranreichen. So verschießt "Tyler Rake: Extraction" sein bestes Pulver leider etwas zu früh.

Richtig ärgerlich ist aber, dass die Qualität der Action-Inszenierung stellenweise durch den Einsatz von teils erschreckend billig wirkenden Spezialeffekten untergraben wird. Für die Visualisierung von Bränden oder Explosionen haben die Macher nämlich gefühlt den alten Amiga-Rechner ausgepackt. Solche lächerlichen Effekte ist man normalerweise aus billigen B-Movies gewöhnt. Sorry Netflix, um mit Hollywood-Blockbustern mitzuhalten müsst ihr hier schon deutlich tiefer in die Tasche greifen.

 

Leider haben aber auch die Story und einige ihrer Figuren den rustikalen Charme eines B-Movies. Hierfür ist übrigens ein weiterer "Avengers"-Recke verantwortlich. Als Drehbuchautor zeigt Joe Russo, Co-Regisseur von "Avengers - Endgame" und "Avengers: Infinity War", aber deutlich weniger Talent. Sein Tyler Rake ist eine relativ einfallslos gestrickte Figur aus der Actionhelden-Bibliothek, die trotz Trauma und Trinklaune hellwach und in astreiner körperlicher Verfassung seine Gegner niedermetzelt. Das passt irgendwie nicht so richtig zusammen, wird aber zumindest noch irgendwie von einem durchaus charismatischen Hemsworth aufgefangen, der sich leidenschaftlich und überzeugend in jeden Kampf wirft.

Aber auch Hemsworth kann nicht kaschieren, dass es ein großes Problem mit der zweiten Hauptfigur gibt. Der entführte Ovi wirkt wie ein Fremdkörper im Film, der nie wirklich Charisma oder irgendeine emotionale Verbindung zu seinem Retter aufbauen kann. Wieso dieser Junge dem schießwütigen Fremden bedingungslos folgt, wird nie glaubhaft erklärt. Vor allem, da Ovi von Tyler lange Zeit im Wesentlichen ignoriert wird. Ovi ist für ihn ja nur ein weiterer Job. Wenn Ovi im Gegenzug aber dann in schrecklich geschriebenen Dialogen Tyler mit Lebensweisheiten versorgt und offen über seine Gefühle plaudert, wird einfach zu offensichtlich, dass diese Figur nicht mehr als nur eine lieblos installierte Plotmechanik ist.

 

Ähnlich ergeht es auch dem kurzen Auftritt von "Stranger Things"-Veteran David Harbour oder dem unglaublich klischeebeladenen und langweilig gespielten Oberschurken, den man in seiner überzogenen "coolen Grausamkeit" nie wirklich ernst nehmen kann. Da passt dann auch irgendwie die restliche Inszenierung gut dazu, die Indien und Bangladesh entweder in Slums oder protzige Paläste unterteilt. Und über alles wird bei der Kamera dann auch noch ein schöner orangener Farbfilter gelegt, so wie man die Region eben aus dem Hollywoodkino kennt.

Zugegeben, es gibt vereinzelte Momente in denen man dem Film anmerkt, dass er etwas mehr will als nur tumbes Actionkino zu sein. Dass Tyler sich mit Kindern als Gegner konfrontiert sieht, hat durchaus interessantes Potential in Sachen "Moral", wird aber am Ende doch nur für ein paar coole Sprüche genutzt. Und das sich ein Scherge als mehr als nur Kanonenfutter entpuppt, wird vom Film leider dramaturgisch dann dadurch zunichte gemacht, dass man für diesen im Schlussdrittel eine extrem unglaubwürdige Wendung parat hält.

 

So krankt "Tyler Rake: Extraction" einfach an zu vielen Enden, um den Film trotz netter Action wirklich empfehlen zu können. Wobei hier ja jeder selbst entscheiden darf, wie wichtig ihm in einem Action-Streifen eine halbwegs plausible Story und charismatische Figuren sind. Wirklich überzeugen kann Sam Hargrave bei seinem Regiedebüt aber nur in seiner Paradedisziplin, und das wird auf die Dauer zu wenig sein, um auch langfristig auf diesem bequemen Regiestuhl sitzen zu dürfen.

Bilder: Copyright

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