Midsommar

Originaltitel
Midsomar
Land
Jahr
2019
Laufzeit
147 min
Genre
Regie
Release Date
Bewertung
9
9/10
von Moritz Hoppe / 4. September 2019

In Zeiten unzähliger Horror-Remakes und Sequels („Friedhof der Kuscheltiere“, „Halloween“, etc.) oder des Conjuring-Universums („Annabelle 3", „Lloronas Fluch“, etc.) scheint es, als hätte die Kinolandschaft wenig Platz für eigenständige und innovative Horrorfilme. Umso erfreulicher ist es, dass es in den letzten Jahren ein paar Regisseure geschafft haben, im modernen Horrorfilm neue Reize zu setzen: Der US-amerikanische Regisseur Ari Aster ist ein Paradebeispiel für diesen Innovationswillen, wenngleich er bisher lediglich einen Kinofilm vorzuweisen hat. Mit „Hereditary“ ist ihm 2018 in vielerlei Hinsicht ein Pionierwerk des modernen Horrorfilms gelungen. Ein Grund dafür ist, dass der Horror hier genutzt wird, um tiefgehende Geschichten zu erzählen. Ob man hierbei letztlich von einem Horrorfilm, oder doch vielmehr von einem Drama sprechen kann, dürfte ganz im Auge des Betrachters liegen. Klar ist jedoch, dass Ari Aster mit „Hereditary“ eine innovative Art des Geschichtenerzählens etabliert hat. Und wer dachte, dass dieses Konzept des neuartigen Horrorfilms ein einmaliger Glücksfall war, wird auf schmerzhafte Art und Weise eines Besseren belehrt: Ari Aster entwirft mit seinem neusten Film „Midsommar“ ein sogleich bewundernswertes als auch erschütterndes Werk, dessen emotionale Wucht und Detailverliebtheit im Genre des Horrorfilms erneut seinesgleichen sucht.
 

Dabei lässt sich die Geschichte des zweiten Films von Ari Aster in wenigen Sätzen beschreiben: Nach dem tragischen Verlust ihrer Eltern und ihrer Schwester begleitet Dani (Florence Pugh) ihren Freund Christian (Jack Reynor) auf eine Reise nach Schweden, um dort an dem traditionellen Fest der Sommerwende – kurz „Midsommar“ – teilzunehmen. Die Beziehung der beiden steht schon seit längerer Zeit auf der Kippe. Gemeinsam mit seinen drei Studienfreunden will Christian den schwedischen Brauch kennenlernen, um ein mögliches Thema für seine Abschlussarbeit zu finden. Allerdings muss die Gruppe schnell feststellen, dass hinter der geselligen Aufmachung der Festivitäten ein grausamer Kult steckt, der die Reise der jungen Studenten zum Höllentrip macht.
 

So austauschbar und ausgelutscht die Grundpfeiler der Story auf den ersten Blick auch erscheinen mögen – die Geschichte dient hier lediglich als Mittel zum Zweck: Nicht „was“, sondern „wie“ erzählt wird, ist entscheidend. Denn wie nur wenig anderen Regisseuren gelingt es Ari Aster, ein niederschmetterndes Grundgefühl beim Zuschauer zu erzeugen, bei dem die erzählte Geschichte in den Hintergrund rückt. Dabei werden deutliche Ähnlichkeiten zu Robin Hardys Folk-Horror-Klassiker „The Wicker Man“ von 1973 sichtbar: die nordische Mythologie, Religion, Sekten, Opfergaben – thematisch schlägt „Midsommar“ die gleiche Richtung ein und erzeugt eine ebenso bizarre Atmosphäre. Ari Aster arbeitet jedoch nicht mit einer offensichtlichen Zitatstruktur, die Ideen zu möglichen Referenzwerken entstehen im Kopf des Zuschauers und nicht in Tarantino-Manier in konkreter Form auf der Leinwand. 

Ari Aster behandelt seine Figuren wie willenlose Marionetten und inszeniert den Film – ganz im Stile seines Erstlingswerks – wie ein Puppenhaus: Die Kameraarbeit von Pawel Pogorzelski („Hereditary“) spielt hierbei eine entscheidende  Rolle. In vielen Momenten scheint es so, als würde die Kamera die Handlungen der Figuren bestimmen. In einer eindrucksvoll inszenierten Szene fliegt die Kamera über eine Menschengruppe, die zum Festessen an einer langen Tafel Platz nimmt. Die einzelnen Personen greifen wie in einer Kettenreaktion nacheinander zum Besteck, immer dann, wenn sie sich im Fokus des Bildes befinden, als bestimme die Kamerafahrt selbst ihr Verhalten. Viele solcher kreativen Einfälle, die Unmengen an Interpretationsmaterial beinhalten, sind in „Midsommar“ verbaut. Hinzu kommt ein enorm detailliertes Szenenbild, welches eigene, kleine Geschichten erzählt und dabei Rätsel aufwirft.  Dadurch wird jeder Szene eine spürbare Bedeutung und Wichtigkeit zugesprochen, was die mutige Länge von stolzen ca. 150 Minuten als nachvollziehbar und für das Thema geradezu notwendig erscheinen lässt.

Auch rein visuell lässt „Midsommar“ Genrekonventionen links liegen: Beinahe der gesamte Film findet am helllichten, sonnendurchfluteten Tag und unter freiem Himmel statt. Interessanterweise gelingt Aster dieses Kunststück, ohne auch nur einmal eine Aufnahme der Sonne zu zeigen. Anstatt die Figuren räumlich einzuschränken, um dadurch eine konkrete Ausweglosigkeit entstehen zu lassen -  wie es in „Hereditary“ durch das Haus der Familie der Fall war - entwirft Ari Aster diesmal ein offenes, helles und weitläufiges Setting. Dennoch schafft es „Midsommar“, den Figuren und dem Zuschauer jegliche Freiheiten zu nehmen. Sei es durch die exzessiv subjektive Kamera oder die zwischenmenschlichen Spannungen – Ari Aster kreiert einen unausweichlichen Albtraum, in dem eine Flucht unmöglich erscheint. Der Zuschauer wird zum Aushalten verdammt und durch explizite Gewaltszenen auch physisch gefordert.

Doch wie schon bei „Hereditary“ sind es nicht die übersteigerten Gewalt- oder Horrorelemente, die eine emotionale Wirkung beim Zuschauer erzielen: Der wahre Schmerz liegt im Schicksal der Hauptfigur und der Unausweichlichkeit ihrer Vergangenheit. Ari Aster verschweigt oder verharmlost diesen Schmerz nicht, sondern reizt ihn ganz im Gegenteil bis zum Äußersten aus. Er zerrt ihn gewissermaßen direkt auf die Leinwand. Der Film beginnt mit einem grauenhaften Schicksalsschlag – dem Verlust der Familie – und behält diese Grundstimmung den gesamten Film über bei.  Das dies gelingt, ist u.a. dem großartigen Schauspiel von Florence Pugh („Lady Macbeth“) zu verdanken: In nahezu jeder Einstellung ist ihr der Schmerz ihres Verlustes anzusehen und die zerbrechlich-introvertierte Darstellung von Dani erzeugt eine anhaltende Anspannung, die vor allem in der Inszenierung von zwischenmenschlichen Alltagssituationen auf die Spitze getrieben wird.

Hier kommt eine weitere große Stärke von Ari Aster zum Vorschein – die Beobachtungsgabe und der Umgang mit dem vermeintlich Alltäglichen. So können unangenehme Smalltalk-Konversationen ein größeres Unbehagen beim Publikum auslösen als die expliziten Gewalt- oder Horroreinlagen. Es ist vor allem die Trennungsthematik der beiden Hauptfiguren, die hier großen Anteil nimmt. Immer wieder kommt es zu verhaltenen, geradezu peinlichen Gesprächen, denen der Zuschauer als stiller Beobachter beiwohnen muss. „Midsommar“ zeigt solche Momente mit einem strapazierenden Aushaltevermögen und lässt die Kamera ungewohnt lange und ohne Schnitt in der jeweiligen Situation verharren. Gelegentlich lockert Ari Aster die Atmosphäre zwar durch humoristische Einlagen auf, jedoch nur um im nächsten Moment den Zuschauer mit voller Wucht wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuwerfen.

Was bereits mit dem zweiten Kinofilm von Ari Aster deutlich wird, ist seine eigene Handschrift: Durch den eigenwilligen und unverkennbaren Stil arbeitet Aster ganz im Geiste des Autorenfilms, was zurzeit im erweiterten Horrorgenre nur noch Jordan Peele („Wir“) zugesprochen werden dürfte. Dementsprechend wird „Midsommar“ – stärker noch als „Hereditary“ – polarisieren und die Gemüter spalten. Lässt man sich jedoch auf die Atmosphäre des „Folklore-Horror-Dramas“ ein, kommt man in den Genuss des vielleicht bedrückendsten und eigenwilligsten Horrorfilms des bisherigen Kinojahres.

Bilder: Copyright

5
5/10

5 Punkte für die tolle Kameraarbeit und die lange anhaltende Ungewissheit, was sich denn genau hinter dem schwedischen Hinterwäldler-Kult verbirgt.
Aber ansonsten? Puh, Ratlosigkeit. Obwohl sich der Film größte Mühe gibt, anders als typische Horrorfilme zu sein, strotzt er vor Klischees. Hauptfigur mit tragischem Hintergrund? Check. Figuren, die einfach verschwinden, und alle geben sich mit der nächstbesten Erklärung für eben dieses Verschwinden zufrieden? Check. Dummer Amerikaner, der in Europa nur vögeln und Drogen nehmen will? Check. Das größte Problem aber: Bis auf die Hauptfigur sind einem alle anderen völlig egal, weil komplett ohne Hintergrund und Charaktereigenschaften. Leider bleibt jedoch die Hauptfigur (fast) bis zum Ende komplett passiv und mit ihr mäandert der Film dahin, ohne jemals Fahrt aufzunehmen. Das macht die 150 Min. zu einer echt zähen Angelegenheit!

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8
8/10

Verstörend, krass, heftig. Der "Hereditary"-Regisseur macht diesmal alles richtig und ruiniert seinen Film nicht wieder gegen Ende. Die Dialoge sind wohltuend glaubwürdig, das Verhalten der Protagonisten größtenteils auch und das konstant grelle Tageslicht eine erfrischende Abwechslung zu herkömmlichen Horrorfilmen. Eine ziemlich böse Mischung aus Drama und Horror, mit teils krassen Splatterelementen, die Genre-Fans begeistern dürfte.

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5
5/10

Handwerklich ist der Film erstklassig - Drehbuch, Casting, Schauspiel... alles demonstriert das Können und Vermögen des Regisseurs, uns in die Geschichte und immer beengendere Situation der Hauptfiguren mit hineinzuziehen.
Was ich auch sehr interessant fand, ist, den Film als Bilderreigen einer Trauma-Verarbeitung zu sehen. Letztlich dreht sich ja alles um die Hauptfigur und ihre Art mit den Schicksalsschlägen des Lebens fertig zu werden - im Freudschen Sinne von "Traumdeutung" eine Art Visualisierung geheimer Wünsche.

Was mir an dem Film nicht so gut gepasst hat sind zwei Dinge:
1. Die Verwendung eines "ethnischen" Settings als Projektionsfläche für die Beziehungsprobleme amerikanischer 20-somethings.
Man müsste sich mal vorstellen, man hätte das ganze mit einem "afrikanischen Stammesritual" gemacht. Aber mit den Weissen/Schweden darf man diese Art von Verleumdung ja betreiben ... hm

2. Die Tatsache, dass der Film einerseits mit einem ernsten und interessanten Thema arbeitet (die schwierige Auseinandersetzung Trennungsschmerz und Verlust zu Visualisieren), dann andererseits aber doch ein Horrorfilm mit Splattereffekt und ekligen Leichen sein will.
Wie soll man das nennen... Dramasploitation?
In diesem Sinne ist der Film "Hereditary" ja sehr verwandt - dort geht es zu beginn um psychische Probleme in der Familie, hier um die Komplexitäten und Bedürfnisse die mit dem Begriff "Liebe" und "Beziehung" zusammenhängen.
Während Hereditary zum Schluss immer mehr zu einem "normalen" Horrorfilm wird, ist bei Midsommar diese Unebenheit etwas gleichmäßiger über den Film verteilt, ganz zum Schluss wird es mit den "Bild für Trennungsschmerz" nochmal recht stark.

Der Film hat wirklich extrem geniale Momente - aber unterm Strich brauche ihn halt doch nicht - jedenfalls fühlte ich mich am Ende ziemlich psychodramasploitated. ;)
(Und natürlich hat mir Christian leid getan, er hätte finde ich verdient gehabt, ebenfalls noch den richtigen Weg zu finden - aber so ist das halt in einem Horrorfilm da müssen die Leute sterben damit es was zum kucken gibt.)

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10
10/10

Die Filme von Ari Aster sind keine Horrorfilme wie man sie kennt. Der Horror findet auf der psychischen Ebene statt und wird hauptsächlich von Dramatik gespeist. Die Zuschauer, bei denen das funktioniert, sind begeistert. Die anderen enttäuscht, bzw. gelangweilt
Von Hereditary war ich sehr enttäuscht. Midsommar dagegen war brillant. Sehr dichte, unbehagliche Atmosphäre. Der Film ist wie ein psychischer Horrotrip. Am Ende war ich regelrecht verstört und niedergeschlagen. Ich denke nicht, dass mir jemals irgendein Film psychisch so nahe gegangen ist. Einer der besten Filme, die ich je gesehen habe und das erste Mal, dass ich 10 Augen vergebe.
Ich rate, lasst euch auf den Film ein und erwartet keinen typischen Horrofilm, dann stehen die Chancen gut, dass euch der Film in seinen Bann zieht. Für mich ist das ein Meisterwerk der Filmgeschichte

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