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Midsommar

Midsommar
horror-drama , usa/schweden 2019
original
midsomar
regie
ari aster
drehbuch
ari aster
cast
florence pugh,
jack reynor,
will poulter,
william jackson harper,
vilhelm blomgren, u.a.
spielzeit
147 Minuten
kinostart
26. September 2019
homepage
https://www.weltkino.de/filme/midsommar
bewertung

9 von 10 Augen

In Zeiten unzähliger Horror-Remakes und Sequels („Friedhof der Kuscheltiere“, „Halloween“, etc.) oder des Conjuring-Universums („Annabelle 3", „Lloronas Fluch“, etc.) scheint es, als hätte die Kinolandschaft wenig Platz für eigenständige und innovative Horrorfilme. Umso erfreulicher ist es, dass es in den letzten Jahren ein paar Regisseure geschafft haben, im modernen Horrorfilm neue Reize zu setzen: Der US-amerikanische Regisseur Ari Aster ist ein Paradebeispiel für diesen Innovationswillen, wenngleich er bisher lediglich einen Kinofilm vorzuweisen hat. Mit „Hereditary“ ist ihm 2018 in vielerlei Hinsicht ein Pionierwerk des modernen Horrorfilms gelungen. Ein Grund dafür ist, dass der Horror hier genutzt wird, um tiefgehende Geschichten zu erzählen. Ob man hierbei letztlich von einem Horrorfilm, oder doch vielmehr von einem Drama sprechen kann, dürfte ganz im Auge des Betrachters liegen. Klar ist jedoch, dass Ari Aster mit „Hereditary“ eine innovative Art des Geschichtenerzählens etabliert hat. Und wer dachte, dass dieses Konzept des neuartigen Horrorfilms ein einmaliger Glücksfall war, wird auf schmerzhafte Art und Weise eines Besseren belehrt: Ari Aster entwirft mit seinem neusten Film „Midsommar“ ein sogleich bewundernswertes als auch erschütterndes Werk, dessen emotionale Wucht und Detailverliebtheit im Genre des Horrorfilms erneut seinesgleichen sucht.
 

Dabei lässt sich die Geschichte des zweiten Films von Ari Aster in wenigen Sätzen beschreiben: Nach dem tragischen Verlust ihrer Eltern und ihrer Schwester begleitet Dani (Florence Pugh) ihren Freund Christian (Jack Reynor) auf eine Reise nach Schweden, um dort an dem traditionellen Fest der Sommerwende – kurz „Midsommar“ – teilzunehmen. Die Beziehung der beiden steht schon seit längerer Zeit auf der Kippe. Gemeinsam mit seinen drei Studienfreunden will Christian den schwedischen Brauch kennenlernen, um ein mögliches Thema für seine Abschlussarbeit zu finden. Allerdings muss die Gruppe schnell feststellen, dass hinter der geselligen Aufmachung der Festivitäten ein grausamer Kult steckt, der die Reise der jungen Studenten zum Höllentrip macht.
 

So austauschbar und ausgelutscht die Grundpfeiler der Story auf den ersten Blick auch erscheinen mögen – die Geschichte dient hier lediglich als Mittel zum Zweck: Nicht „was“, sondern „wie“ erzählt wird, ist entscheidend. Denn wie nur wenig anderen Regisseuren gelingt es Ari Aster, ein niederschmetterndes Grundgefühl beim Zuschauer zu erzeugen, bei dem die erzählte Geschichte in den Hintergrund rückt. Dabei werden deutliche Ähnlichkeiten zu Robin Hardys Folk-Horror-Klassiker „The Wicker Man“ von 1973 sichtbar: die nordische Mythologie, Religion, Sekten, Opfergaben – thematisch schlägt „Midsommar“ die gleiche Richtung ein und erzeugt eine ebenso bizarre Atmosphäre. Ari Aster arbeitet jedoch nicht mit einer offensichtlichen Zitatstruktur, die Ideen zu möglichen Referenzwerken entstehen im Kopf des Zuschauers und nicht in Tarantino-Manier in konkreter Form auf der Leinwand. 

Ari Aster behandelt seine Figuren wie willenlose Marionetten und inszeniert den Film – ganz im Stile seines Erstlingswerks – wie ein Puppenhaus: Die Kameraarbeit von Pawel Pogorzelski („Hereditary“) spielt hierbei eine entscheidende  Rolle. In vielen Momenten scheint es so, als würde die Kamera die Handlungen der Figuren bestimmen. In einer eindrucksvoll inszenierten Szene fliegt die Kamera über eine Menschengruppe, die zum Festessen an einer langen Tafel Platz nimmt. Die einzelnen Personen greifen wie in einer Kettenreaktion nacheinander zum Besteck, immer dann, wenn sie sich im Fokus des Bildes befinden, als bestimme die Kamerafahrt selbst ihr Verhalten. Viele solcher kreativen Einfälle, die Unmengen an Interpretationsmaterial beinhalten, sind in „Midsommar“ verbaut. Hinzu kommt ein enorm detailliertes Szenenbild, welches eigene, kleine Geschichten erzählt und dabei Rätsel aufwirft.  Dadurch wird jeder Szene eine spürbare Bedeutung und Wichtigkeit zugesprochen, was die mutige Länge von stolzen ca. 150 Minuten als nachvollziehbar und für das Thema geradezu notwendig erscheinen lässt.

Auch rein visuell lässt „Midsommar“ Genrekonventionen links liegen: Beinahe der gesamte Film findet am helllichten, sonnendurchfluteten Tag und unter freiem Himmel statt. Interessanterweise gelingt Aster dieses Kunststück, ohne auch nur einmal eine Aufnahme der Sonne zu zeigen. Anstatt die Figuren räumlich einzuschränken, um dadurch eine konkrete Ausweglosigkeit entstehen zu lassen -  wie es in „Hereditary“ durch das Haus der Familie der Fall war - entwirft Ari Aster diesmal ein offenes, helles und weitläufiges Setting. Dennoch schafft es „Midsommar“, den Figuren und dem Zuschauer jegliche Freiheiten zu nehmen. Sei es durch die exzessiv subjektive Kamera oder die zwischenmenschlichen Spannungen – Ari Aster kreiert einen unausweichlichen Albtraum, in dem eine Flucht unmöglich erscheint. Der Zuschauer wird zum Aushalten verdammt und durch explizite Gewaltszenen auch physisch gefordert.

Doch wie schon bei „Hereditary“ sind es nicht die übersteigerten Gewalt- oder Horrorelemente, die eine emotionale Wirkung beim Zuschauer erzielen: Der wahre Schmerz liegt im Schicksal der Hauptfigur und der Unausweichlichkeit ihrer Vergangenheit. Ari Aster verschweigt oder verharmlost diesen Schmerz nicht, sondern reizt ihn ganz im Gegenteil bis zum Äußersten aus. Er zerrt ihn gewissermaßen direkt auf die Leinwand. Der Film beginnt mit einem grauenhaften Schicksalsschlag – dem Verlust der Familie – und behält diese Grundstimmung den gesamten Film über bei.  Das dies gelingt, ist u.a. dem großartigen Schauspiel von Florence Pugh („Lady Macbeth“) zu verdanken: In nahezu jeder Einstellung ist ihr der Schmerz ihres Verlustes anzusehen und die zerbrechlich-introvertierte Darstellung von Dani erzeugt eine anhaltende Anspannung, die vor allem in der Inszenierung von zwischenmenschlichen Alltagssituationen auf die Spitze getrieben wird.

Hier kommt eine weitere große Stärke von Ari Aster zum Vorschein – die Beobachtungsgabe und der Umgang mit dem vermeintlich Alltäglichen. So können unangenehme Smalltalk-Konversationen ein größeres Unbehagen beim Publikum auslösen als die expliziten Gewalt- oder Horroreinlagen. Es ist vor allem die Trennungsthematik der beiden Hauptfiguren, die hier großen Anteil nimmt. Immer wieder kommt es zu verhaltenen, geradezu peinlichen Gesprächen, denen der Zuschauer als stiller Beobachter beiwohnen muss. „Midsommar“ zeigt solche Momente mit einem strapazierenden Aushaltevermögen und lässt die Kamera ungewohnt lange und ohne Schnitt in der jeweiligen Situation verharren. Gelegentlich lockert Ari Aster die Atmosphäre zwar durch humoristische Einlagen auf, jedoch nur um im nächsten Moment den Zuschauer mit voller Wucht wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuwerfen.

Was bereits mit dem zweiten Kinofilm von Ari Aster deutlich wird, ist seine eigene Handschrift: Durch den eigenwilligen und unverkennbaren Stil arbeitet Aster ganz im Geiste des Autorenfilms, was zurzeit im erweiterten Horrorgenre nur noch Jordan Peele („Wir“) zugesprochen werden dürfte. Dementsprechend wird „Midsommar“ – stärker noch als „Hereditary“ – polarisieren und die Gemüter spalten. Lässt man sich jedoch auf die Atmosphäre des „Folklore-Horror-Dramas“ ein, kommt man in den Genuss des vielleicht bedrückendsten und eigenwilligsten Horrorfilms des bisherigen Kinojahres.

Moritz Hoppe

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