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Der Spitzenkandidat

Der Spitzenkandidat
drama , usa 2018
original
the front runner
regie
jason reitman
drehbuch
matt bai, jay carson, jason reitman
cast
hugh jackman,
vera farmiga,
j.k. simmons,
mamoudou athie,
alfred molina, u.a.
spielzeit
113 Minuten
kinostart
17. Januar 2019
homepage
http://www.DerSpitzenkandidat.de
bewertung

9 von 10 Augen
Der Spitzenkandidat - Filmplakat

Hugh JackmanMan stelle sich das einmal vor: In den Vorwahlen, bei denen der demokratische Kandidat für die kommende US-Präsidentschaftswahl ermittelt werden soll, zieht sich der aussichtsreichste Kandidat aus dem Rennen zurück, nachdem eine Zeitung eine außereheliche Affäre öffentlich gemacht hat. Im Jahr 2018, wo wir seit fast zwei Jahren mit einem amerikanischen Präsidenten leben, an dem alle möglichen kleinen und großen Skandale scheinbar wirkungslos abprallen, kann man sich gar nicht mehr vorstellen, dass ein Politiker allein wegen einer solchen Affäre schon einen Rückzieher macht. Doch vor mehr als 30 Jahren waren sowohl die politische als auch die journalistische Welt noch eine andere.
 

1984 tritt der Senator Gary Hart (Hugh Jackman) erstmals für die Demokraten in der Vorwahl für die Präsidentschaftskandidatur an. Er landet nur auf Platz zwei, unternimmt aber 1987 einen zweiten Versuch. Nachdem er auf einer medienwirksamen Pressekonferenz in den Rocky Mountains seine Kandidatur verkündet hat, laufen die Dinge für ihn zunächst sehr gut. Umfragen und Medien sehen ihn als „Front Runner“, als chancenreichsten Kandidaten und seine Nominierung als Präsidentschaftskandidat der Demokraten scheint so gut wie sicher. Zwar tauchen hin und wieder Gerüchte über Harts ausschweifendes Liebesleben auf, doch er beteuert, nichts zu verbergen zu haben. Seine unbedachte Äußerung gegenüber der Presse, man möge ihn ruhig verfolgen, führt jedoch dazu, dass einige Reporter des Miami Herald genau das tun, nachdem sie einen anonymen Tipp bekommen haben. Sie kommen tatsächlich einer Affäre Harts auf die Spur, die nach ihrer Bekanntmachung in den Medien große Wellen schlägt. Denn auch große Zeitungen wie die New York Times oder die Washington Post springen auf den Zug auf und berichten in Titelgeschichten über das Liebesleben des Kandidaten.
 

Damit sind wir bereits bei einem von mehreren wichtigen Themen, die Jason Reitmans („Tully“, „Up In The Air“, „Juno“) nnochmal Hugh Jackmaneuer Film anspricht: Die Grenze zwischen ernsthaftem Politjournalismus und Boulevardjournalismus, die damals noch wesentlich strenger gezogen war als heute. Tatsächlich waren es zu einem guten Teil genau die in „Der Spitzenkandidat“ gezeigten Ereignisse, die diese Grenze aufzuweichen begannen. Das im ersten Absatz dieser Rezension bereits verratene Ende der Geschichte wird auch zu Beginn des Films als Texttafel eingeblendet; das Wissen um Harts Rückzug stellt also keinen Spoiler dar. Reitman und seine Co-Drehbuchautoren – unter ihnen auch Matt Bai, auf dessen Buch über Gary Hart der Film basiert – wollen aufzeigen, wie hier im Zusammenspiel von Medien, Politik und Öffentlichkeit erstmals ein Sexskandal zum Niedergang eines Politikers dieser Größenordnung führte und damit quasi ein Präzedenzfall geschaffen wurde.

Der Film bewegt sich zum einen nah an Hart und seinem Umfeld, darunter seine Frau Lee (Vera Farmiga) und der Leiter seines Wahlkampfteams, Bill Dixon (J.K. Simmons). Zum anderen gibt er aber auch den Journalisten einigen Raum, wenn etwa in Redaktionskonferenzen darüber diskutiert wird, ob man als seriöse Zeitung überhaupt über die Affäre eines Politikers berichten soll. Diskutiert und geredet wird überhaupt sehr viel in diesem Film, was ihn zu einer äußerst drögen und anstrengenden Sache machen könnte. Um dem entgegen zu steuern, hat sich Reitman für eine lebhafte Inszenierung entschieden: Von der ersten Einstellung an ist die Kamera fast immer in Bewegung, sodass man den Eindruck erhält, hier würden live und real passierende Ereignisse mitgefilmt werden. In vielen Szenen scheint der Blick der Kamera mal hier mal dorthin zu wandern, was dem Ganzen einen dokumentarischen Anstrich verleiht. Zusätzlich wirkt der Film dadurch aber auch sehr lebendig und verhindert, dass die oft dicht mit Informationen vollgepackten Dialogszenen ermüden. Aufpassen muss man natürlich trotzdem durchgehend, was "Der Spitzenkandidat" einem aber durch diese dynamische Inszenierung erleichtert.

Dazu trageMamoudou Athie mit Regisseur Jason Reitmann auch die großartigen Schauspieler einiges bei. Hugh Jackman („Logan“, „Greatest Showman“) liefert hier eine der besten und facettenreichsten Leistungen seiner Karriere ab, während Vera Farmiga („Up in the Air“, „Bates Motel“), J.K. Simmons („Whiplash“), Alfred Molina („Spider-Man 2“) und einige andere Darsteller in kleineren Rollen glänzen (Molina spielt hier übrigens Ben Bradlee, jenen legendären Chefredakteur der Washington Post, der in „Die Verlegerin“ noch von Tom Hanks verkörpert wurde). In einer der stärksten Szenen des Films steht Bradlee vor dem Dilemma, über Harts Affäre berichten zu „müssen“, obwohl es sich dabei eben keineswegs um wichtige politische Nachrichten handelt. Aber wie er selbst sagt, werden andere Zeitungen der Post zuvorkommen, wenn er sich dagegen entscheidet. Die Grenzen dessen, was im Journalismus erlaubt ist und was als relevant gilt, werden so unter den Gesetzen des Marktes nach und nach immer weiter verschoben. Diesbezüglich ebenfalls bezeichnend ist eine Szene gegen Ende des Films, in der Hart auf einer Pressekonferenz eine Frage gestellt bekommt, die bislang als tabu galt.

Die journalistische Perspektive ist eines der zentralen Themen des Films. Daneben (und natürlich eng damit verflochten) geht es aber zum Beispiel auch darum, nach welchen Kriterien wir Politiker beurteilen. Sind deren private Verfehlungen für die Ausübung ihres Amtes relevant? In geringerem Maße beschäftigt sich der Film auch mit den Auswirkungen der Ereignisse auf Harts Ehe, wobei dieser Aspekt Reitman aber ganz klar weniger interessiert. „Der Spitzenkandidat“ ist kein Ehedrama über den Konflikt zwischen Gary Hart und seiner Frau, sondern ein Drama über Harts Verhältnis zur amerikanischen Öffentlichkeit. Schließlich geht es auch noch um das politische System in den USA. Die seit den 1970er Jahren bestehenden Vorwahlen, in denen die Parteien ihre Kandidaten für die Präsidentschaftswahl ermitteln, sorgen für eine Verlängerung der Wahlkampfphase, während der Parteien und Kandidaten zusätzlich unter Druck stehen. Es ist eine kleine Meisterleistung, wie es Reitman gelingt all diesen Dingen im Film Raum zu geben, ohne aber je den Kern der Geschichte – schon wieder Hugh Jackmannämlich Gary Hart selbst – aus dem Blickfeld zu verlieren. So gut wie jede Szene des Films beschäftigt sich mit mehreren der genannten Aspekte und stellt etwa Öffentliches und Privates nebeneinander oder lässt Politik und Medien aufeinanderprallen.

Die Zeiten mögen sich inzwischen geändert haben; Medien und Politik haben sich seit den 1980er Jahren gewandelt. Dennoch ist „Der Spitzenkandidat“ ein hochaktueller Film, denn die darin angesprochenen Themen und aufgeworfenen Fragen bleiben bestehen – ganz besonders natürlich in Zeiten von Trump, #MeToo und anhaltenden Diskussionen über das Geschlechterverhältnis. Ob diese in weiten Teilen aber auch sehr amerikanische Geschichte in Deutschland ein breites Publikum erreichen wird, bleibt abzuwarten. Zu wünschen wäre es jedenfalls, denn selten greifen in allen Bereichen hochklassige Leistungen bei einem Film auch noch so gut ineinander. Schauspiel, Drehbuch, Kamera und nicht zu vergessen auch die Filmmusik ergeben hier einen sehr sehenswerten Film, der auch noch zum Nachdenken und Diskutieren anregt.

Maximilian Schröter

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