Wenn das Kino in die Vergangenheit blickt, dann meist mit der Sehnsucht nach überlebensgroßen Persönlichkeiten oder für den Lauf der Geschichte bedeutenden Ereignissen – im Idealfall natürlich beides. Was sollte das Publikum denn schon das unspektakuläre Leben eines einfachen Waldarbeiters Anfang des 20. Jahrhunderts im amerikanischen Nordwesten interessieren? Nun, eine ganze Menge, wenn es so einfühlsam und poetisch wie in "Train Dreams" daherkommt.
Ein Leben, das im Fall von Robert Grainier (Joel Edgerton, "Gringo", "Der große Gatsby") etwa 80 Jahre umspannt – von denen wir aber in erster Linie den Mittelteil erzählt bekommen. Im Schatten der aufkommenden Industrialisierung schlägt sich Robert als Holzfäller durch und hilft zusammen mit anderen Wanderarbeitern beim Ausbau einer wichtigen Eisenbahnstrecke im rauen Montana. Die harte Arbeit und eher wortkargen Abende am gemeinsamen Arbeits-Lagerfeuer, unter anderem mit seinem Kollegen Arn (William H. Macy, "Magnolia", "Seabiscuit"), stehen im deutlichen Kontrast zu Roberts privatem Glück, das er mit Gladys (Felicity Jones, "The Brutalist", "Collide") gefunden hat. Die Geburt ihrer Tochter, der Bau einer kleinen Hütte – es sind die Familien-Highlights, die Roberts Leben Freude verleihen. Doch lange Arbeitseinsätze fernab der Lieben und die Konsequenzen des rasanten Fortschritts für seine Arbeit machen den Genuss dieses "kleinen" Glücks nicht gerade einfach.
Leicht hat es unsere Hauptfigur hier nun wirklich nicht, denn deren scheinbar "einfaches" Leben verlangt von ihr eben geradezu Unmögliches – nämlich sowohl die Familie durch den knallharten Job eines Wanderarbeiters zu finanzieren, als gleichzeitig auch ein möglichst guter Vater und Ehemann zu sein. Ein Dilemma, das sich nicht wirklich lösen lässt, Robert spürbar belastet und bei diesem stets ein Gefühl der inneren Leere mitschwingen lässt – verbunden mit der Sehnsucht, doch irgendwie seinen Platz in dieser Welt zu finden. "Train Dreams" nähert sich seiner nach Halt und Erfüllung sehnenden Hauptfigur dabei mehr durch eine Art melancholisch-poetischen Blick als inhaltsgetriebenes Figurenporträt. Ein wenig an die Filme von Terrence Malick erinnernd ist Regisseur Clint Bentleys stärkste Waffe dabei eine dichte Atmosphäre, die stets ein wenig wie ein nachdenklicher Traum wirkt und in der emotional immer eine ordentliche Portion Schwermut mitschwingt.
Visuell ist das wirklich sehr schön umgesetzt und läuft auch zu keiner Zeit Gefahr, zu sehr esoterisch zu wirken. Das liegt weniger am ungewöhnlichen 3:2-Bildformat, mit dem man hier gedreht hat – die Idee, passend zum Thema eines Films auch mal ein "engeres" Bildformat zu wählen, ist in den letzten Jahren ja gefühlt in Hollywood sowieso immer mehr en vogue. Es ist aber vor allem die Wahl der Schauplätze und der stimmungsvolle Einsatz von meist natürlichem Licht, mit dem man hier punktet. Gerade die Landschaft bekommt hier erfolgreich einen eigenen Charakter verliehen, dessen Melancholie Hand in Hand mit der von Robert marschiert. Das Geschehen entwickelt dabei einen wundervollen Flow, bei dem Bentley auf viele ruhige Passagen setzt und seinen Figuren und auch dem Setting stets die nötige Zeit gibt, sich in seiner ganzen Wirkung entfalten zu können. Das nutzt vor allem Joel Edgerton perfekt, dessen Gesicht allein gefühlt schon dutzende Geschichten zu erzählen scheint und es so unglaublich einfach macht, Roberts Schwermut und innere Erschöpfung nachzuvollziehen.
Es hat am Ende ja einfach auch etwas Wunderschönes, dass man sich hier die Zeit für das Leben eines "einfachen" Mannes nimmt und dabei (meistens) auf allzu großes Drama und Konflikte verzichtet. Oft geben sich unsere Figuren einfach ihrem Schicksal hin, versuchen nur irgendwie durchzukommen und ertragen einfach das, was das Leben für sie parat hält. Mit am eindrücklichsten wird das im Kreise von Roberts Arbeitskollegen gezeigt, für die das harte Leben als Waldarbeiter so sehr zum Alltag geworden ist, dass selbst grausame Arbeitsunfälle im Wesentlichen mit einem Schulterzucken akzeptiert werden. Angesichts einer solchen Beschreibung mag "Train Dreams" wie eine ziemlich triste Filmerfahrung wirken – und die ist es natürlich irgendwie auch. Doch dank dem poetischen Bilder-Flow und einem starken Hauptdarsteller lässt man sich nur zu bereitwillig von dieser Schwermütigkeit mitreißen.
Es gibt aber ein paar Momente, in denen der Film seine größte Stärke, nämlich das Publikum komplett in seinen atmosphärischen Bann zu ziehen, etwas unnötig aufs Spiel setzt. Und das hat leider mit zwei Frauenrollen zu tun, denen man ihre Verwurzelung in der Geschichte nur bedingt abnimmt. Felicity Jones wirkt optisch, und da spielt das Make-up eine ordentliche Rolle, irgendwie zu glatt für das Leben, das sie hier in der Wildnis führt. Der später im Film auftauchende Charakter von Kerry Condon wiederum bringt irgendwie etwas irritierend Aufgesetztes mit, sodass zumindest ich es nie geschafft habe, hier nicht die Schauspielerin, sondern deren Rolle zu sehen – da hätte es vielleicht einfach noch mehr Zeit für die Figur gebraucht. Gegen Ende gibt es dann auch einen Dialog zwischen ihr und Robert, der für die sonst so wundervoll subtil daherkommende Geschichte viel zu offensichtlich die Motive des Filmes offenlegt. Glücklicherweise gelingt "Train Dreams" dann aber wieder ein perfektes Schlussbild und so insgesamt dann doch ein sehr runder Eindruck, der vielleicht nicht zu einem Oscar-Sieg führen wird, aber in einem eindrücklichen Gesamterlebnis mündet.
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